Was bleibt...

"Wo der Mais das Land noch nicht ausblutet und Artenvielfalt wie Landschaftsformen zerstört, blühen dann seltene Orchideen, Schlüsselblumen und im Sommer eine Fülle von längst vergessenen Blumen."

So ist auf S. 21 meines Elsassbuches über eine Wiese zu lesen, die ich genau deshalb immer wieder gern besuche. Das Buch erschien 2004 und ist inzwischen in seiner zweiten Auflage eigentlich noch nicht überholt, die Fakten dürften noch stimmen, selbst die Orchideen blühen noch im Elsass, wie im Riedkapitel beschrieben.

Als ich jedoch heute auf die Wiese kam, war alles wegrasiert. Der Mais hat sich weiter ins Land gefressen, und was er mit Land und Menschen anrichtet, zeigt inzwischen eine erschütternde Dokumentation von ARTE über Monsanto. Die Wiese in meinem Buch blieb bisher ausgespart, manchmal weiden dort Pferde und im Frühjahr blühen Orchideen in knalligem Pink und Gelb-und Brauntönen. Kürzlich noch war sie ein Farbenmeer aus sonnengelbem Hornklee, weißer Schafgarbe und wilder Möhre, blaulila wildem Salbei und violetten Blumen.

Jetzt wird sie exzessiv statt extensiv bewirtschaftet. Also nicht mehr zu den traditionellen Zeiten gemäht, die sich nach den Rhythmen der Natur richteten, sondern gleich zwei bis drei mal mehr. Mehr Heu, weniger Blumen. Weniger Blumen, kürzere Wiesen, weniger Wasserspeicherung. Daran sterben dann zuerst die Orchideen. In den kurzen Grasstoppeln haben nur wenige Herbstzeitlosen überlebt - die kleinsten. Die Wiese aus meinem Buch wird es in ein, zwei Jahren in dieser Form vielleicht nicht mehr geben.

Und dann ging ich ins Maisland hinein, wo ein Bauer derart mit Herbiziden um sich wirft, das wahrlich nichts mehr wächst. Nur die Hirse und ein seltsames, nicht heimisches Gras, das mit der Aussaat kommt, übersteht sogar das Gift und verdrängt die heimischen Gräser. Und wie ich so durch einen dieser engen Gänge laufe, immer das Gefühl von Hitchcocks North-Northwest im Nacken, dass das Giftsprühflugzeug gleich im Tiefflug heranrasen könne - da erlebe ich die Überraschung der anderen Art.

Der Mais stirbt in diesem Jahr vor sich hin, denn irgendwann ist ein Boden auch zu kaputt für Technologie. Keiner kommt mehr freiwillig hierher. Und so haben all die Trampel und die Leute, die sonst alles kaputt machen, zum ersten Mal einen Bachrain in Ruhe gelassen. Goldbronzefarben stehen dort die Samenschwengel des Mädesüß, nach Hochsommer duftend. Ruderalpflanzen machen sich breit; Pflanzen, die robust genug sind, Wüsten wieder zu begrünen. Vanillegelbes Leinkraut, rote Taubnessel und die hübschen lila Blüten des bittersüßen Nachtschattens. Wo das Gift aus dem Maisfeld einen Hang freigelegt hat, haben die Wasserratten eine ganze Neubausiedlung in die Erde gegraben. Wahrscheinlich huschen sie in der Dämmerung über die kaputte nackte Erde, die landwirtschaftliche Wüste ... hinein ins Brombeergeflecht.

Und das erinnerte mich an einen anderen Text, aus "Das Buch der Rose", wo es um Mesopotamien und die Anfänge geht (S. 16+19) :
"Dass sich Übersetzer streiten, ob es sich um eine Wildrose oder ein Brombeergewächs handelte, ist nicht verwunderlich. Denn selbst die uralte Rose der Phönizier (...) sieht fast so aus, als habe sie winzige Brombeerblüten. Und die Brombeere ist botanisch gesehen ein Rosengewächs, eine Verwandte."

Mit solchen robusten Wildpflanzen, mit dem Begrünen der Wüste entstand im alten Mesopotamien das Konzept der lebenserhaltenden Ebene "edin", schließlich der umhegte Garten der Perser, pairi-daeza - unsere Idee vom Paradies:

"Wenn die ältesten Mythen recht hatten und die Götter sich Menschen als Gärtner schufen, um ihre himmlischen Gärten zu pflegen und in alle Ewigkeit zu bewahren, dann musste es den Gärtnern auf Erden ebenso möglich sein, diesen Traum vom Paradies in die Wirklichkeit umzusetzen. (...) Leben in diesem Dualismus hieß, sich bereits auf der Erde darum zu kümmern und danach zu streben, einem paradiesischen Zustand nahezukommen, das Umfeld zum idealen Garten zu gestalten und vor allem für kommende Generationen zu erhalten." (S. 196f.)

Zitate aus:

Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt (sanssouci bei Hanser)
Petra van Cronenburg: Das Buch der Rose (Parthas)
Beide Bücher rechts im Blog: Anklicken führt zur entprechenden Website

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