Journalismus statt Content

Es raschelt, nein, es brennt im Zeitungswald. Gehetzt wird ausgehungertes Freiwild, Journalisten genannt. Manche werden von vermögenden Jagdpächtern gehalten, mit vermeintlichen Ruhmleckerchen geködert, während sie schon die Generation Praktikum als Treiber für die fröhliche Sonntagsjagd anlernen. Manche vom Freiwild fristen ihr Dasein schon längst im Dickicht von Buy-out-Verträgen und radikal gekürzten Honoraren. Und neuerdings trampeln auch noch Blogger im Wald herum und schrecken das Wild auf, weil sie nicht auf den ausgewiesenen Gehwegen bleiben wollen. Schon erwägen die Besitzer der lukrativen Jagdpachten ein Leistungsschutzrecht. Es knallt im Blätterwald.

Hier schreibt eine, die es besser hat. Nach einem Volontariat und der Ausbildung zur Redakteurin Mitte der Achtziger bin ich endlich so alt, dass ich schon mindestens zwei Medienkrisen und jede Menge technischer Umwälzungen überlebt habe. Schlimmer noch: Ich bin jetzt seit rund einem Vierteljahrhundert Freiwild, also freie Journalistin - und beanspruche diese Berufsbezeichnung immer noch, weil für mich Journalismus kein "Job" ist, sondern eine Lebenshaltung. Überlebt habe ich, weil ich schon im zweiten Jahr meines Berufs meinen eigenen Querkopf lebte, so viel wie möglich an Neuem dazulernte, ausprobierte - mit einem Praktikum beim Radio fing das an und dem Kopfschütteln von Kollegen: Wie kannst du als gelernte Printjournalistin zum Radio gehen, bist du meschugge?

Inzwischen muss ich mir noch ganz andere Sachen anhören. Auf Partys sagt man als Journalist besser nicht mehr laut, welchen Beruf man hat. Man könnte genauso gut durch die Menge brüllen: "Hey Leute, ich geh anschaffen und hab Spaß dabei!" Oder man wird, noch bevor man das Buffett erreicht, das unsereins zum Überleben oft nötig hat, von allen Seiten fast totgeprügelt, wird verantwortlich gemacht für Versäumnisse, Unmoral oder Gier der Verleger. Der Journalist ist für die Leserinnen und Leser heutzutage immer genau der Repräsentant eines Berufes, den die Allgemeinheit gerade verabscheut. Und während sie den Sündenbock durchs Dorf treibt, feiern die Verleger ganz woanders.

Unglaubwürdig? Dann schaue man, welche seriöse Diskussion sich beim Kulturmanager entsponnen hat, der schrieb: 
"Die Auseinandersetzung Journalisten – Blogger wird allmählich langweilig."
Weniger schön und seriös liest sich die Diskussion, auf die er sich bezieht, die zwar mit Urheberrecht zu tun hat, aber auf die ganze Misere der vollidiotischen These "Journalismus versus Blogs" hinweist.
Wer seine letzten Illusionen bezüglich des Journalismus verlieren will, der lese die brillante Rede, die der freie Journalist Tom Schimmeck beim Mainzer Mediendisput gehalten hat - das ist die nackte Wahrheit, die Lage, in der wir Journalisten versuchen, ordentliche Arbeit mit Überlebenszwang zu koppeln.

Ich habe gut reden. Denn ich habe mich längst ausgekoppelt. Mich hat das System schon bei der letzten Medienkrise nicht mehr richtig ernährt. Was heißen will: Stundenzahl und erwirtschaftete Honorare standen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander, Buy-outs machten die bisher übliche Mehrfachverwertung, nach der sich ja die schlechten Honorare richteten, so gut wie unmöglich. Damals, in den Neunzigern, stiegen viele wunderbare Journalisten aus, einige wurden tatsächlich Weinhändler, viele landeten in der PR-Branche oder schulten komplett um. Ich lehnte derweil meinen ersten Buy-out-Vertrag ab, verlor damit den Auftragspartner und schrieb stattdessen ein Buch, das mir einen völlig neuen Textvermarktungskosmos eröffnete - von Hilfsarbeiten für Fernsehteams bis hin zu gut bezahlten Vorträgen. Ich lernte weiter.

