Kuck mal, wer da schreibt!

Nehmen wir zum Wochenende noch eine Prise aus unserem chaotischen, aber fröhlichen Schreibratgeber. Passend zum großen Schweigen bei Verlagsbewerbungen beschäftigen wir uns heute mit dem Thema:

Wie heische ich unwiderbringlich irre nach Aufmerksamkeit bei LektorInnen?


Wir alle wissen, dass Verlage mit unverlangt eingesandten Manuskripten überschüttet werden. Dazu kommen die verlangt eingesandten und die von Agenten verschwörerisch aus dem Trenchcoat gezogenen. Wir wissen aber, dass ein Schreibtisch, eine Festplatte nur begrenzte Kapazitäten haben und ein herkömmlicher Lektor ohne implantierte Zusatzchips nur eine bestimmte Menge an Manuskripten täglich lesen kann. Weil heutzutage zwar nur drei von vier Deutschen Bücher lesen, aber fünf von vier Deutschen glauben, Schriftsteller werden zu können, überfordern wir Verlage, die nur noch eine von zehn Lektoratsstellen besetzen. Kurzum, die Gefahr, dass unser verdammt gutes Manuskript untergeht, ist irre wahnsinnig verdammt groß! Wie aber sticht man aus der grauen Menge heraus?

Früher war alles besser

Die Autorin dieses Schreibratgebers hat für einen Ausbildungsplatz einmal normale Bewerbungen nach Norm verschickt. Alle sagten ab, auch ihr Wunscharbeitgeber. Mich kriegt ihr in keinen Mülleimer rein, dachte sie und ging trotzig ans Basteln. Damals noch im Klebesatz und mit geklauten Lettern, montierte sie eine richtige Zeitung mit ihren Artikeln und ließ den als Interview getarnten Lebenslauf setzen. Das Ergebnis war überraschend. Eine Zeitung sagte ab mit der Begründung, sie hätten die Bewerbung, weil sie größer als DIN-A-4 war, nicht abheften können. Der Wunscharbeitgeber, dessen Zeitung sie imitiert hatte, lud sofort zum Bewerbungsgespräch, bedauerte die erste Absage und stellte sie ein.

Später, beim Einsenden eines Manuskripts, kam sie auf die Idee, es könne nicht schaden, das Spiel zu wiederholen - denn das Thema war schwierig zu verkaufen. Damals versandte man Manuskripte noch auf Papier. Aber wie macht man Lektoren hungrig auf Madonnen, Kunst und das Zeitalter der Romanik? Die Autorin bastelte eine Mappe aus feinster güldener Wellpappe mit einer Einlage von kardinalspurpurnem Seidenpapier. Das Ganze wurde von einer edlen Kordel in den gleichen Farben gehalten ... und mit echten Zutaten versiegelt! Später sagte man ihr, sämtliche Teilnehmer an der Programmkonferenz hätten sich darum geprügelt, wer die Verpackung liebkosen dürfe. Es soll der Programmchef gewesen sein, dem das Brechen des Siegels als Ehre zuteil wurde.

Kann man alles vergessen, läuft im Zeitalter von Email und Ökotrend nicht mehr. Wer heute noch Verpackungsmüll in solchem Ausmaß produziert, kommt erst gar nicht an der Putzfrau vorbei, die in den Verlagen die Vorsortierung der unverlangt eingesandten Manuskripte vornimmt, bevor die Praktikantin den Rest in den Müll befördern darf.

Moderne Zeiten

Wir leben in einer Casting-Gesellschaft. Wir leben in einer perfekten, bunten, schönen Werbewelt. Wir leben in Zeiten, in denen Pharmafirmen Urlaube auf den Caiman-Inseln verschenken und Banker das Spiel im Casino. Merken Sie sich das! Bringen Sie diese erfolgreichen Marketingmethoden in die Verlage! Wir haben einige Tipps gesammelt, von denen wir glauben, dass sie auffallen könnten.

1. Der Lektor (immer auch die Lektorin) nimmt Ihr Manuskript gar nicht wahr.

Verstecken Sie es. Machen Sie es zu einem Bonbon, zum begehrten Zusatzmaterial auf einer DVD! Versetzen Sie sich in die Zielperson, Ihr erstes Zielpublikum, packen Sie Lektoren am großen Zeh der Emotionen! Alles ist erlaubt, Hauptsache, die Produktionskosten bleiben im Rahmen. Drehen Sie den extra heißen Porno in Nachbars Garten, engagieren Sie die Lehrerin Ihrer Kinder für eine Reihe "Super-Nanny" oder drehen Sie den Ablauf ihres Brotberufs als gefühlvolle Soap. Hingerissen von diesem Fernsehprogramm wird der Lektor sämtliche Manuskripte vergessen und Ihren Zusatzleckerbissen anschauen, das Manuskript!

