28.02.2009

Dammbruch

28.02.2009 0
Na wer sagt's denn...
Bei vierzehneinhalb Grad im Schatten mit einem Milchkaffee in die pralle Sonne gehockt, nichts mehr gehört und gesehen (auch nicht die Baumhäckselmaschine, nicht den Bagger und nicht die Kettensägen drumherum), in anderthalb Stunden vier Seiten Exposé auf Papier fließen lassen - fertig. Mein Koffer-Polen-Heimlich-Roman. Wenn das kein Frühlingsanfang ist!

Aus dem Leben gekippt

Es war verdammt anstrengend heute Nacht. Irgendwer hatte irgendwelche Typen auf mich gehetzt, die ständig in Tieffliegern angriffen. Ich hatte alle Hände voll damit zu tun, meinen Hund ruhig zu halten, rechtzeitig zu verstecken und selbst in Deckung zu gehen. Gemeinsam mit einem Schattenwesen, das ständig mit mir redete und mir erklärte, ich müsse endlich irgendeinen dollen Trick finden, um den schießenden Fliegern zu entkommen, sonst hielte ich das nicht mehr lange durch.

Plötzlich kamen sie alle auf einmal. Ich schnappe mit der einen Hand den Hund, mit der anderen meinen Schatten, renne aus Leibeskräften, sehe viel zu weit weg ein Loch unter riesigen Baumstämmen - und springe. Springe im wirklich letzten Moment, springe weit genug. Kippe in das Loch auf der Erde und fliege. Fliege mit Hund und Schatten in eine herrlich saftige, friedliche Landschaft.

Weißt du, was du jetzt getan hast?, fragt mich der Schatten. Du bist aus dem Leben gekippt.
Und ich hüpfe wie mit riesigen Federn an den Füßen hoch in die Luft, jauchze und rufe: Das ist es! Einfach aus dem Leben kippen, aus der Haut fahren, das ist ja wie in meinem Roman!
Und mein Hund wälzt sich wohlig auf dem Rücken, das Schattenwesen sagt: Jetzt musst du nur noch hineinkippen...

Ich wache auf. Und bin aus dem Leben gekippt. Es trifft mich wie Donnerschlag. Dieser Roman im Traum, den gibt es wirklich! Das ist der, den ich seit nun fünf Jahren erfolgreich verhindere. Und plötzlich ist es so weit.

Was habe ich alles versucht, diese Schnapsidee abzutöten! Ich wollte ein vernünftiges, nett geplantes Leben mit feinen Sachbüchern und mit Romanen, wie andere sie erwarten könnten. Diese Art von Romanen, deren Genre man einmal findet und dann jährlich nachliefert, sich "einen Namen macht", wie das in der Branche so schön heißt. Romane, die nicht allzu sehr weh tun, weil man ja mehrere Bücher im Jahr schreiben muss, wenn man überleben will.

Jener "verschüttete" Roman existierte als Anfangsidee schon in den späten Neunzigern - nur war ich nicht reif für die Idee. 2004 fing ich mit einem Entwurf an, war begeistert, und klopfte 2005 alles in die Tonne. Lachhaft. Möchtegern. Diesmal war ich vielleicht reif für die Idee, aber nicht für das Schreiben. Der Kampf ging weiter. Der Mülleimer blieb wohl gefüllt. Bei jedem neuen Anlauf veränderte sich die Geschichte so sehr, dass sie nicht einmal Kollegen wiedererkannten. Zwei, drei Leute, die sich jetzt grinsend die Hände reiben werden, haben mir gesagt, ich soll da dranbleiben.

