Manfred Lütz: Irre

Nie wieder wollte ich einen Bestseller besprechen. Nun liegt vor mir ausgerechnet "Irre" von Manfred Lütz, ein Sachbuch mit dem sperrigen Untertitel "Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen", erschienen im Gütersloher Verlagshaus. Heute hat es den Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste geknackt und inzwischen haben bereits berühmte Kritiker wie Denis Scheck ihre Meinung abgegeben. Meine Ausrede, dass das Buch noch kein Bestseller war, als ich es unbedingt prüfen wollte, gilt sicher nicht...

Aber vielleicht das: Ich selbst beschäftigte mich seit vergangenem Jahr intensivst mit Psychiatrie und Psychiatriegeschichte für die Recherchen um den Tanzmythos Vaslav Nijinsky. "Der Gott des Tanzes" machte unter anderem dadurch Furore in der Öffentlichkeit, dass er die letzten 30 Jahre seines Lebens wegen einer angeblich "gespaltenen Persönlichkeit" in Irrenanstalten und Asylen verschwand. Was die Menschen der letzten hundert Jahre anrührte, war seine ungeheure Sensibilität, Begabung, aber auch Bizarrheit, war sein unsägliches Leiden, war der Blick in den Abgrund, in dem sich ein Ich vollkommen aufzulösen scheint. Dabei hat sich die Psychiatrie keineswegs mit Ruhm bekleckert, Nijinsky wurde vor dem Mordkommando der Nazis in einer beispiellos gefährlichen Rettungsaktion durch einen todesmutigen Pfleger aus der Klinik in Sicherheit gebracht. Psychisch Kranke wurden vor nicht gar so langer Zeit damals als "unwertes Leben" brutalst ermordet. Erschreckend in Sachen Nijinsky ist die Sekundärliteratur, in der selbst gestandene Wissenschaftler die Mär von der gespaltenen Persönlichkeit kritiklos übernehmen, veraltete Diagnosen wiederholen und noch heute erzählen, Genie und Wahnsinn, das gehe immer irgendwie zusammen. Ich bin bei meiner Rezension also vorbelastet.

Mit entsprechend spitzen Fingern fasste ich das Buch "Irre" des Psychiaters, Psychotherapeuten und Theologen Manfred Lütz an. Mir zu reißerisch aufgemacht: ein Schuss Riesenschlagzeilen, ein Schuss vom Medizinclown von Hirschhausen und das Label "eine heitere Seelenkunde" - das hatte mir alles zu viel Schuss. Zu allem Überfluss nimmt sich der Autor gleich den ganz großen Rundumschlag vor. Die heitere Seelenkunde unserer durchgeknallten Gesellschaft von Adolf Hitler bis Paris Hilton (alle verdammt normal), eine Psychiatriekunde für Otto Normalverbraucher (Lützens Metzger ist Zeuge, dass Otto das Buch lesen kann) - und, ebenfalls als heiter angekündigt, eine Einführung in sämtliche psychischen Krankheiten, die die ICD-10 so hergibt (dieses hochkomplizierte Symptomblatt der WHO). So viel erlaubte Launigkeit und medizinisch verordneter Humor haben mir das Sachbuch höchst verdächtig gemacht.

Umso höher rechne ich es dem Autor an, dass er diesem Marketinggedöns nicht gerecht wird, dass sein Humor ein liebevoller ist und kein hohler, dass er uns nicht den dummen August in der Irrenanstalt gibt, sondern auf verblüffend leichte Weise den Spiegel vorhält. Sein Anliegen hat der Verlag bereits in den Untertitel gemeißelt, auf dass es der letzte Leser verstehe; was dieses Buch dagegen wirklich schafft, geht dabei unter. Manfred Lütz wechselt seine und unsere Stand-Punkte, verschiebt Perspektiven, mischt Altvertrautes und Festgemeißeltes gehörig auf. Nach diesem Buch ist nichts mehr, wie es war, schon gar nicht so einfach und glatt, wie wir das gern hätten.

Den ersten "heiteren" Teil braucht es wahrscheinlich, um Menschen mit doch immer noch großen Berührungsängsten an psychische Störungen und Krankheiten heranzuführen, ohne dass sie gleich ängstlich oder ablehnend die Flucht ergreifen. Wohl jeder von uns hat sich wahrscheinlich schon das Maul zerrissen über Typen wie Bohlen, Sachs, Hilton oder Campbell, alle ach so normal. Jeder kennt einen "Normopathen" mit Gartenzwergen im Vorgarten und die humor- und fantasielose Grauheit des Normalen. Da packt der Autor seine Leser bei ihren Sehnsüchten, die Welt könne ein wenig leichter und bunter werden. Einen Hitler und einen Stalin, die er allzu leichtfertig anhand ungenügender Quellen gerade einmal als "normale Böse" streift, hätte es genauso wenig gebraucht wie das katholische Rechtfertigungsbeispiel von Franz von Assisi. Denn warum ein Nijinsky gegen Gottes Stimme behandelt wurde und diesselbe beim heiligen Franz gesund gewesen sein soll - das geht Otto Normalverbraucher, der vielleicht aus der Kirche ausgetreten ist, so logisch nicht ein.