Und lebe immer noch. Lebe nur deshalb, weil ich seit Jahren nicht mehr für Zeitungen geschrieben habe (pervers, aber wahr). Welchen vernünftigen Grund sollte ich auch haben, für lächerliche Zeilenhonorare von oft weit unter einem Euro brutto in Demutshaltung Klinken zu putzen und auch noch dafür auf die Knie zu fallen, dass ein Verleger meinen Text unendlich oft zum eigenen Profit verwerten kann, ohne mir davon etwas abgeben zu müssen? Dies ungefragt sogar so weit treiben kann, wie es Elke Heidenreich passiert ist, die sich plötzlich bei zweifelhaften Verlagen wiederfinden musste? Warum sollte ich mir einen abmalochen und meinen Geist anstrengen, wenn ich beim Spargelstechen als ungelernter Erntehelfer schneller mehr verdienen könnte? Wie ich haben viele gedacht. Sind abgewandert, haben der Generation Praktikum den Platz überlassen und denen, die heute um ihre Anstellung bangen müssen, weil sich die Ausmusterung von Qualität zugunsten von Profit rächt.

Wie macht man das, als Journalist ohne Verleger zu überleben? Es gibt keine Pauschaltipps, weil kein Journalist gleich ist. Aber es gibt Menschen, die noch für Texte bezahlen - in Nischen, die man beherrschen sollte, in die man sich einlernen muss - auch mit all ihren technischen Vorraussetzungen. Da ist der freie Journalist natürlich noch mehr Unternehmer als bisher. USP, Unique Selling Point, heißt das Zauberwort: Was kann ich besonders gut, was andere nicht können? Was mache ich anders, interessanter? Was interessiert mich persönlich ganz besonders? Und wenn ich einer von den eher Austauschbaren bin - wie kann ich eine mir gemäße Nische finden? Man muss diese Denke erst wieder lernen, weil sie einem durch mangelnde Wertschätzung im Medienbetrieb meist abtrainiert wurde: Die eigenen Stärken entdecken und ausbauen.

Solches Schreiben bedeutet nicht automatisch einen Abgang in die PR. Man darf durchaus Journalist bleiben und eine Ethik haben. Manchmal findet man seine Nische nur, wenn man die angelernte Brille einmal weglegt. Mir ging das so. Jahrelang haderte ich damit, Lebenszeit mit dem Erwerb der schrägsten Kenntnisse vertan zu haben, die doch mit Journalismus und deutschen Texten so gar nichts zu tun hätten. Immer wieder Fremdsprachen, Leben im "falschen" Land, Bücher, abseitige Interessen. Die Korrespondenten hockten in Paris und für französische Blätter reicht mein Stil nicht. Blind wie ein Huhn zerbrach ich mir den Kopf.

Und dann hat jemand mich gefunden. Ausgerechnet im "falschen" Land, ausgerechnet mit den Sprachen, in denen ich nicht schrieb und ausgerechnet über eins meiner Bücher. Gesucht wurde jemand, der "es" journalistisch drauf hatte, der aber auch absolut bikulturell denken und arbeiten konnte, den Dialog mit den Lesern führen, für Leser arbeiten. Heute schreibe ich meine deutschen Texte - und Übersetzungen aus dem Französischen - zusammen mit einem fabelhaften deutsch-französischen Team in Frankreich. Ohne Verleger. Lange hat Journalismus nicht mehr solchen Spaß gemacht. Und vor allem einen Sinn gehabt: Wir arbeiten für die Verständigung beider Nachbarländer. Diese Arbeit ist auch so reichhaltig, dass irgendwann einmal ein neues Buch daraus entstehen könnte...

Mir gibt das die Freiheit, als Journalistin zusätzlich zu bloggen. Für umme. Aber wenn ich mir ausrechne, was ich von einer Zeitungsredaktion für eine Buchrezension bezahlt bekäme, wie unfrei ich obendrein wäre, dann lache ich einmal heftig und verschenke diesselbe lieber gleich direkt an die Leser. Zugegeben, Zeit und Geld reichen im Blog nicht für tiefere Recherchen - also muss ich mich auf weniger aufwändige Themen konzentrieren. Ich höhle damit ein System aus, das auf Einnahmen angewiesen ist, dessen bin ich mir bewusst. Ich würde die gleiche Buchrezension sofort einer Zeitung zur Verfügung stellen, wenn diese endlich Journalismus wieder angemessen bezahlen und wertschätzen würde und nicht hinter meinem Rücken Geld mit meinen Artikeln bei Dritten machen würde. Wenn Journalisten bloggen, geschieht das manchmal auch aus Protest gegen ein System, das Freie am langen Arm verhungern lässt. Und das längst am eigenen Gehabe, an seiner Haltung gegenüber den Menschen marode geworden ist, die Inhalte liefern und konsumieren.

