Angekommen...

Wenn man oft die Welten wechselt und in unbekannte Regionen zieht, gibt es irgendwann einen Zeitpunkt, wo man das Gefühl hat: Jetzt bin ich angekommen. Schwer bestimmbar, was solche Momente ausmacht, denn man ist ja bei sich im Kopf immer daheim, hat vielleicht längst Freunde am neuen Wohnort, nimmt am Leben teil. Äußerlich. Es funktioniert, aber da ist eine unbestimmte Sehnsucht, eine Fehlstelle. Und irgendwann gibt es diesen berühmten Klick, der einem zeigt, dass der eigene Kopf als Heimat zu klein ist. Dass da etwas einströmt, wenn man es denn lässt, etwas, das den eigenen Kopf ausdehnt und bunter macht.

Weil ich öfter Wohnorte und Länder gewechselt habe, gab es diesen faszinierenden Klick auch öfter. In einem Kraichgaudorf etwa. Dort hat man Neuankömmlinge ohne ererbten Landbesitz wie mich zwei Jahre lang nicht gegrüßt, sondern angestarrt und mit den Fingern gezeigt: Das ist die Neue. Bis ich mir Mut angeatmet habe und mit einer anderen Neuen eine Gruppe von Landfrauen und Hausfrauen mit Lesestoff verseucht. Der Literaturzirkel zwischen Misthaufen und Traktoren lief gut an und fortan zeigte man mit dem Finger: Das ist die Neue mit den Büchern. Und dann fingen die Männer dieser Frauen schüchtern an zu grüßen. Angekommen.

In Polen überfiel es mich gleich am ersten Abend, mit einer Gewalt, die mich noch öfter umwerfen sollte und mir in Nullkommanichts eine neue Sprache schenkte. Ankunft in Warschau für vier Jahre neues Leben, nervlich und körperlich völlig am Ende, denn die fünf Huskies, die ich damals noch hatte, hatten im Flugzeug natürlich mitkommen müssen. Und 1993 war das kein Europa, harte Grenzen in den Köpfen, und Visapflicht und Kontrolleure, die nach altem Regime rochen. Würde der Amtstierarzt die englischsprachigen Impfpässe verstehen? Auflauf auf dem Warschauer Flughafen, es erklangen Jauchzer, Rufe wie "Jack London", Menschentrauben, Kinder. Und plötzlich freundliche Flughafenmitarbeiter, die alles verluden, Wege ebneten, dolmetschten, nur um sich an den Jack-London-Hunden freuen zu dürfen.

Menschen und Hunde nebst Hundefutter im noch leeren Haus verstaut, denn der Umzugswagen hing am Zoll fest. Der Vermieter versorgte uns mit der Grundausstattung: Klopapier, Bier und Essen. Anstatt gleich umzukippen, bin ich in den Garten. Früher Herbst, es schneite leicht auf meine Sommerschuhe aus Frankreich, früher Abend, stockfinster. Und dann roch ich es und war angekommen. Die Leute kochten ihr Abendessen und es duftete aus jedem Hof wie bei meiner Oma in der Küche.

Ankommen kann man auch nach fast zwanzig Jahren immer wieder. Gestern im Elsass, als die Amateurspieler für das Stück "Frontiérès" (Grenzen) probten, das ich derzeit ins Deutsche übersetze. Da war nicht nur diese ungeheure Energie, die sich im Theater aufbaut. Da waren Köpfe, die Grenzübertritte ebenfalls praktizierten, die in sich daheim waren und doch neugierig auf Fremdes. Kulturvermischungen, Sprachenwechsel. Ein Deutscher las deutschen wie französischen Text mit Selbstverständlichkeit. Eine Elsässerin musste von einem elsässischen Dialekt in den anderen wechseln. Und dann der schwierigste Part: Eine dreisprachige Frau las das gebrochene Deutsch einer Polin doch tatsächlich mit schlesischem Akzent! Auch hier - irgendwann der Punkt, an dem ich nicht mehr bemerkte, in welcher Sprache ich dachte und redete. Angekommen.

Das Stück "Frontiérès - Grenzen" wird übrigens im Herbst in Herxheim in der Pfalz und im Badischen in Elchesheim und Rastatt aufgeführt. Termine und Ort gebe ich rechtzeitig hier bekannt.

Kommentare:

  1. Das erinnert mich sehr an eigene Erlebnisse. Nachdem Interview und Bild von mir in der Zeitung erschienen waren, starrten mich die Freibadbesucher an wie ein Wesen vom anderen Stern, grüßten aber hinfort artig und einige fragen auch heute noch nach den Büchern.
    Das Ankommen und Wiedergehenwollen
    ist bei mir nicht so weitläufig (habe als Kind kurz in Dänemark gelebt), aber als Drang, als ständigen Wechsel, verspüre ich es auch ständig.

    Herzlichst
    Christa

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  2. Hallo Christa,
    schön, dich hier auch zu treffen!
    Ich muss allerdings dazusagen, dass ich zu Zeiten des Kraichgaudorfs noch gar nicht daran dachte, je eigene Bücher zu schreiben. Damals war ich Hilfsgärtnerin in einem Garten- und Landschaftsbau-Betrieb, bepflanzte stinkende Verkehrsinseln und rodete meterhohe Brennesseln und Brombeeren in den Gärten feiner, reicher Damen.

    Ich darf gar nicht verraten, was diese Berufseinblicke derzeit in meinem entstehenden Möchtegern-Roman anrichten... (Möchtegern, weil er erst einer werden will).

    Herzlichst,
    Petra

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