Wie oder was?

Zur Diskussion um den Zustand einer Mainstreamkultur sind mir interessante Gedanken eines Künstlers untergekommen, von dem es zwar auch Bücher gibt, der aber bildender Künstler ist. Er redet von einer Periode der Dekadenz und beschreibt diese so:

Künstler sehen in solchen Perioden den äußeren Erfolg als höchsten Wert, kümmern sich vorwiegend um materielle Belange und technischen Fortschritt in ihrer Kunst. So wird der Idealkünstler zur Verkörperung des großen Erfolgs. Der Autor nimmt wahr, dass diejenigen, die das durchschauen und nach anderem hungern, von KollegInnen als unnormal behandelt werden. Man macht sich auch gern über sie lustig.

Weiter stellt er fest, dass in dieser Zeit der minimalisierten Kunst das einzige Ziel zu sein scheint, Objekte immer wieder und in großer Menge zu reproduzieren, es ähneln sich die Werke mehr und mehr, sie werden austauschbar.
"Aus der Kunst verschwindet die Frage des "Was". Was bleibt, ist nur noch die Frage nach dem "Wie"" - seelenlose Kunst nennt er das.

Seine Beobachtungen sind erstaunlich: Solche Mainstream-Künstler geben nur noch vor, sich ums Publikum zu kümmern, in Wirklichkeit scheren sie sich gar nicht mehr darum. Es wird modern, kein Rückgrat mehr zu haben, nichts zu sagen, was auffallen oder querlaufen könne, sich möglichst nur noch in Details von anderen Künstlern zu unterscheiden - und am besten in angesagten Kreisen aufzufallen. Solche Kunst sei einfach, fabrikartig zu schaffen, "mit kaltem Herz und eingeschlafener Seele". Und weil durch die Verwechselbarkeit der angeglichenen Werke der Konkurrenzdruck extrem steige, schaffe die Jagd nach dem "Wert" Erfolg noch schnellere, noch oberflächlichere Kunst.

Gefährlich, denn das Publikum, dessen Hunger nach "anderem" nicht ernst genommen werde, wende sich irgendwann ab, überdrüssig dieser Massenproduktion von Flachem.

Der Mann hat ein Gegenmittel: die Vision, den Visionär, eben diesen Künstler, den alle für verrückt erklären.
"Das Unverstandene von heute ist die Essenz von morgen" schreibt er.
Diese Visionäre, stellt er sich vor, treten mit dem herrschenden "Wie" in Dialog und entwickeln ein neues "Was". Und zwar ein "Was", das nicht mehr materialistisch ausgerichtet ist, sondern "ein inneres Element der Kunst selbst", die "Seele der Kunst". Das "Wie" ist für ihn der Körper, die Form - es kann nur in gesundem Gleichgewicht mit einem "Was" existieren.

Wie er sich das Arbeiten eines solchen Visionärs vorstellt und wie eine neue Kunst in einer solchen Zeit aussehen kann, beschreibt er in seinem Buch. Brandaktuell, nicht wahr?

Der Künstler, von dem diese Gedanken stammen, heißt Wassily Kandinsky (1866-1944).
Das Buch, in dem er diese Gedanken entwickelt, hat er auf Deutsch und Russisch verfasst (ich benutze eine französische Gesamtausgabe und übersetze leider rückwärts), es ist auf Deutsch wieder aufgelegt worden:
Über das Geistige in der Kunst. Insbesondere in der Malerei. Benteli Verlag Bern, 2004

Kandinsky hat dieses Buch 1909 geschrieben, es ist 1911 erschienen. Er ist nicht bei der Theorie geblieben, sondern hat 1910 die Vision wirklich gemacht: Er malte das erste abstrakte Bild der modernen Kunst. Europas Avantgarde sorgte für eine Revolution im materialistischen Massenmarkt, es begann eine Blütezeit neuer Ideen nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur, in der Musik und im Tanz, im Film, im Theater.
Sein zeitloses Buch empfehle ich nicht nur jedem Maler und Liebhaber abstrakter Kunst, sondern jedem Künstler überhaupt, der sich mit dem "Was" beschäftigen möchte.
Könnte das "Rezept" auch heute wieder funktionieren?

