Visionen gesucht

Kurz bevor Mitte Oktober der größte und verrückteste Buch-Markt, die Frankfurter Buchmesse, die Pforten öffnet, mehren sich warnende Stimmen. Es sind vor allem Schriftsteller, also die Betroffenen am Ende der Nahrungskette, die das "Profit-Center Buch" mit Sorge betrachten und sich fragen, wie es dazu kommen konnte, dass ein Kulturgut nicht anders behandelt wird als eine Packung Toilettenpapier.

Der Schriftsteller Wolfgang Bittner beklagt im Börsenblatt die Folgen ökonomischer Zwänge im Kinder- und Jugendbuchbereich: "Was aber kann an Literatur, die diesen Namen verdient, entstehen, wenn in vielen Verlagen neben der Jagd nach Bestsellern Spießigkeit, Engstirnigkeit und mangelnde Bildung dominieren? Da wird massenweise Lesefutter mit zweifelhaftem Unterhaltungwert produziert, das die Regale und die Köpfe verstopft." Sein Kollege Klaus Kordon bemängelt in der ZEIT, dass in einem von Trends getriebenen Markt Realistisches und Aufrüttelndes keine Chance mehr habe.

Passt das WELT-Editorial von Elmar Krekeler dazu, der Überproduktion und Beschleunigung in Großverlagen für krank erklärt und darauf aufmerksam macht: "Krank ist es auch, weil durch eine monatliche Produktion die Chance für kleinere Verlage in die Medien zu kommen noch geringer wird. Deren große Stunde schlug spätestens immer dann, wenn - ab Mitte November etwa und bis Ende Januar - die wichtigsten Titel der großen Häuser, die jetzt allesamt auf monatliche Auslieferung umstellen, sozusagen durch waren und man verstärkt auf Entdeckungsreise bei den kleineren gehen konnte."

Sicher sind all diese Artikel diskussionswürdig. Aber eine Wahrheit haben sie gemeinsam: Das Geschäft mit dem Buch, so wie es sich derzeit entwickelt, kann nur noch als verrückt bezeichnet werden. Mich selbst erinnert so manches, was mir dabei begegnet, an die Angstblüte mancher Bäume. Vor allem in Monokulturen, denen das natürliche Gleichgewicht abhanden kommt, treiben viele Bäume zur Unzeit neue und viel zu viele Blüten aus. Vor dem drohenden Untergang soll die eigenen Art irgendwie überleben. Auch Mäuse setzen unter bestimmten Umständen zuerst besonders viele Nachkommen in die Welt und werden dann aus Überlebensstress zeugungsunfähig...

Die eine Baumart stirbt, die nächste Pflanze erobert das Terrain. Auch im Buchmarkt steckt ein bißchen Darwin und noch Schlimmeres: Hier greift der Mensch massiv mit seiner realitätsgestaltenden Werbemaschinerie ein - eine Evolutionsmethode, die ihm in der Natur zum Glück noch nicht gelingt. Also hilft alles Klagen nicht, das Buch ist genauso eine Ware wie alles andere in unserem System. Warum also soll es ihm besser gehen als der Packung Toilettenpapier, der verramschten Digitalkamera vom letzten Jahr oder dem T-Shirt aus Fernost? Sicher, überproportional viele Vollzeit-Schriftsteller geraten in letzter Zeit in Armut. Aber warum soll es ihnen eigentlich besser gehen als Milchbauern, Bergmännern oder Arbeitern in der Autofabrik?

Der Zynismus in den letzten Zeilen ist Absicht: Nicht der Buchmarkt spinnt, er ist nur Teil aller Märkte der westlich industrialisierten Welt, in denen so langsam gehörig etwas aus dem Ruder läuft. Und um das zu ändern, muss man zwar den Finger in Wunden bohren und präzise hinschauen, aber vor allem neue Visionen entwickeln. Bäume mögen unter Extrembedingungen ihre Blätter verlieren. Aber sie blühen trotzdem, dann erst recht. Bis zum Tod - oder einem Aufrappeln im nächsten Jahr. Wo bleibt bei den Buchleuten der Wille zu Veränderungen, Verbesserungen, die Zukunftmusik?

Es wäre so einfach, bereits im Kleinen anzufangen. Elmar Krekeler beklagt, dass sich das Feuilleton nur noch um die Großen kümmert und die Kleinen keine Chance mehr hätten. Wer zwingt das Feuilleton dazu? Als ich meine Ausbildung im Feuilleton machte - das ist zugegeben schon länger her - da waren die Chefredakteure noch stolz auf ihre Unabhängigkeit von Verlagen und Marktdiktaten! Wie wäre es denn mit Rubriken wie "Das vergessene Buch" / "Der kleine Verlag des Monats" / "Was wir nicht in der Buchhandelskette entdeckten und uns dort hineinwünschen"?

Wo bleibt der Erfindungsgeist dieser Tage, wo auch Schriftstellern zur Verbreitung von Wort und Text längst nicht mehr nur zwingend die Buchform zur Verfügung steht? Angst vor Vermüllung und Seichtheit in der Kultur? Warum nicht einen "Verein der hemmungslosen und snobistischen Hirnanwender" gründen und gegensteuern?

Das ist es, was mir persönlich in diesen verrückten Profitanbetungszeiten fehlt: Chuzpe, Erfindergeist, Fantasie, Visionen. Und dann nicht jammern, sondern machen... (ja ja, ich mach ja schon...)

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