Wem diese Schwächen des Buchs im ersten Teil von dreien nichts ausmachen, der wird mit einem angemessen ernsteren Text belohnt, dessen Verdienste längst überfällig sind: Manfred Lütz schaut dem Volk aufs Maul, untersucht Vorurteile und Halbwissen, wie es auch die Medien mit den Riesenbuchstaben und das schrille Fernsehen immer brav weiterkolportieren. Endlich räumt einer auf mit der bequemen Ausrede untalentierter Möchtegernstars von "Genie und Wahnsinn", von der Legende, Künstler seien immer ein wenig verrückt und Verrückte oft kleine Genies. Und das macht Lütz wie im ganzen Buch mit einer ungeheuer unterhaltsamen, klaren bis rasanten Sprache, die hier und da verblüfft, auf den Punkt bringt oder provoziert. "...um Großes zu vollbringen, muss man seine Tassen im Schrank ziemlich geordnet haben", widerspricht er dem Volksglauben und erklärt, dass genau darum psychisch Kranke, die trotzdem Kunst schaffen, die gleiche Ehrlichkeit, den gleichen Respekt ihrer Kunst gegenüber verdienen wie sogenannte Gesunde.

Die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit sind fließend. Lütz macht klar, auf welch schmalem Grat wir uns alle täglich bewegen und wie undefinierbar der Begriff "normal" eigentlich ist. Anderssein begreift er als Bereicherung einer Gesellschaft, die nicht verhärten will, die nicht auf rigide Weise Minderheiten ausschließt, um einem vermeintlich sicheren grauen Normopathen-Alltag zu frönen. Endlich im Gegenüber nicht nur Defizite sehen, sondern dessen innere Ressourcen und Stärken - diese Zukunftsvision ist die größte Stärke des Sachbuchs, das psychische Krankheiten aus eben dieser neuen Perspektive beschreibt. Und da beginnt Krankheit nicht beim Anderssein, beim Unbekannten und Verunsichernden, sondern erst dann, wenn ein Mensch Leidensdruck empfindet und durch dieses Leiden sein Leben nicht mehr leben kann.

Dementsprechend erklärt Manfred Lütz die wichtigsten psychischen Krankheiten von der Bipolaren Störung über Suchtkrankheiten bis hin zur Schizophrenie empathisch aus dem Geschehen für den Betroffenen heraus und zeigt moderne Behandlungsmethoden. Es ist schon etwas anderes, den Schizophrenen nicht mehr als die überkommene "gespaltene Persönlichkeit" zu sehen, sondern seine inneren Kämpfe und Techniken zu verstehen, die er aushalten und anwenden muss, damit sich sein Ich nicht in der Welt auflöst. Plötzlich stehen wir einem solchen Patienten sehr nahe. Können wir immer eine klare Abgrenzung zur unübersichtlichen globalisierten Welt wahrnehmen? Sind wir unseres Ichs in der Welt wirklich so bewusst?

Manfred Lütz' "Irre" hat den Bestsellerplatz verdient. Denn das Buch ist in seinem Humor von einer tiefen, ernsthaften Humanität geprägt, die im Menschen das einzigartige, individuelle Faszinosum sucht, mit all seinen Stärken und reichen Möglichkeiten - und diese Sichtweise dem Leser eingängig vermittelt. Das Buch hält uns den Spiegel vor, einen Spiegel mit einem kleinen Sprung in der glatten Normfläche, der uns die Welt mit anderen, mit neuen Augen betrachten lässt. Es verhilft hoffentlich zu mehr gesellschaftlicher Toleranz und Offenheit psychisch Kranken gegenüber. Es senkt hoffentlich die Hemmschwellen für Betroffene und Angehörige, sich Hilfe zu suchen. An dieser Stelle wäre allerdings ein Literatur- und Adressenverzeichnis mehr als wünschenswert gewesen, denn "Irre" richtet sich ausdrücklich nicht an längst erfahrene Menschen. So bleibt einem nur der Wunsch: So einen Psychiater würde man gern erwischen, wenn es einen einmal erwischt. Und das ist bei keinem Leser ganz ausgeschlossen.

Manfred Lütz: Irre. Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. (Sachbuch)
Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06879-4

Kommentare:

  1. Einwurf in eigener Sache: "Irre" steht jetzt auch noch auf Platz eins der Sachbuchcharts von Media Control. So viel zum Vorsatz "Ich bespreche nie wieder einen Bestseller".

    Das erinnert mich an die schüchternen Jungs, die ich mal in Karlsruhe beim Bier interviewte. In meiner Kritik stand, man müsse sich die Band merken müssen. Aus denen würde mal was. Der Redaktionsleiter wieherte daraufhin über die naive Jungjournalistin. Die Jungs hatten aber auch einen komischen Pferdenamen: "Fury in the slaughterhouse"

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  2. GroßARTige Auseinandersetzung mit einem ein heikles Faszinosum-Thema behandelnden Buch, das mir so nahe gebracht wurde, dass ich es mir nun besorgen werde. Danke!

    Ja, es kann jeden von uns erwischen! Aber keiner von uns will das so recht glauben.

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  3. Inzwischen ist das Buch "Faszination Nijinsky. Annäherungen an einen Mythos" erschienen. Mehr Infos dazu ganz oben im Menu unter "Buchladen".

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