Kommentare:

  1. Seit Tagen will ich darauf antworten und schlage mich damit herum, weil ich nicht weiß, wie ich das tun kann. Bis ich begriffen habe, dass ich mich damit genauso herumschlage, wie mit dem Thema, um das es geht. Und: Dass ich es deswegen tue.

    Was mich zutiefst unglücklich macht, ist, dass Grabenkämpfe existieren, die meiner Meinung nach nicht sein müssen. Wobei ich verstehe, wie sie entstanden sind und dass sie sich jetzt nur noch schwer auflösen lassen. Siehe Kandinskys Worte. Es ist ein uralter Konflikt. Es sind uralte Motive, die uns Menschen antreiben. Was mich dennoch so erstaunt: Sollte nicht ausgerechnet in der Buchwelt mehr Reflektion zu erwarten sein?

    Autoren und Verlage sind sich oft nicht grün, aber man redet nicht darüber. Autoren sagen anderen Autoren: Wer erfolgreich sein will, beschwert sich nicht. Da erhält "Erfolg" ein Package, das tatsächlich in Kälte und Zynismus führt.
    Autoren untereinander sind zerstritten, aber man redet auch kaum darüber. Womit sie Verlagen weiterhin eine Macht geben, mit der sie sich selbst wieder das Wasser abgraben.

    Man kann nicht darüber reden, ohne von allen Seiten unter Beschuss zu geraten. Wie soll man sich da noch verhalten können??

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  2. Und wie soll man so etwas ändern können?

    Was mich schwer beeindruckt hat, war der Autorenstreik in Hollywood. Allein die Tatsache, dass er existierte und die Leute tatsächlich in die Knie gingen.

    Dabei ist es nicht mein Ziel, für Rebellion zu sorgen, Unmut zu stiften - und genau das bringt diese perverse Drehung ins Spiel. Dass jeder, der Kritik übt, sofort in diese Ecke gestellt wird. Querulant. Das ist so hahnebüchen, dass mir nichts mehr dazu einfällt. Natürlich gibt es notorische Meuterer. Aber man muss doch mal gucken, was an einer Kritik dran ist und warum sie erfolgt. Bill Gates z.B. wäre heute nie da wo er ist, wenn er bei jedem Fehler gesagt hätte: "Läuft doch alles bestens!"

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  3. Hallo Christine,

    ich habe zunächst einmal Schwierigkeiten, bei Kandinsky "Grabenkämpfe" zu entdecken - ihm geht es um die Selbstbestimmung des Künstlers, im Sinne einer Standort- und Zielbestimmung. Natürlich verorte ich mich selbst im Vergleich mit anderen und in der Beobachtung einer Zeit. Ich persönlich sehe aber darin eher einen Überlebenskampf als einen Kampf gegen andere. Denn diese anderen sind nicht weniger legitim als ich. Kandinsky geht es darum, sich selbst kritisch zu betrachten und Wege zu finden, Kunst schaffen zu können, die seiner Auffassung von Kunst entsprechen. Was zu jener Zeit extrem schwierig war.

    Wenn, wie du schreibst, Autoren und Verlage sich nicht grün sind, dann läuft etwas Grundlegendes falsch, denke ich. Meine Erfahrung zeigt, dass man miteinander kommunizieren muss. Manchmal sind es nur Missverständnisse. Und manchmal sollte man halt auch auf einen Vertrag verzichten, wenn die Chemie nicht stimmt. Denn die ist eminent wichtig für das Buch - ich habe das selbst mehrfach erlebt, wie ein Projekt / Autor über sich hinauswachsen, wenn ein Verlag es wertschätzt! Da tut es manchmal richtig weh, dass man im Sachbuchbereich oft wechseln muss wegen der Themen.

    Autoren untereinander: sind auch nur Menschen. Sind extreme Individualisten. Sind auch manchmal einfach nur Neider. Oder traurige Würstel. Warum nicht? Ein Kunstfotograf sagte mir einmal, er halte es privat mit Kunstfotografen nicht aus. Eine Musikerin sagte das über Musiker. Ich schlug beiden vor, den Bekanntenkreis zu tauschen.
    Warum soll man von einem Menschen mehr erwarten, nur, weil er Autor ist? So hehr und veredelnd ist dieser Beruf nun wirklich nicht. Der Mann von der Müllabfuhr tut mehr für mein Dorf als ich.
    Warum also mit Kollegen nicht ganz genau so umgehen, wie mit anderen Menschen auch?

