Aus dem Rinnstein gelesen

Im Zwischenleben-Blog sagt Bluomo, die Geschichten lägen auf der Straße. Wie recht er hat!
Sage ich, die ich gerade aus Strasbourg komme, wo ich einen Termin in einem besonders niedlichen Viertel hatte. Nähe Place de Faubourg nebst Hintergassen. Dort flanieren - und man steht als Geschichtensammler unter Strom. Allerdings sollte man beim Flanieren so tun, als habe man es irgendwie eilig und sehe nichts und niemanden...

Mich hat das Landesparlament dorthin geschickt, zu einer Unternehmensberatung für Künstler. Und nun will ich doch nicht mehr re-emigrieren und könnte die Leutchen knutschen, ich fühle mich richtig verwöhnt! Endlich hat mal jemand verstanden, was ich will und warum ich solch einen verrückten Beruf habe. Endlich weiß ich, wie ich es anstellen muss. Und leider weiß ich jetzt auch, dass man mich in meinem ländlichen Canton, der "Outre-Foret", also wortwörtlich und dem Sinn nach "Hinterwald" heißt, völlig falsch beraten hatte.

Jedenfalls habe ich jetzt den schönsten Beruf der Welt, ich bin nicht mehr nur écrivaine, sondern arbeite ab 2009 hoffentlich auch als ... fantaisiste! Das sind die Momente, wo man wie bei der Speisekarte jegliche Übersetzung meidet, weil sie einfach nicht klingt. Jedenfalls sind das die Leute, die "cabaret littéraire" machen, wobei cabaret im Französischen doppeldeutig ist - es meint Spektakel oder Spelunke, weil ersteres meist in letzterem stattfindet.

Wie nun also die amtlichen Grundlagen gelegt waren, ging ich flanieren, um Geschichten im Rinnstein aufzusammeln. Ein faszinierendes Viertel, in dem man mit wenigen Schritten aus der Türkei zu den Antillen gelangt, von dort über Schwarzafrika nach Marokko hüpft und dahinter im elsässischsten Elsass landet. Es gibt eine winzige Straße mit jungen Modemachern und Künstlern, es gibt dort orientalische Boutiquen mit Prachtroben wie aus dem Serail und silbernem Teegeschirr, türkische Miniläden mit uraltem verstaubtem Likör aus Bulgarien, die Etiketten vergilbt, es gibt italienische Designerschuhe zum Träumen und zwielichtige Hotels, in denen Männer mit Pitbulls verschwinden, die schlechter gekleidet sind als der Hund.

Eine Dame vom horizontalen Gewerbe flaniert ebenfalls, am hellichten Tage, hinter einem Gendarmerieauto her, das Schritt fährt. Nein, sie läuft nicht den blaugekleideten Ordnungshütern nach, sondern zum dort aufgestellten Kondomautomat. Hinter dem Automat bietet ein türkisches Reisebüro muslimische Reisen für Mutter mit Kind. Die Straßen sind erfreulich touristenfrei, der Espresso im Stehcafé kostet nur 1,50 E und weckt dafür Zombies auf. Vor einem etwas feineren Billighotel kärchert der Portier Hundepisse vom Hydranten weg, der damit zum roten Mahnmal für die Politik unseres Präsidenten wird (der hat das Wort "wegkärchern" nämlich geschaffen und will das mit Armen und Ausländern tun). Noch hat er Frankreichs Kultur nicht ganz zerstört, die Künstler mit ihren riesigen Mappen und Fantasieklamotten stapfen weiter unverdrossen in die winzigen Galerien oder ins Studentenrestaurant.

Und dann verlaufe ich mich, verpasse eine Straße und finde mich mitten im größten Polizeiaufgebot, das ich je gesehen habe. Gendarmerie allüberall, die Straße blockiert. Die Uniformen geschniegelt, als käme der Polizeipräsident persönlich. Vielleicht ein hochrangiger Politiker? In diesem Viertel? Der Gehweg scheint passierbar, also laufe ich lustig an den schwer beschäftigten Jungs und Mädels vorbei.

Nur, was machen die eigentlich? Razzia. Im Affenzahn werden drei Autos zur Kontrolle gewunken, die selbst mir verdächtig vorkommen. Als ich die Fahrer sehe, halte ich unwillkürlich meine Handtasche fester. Und dann sehe ich den Typen mit der Kamera. Ich habe derart neugierig versucht zu sehen, welcher Sender das war, dass der Typ unwillkürlich auf die Passantin schwenkte. Tja, jetzt bin ich also auch noch unbezahlte Statistin in irgendeinem "polar", einem französischen Fernsehkrimi.

Ja, die Geschichten liegen wirklich auf der Straße. Manchmal findet man dort sogar gebrauchte.

Kommentare:

  1. gebrauchte was? Geschichten, Kondome, Bullen, Schriftsteller? Oder(der blog ist verdeckt)- fanatisistes, Kabarettiche ...? Herzlichen Glückwunsch zu neudefinerten Existenz: O wie schön ist Panama!
    LG PJ

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  2. Lieber Dingens :-)
    DAS Polizeiaufgebot musst du erst mal schaffen!
    Frech lacht die Panamanesin gen... du weißt schon.
    PvC

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  3. Was war denn der Tipp der Unternehmensberater? Ich lebe als Autor in Mexiko und denke, ich habe eine ganz ähnliche Frage wie Sie -- nur dass mir hier niemand weiterhelfen kann.
    Herzliche Grüsse

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  4. @ulises criollo
    Ich fürchte, ich kann Ihnen da auch nicht weiterhelfen, weil sich das alles auf die herrschenden Landesgesetze und eigenen Talente / Arbeiten bezieht - ist also sehr individuell (ich wüsste auch nicht mehr, wie es in Deutschland funktioniert).

    Ich würde in Mexiko nach Künstlervereinigungen suchen oder zumindest versuchen, Kontakt zu im Land arbeitenden Künstlern zu bekommen, die meist ganz gut wissen, wie was funktioniert oder weitere Adressen haben.

    Übrigens sind Kommentare zu älteren Beiträgen moderiert, dauert etwas, bis sie im Netz stehen.
    Viel Glück!

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