Maljartschuk: Neunprozentiger Haushaltsessig

Das Buch der Ukrainerin Tanja Maljartschuk ,"Neunprozentiger Haushaltsessig" (Residenz Verlag), ist mir in der Bibliothek wegen seiner ungewöhnlichen Aufmachung ins Auge gesprungen: Mit großen Stichen, außen sichtbar, fadengebunden; Schönschreibheftformat mit abgerundeten Ecken und ein Coverbild, das die wildesten Erinnerungen an kleinbürgerliche Siebziger weckt. Wer es liest, sollte allerdings nicht den gleichen Fehler machen wie ich und glauben, es handle sich um eine lose Kurzgeschichtensammlung. Die einzelnen Geschichten sind genau durchkomponiert und ordnen ein "Ich", das zwischen Mann und Frau, zwischen Kindheit und Erwachsensein changiert, in drei Welten ein.

Tanja Maljartschuk, 26 Jahre jung und laut Biografie "literarisch ungemein produktiv", erzählt von einem "Ich", das im ersten Teil des Buchs mit dem Titel "Stimmen" eine verunsichernde, seltsame Welt der Gegenwart durchwandert, in der alles möglich scheint, in der auch die letzten Grenzen und Begrenzungen fallen - bis hin zum Absurden. Wie ein Sog packt einen der Wunschtraum einer Frau, einen Schwanz zu haben. Verrückt, wie heftig sie sich das Anderssein herbeisehnt; entlarvend, wie gleichförmig die Welt geworden ist. Eine Welt, in der auch ein Mann seinen Platz finden muss, der so sehr liebt, dass er zum Muttermal seiner Geliebten wird.

Sanfter, mythischer und von einem altertümlichen Zauber kommen die Geschichten aus "Samagurka" (Teil 2) daher, diesem Dorf im Nirgendwo, in dem sich verwunschene Vergangenheit mit perspektivloser Zukunft vermischen, Rückständigkeit mit Hoffnung. Im dritten Teil, "Die Straße der Murawjow-Batterie", setzt sich diese gegensätzliche Stimmung fort, erzählt von einem "Ich", das als Kind die 1980er und 1990er in einer Stadtsiedlung der Ukraine erlebt.

Tanja Maljartschuks Figuren sind Gescheiterte, die sich ihren Ausweg schaffen, indem sie unvorhergesehen reagieren, nach außen hin womöglich absurd oder verrückt. Aber sie erfinden sich genau dadurch innere Überlebensräume. Zwischen Alkoholismus, Gewalt und bitterer Armut ist ihnen manchmal nur noch das geblieben, was den Menschen als solchen ausmacht: die innere Freiheit. Die Freiheit, von einem Moment auf den anderen welche Grenzen auch immer zu durchbrechen. Sie gehen einem nicht mehr aus dem Kopf, diese von der Welt Vergessenen, die in ihrem Umgang mit der Schwäche so stark werden. Da ist der ältere Junggeselle, der seine Einsamkeit nach dem Tod der Mutter mit Schwein und Hahn teilt und sich in letzter Konsequenz einen ganz eigenen Höhepunkt des Lebens schafft, während eine Bekannte aus amerikanischem Satellitenfernsehen von polizeilich verordneter Tierliebe im Westen erfährt. Oder die Ehefrau, die in ihrem ganzen Leben nicht aus dem Dorf heraus kam, weil hinter der Dorfgrenze das Fremde lauere und das Fremde der Tod sei. Mutig beschließt sie eines Tages, aus der Ehe heraus und zum Sterben zu gehen - und verändert nicht nur ihre eigene kleine überschaubare Welt.

