Autorennetzwerke

Nur wer präsent ist, wird gelesen

Wer sich von bezahlten Riesenstapeln der Massenware in Buchhandelsketten schon einmal erschlagen fühlte und ein eher rares Buch vergeblich dort gesucht hat, der weiß, Indie-Verlage haben es schwer gegen die Giganten im Buchmarkt. Noch schwerer hat es eine Gruppe von Menschen, über die kaum einer spricht: die Indie-Autoren (Indie kommt wie in der Musik von "independent"). International betrachtet, reicht die Definition weit: vom Autor, der bei etablierten Indie-Verlagen veröffentlicht, bis zum Selbstverleger. Im deutschsprachigen Raum macht man dagegen Unterschiede zwischen seriös verlegt und selbst bezahlt verlegt.

Die Probleme beider Gruppen sind jedoch die gleichen: Bücher, die im Buchhandel nicht präsent sind, werden nicht gekauft. Bücher, die im Buchhandel nicht präsent sind, werden meist nicht rezensiert und wieder nicht gekauft. Bücher, die nicht rezensiert werden, werden im Buchhandel weniger bestellt. Man kann diesen Teufelskreis nach allen Seiten tanzen, konkret bleibt die Katastrophe für den Autor übrig. Die Marktkonzentration im Buchhandel und ein nach althergebrachten Mechanismen funktionierendes Feuilleton sorgen dafür, dass immer mehr wunderbare, lesenswerte Bücher einfach nicht mehr sichtbar sind - ergo trotz aller Arbeit, Liebe und Sorgfalt kaum gelesen werden. Der Effekt greift ja selbst bei Konzernen - wer keinen Spitzentitel erwischt, hat Pech gehabt.

Autorennetzwerke für Werbung?

Autoren im Ausland denken längst darüber nach, wie man aus dieser Misere herauskommen könnte. Denn wo die herkömmlichen Werbemittel und Informationskanäle, vielleicht sogar Verlage versagen, böte sich doch das kostenlose bis preiswerte Internet an, in dem auch Einzelstimmen gehört werden. So sie denn etwas zu sagen haben. Im Indie Author Blog (via namenick) macht sich April Hamilton Gedanken, wie sich Autorennetzwerke bilden könnten, um das für KollegInnen zu tun, was sich bei einem selbst im großen Stil nicht schickt: Werbung machen, Bücher verkaufen.

April Hamilton bringt es auf den Punkt: Die Zeit der hoffnungsvollen Warterei auf andere sei vorbei. Wenn jedem Indie-Buch die gleiche Chance gegeben würde wie einem Mainstream-Buch, hätten wir im Nu wieder Vielfalt und Originalität, schreibt sie in "An Indie Call To Action" und listet acht Tipps für Autorennetzwerke auf.

Die Buchpatenschaft

Die Idee dahinter klingt einfach: Jeder Autor ist auch Leser. Und übernimmt so eine Art Werbepatenschaft für ein Indie-Buch seiner Wahl, das er besonders liebt. Und dann macht er das, was große Werbeabteilungen in Verlagskonzernen für kleine Bücher nicht leisten wollen und kleine Verlage mangels großer Werbeabteilung nicht leisten können. Dieser Autor rezensiert also das ausgesuchte Buch an allen nur erreichbaren Stellen im Internet, stellt es in Social Media vor (und zwar gekonnt gemacht), verschenkt es, empfiehlt es allüberall, nämlich im Internet wie im Leben. Alles schon mal dagewesen? Nein, denn jetzt kommt der Clou: die Vernetzung. Mit dem empfohlenen Autor oder Verlag, durch gegenseitige Links. Immer und überall verlinkt.

Die Vorteile

Die Idee hat meiner Meinung nach zwei Vorteile: Es hat ja immer ein "Geschmäckle", wenn ein Autor seine eigenen Bücher allzu tüchtig anpreist. Und es wäre reichlich pervers, sich selbst zu rezensieren, auch wenn das bei einigen Autoren auch schon gang und gäbe ist. Kommt nicht gut: Der hat es aber nötig, sagt man dann. Wer KollegInnen rezensiert und bewirbt, kommt in diesen Verdacht nicht. Finden sich so fünf Autoren, verpufft das ganze jedoch, wenn sie vereinzelt bleiben. Sind sie intensiv verlinkt, dreht sich auch die Werbung im Kreis und fällt die gute Tat für andere auf einen selbst zurück. Lesen sie zufällig auch noch gegenseitig ihre Bücher, intensiviert sich der Effekt.

