Nachttischgeflüster (1)

Eine Frau packt aus. Hemmungslos. Elke Heidenreich macht das äußerst medienwirksam mit ihren Freundschaften und der Ruf nach den omnipräsenten Autoren zum Anfassen wird immer lauter. Ab heute führe also auch ich öffentlich in sehr loser Abfolge in mein privatestes Heiligtum. Leider verfüge ich nicht über die für social-media-erprobte Autorinnen empfohlene Technik, sonst würde diese Artikelreihe in Zukunft von Videos und podcasts begleitet werden. Wenn aber alle, die nach Multimediawerbung dürsten, fleißig meine Bücher kaufen, kann ja in vielen Jahren werden, was nicht ist. So lange gibt es Kopfkino vom feinsten, typisch Schriftsteller eben ... Für die Podcastversion denken Sie sich bitte die Bilder weg. Sollten sie Downloadprobleme haben, konvertieren Sie bitte Ihre Festplatte in ein Hirn um.

Intro:
Irgendsoein schwül dahingehauchter französischer Erotikmusikfetzen, auf einer Großbildleinwand bewegen sich lasziv völlig unbekleidete Wellensittiche, im Vordergrund ersteht ein jugendlicher Klon von Brigitte Bardot und küsst etwa 1:30 min lang ein in Ziegenleder gebundenes Buch mit Goldprägung. CUT
1. Akt:
Thomas Gottschalk pfeift Brigitte Bardot und Elke Heidenreich auf ein durchsichtiges Wassersofa, in dem pinkfarbene E-Reader schwimmen. "Wollen wir uns nicht ein bißchen verlegen?", fragt er verlegen. Elke Heidenreich ruft: "Lesen!" Brigitte Bardot küsst ein in bordeauxfarbenen Samt gebundenes Buch. Die Wellensittiche tanzen Can-Can. CUT
2. Akt:
Mystische Gruselmusik. Die Kamera fährt durch düstere, ellenlange Gänge, in die der Requisiteur etwas zu viele Kunstspinnweben geklebt hat. Mrs Munster legt den Finger an die Lippen, kichert hysterisch und verrät flüsternd, man begebe sich nun direkt und ohne Teufelsschweife zum Nachttisch der Autorin. Quietschend öffnet sich ein eisenbeschlagenes Portal, es entquillt reichlich pinkfarbener Staub. CUT
3. Akt:
Ohne Geräusche (sorry podcaster!).
Wir blicken auf das Privateste im Intimsten, das Heiligste im Unheiligen, das heißersehnte, mit Mythen umrankte, vor den Medien bisher geheimgehaltene Nachttischchen einer Autorin! Trommelwirbel (podcaster, aufwachen, es geht los!) Zoom. Wir sehen alles, wirklich alles, ungeschönt, offen, ehrlich:

Ein grünes Bändchen von Michail Bulgakow: Hundeherz. Die Autorin wollte am Vorabend nur kurz hineinschauen, las 80 Seiten, las am Morgen, las beim Kaffee. Die Geschichte von einem Hund, der mit ungeahnten Folgen zum Menschen umoperiert wird, ist zwar eine politisch-gesellschaftliche Parabel, liest sich aber wie ein Krimi. Heimliche Gedanken der Autorin unter der Bettdecke: Wie machen das die Russen, ihre Figuren so lebensprall zu zeichnen und mich mit Haut und Haar in ihre Welten zu ziehen?

Ebenfalls schon entblättert, pardon angeblättert: Truman Capote: Kaltblütig. Die Autorin ist derzeit Capote total verfallen, findet, sein Kurzgeschichten-Portrait von Marilyn Monroe gehöre in jeden Journalistenunterricht und sein zauberhafter Roman "Die Grasharfe" unter jedes Kopfkissen. Heimlich denkt sie, da könne man viel für erzählende Sachbücher lernen.

Paul Auster: Mr. Vertigo hat die Autorin noch nicht ganz verführen können. Das liegt nicht daran, dass Mr Auster immer so finster und das Cover so kindisch aussieht. Nein, für seine Bücher braucht es irgendeine geheimnisvolle, noch nicht ergründete Laune.

Noch ein heimliches Spick- und Lernbuch zu erzählenden Sachbüchern, die sich als Romane verkleiden, hat sich die Autorin beschafft. Barbara Krause: Camille Claudel. Ein Leben in Stein. Eigentlich nur, weil Anne Delbée: Eine Frau. Camille Claudel nicht zu haben war. Gespannt zieht die Autorin die Bettdecke über dieses Buch - denn der Monsieur Rodin, der kommt auch in ihrem eigenen Nijinsky-Hörbuch vor, mit einer nicht ganz so heterosexuellen Attitude (was war Diaghilew eifersüchtig!).

