Sex'n'Drugs'n'Sülze

Heute morgen wurde unserer Redaktion der Tonmitschnitt einer geheimen Verlegerkonferenz zugespielt. Wir können aus rechtlichen Gründen keinen Download anbieten. Es ist uns jedoch gelungen, eine Abschrift über eine amerikanische Bibliothek mittels einer Suchmaschine zu legalisieren, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.

Die Konferenz, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der AutorInnen stattfand, richtete sich an Verleger und Programmchefs großer Publikumsverlage. Unter dem Titel "Wie viel Rock'n'Roll verträgt ein Buch" diskutierte man die Zukunft der neuen Marktstrategien. In dem uns vorliegenden Diskussionsfragment sind anwesend:
  • John Aalgutt von der Unternehmensberatung MacWannsee in Vertretung des Verlegers von Messiebooks, einem der Giganten im deutschen Markt
  • Karla Klawitter von der Literaturagentur Trotzdem
  • Erich Elsner-Eisenhart, Literat
  • Lola Schmonzes, Bestsellerautorin bei Messiebooks
  • Vera Freud-Kandidel, Psychologin, spezialisiert auf Lesesucht bei Frauen
Der einfachen Übersicht halber bleiben wir bei den Vornamen.

Karla: Warum konnte unser wichtigster Gast, der Verleger nicht kommen?

John:
Wir haben ihn in ein Sanatorium geschickt. Die Geschäfte laufen auch unter meiner Leitung ganz gut. Eigentlich besser. Verleger haben ja keine Ahnung mehr von Büchern. Womit wir beim Thema wären. Wir müssen kundenorientierter denken lernen. Also nicht vom Buch, sondern zum Buch.

Lola:
Sach ich auch immer. Wissense, ich versteh mich mit dem Herrn Messie ja ganz gut, aber wir ham doch längst unsere Bausteine, na und da kennense doch auch diese Software, Schnellvorlagen sach ich nur, Schnellvorlagen in schönen bunten Farben und dann klonen wer Romane. All diesen Sprachschmonzes, na da sach ich doch, brauchen wer nich, versteht eh keiner nie nich mehr.

Vera:
Wobei ich einwerfen will, dass unser Lesepublikum, die Frau an und für sich, keineswegs weniger intelligent wäre wie ein, als ein ... sagen wir mal ein Mann. Die Frau von heute entdeckt sofort, wenn ein Autor die Farben seiner Schnellvorlagen verwechselt. Die lassen sich kein Grün mehr für ein Gelb vormachen!

Erich:
Was meinen Sie mit Schnellvorlagen?

Lola:
Sie arbeiten wohl noch mit Feder und Tinte, so sehense aus...

John:
Wir haben die Schnellvorlagen nach dem Vorbild eines bekannten Emailprogramms entwickelt. Dort kann man wiederkehrende Textblöcke, etwa Grußformeln oder Teile von Kundenbriefen unter Abkürzungen ablegen. In der Mail tippt man nur noch die Kürzel und klickt auf "Schnellvorlagen einfügen".

Lola:
Ich find das Klasse, das spart so die Finger, sach ich immer und endlich krieg ich nen ganzen fetten Historiendinger sogar mit Nagellack in Nullkommanix hin, sach ich Ihnen! Die Leserinnen lieben das! Die machen schon Wettbewerbe, meine Schnellvorlagen zu erraten. Ich verkauf wie nix, seit ich die vanillegelbe Vorlage mit den lila Blümchen entwickelt hab!

John:
Das war ebenfalls eine Überlegung: Effizienz, kürzere Produktionszeiten und natürlich die Kundenbindung, der Wiedererkennungseffekt. Wir haben das bei einem Getränkehersteller getestet. Der Mann hatte zu große Lagerbestände - Sie sehen die Parallele zum Buchmarkt? Also haben wir ihm geraten, seine Ware gefrierzutrocknen und das Pulver in Brausepäckchen zu stecken, die aussahen wie aus den Sechzigern. Der Mann konnte sich nicht mehr retten! Emotionen, Kindheit, Erinnerungen! Bücher sind wie alter Sprudel. Viel zu trocken. Da muss gepeppt werden, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Erich:
Ich sehe die neue Entwicklung mit Bedenken.