Verbesserungsvorschläge

Trotzdem glaube ich, dass dieser allgemeine Ansatz bei der Struktur des deutschsprachigen Buchmarkts verpuffen würde. Und der Spruch "die haben es aber nötig" kann auch auf eine Gruppe fallen, die allzu platt versucht, sich gegenseitig in irgendwelche Verkaufscharts zu hieven. Ich hätte dazu ein paar persönliche Anregungen:
  • Man vernetze sich in passenden Gruppen, für die sich ein gemeinsames Konzept erstellen lässt. Fünf Krimiautoren finden leichter eine Strategie als eine Gruppe aus Vampirromanautorin, Hochliterat und Sachbuchautorin.
  • Man nehme nur Bücher, die man wirklich liebt. Werbung und PR im ehrenamtlichen Engagement füreinander verpufft unglaubwürdig, wenn man nur aus Sympathie für die Kollegen handelt oder gar aus Gruppenzwang.
  • Qualität statt Quantität gilt auch in der erfolgreichen Buch-PR.
  • Man tausche nicht nur Rezensionen, sondern auch Know-how und Kontakte aus. Beispiel: Zwei Kollegen mit  zwei und drei Pressekontakten machen fünf Pressekontakte für beide. Solche Gruppen funktionieren natürlich nur, wenn alle geben und nicht einer nur nimmt.
  • Warum sollten sich nur Autoren mit Autoren vernetzen? Bereits jetzt funktionieren Communities, in denen sich Leser und Autoren treffen, wo Leser über Bücher debattieren und Autoren an Leserrunden teilnehmen. Das Konzept ließe sich für jeden Indie-Bereich übernehmen.
  • Oder man vernetzt sich thematisch, buchübergreifend? Via Social Media ließen sich unterschiedlichste Menschen zusammenbringen, die das gleiche Thema interessiert. Beispiel Petersilienbücher. Ansprechen könnte man Gärtnereien ebenso wie Botaniker, Veranstalter mit Parks oder von Petersilienfesten, Gastronomen und Hobbygärtner, Kochfreaks und Küchengerätehersteller. Und warum dann nicht gemeinsam mit anderen Petersilienautoren ein Petersilienfestival oder eine kleine Tournee auf die Beine stellen?
  • Man kann sich auch mit Tauscharbeit vernetzen. Nicht jeder Autor hat PR gelernt. Warum nicht Grüppchen bilden aus Menschen, die unterschiedliche Bereiche beherrschen? Der eine dreht you-tube-Videos, der nächste kennt Pressearbeit... und was kann der Autor für diese Gruppenmitglieder tun? Womit kann er sich revanchieren? Kann er vielleicht Bücher eintauschen, Texte für andere schreiben, lektorieren?
  • Wenn es mit der Tauscharbeit nicht klappt: Eine Gruppe Menschen bringt gemeinsam eher finanzielle Mittel auf als ein einzelner. Eine Gruppe könnte sogar an gemeinsames Fundraising denken. Warum sich nicht gemeinsam eine PR-Agentur oder ähnliches gönnen?
Zukunftsmusik?

Ich halte das, was im angelsächsischen Raum längst praktiziert wird, hierzulande leider noch für Zukunftsmusik. Ich muss nur schauen, wie viele bekannte Autoren in meiner Twitter-Timeline als Karteileichen verschimmeln. Sie sind nicht übers Experimentierstadium hinausgekommen, viele haben nur über sich und ihre dritte Tasse Kaffee erzählt und sich dann gewundert. Die Möglichkeiten echter Kommunikation und Vernetzung lagen brach, also kam auch nichts zurück.

Vernetzung unter Autoren gegen die Marktmacht der Giganten kann nur funktionieren, wenn Schriftsteller es schaffen, ihren Hintern aus dem einsamen, ach so bequemen Kämmerlein zu heben. Wenn sie es schaffen, KollegInnen nicht mehr als Konkurrenten eifersüchtig zu beäugen, sondern ihre Kräfte gemeinsam zu bündeln. In Kleinstgruppen, in denen man sich grün ist und gern gegenseitig beflügelt, kann das funktionieren. An solche Aktionen im richtig großen Stil glaube ich nicht, dazu habe ich schon viel zu viele eifersüchtige Keilereien und Intrigen in sogenannten Autorennetzwerken erlebt. Aber wer weiß, vielleicht genügt auch in Zukunft die pure Hoffnung, Qualität werde sich schon irgendwann durchsetzen? Vielleicht glauben wir weiter ans Gutenachtmärchen, mit einem langen Atem sei heutzutage alles, wirklich alles zu schaffen?