Und noch so ein Kerl, den die Autorin schon fast verehrt. Wie ein Junkie hat sie schon fast alles weggelesen, was aus seinen Händen kommt und wünscht ihm eigennützig ein sehr langes Schriftstellerleben. Dieses Mal ist es sein Zweitling. Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt. Schon sein Erstling war grandios. An diesem Schriftsteller spürt die Autorin, wie sich Neid positiv anfühlen kann: Solche Themen finden können, so schreiben zu können! Ach Schreibgötter, schenkt mir doch auch ein Stäubchen!

Fast ebenso andächtig hat sie auch eine Autorin verschlungen, der sie aber langsam böse wird. Vom Verlag ganz zu schweigen, der in einem der Titel den Mörder verrät, pfui. Die Autorin und ihr Kosmos um Adamsberg reißen sie von Geschichten und Sprache her mit. Aber in den neuesten Romanen wird das Muster ein wenig zu durchsichtig und spielt zu sehr mit den Bestsellertrends der großen Buchläden, als dass man dahinter noch Zufall vermuten könnte. Da waren die früheren Romane vielleicht manchmal unebener, aber auch lebendiger und unverbrauchter. Ob die grande dame wieder zur alten Form aufläuft, wird geprüft an Fred Vargas: Die dritte Jungfrau.

Abspann:
Haaaaaalt, noch nicht das Kino verlassen! Unsere unbekleideten Wellensittiche zeigen Ihnen jetzt noch einmal, was ein Beinwurf ist. Und wenn dann die freundlichen Damen in Pink Geld sammeln, während Eric Satie sich einen Hund klimpert, denken Sie bitte an die Situation deutscher Bibliotheken, die derzeit kaputtgespart werden. Jedenfalls muss unsere Autorin schon solche alten Schinken auf dem Nachttisch auftürmen...

Social Media: Participation is hip:
Drehen Sie Ihr eigenes Video. Lassen Sie Ihre Schwiegermutter ein Buch küssen. Zeigen Sie lesende Wellensittiche. Versenken Sie pinkfarbene E-Reader in der Badewanne und wetten Sie, dass diese Bücher Wasser überleben. Filmen Sie Bücher, Bücher, Bücher. Und nehmen Sie ein Buch mit ins Bett, aber schnarchen Sie nicht.

Pschtttthhh ... Geheimtipp: Sämtliche genannten Bücher sind gegen einen lächerlich geringen Jahresbeitrag in der Stadtbibliothek Baden-Baden auszuleihen und lagen garantiert auf einem echten Nachttisch einer echten Autorin. Manchmal kann man diese sehen, wie sie in Baden-Baden Kaffee trinkt oder in der Buchhandlung Strass ihre Bücher signiert oder beides. Pschttth.

Kommentare:

  1. Hmmm.
    Wann kommen die Twitter-Versionen?

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  2. Sabine Kanzler27/11/09 13:46

    Erotikmusik, völlig unbekleidete Wellensittiche, Nachttischgeflüster....und Sie, verehrter Monsieur Peters rufen nach TWITTER-VERSIONEN?????

    Banause, schändlicher!
    oder auch
    Philistine, damnable!

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  3. Sabine Kanzler27/11/09 14:00

    Ergänzung...

    Und gerade dann Twitter, wenn PvC mal völlig hemmungslos ist....

    Ts, ts, ts!

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  4. Ich stelle fest:
    Wäre ich bei Facebook, hätte ich jetzt schon zwei Fans.
    So habe ich nur Zeit zum @buchfieber n.
    Aber mir fällt da womöglich ein Tweet ein, Achtung!

    PvC geht jetzt nach Hundelauf ARBEITEN. Irgendwer muss ja das Futter verdienen...

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  5. Oh, liebe Frau Kanzler, welche Worte! So moechte ich doch auf Frau van Cronenburg's Blog vom 20.11. verweisen "Schreiben kann jeder". Versuchen Sie jetzt die Erotikmusik, die Wellensittiche sowie das Nachttischgefluester in 140 Zeichen zu kondensieren! Das waere eine Kunst! (ueber die wir dann streiten koennten).

    @ Frau van Cronenburg. Um 17h gehen in Wissembourg die Lichter an.

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