Denken Sie daran: Kreatives Arbeiten ist ein erotischer Vorgang. Autoren wollen geliebt werden. Lektoren werden viel zu wenig geliebt. Wer immer nur ausgebeutet und ausgebrannt wird, freut sich, wenn der Autor abends mit gemietetem Rolls Royce vorfährt, zum Diner im exquisitesten Restaurant lädt und nach erfolgreichem Abend das überdimensionale Rosenbukett ins Lektorat schickt. Nicht vergessen, den Datenträger fürs Manuskript in den Umschlag zu stecken! Bei männlichen Lektoren kommen Clowns von Botendiensten ganz gut oder nackte Frauen, die aus Schachteln springen - immer das Manuskript in der Hand.

2. Der Lektor ist hoffnunglos überlastet.

Das sagen sie alle. Immer. Immer wieder. Geben Sie sich nicht mit solchen Formeln zufrieden. Zeigen Sie eines der Grundtalente des Schriftstellers: Empathie! Forschen Sie nach, welches Leiden sich wirklich hinter Ausreden wie "Vorbuchmessestress", "Vertreterkonferenz" oder "Montagsmeeting" stecken. Sie werden sich wundern, welche menschlichen Abgründe sich auftun. Denn manchmal verbirgt sich hinter den Dauerkonferenzen nur das abgrundtiefe Verdrängen zutiefst menschlicher Probleme. Knatsch mit dem Ehemann, die Schwiegermutter bleibt länger zu Besuch, eine Wurzelbehandlung schlug fehl, der Kleine hat Windpocken, der Hund hat den Chef gebissen und der Chef ist immer noch im Büro.

Seien sie empathisch. Springen sie derart gebeutelten Lektoren bei. Unsere Vorschläge: Bei Knatsch mit dem Ehemann umzirzen Sie die Lektorin und geben ihr alles, was sie zu Hause nicht hat, auch Ihr Manuskript! Zahlen Sie der Schwiegermutter einen Stand-by-Flug nach Mallorca. Sie darf nur eine kurze Nachricht hinterlassen - und Ihr Manuskript! Sprechen Sie mit dem Zahnarzt, dem Kinderarzt. Sie werden sicher bereit sein, bei der nächsten Behandlung Ihr Manuskript als Trösterchen zu überreichen! Hetzen Sie den Hund auf und zeigen Sie ihm, wie man wirklich Mus aus einem Chef macht. Hundilein wird nach getaner Arbeit ... richtig ... Ihr Manuskript apportieren!

Sie sehen, Ihrer schriftstellerischen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Leben ist ganz großes Kino, nicht nur im Buch. Lektoren haben viel zu wenig Zeit für großes Kino. Stellen Sie sich vor, Sie müssten den ganzen Tag in einem staubigen Verlagsbüro fristen, mit nichts als Papier und Daten in Blickweite. Sorgen Sie für Abwechslung, bringen Sie ein wenig bunten Irrsinn in diese graue Tristesse.

Viel Erfolg und wohl bekomm's.
Und damit geben wir ab ans Wochenende...

wie immer strenges (c) by PvC

Kommentare:

  1. Vielleicht sollte man in Zukunft erst und nur einen Buchtrailer erstellen und nur diesen den Lektoren zusenden?
    Oder wir machen es ganz professionell für Lektoren zum Ankreuzen:

    Sie wünschen

    O eine Heldin O einen Helden

    Die/der Held(in) wird als Hexe verfolgt

    O zu Unrecht O zu Recht

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  2. Du erinnerst mich an was, Alexander!
    Noch in Faxzeiten habe ich jeder Bewerbung ein vorgefertigtes Fax beigelegt für Feedback, z.B. "Ich komme im Moment nicht zum Lesen / ich melde mich in xx Wochen" etc. Darunter waren auch Antworten wie "Verschonen Sie mich künftig bitte mit solchem Dreck" oder "dieses MS habe ich nicht verlangt und werde ich nie verlangen".
    Die Rücklaufquote lag bei 99%, einer kritzelte sogar noch erfreut Witzchen zurück. Ich bewarb mich so bei sechs Verlagen und kam bei meinem Wunschverlag unter.
    Allerdings nicht wegen des Faxes, sondern wegen des Manuskripts. Das war nämlich der eine, der das Fax nicht zurückgeschickt hatte...

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