Ich empfehle wärmstens zur Hintergrundlektüre die Links in diesem Beitrag.
Fortsetzung folgt...
Teil II berichtet von einem französischen Online-Projekt (kein Print), das in kürzester Zeit schwarze Zahlen schrieb, weil es gegen jeden Leistungsschutz mit seinen Journalisten völlig neue Wege geht.

Kommentare:

  1. Eigentlich betrifft dieses Problem ja nicht nur Journalisten, sondern all die Kreativen, die Inhalte produzieren. Sie werden von dem System, über das sie bis jetzt ihre Inhalte vertrieben haben, ausgenutzt.

    Vielleicht sollten die verschiedenen Branchen mal den Blick über den Tellerrand wagen und gemeinsam Ideen entwickeln gegen diese Form der Ausbeutung? Nicht die anderen Untergruppen des Prakariats sind das Problem, sondern die Ausbeuter.

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  2. Hach, das klingt so schön einfach nach effektivem Klassenkampf. ;-) Kreative, die es wirklich trifft, sind ja meist Freiberufler, also irgendwie Unternehmer, extreme Individualisten dazu, Eifersucht untereinander sagt man ihnen nach, jeder arbeitet unter anderen Strukturen - wie soll man so einen Sack Flöhe hüten? ;-)

    Und auf der anderen Seite stehen nicht nur "Ausbeuter", sondern auch Auftraggeber mit Wertschätzung, mit angemessenen Honoraren, mit guter Arbeit, mit Ethik, bei denen das Arbeiten noch Spaß macht (Wie sehr die Honorare klaffen, sieht man beim Link zur Honorarumfrage bei Mediafon)

    Ich finde dieses Branchenverwechseln im Internet sogar gefährlich. Neuerdings werden Zeitungsverlage und Buchverlage in manchen Diskussionen frech in einen Topf geworfen, um das Urheberrecht auszuhebeln. Das ist wie Äpfel und Birnen vergleichen, um Obstesser abzuschaffen... Völlig unterschiedliches Arbeiten.

    Viel gewonnen wäre schon, wenn sich Freiberufler grundsätzlich nicht für jeden Dreckslohn verkaufen würden, wenn Kolleginnen und Kollegen nicht selbst das Geschäft mit Dumpinglöhnen oder sogar Verschenkaktionen kaputt machen würden. Nein sagen lernen.

    Natürlich verliert man dann mal den schnellen Auftrag zwischendurch, aber man gewinnt wertige danach. Und wenn man sich ständig anbiedert, zerstört man seinen Wert selbst. Woher nehme ich aber die Gelassenheit, wenn ich vor dem leeren Kühlschrank stehe oder alles tun würde, nur um veröffentlicht zu werden? Es sind ja auch die da unten, die dieses System mitgeschaffen haben!

    Ansätze bei den Journalisten gibt es langsam, etwa die Freischreiber (www.freischreiber.de), oder für Texter allgemein die Protextbewegung (www.protextbewegung.de). Aber die klären eher auf und erstere schließen jede Menge eierlegender Wollmilchschweine aus.

    Solange Kollegen sich für 20 Cent die Zeile hergeben (bei Zeitungen) oder kostenlos Lesungen machen (bei den Buchautoren), kann es nur schlimmer werden für diejenigen, die davon leben müssen. So produziert man sich selbst das eigene Prekariat...

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  3. Ich weiß nicht, ob man hier von Klassen sprechen kann. Wenn ja, dann haben sie zumindest nicht mehr mit den Klassen zu tun, die wir von früher kennen.

    Auf der anderen Seite will ich auch die, die unbedingt ihren Individualismus ausleben wollen, nicht von anderen Lebenskonzepten bzw. Arbeitsformen überzeugen. Ich bin der Meinung, dass es zielführender ist, mit anderen zu kooperieren. That's it...

    Die Frage, welches Honorar man pro Stunde oder Zeile erhält, kenne ich auch. Gut, Ich kann als Selbständiger sogar ein Angebot ablehnen, wenn es zu niedrig ist.