Die Kurzgeschichten in Romanabfolge, in wohltuend knapper, klischeeloser und sachlicher Sprache erzählt, ziehen die Leser mit ihrer feinen Melodie in eine fremde Welt, in der das Leben selbst absurd geworden zu sein scheint. Sie werden zu großen Geschichten, weil diese Fremde nicht an der Ukraine festzumachen ist, weil sie in uns allen lauert. Es ist dieses Niemandsland, vor dem uns die Vernünftigen warnen, die lieber über das Sterben klagen, über die Orientierungslosigkeit und das unüberschaubare Chaos, das uns da draußen erwarten und vergiften könnte. Mit Tanja Maljartschuks Geschichtenkosmos treten wir einen Schritt von uns selbst zurück, von den vermeintlichen Sicherheiten und angeblich sicheren Errungenschaften. Wie die Frau, die zum Sterben hinauszieht, entdecken diejenigen, die zum Lesen ausziehen, dass auch im Fremden und Fremdsein Leben ist, mit all seinen Träumen, mit Hoffnungen und überbordender Fantasie.

Auf den ersten Blick erschien mir das Buch fast spröde, tief melancholisch und voller gedämpfter Emotionen. Doch dieser Eindruck verliert sich schnell, wenn man sich darauf einlässt, dass die leisen Töne, dass ein winziges augenblickhaftes Umkippen in der Stimmung die viel größere Wirkung verschaffen.

Das Buch hat mich an Erlebnisse Anfang der Neunziger in Polen erinnert, jener Zeit der ersten und rauschhaften Öffnung zum Westen. Wir verließen die Hauptstadt mit ihren nagelneuen Luxuseinkaufsgalerien aus Glas und Beton, wo Kaviar geschaufelt wurde und Edelboutiquen aus New York, Tokio und Paris ihre Dependancen eingerichtet hatten. Dann auf dem Land das Kontrastprogramm, die Realität: Bittere Armut, unvorstellbare Rückständigkeit, die Natur ein Paradies wie in den 1950er Jahren westlicher Heimatfilme. Ein heruntergekommener Weiler ohne Elektrizität und Wasseranschluss. Im Straßengraben vor den Häusern die jeweils einzige Kuh angekettet, die Rippen zählbar. Eine alte verkrümmte Frau, die sich nicht mehr aufrichten kann und doch so alt noch nicht ist, quält sich die Treppe hinab, wäscht sich die Hände im Rinnstein auf der Straße. Und dann lächelt sie, blickt auf ihre hungerleidende Kuh, schlurft mühsam über die Straße, reißt ein Bündel noch grünes Gras heraus, schlurft zurück und bereitet ihrer Kuh ein Abendmahl.

Etwa so, wie diese alte Welt auf die neue prallt, schreibt Tanja Maljartschuk. Sie zeigt die Realität schonungslos wie sie ist. Ein außenstehender Tourist würde vor so viel Perspektivlosigkeit in seine Glaspaläste zurückflüchten und über die Globalisierung jammern. Er würde nicht hinter die Fassade von Alkohol, Armut, Gewalt und Überlebenskampf blicken. Maljartschuk dagegen gelingt es, auch dem Gescheitertsten menschliche Würde zu geben und einer Welt scheinbarer Auswegslosigkeit die Kraft von Sehnsucht und Fantasie. Hinter all der Melancholie blitzt Schönheit hervor - und eine Idee davon, wie der Mensch sein könnte, wenn er sich nicht ständig selbst im Weg stehen würde. Diese Ukraine ist überall...

Und vielleicht können solche jungen osteuropäischen Stimmen eines Tages sogar die westliche Nabelschau durchbrechen und anstiften zu Büchern, in denen ein "Ich" gar nicht von sich erzählt, sondern von Menschen und der Liebe - und dem, was uns hält, wenn nichts mehr zusammenhält. Mehr Übersetzungen dieser Art wären zu wünschen!

Tanja Maljartschuk: Neunprozentiger Haushaltsessig, aus dem Ukrainischen übersetzt von Claudia Dathe, Residenz Verlag

Kleiner Tipp: Wer gern osteuropäische Literatur liest, wird beim Residenz-Verlag auch andersweitig fündig!
Tanja Maljartschuk war unlängst in Wien, Fotos und ein Vortragstext von ihr über die Ukraine und den Westen kann man hier herunterladen (rechts im Menu)

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