Schöne Bücher, schöne Software

Der Buchmark ist in Bewegung und wie das bei allen Statistiken ist, die man vortrefflich fälschen kann, sagt mit schöner Regelmäßigkeit die eine Seite die andere tot: Mal stirbt das -Book am Buch, mal das Buch am E-Book. Ohne die Rechnung mit dem Leser zu machen. Überhaupt fällt mir das auf in den Branchenblättern und Medien: Dort, wo Fachleute am lautesten von Lesernutzen und Leservorlieben salbadern, nehmen sie diese Gruppe am allerwenigsten ernst. Was bei den Mutmaßungen über Tante Ernas und Onkel Ernstens Lieblingslektüre herauskommt, hat mit Lesern aus Fleisch und Blut etwa so viel zu tun wie Microsofts zynisch verächtliche Einschätzung von echten Frauen.

Umso wohltuender lesen sich dann Markteinschätzungen von Branchenkennern, die sich nicht nur in professioneller Gelassenheit üben, sondern auch noch leidenschaftliche Visionen entwickeln können - vielleicht, weil sie noch dran sind am Puls des Kunden, noch zuhören, was Tante Erna und Onkel Ernst sagen, wenn sie ein Buch in die Hand nehmen. Unbedingt zu empfehlen: Die Verlegerin schöner Bücher Karins Schmidt-Friderichs spricht im Sonntagsgespräch mit Buchmarkt über das Nebeneinander von Ebooks, Apps und schönen Büchern und warum es eine Bereicherung sein kann, alles zu haben.

Wir Autoren beobachten das Phänomen E-Book ebenfalls mit gemischten Gefühlen. Verschenkaktionen, wie sie auch bei Promis schon in die Hose gingen, bedrohen unsere ohnehin schmelzenden Einkünfte ebenso sehr wie wildes Scannen und Piraterie. Nicht immer sitzt der Feind jedoch genau da, wo man ihn vermutet.

Und dann ist das Wegbrechen mancher Sparten langsam fühlbar: "Anleitung für drei Stunden im Bett im gesunden Kopfstand, die dich reich, glücklich, potent und verdammt lustig machen" - so ähnlich titelt die Diarrhoe aufgeweichter Hirne für noch aufgeweichtere Leser, die derzeit unter Ratgeberanspruch den Markt überschwemmt. Wer mehr als zwei solcher Titel in der Hand gehalten hat, ahnt es bereits: Die Zukunft solcher Bücher liegt wohl auf Esoterikseiten, in Portalen für Beglückungscoachs oder Blogs à la Dieckmann. Hier wird das Ebook zur Chance, es lässt sich für jede Krise neu updaten, man könnte die neuesten Sprüche des Promiautors im Video einblenden und Onkel Ernst könnte verschämt, aber sicher seinen Bettratgeber wegklicken, wenn es endlich zur Sache geht.

Autoren haben also erst einmal Angst - um noch schlimmer sinkende Tantiemen und um stetig sinkende Veröffentlichungschancen. Dabei bietet das E-Book ausgerechnet uns sehr viel mehr - wenn man es schafft, dieses genauso professionell zu gestalten wie ein gedrucktes. Es ist das Buch des armen Poeten schlechthin, schnell verfügbar, ohne große Herstellungskosten. Doch mit der Entwicklung der Reader scheint nur ans ganz große Geschäft gedacht worden zu sein. Gut zahlende Verlage als Kunden. Die dann womöglich aus irgendeiner Werbelaune heraus das E-Book verschenken...

Auch hier scheint endlich Bewegung in den Markt zu kommen. Es hat sich nämlich offensichtlich herumgesprochen, dass Autoren, auch gestandene Profis und mehrfach veröffentlichte Autoren, eigentlich keine Verlage mehr brauchen, wenn diese immer mehr Verlagsarbeiten gar nicht mehr erfüllen, als da wären ein perfektes Lektorat, eine ordentliche Werbung und Pressearbeit und die Präsenz in allen Buchhandlungen. Das alles womöglich nicht  zu tun (weil kein Spitzentitel), schafft der geübte Schriftsteller selbst.

"All Access" von Libre Digital könnte eine Antwort (von sicherlich bald vielen?) heißen, die nicht nur das Kompetenzgerangel der unterschiedlichen Reader auflösen wird, sondern sich endlich auch an Autoren direkt wendet. Während sich Google Editions vor allem das Geschäft mit Verlagen in Konkurrenz zum Buchhandel erhofft, scheint "All Access" auch für Autoren direkt offen zu stehen. Und da zeichnen sich wirklich ungeahnte Möglichkeiten ab. Hoffen wir, dass Konkurrenz das Geschäft beflügelt ... oder manchen Verlag zum Nachdenken bringt.

Kommentare:

  1. e-books bieten in der Tat vielfältige Chancen für alle Akteure auf dem Buchmarkt: für die Leser, die z. B. endlich auch fremdsprachige Literatur schnell, unkompliziert und preiswert erwerben können, für die Autoren, denen sich neue Veröffentlichungsmöglichkeiten bieten werden und für die Verlage. Nur haben letztere noch nicht erkannt, dass ihr Erfolg davon abhängen wird, ob sich die beiden anderen ernst genommen fühlen. Davon sind die Verlage - mindestens in Deutschland - noch weit entfernt.

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  2. Und das wird sich, wenn es so bleibt, ganz sicher bei einigen rächen und dann wird am Ende der Nahrungskette noch mehr gespart.
    Die Chancen für gute Texte steigen nämlich woanders. Allerdings bedeutet das auch jede Menge neuer Hausaufgaben für Autoren!

    Ich persönlich lasse mich z.B. gerade von französischen Partnern für ein zweisprachiges Projekt begeistern, das wohl kein deutscher Verlag drucken würde - in Frankreich kaum ein Problem. Dafür heißt es aber erst einmal, gehörig dazulernen und sich für neue Formen und andere Buch-Kulturen öffnen...

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