    Auf der anderen Seite gibt es dann aber noch die, die angestellt sind und für einen Lohn arbeiten, der nicht hoch genug ist, um davon leben zu können.

    Natürlich kann jetzt jeder von uns versuchen, sich in diesem Feld zu behaupten bzw. durchzusetzen. Das führt dann aber nur zu einer Lösung auf der individuellen Ebene. Manche schaffen es, die meisten nicht.

    Ich behaupte, dass ein solches System nicht mehr lange funktionieren kann. D.h. wir haben es mit einer Systemfrage zu tun.

    Wenn es eine Systemfrage ist, dann ist der Blick über den Tellerrand streng genommen gar kein Blick über den Tellerrand, denn kein oder zu wenig Geld ist in vielen Branchen mittlerweile ein Problem.

    Hier die Muster zu kennen, ist, denke ich, kein Nachteil. Ich bekomme an diesem Punkt immer wieder diesen Einwand zu hören, man dürfe Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Das ist, mit Verlaub, eine sehr eingeschränkte Sichtweise, die dazu führt, dass ich ganz sicher nichts werde ändern können.

    Aber zugegeben: manche wollen das auch gar nicht...

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  4. Noch ein Nachtrag: ich denke, die Lösung für ein zukünftiges Modell liegt in der Verbindung von Netzwerk und Individuum. Manche haben sich da schon ganz gut eingerichtet. Von ihnen zu lernen heißt auch, anerkennen zu müssen, dass es DAS Modell gar nicht mehr gibt. Wenn es aber nur noch individuelle Lösungen gibt, dann wird der Blick über den Tellerrand noch wichtiger.

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  5. Im Grunde sind wir völlig einer Meinung, auch wenn ich anders klingen mag. Ganz klar müssen wir über möglichst viele Tellerränder schauen und endlich an grundsätzliche Überlegungen gehen, lernen, umdenken.

    Aber zuallererst müssen ganz spartenspezifische Probleme gelöst werden (die bei einem Boulevardjournalisten in Festanstallung mit Gewerkschaft im Rücken z.B. völlig anders aussehen als bei einem freiberuflichen Geo-Reporter, nur mal als Beispiel). Die *gemeinsame* Frage ist: Wie kommen wir bei angemessener Bezahlung und Wertschätzung der kreativen Arbeit wieder zu Qualitätsjournalismus?

    Äpfel und Birnen: Ich erlebe es einfach selbst, dass es zwischen der Arbeit z.B. für Tageszeitungen oder für nicht verlegerische Auftraggeber, zwischen der Arbeit für Publikumsverlage oder Literaturverlage kaum und immer weniger Gemeinsamkeiten gibt. Was der eine versäumt, macht der andere gut, was bei einem funktioniert, funktioniert beim anderen nicht und umgekehrt. Im Internet wird mir das einfach oft zu sehr glattgebügelt: DIE Verleger, DIE Ausbeuter. Diese DIE gibt es einfach nicht.

    Netzwerk und Individuum: Das machen Freie doch längst? Ich kenne das bereits aus den Achtzigern und davor gab es das auch. Und hier in Frankreich auf dem Land blüht zusätzlich das gute alte soziale Netz mit Tauschhandel und gemeinsamen Holzhacken, aus dem langsam all diejenigen herausfallen, die nur noch am Computer sitzen...

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  6. Stimmt, unsere Ansichten liegen nahe beieinander. Die Frage, ob wir jetzt nun Äpfel mit Birnen vergleichen sollen oder nicht, entsteht, wenn man unterschiedliche Zugänge zum Thema hat.

    Mir ist klar, dass es in vielen Bereichen sehr spezifische Probleme gibt. Auf der anderen Seite haben wir aber derzeit ein generelles Problem, dass diejenigen, die Content produzieren, wenig bis gar kein Geld für ihre Leistung erhalten, während die Betreiber der Vertriebskanäle ganz ordentlich daran verdienen.

    Und wenn ein Vertriebskanal auszufallen droht, dann wird gejammert, um Unterstützung zu erhalten. Was ist denn, wenn die Verlage Geld dafür bekommen, dass man ihren Content, den sie online gestellt haben, nutzt? Sie bekommen dann dafür Geld. Und was ist mit den Produzenten? Die schauen weiter durch die Finger...

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