Was meinen die KollegInnen zu solchen Ansätzen, was die Leserinnen und Leser?

Kommentare:

  1. Ein sehr aufschlussreicher Beitrag, auch die Anpassungsvorschläge für Deutschland haben mir gut gefallen. Besonders interessant: der Tauschring.

    Ich möchte noch ergänzen: lasst die Gruppen nicht zu groß werden. Bisher sind ähnliche Projekte in meinem Umfeld nicht selten am "Vereinssyndrom" gescheitert. Doch viele funktionieren auch ganz prima ...

    Beste Grüße
    Jeanine Krock
    --
    Romantische Fantasyromane


    Website: www.jeaninekrock.de
    Twitter: http://twitter.com/TheAreopagitica

    Verband dt. Schriftsteller
    www.delia-online.de
    autorenforum.montsegur.de
    andromache.twoday.net (Lady's Lit)

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  2. Ei - so lernt man Kolleginnen kennen, schön!
    Das mit dem "Vereinssyndrom" ist ein wichtiger Hinweis. Ich persönlich glaube ja, dass solche Kleinstgruppen nur funktionieren, wenn man sich auch real life kennt und Zeit gibt, sich gehörig zusammen zu raufen. Wenn man klare Vorstellungen entwickelt, was man erreichen will und wie.
    Und schließlich lässt man ja nicht jeden dahergelaufenen Internetuser an sein Eingemachtes ;-)

    Ich muss zugeben, ich habe es noch nicht ausprobiert - meine neueren Verlage kümmern sich alle fein um solche Aufgaben. Tauscharbeit in Netzwerken ist dagegen hier in Frankreich unter Künstlern ziemlich üblich, weil man ja nie genügend Geld hat. Ich kenne Ähnliches aus der Freiberuflerarbeit - eine kleine Gruppe von Spezialisten für unterschiedliche Bereiche bekommt eher einen Auftrag als ein Einzelkämpfer, der sich mühsam Mitstreiter von außen suchen muss.

    Eine Gefahr sehe ich bei diesen Ideen auch: Dass sich die Verlage immer mehr zurücklehnen und solche Aufgaben an Autoren "outsourcen". Damit würden sie sich dann allerdings auch langsam überflüssig machen...

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Hallo, Jeanine und Petra,

    mir gefällt dieser Ansatz auch sehr gut, und ansatzweise praktiziere ich das seit ca. 6 Jahren mit meiner Gruppe
    "Schreibnetz". Wichtig finde ich, dass ein persönliches interesse besteht und man sich gegenseitig füreinander engagiert. Das persönliche Treffen hat bei uns erst sehr viel später stattgefunden.
    Natürlich kann man nicht jeden zufälligen User aus dem Internet dafür nehmen. Man sollte die Leute, zum Beispiel aus einem Forum, schon relativ gut kennen. In Pforzheim gibt es eine Gruppe, die sich live trifft. Aber die Mitglieder sollten dann aus der Stadt oder der Umgebung sein. Um so etwas selbst noch einmal auf die Beine zu stellen fehlt mir allerdings momentan Zeit und Kraft.:-)

    Herzlichst
    Christa

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  4. Hallo Christa,
    und diese Gruppen machen ernsthaft Werbearbeit für die Bücher der einzelnen Mitglieder? Unter deinen Beschreibungen von "Schreibnetz" stellte ich mir eher eine reine Schreibgruppe vor???

    In meinem Beitrag meine ich nämlich nicht all die Schreibgruppen, wo man sich gegenseitig Texte kritisiert, oder Foren nach dem Motto "mit welchem Backstein im Text ecke ich bei Lektoren am wenigsten an, um schnell berühmt zu werden" ;-)
    Das gibt es ja alles zuhauf... mit mehr oder weniger galloppierendem Vereinssyndom.

    Mir geht's um knallharte, professionelle Bücherarbeit - siehe den lesenswerten Artikel, auf den ich verlinke.

    Schöne Grüße,
    Petra

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  5. Ja, das ist richtig, unsere Gruppenmitglieder können das nur ansatzweise und nicht profimäßig leisten.

    Schöne Grüße
    Christa

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