Dahingesponnen

Unlängst wurde eine alte Sendung "Paris - Berlin" bei ARTE wiederholt, in der es um den digitalen Menschen ging. Der Philosoph Alain Finkielkraut gab den Bedenkenträger, der sich dem Medium Internet fern hält, wenn er es nicht für Wichtiges nutzen muss, der Rest der geladenen Gäste bezog euphorisch bis blind Gegenposition und verherrlichte den Quantensprung der Zivilisation - und wie immer bei wichtigen Themen, die unsere Zukunft betreffen, kamen Frauen nicht vor. Pardon, doch, natürlich in der üblichen erlaubten Gesellschaftsrolle, als hübsche (allerdings auch intelligente und souveräne) Moderatorin.

Na und jetzt spielt mir einer, der mit Fernsehen und Musikbranche zu tun hat, die Kassandra und droht: "Warte nur, mit eurem System ist demnächst auch Schluss. Ihr Schriftsteller bekommt genau das, was wir schon haben: Massenschundsender, überkommerzialisiert - und Spartenfernsehen." Er hat dann erklärt, wie er sich das vorstellt.

Das Massenfutter wird immer billiger, immer verbreiteter, immer aggressiver beworben werden. Spätestens wenn sich ein Lesegerät preiswert (!) durchsetze, lese man Schmonzes künftig fast für umme elektronisch und die Honorare würden da auch entsprechend sinken. Gedruckt gibt es das Papier zwischen Pappdeckeln schon heute für ein paar Penny in gleichnamigen Supermärkten - das würde noch zunehmen... Bücherabteilung bei Aldi inklusive. Außerdem prophezeit er ein Autoren-Massensterben bei Trendware. Weil nur noch hochprofessionelle Zulieferer gefragt würden. Das Geschäft dem Zufall überlassen? Wie kurzsichtig! Verlage bestellen die mittelalterliche Geschundene mal mit, mal ohne Alkohol, mal aus deutschen Landen, mal mit Highlander. Unter den Autoren würde Darwin zuschlagen.

Und der Rest ist für all die, die die Nase vom verkommenen Fernsehen voll haben. Die ihren Sender für Hochseeangeln brauchen, ihr 3sat plus ARTE, ihre Küchensendungen. Und die sind verdammt wählerisch, schauen genau hin, wählen genau aus. Seine Kassandrarufe gingen dann ins Extrem - weil die riesigen Verlage es längst verlernt hätten, anspruchsvolles Spartenpublikum zu bedienen (hihihilfe, Rrrrisikooo!), seien sie auf dem Sektor demnächst überflüssig. Nur ans Zielpublikum müsse man noch richtig ran, da sei Deutschland nicht Entwicklungsland, sondern Wüste.

Wir haben dann geträumt. Stell dir vor, du hättest ein paar Hunderttausender übrig und wüsstest nicht, wohin damit. Irre, was man mit allen heutigen medialen Möglichkeiten machen könnte. Ich würde ein Portal für Sparten-Feuilleton gründen. Ich würde Leute einstellen, die nicht besprechen, was sowieso schon alle besprechen. Ich bräuchte "Nasen", Trüffelschweine. Mainstream, ob hochliterarisch oder tiefliterarisch (die Deutschen legen darauf ja Wert, habe ich mir sagen lassen), wäre verboten. Und all die Leute, die in den Buchketten nichts finden, weil da eh nur die bezahlten Stapel liegen, die würden in diesem Portal ständig fündig - für jeden Sondergeschmack.

Ach, wir träumten dann noch von echten Videoclips für Autoren und Bücher, stellten uns verrückte Autoren bei youtube vor, und fragten uns, warum man Hörbücher von Schauspielern kauft, aber keine mp3s vom Autor höchstpersönlich runterladen kann. Für Geld versteht sich, denn Autoren wollen ja auch in Zukunft leben. Bei e-books kamen wir richtig ins Schwärmen: Warum müssen die immer wie gedruckt aussehen? Wo bleibt bitteschön, beim heutigen Stand der Technik, der Reiseführer mit eingebetteten Videos, Direktlinks zu Sehenswürdigkeiten und Hotels, Diskussionsforum beim Autor und selbstübersetzender Software? Warum muss solch ein Text nur Text sein???

Träumen und spinnen darf man ja mal. Also... wenn ich Geld hätte oder für jemanden mit Geld arbeiten würde, mir gingen die Ideen nicht aus. Und irgendwie juckt es mir verdammt stark in den Fingern. Mal die Buchmesse abwarten, was sie an Technik und Entwicklungen international bringt. Das ist vielleicht fruchtbarer, als sein halbes Leben mit Warten zu vergeuden - Warten auf Entscheider, die sich längst nicht mehr entscheiden können?

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