    Fortsetzung folgt wegen besserer Übersicht...

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  4. Zu Kandinsky zurück (schwierige Zeiten für eine bestimmte Kunst) - und deiner Idee von der Rebellion, meiner Kritik (schwierige Zeiten für bestimmte Arten von Büchern):

    Ich glaube nicht an Autorenstreiks à la USA, weil die Strukturen nicht die gleichen sind. Sinnvoll wäre das ohnehin nur bei Dingen, die alle betreffen, z.B. Urheberrechtsnovellen etc.

    Ich glaube auch nicht, dass man "gegen" etwas kämpfen müsste:
    1. Sind die Situationen je nach Art der Bücher extrem unterschiedlich und erleben nicht alle Autoren die gleichen Schwierigkeiten.
    2. Nicht jeder Autor macht Kunst.
    3. Ist Kampf "gegen" immer Energieverschwendung. Es geht um Kampf "um etwas", "für etwas".

    Um praktisch zu werden:
    - Wenn Geschäftsgepflogenheiten absolut nicht mehr stimmen (s. "das ewige Schweigen"), dann habe ich entweder kein Rückgrat und schlucke - oder ich mache das, was ich in jedem Geschäftsverhältnis unter Partnern machen würde: Ich rede darüber. Ich äußere meinen Unmut. Ich überlege, wie viel ich auf mich nehmen will und wo meine Grenzen liegen.

    - Wenn dagegen aufgrund von Zeit- und Modeentwicklungen oder wirtschaftlichen Einflüssen bestimmte Projekte noch schwerer verkäuflich werden, oder sich der Markt entfremdet, dann ziehe ich als Autor ja mit den Verlagen, die solches noch wagen, an einem Strang. Dann ist das ein gesellschaftliches Problem einer Zeit. Ich muss also überlegen, wie ich mich durchwurschtel und oben bleibe. Und muss überlegen, welche wirtschaftlichen Entwicklungen ich unterstütze (ich kann bei Buchketten und Internetgiganten kaufen oder im gut sortierten Buchhandel - der Verbraucher hat mehr Macht, als er denkt).

    Da könnte übrigens der verwöhnte Westen viel von Osteuropa nach dem Fallen des eisernen Vorhangs lernen: improwisacja!

    Kurzum: Ich persönlich sehe Parallelen zwischen unserer Zeit und der Kandinskys. Die Zeiten für Kunst und Kultur jenseits der Promis sind schwerer als früher. Wir müssen uns extremer entscheiden. Heißt für Autoren, sie müssen noch besser beurteilen können, in welche Art von Verlagen sie überhaupt passen. Oft beurteilt man sich selbst falsch, weil man eben nur an den Erfolg, ans Geld denkt!

    Auch wenn ich heftig Systemkritik bringe, glaube ich weiter fest daran, dass auch in schlechten Zeiten Qualität möglich ist. Es gibt ja weiterhin Verlage mit Literatur, Kunst, Nicht-Mainstream. Ich glaube sogar, dass Krisen einer Erneuerung förderlich, sind. Wer auf fetten Pfründen hockt, wird bequem...

    Verändert hat sich, dass man vor vielleicht zwei Jahren noch von anspruchsvollen Projekten leben konnte, weil es mehr Möglichkeiten gab, sie schneller zu verkaufen. Heute muss man sich querfinanzieren. Aber das betrifft nicht nur Künstler, sondern Arme überhaupt: Wie viele Menschen brauchen inzwischen zwei Jobs und werden nicht satt davon!

    Was mir weh tut, sind die Meldungen von KollegInnen mit mehreren Veröffentlichungen, die an der derzeitigen Krise finanziell und schöpferisch am Abgrund stehen. Und da denke ich, dass es sich bitter bitter rächen wird, unternehmerisch nur mit "Menschenmaterial" umzugehen. Kassandra sagt: In zwei, drei Jahren werden Schriftsteller fehlen. Weil es einigen über die Kräfte geht. Und dann werden auch Verlage wieder Verluste machen, so einfach.

    Schöne Grüße,
    Petra

    PS: Warum muss ich dauernd an Darwin denken?

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