Lola:
Ach, hammse sich nich so, ihr Litteraten habt doch immer nur Bedenken, meinense die moderne Gesellschaft will immer und ständig ans Bedenken erinnert werden?

Erich:
Man hat mir gesagt, ich solle es mal mit Pferdebüchern versuchen, würde ich sofort verkaufen.

Vera:
Gar nicht so dumm, vom weiblich zentrierten Standpunkt aus betrachtet.

John:
Tun sie's. Sie könnten längst Erfolg haben!

Karla:
Könnt' ich auch verkaufen wie geschnitten Brot. Und Huren, bewegliche und weniger bewegliche. Splatter läuft auch ganz irre. Aber ich halt das nicht aus. Mir wird dann immer wie diesen beliebten Kommissaren zumute. Was ist da kaputt?

Erich:
Wo Sie das ansprechen, einen berühmten Kollegen hat man unlängst abgelehnt, sein Kommissar sei nicht depressiv und drogenabhängig genug.

John:
Liebe Karla, nichts ist kaputt. Die Frauen da draußen, die ja unsere Leserinnen sind ... also geben wir offen zu, die Männer haben wir durch einen Marketingfehler an Internet und Videospiele verloren, die Frauen zwischen 15 und 95 wünschen das! Sie wollen endlich auch mal tief in die Dreckkiste greifen, sich beschmuddeln, herumsauen, Sie wissen ja, je höher die Anforderungen im wahren Leben... Literatur ist Eskapismus.

Vera:
Psychologisch betrachtet haben wir die schizoide Rollenspaltung der Frau als Jungfrau und Hure mit der Emanzipationsbewegung in die falsche Richtung und einseitig gelöst. Die moderne Frau ist für den Durchschnittsmann nicht mehr erreichbar, sie löst sich zwischen Haushalt, Kindererziehung, Chefposition in der Firma und ehrenamtlichen Tätigkeiten sexuell völlig auf. Da muss ein Gegengewicht her.

Erich:
Sie meinen, deshalb Vergewaltigungen à la Soap-Opera, zerstückelte Leichen in Müllsäcken in der Küche, die der Mörder nach dem Einpacken zwischen Kartoffelpuffern und Apfelmus noch einmal begattet?

Vera:
Wir müssen der modernen Frau die gleichen Rechte zugestehen. Schauen Sie sich die Statistiken über ehelichen Sex in Deutschland doch an. Läuft doch nichts mehr mit den Waschlappen.

John:
Vera bringt es auf den Punkt. Wir müssen unsere Leserinnen abholen. Ich meine, es ist doch marketingtechnisch einfach vertretbarer, Fantasien zu schüren und Fluchtwelten anzubieten, als dass wir unsere Leserinnen der Realität ausetzen, womöglich ungeschützt!

Lola:
Sach ich auch immer, das middem Aids is doch ne ganz andere Diskussion, mach's safer mit Büchern.

Vera:
Hier sind wir wieder beim Pferd, werter Erich. Vaterfiguren, das war mal. Der erste Mann im Leben eines Mädchens ist doch der Hengst, den es auf der Wiese beobachtet. Seien wir mal ehrlich, so schürt man Fantasie, den Grundstoff von Literatur!

Erich:
In meinem Dorf gibt es nur Kühe und die werden künstlich...

Lola:
Was müsst Ihr Literaten immer alles runtermachen, immer griesgrämig, immer kontraproduktiv!

Karla:
Darf ich auch mal wieder...

John:
Aber gern doch, Karla! Wie sind Ihre Erfahrungen als Agentin?

Karla:
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Kürzlich bot ich ein Buch über den Klimawandel an, absolut neu und spannend. Kein Interesse, und dann war das Fernsehen dran. Plötzlich war es das Gesprächsthema. Als ich den Verlagen davon erzählte, meinten sie, der Autor soll halt zum Fernsehen gehen. Ich verstehe das nicht!

John:
Das hat mit unserer neuen Marketingstrategie zu tun. Leser abholen. Wer sich für Klimawandel interessiert, schaut Fernsehen, liest Zeitung. Das ist nichts für schmökernde Damen.

