Gandhara und Multikulti im Orient

Man möchte es nicht glauben, aber ausgerechnet die Regionen, in denen heute lebens- und menschenverachtender Fundamentalismus die Wurzeln seiner eigenen Heimat zerstört, waren einmal sehr fortschrittlich von multikulturellem und multireligiösem Austausch geprägt. Entsprechend blühten Kultur und Kunst. Wer diese Geschichte aus dem Gedächtnis ganzer Völker auslöschen will, zerstört beide in Rohheit.

Wir alle erinnern uns an die Schreckensbilder von 2001. Es stürzten nicht Hochhäuser ein, sondern riesige Buddhastatuen, Zeugnisse einer prachtvollen und bedeutenden Kultur. Tatort: Gandhara, eine historische Region auf dem Gebiet des heutigen Pakistan und Afghanistan. Täter: Taliban. Ikonoklasmus nennt man das wissenschaftlich: Bildersturm. Eine Tat, die fundamentalistische, islamistische Täter nicht allein erfunden haben. Die vorsätzliche und dauerhafte Zerstörung von Kulturgut und Kunstschätzen findet sich weltweit als ein Machtinstrument, das dazu dient, Erinnerungen auszulöschen und durch neue Ideologien zu ersetzen - seien das religiöse oder politische. Es ist eine Art materieller Gehirnwäsche. Auch Christen haben schon solche Verbrechen gegen die Kultur begangen.

Aber eigentlich ist die Tat eine mittelalterliche und im Zeitalter der Information und moderner Techniken ein Kampf gegen Windmühlen. Nichtsdestoweniger ein Kampf, der verachtet und zerstört, was Menschheit ausmacht, nämlich die Fähigkeit, sich kreativ mit ihrer Umwelt und ihrem Platz im Leben auseinanderzusetzen.
Erinnerungen kann man im Zeitalter der Speichermedien nicht töten. Und was da wirklich unwiderbringlich an Schönheit "gemordet" wurde, kann man bei einer Aufsehen erregenden Ausstellung in Bonn derzeit erahnen.

Ghandara ist nur eine dieser Regionen, in denen einst die Verschmelzung mehrerer Religionen und Kulturen möglich war. Die Zeit Baktriens, die alten Kulturen am Hindukusch, in Pakistan, Afghanistan und Nordindien in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung fanden ihre Fortführung in der Zeit der Moguln, Herrschern, die während der persischen Besatzung bis auf heute indisches, pakistanisches und afghanisches Gebiet kamen und dort riesige Paläste und "ideale" Gärten anlegten, Abbilder des Paradieses auf Erden.

Um 1600 war Jahangir der vierte Mogul von Indien. Er war nicht nur dem Wohlleben zugeneigt, sondern förderte vor allem Kunst und Wissenschaft - weit über die Grenzen seiner eigenen Kultur und Religion hinaus. Er war ein Mann, den die Essenz interessierte, das Gemeinsame, vor allem aber die Schönheit, die sich nicht um Religionsgrenzen schert. Ihn selbst kennen im Westen vielleicht nur noch Touristen, die um die Schönheit seines Palastes in Agra wissen, im indischen Teilstaat Uttar Pradesh südlich von Delhi gelegen, wo die berühmte Legende von der "Erfindung" des Rosenöls spielt. Seinen Enkel jedoch kennt jeder: Shah Jahan I. hat für seine zu früh verstorbene Frau eines der schönsten Mausoleen der Welt gebaut: das Taj Mahal. Ob die Terroristen, die das gleichnamige Hotel in Mumbai im November zum Ziel nahmen, wussten, welcher reichen Multikulti-Vergangenheit sie selbst entstammen?

In meinem Rosenbuch erzähle ich die wunderbare Geschichte des sogenannten "Rosenalbums" von Jahangir, einer heute in Teheran lagernden Sammlung wertvollster Kalligrafien und Miniaturen. Wie viele dieser heute extrem gefährdeten Kunstwerke ist das "Rosenalbum" ein Zeugnis für ein lebendiges Crossover aus orientalischen und westlichen Traditionen, aus islamischer, hinduistischer und christlicher Kunst.

Ich erzähle auch von der fast krimigleichen Geschichte eines amerikanischen Forschers, der zusammen mit iranischen Kollegen auszog, das Werk in seiner Gesamtheit zu retten (Teile lagern in den USA, Deutschland und Irland oder sind geraubt worden) und endlich Forschern und in Auszügen auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um das Jahr 2000 sah alles so aus, als würde eine 40jährige Jagd nach einem Schatz als ost-westliches Happy End zu Ende gehen.

Seit der Regierung Bush (USA) - Achmadinejad (Iran) hört man jedoch nichts mehr von dem Vertrag, der dem "Dialog der Zivilisationen" dienen sollte. Man hört nichts mehr von dem Werk und einer Kulturepoche, die Zeichen setzen könnte für die Zukunft. Zugänglich ist es nicht.

Wenn wir in diesen Tagen anlässlich der Bonner Ausstellung wieder in Filmaufnahmen sehen, wie die gesprengten Riesenbuddhas fallen, dann sollten wir daran denken, dass Kunst wie selten zuvor wieder ein gefährdetes, schützenswertes Gut ist. Naturschutz macht uns klar: Das Aussterben von Arten schadet auch den Menschen. Kunstschutz ist in der Bevölkerung scheinbar kein Thema. Aber das Morden von Kunstschätzen nimmt Menschen ihre Wurzeln. Kunst wie in Bonn oder wie im Rosenalbum beweist aber auch: Es gibt keine nationalen, religiösen oder andere ideologischen Beschränkungen. Kunst ist ein Menschheitserbe, ihre Zerstörung ein Verlust, der alle angeht.

Ausstellung:
Gandhara: Das buddhistische Erbe Pakistans (und Afghanistans), Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, bis 15.03.2009 - danach im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Das Buch der Rose, Parthas Verlag Berlin, S.120ff.

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