Lola:
Ich würd ja gleich den Bestseller draus stricken! Sachense mal Ihrem Autoren, er soll die rosa Schnellvorlage nehmen, die midde Mode, weil Frau sich ja so Gedanken macht, wasse trägt im klimagewandelten Winter, nich. Oder ich könnte mir ne Kombination vorstellen, grüne Vorlage für Reise und nen Tupfer gelbe mit schöne Küchenrezepte. Ich mein, die Möhren wachsen ja nun auch anders, wenns wärmer wird, nich?

John:
Lola, Sie haben das Prinzip moderner Schriftstellerei voll verstanden!

Vera:
Ich hätte eine verwegene Idee, darf ich?

Erich:
Was ist an all dem noch verwegen?

Vera:
Warum denken wir die Sache nicht weiter? Ich schlage vor, wir schaffen ein Internetportal für unsere Leserinnen mit Gewinnspielen für Schnellvorlagen, Kundenrezensionen von Schnellvorlagen und Videoclips, grün, gelb, rosa, blau. Wir könnten z.B. Schnellvorlagen für Buchtrailer entwickeln! Und was wäre eigentlich, wenn wir dann mit all den neuen Medien noch einen Schritt weitergingen? Wir schaffen das Buch auf Abruf.

Lola:
Die Frau is klasse, ganz klasse is die! Daran hab ich auch immer gedacht, wegen meine Fingernägel und so und dem Nagellack. Ich speis euch meine Schnellvorlagen aufs Portal, machen alle Autoren. Und dann lassen wer die Leserinnen machen und das kurbelt die Nagellackindustrie auch an und die lassen wir die Portale sponsern und ich spar mir meinen Nagellack, irre das, echt irre. Geil, das neue Schreiben, voll geil.

Erich:
Ich verweigere mich der totalen Kommerzialisierung der Kunst.

Lola:
Da kommt die Leserin, macht klickediklick und hat - peng - ihren ganz eigenen Roman! Also, die wählt den depressiven Kommissar, schwarz, drei Vergewaltigungen, rot, Baron Märchenprinz, gold, Familienhundilein, blau ... und schwupps, hat sie einen Lola-Roman nach Maß!

Wir wissen nicht, was die Publikumsverlage Deutschlands tatsächlich zu ihrer neuen Direktive gemacht haben und hinter verschlossenen Türen planen, das Tondokument bricht an dieser Stelle leider ab.

Moment - die Nachrichtenagentur Interdepp meldet soeben, dass es sich bei den neuen Marktstrategien um eine Weltverschwörung handle. Die Firma MacWannsee möchte angeblich gemeinsam mit einer Suchmaschine die Weltherrschaft an sich reißen.

Da es meine Journalistenethik verbietet, ungeprüft Meldungen zu veröffentlichen, geh ich erst mal recherchieren... Vergessen Sie das schnell wieder.

Kommentare:

  1. Hi Petra,
    George Orwell hat ja in 1984 meine ich schon von Romanschreibeautomaten geschrieben.
    Für Musiker gibt es übrigens eine Software namens "Ludwig" (Demo kann man kostenlos downloaden). Da gibt man den Stil ein, die Instrumente und dann bastelt das daraus Musik.
    Das Schlimme (oder Gute) daran ist:
    Es klingt nicht mal schlecht!

    AntwortenLöschen
  2. Köstlich amüsiert - über die Posse...

    AntwortenLöschen
  3. Wie ich weiter oben gerade feststelle, hinke ich nicht nur Mr Orwell hinterher ... die Wirklichkeit ist schneller, als die Polizei erlaubt.

    AntwortenLöschen

Dieses Blog wird moderiert, Kommentare werden also zeitversetzt manuell freigeschaltet.

Automatisiert gelöscht werden: Spam, unerwünschte Werbung, Beschimpfungen, Rassistisches, Fremdenfeindliches, Extremistisches und gegen die übliche Netikette verstoßende Kommentare. Gesetzesverstöße werden unverzüglich zur Anzeige gebracht (ein Anonym-Alias schützt hier gar nicht).
In diesem Blog ist kein Platz für diesen Dreck. Ich lese das auch nicht, sondern lasse automatisch löschen.

Powered by Blogger.