Ich blieb nicht dran. Ich wehrte mich. Ich tat alles, um diesen Roman nicht schreiben zu müssen. Ich legte ihn jahrelang weg, vergaß ihn sogar. Und ich versagte natürlich kläglich, beim Entwurf, am Text. Dumm nur, dass sich manche Figuren nicht abwimmeln lassen. Sie tauchen an den unmöglichsten Stellen im Leben wieder auf. Werden aufdringlich. Also suchte meine Vernunft nach Argumenten. Ich würde mir dieses Risiko nicht leisten können. So einen Roman kauft man nicht blind im Voraus, der muss fertig geschrieben sein. Wovon lebe ich in der Zeit? So einen Roman schreibt man nicht locker nebenbei in acht Monaten "herunter".

Im vergangenen Jahr war es so weit. Ich hatte gerade mal wieder eine gesunde Trotzphase gegen die Umtriebe in der Branche und beschloss, mir "Heimlichschreiben" zu gönnen. Etwas nur für mich, das ich niemandem zeigen musste, schon gar nicht veröffentlichen musste. Hobby. Und ich entwarf jenen fast schon angegrauten Roman völlig neu und fing an. Es floss. Das war ich. Das war meins. Auf einmal wurde Schreiben trotz der Schmerzen mit dem Thema so leicht und wunderbar. Ich hatte das Gefühl, nichts anderes mehr machen zu wollen. Aber da war natürlich die Vernunft. Und da waren all die Projektentwürfe in meinem Portfolio.

Dann kam Ende vergangenen Jahres mein Hörprojekt. Es passte so verdammt gut zu meinem heimlichen Roman, dass es nicht mehr feierlich war. Ich hatte ja noch keinen Text für jenes Projekt - und bewarb mich in einem Anfall von Verrücktsein mit einem Text aus jenem Roman. Sprachprobe. Es klappte. Seither verändert sich meine Sprache. Das Hörprojekt klingt in den Roman, der Roman schmiegt sich ins Hörprojekt. Ich habe nicht einmal mehr das Gefühl, an unterschiedlichen Dingen zu arbeiten.

Aber meine Vernunft plante anders. Ab und zu als Hobby, das ist erlaubt, aber werde endlich vernünftig, nimm dir ein Beispiel an deinen Kollegen, die heute schon wissen, was sie in zwei Jahren schreiben werden. Tu endlich etwas für deine Sicherheiten! Also entwickelte ich parallel Romane nach meinem Herzen, die "leichter gehen" würden. Ich schuftete am Exposé und schrieb 160 Seiten abgabefein fertig. Jetzt hatte meine Vernunft Oberwasser: Du wirst nicht 160 verkäufliche Seiten liegenlassen, um diesen komischen Roman in vollem Risiko zu schreiben!

Es passierten dann komische Dinge. Manche nennen es primitives magisches Denken, andere reden von Synchronizitäten und die meisten machen sich über Wunschdenken lustig. Mir passiert es immer, wenn ich an einem Projekt arbeite, das tatsächlich in die Wirklichkeit geboren werden kann. Es ist dieser Punkt, wo ich weiß, ich tue das Richtige, auch wenn alle anderen unken. Ich stolpere im Alltag über etwas, das ich erfunden habe. Für den Lavendelblues hatte ich eine Figur erfunden, mit Namen und Biografie, die dann aber doch nicht im Roman vorkam - nur winzige Teile. Eines Tages bekam ich eine Mail von jemand mir Unbekannten mit so einem Namen und wischte mir noch die Augen, lachte. Ich lachte weniger, als dieser Jemand den gleichen Beruf wie jene längst erfundene Figur hatte und auch sonst Parallelen zeigte. In dem Moment wusste ich, das Projekt würde funktionieren.

Mit dem Heimlichroman gab es auch solche komischen Momente, die darin gipfelten, dass ich selbst unbewusst Symbole aus dem Roman ins Leben holte. Meine Romanfigur besitzt einen Koffer, den sie nicht öffnen mag - ich entwickle eine szenische Lesung aus einem Koffer. Kann man so dumm sein, sich dann immer noch gegen die eigenen Ideen zu wehren? Ja, man kann. Jedes Mal, wenn ich heimlich schrieb, machte ich mir Vorwürfe, welche wichtigen und vernünftigen Arbeiten liegenblieben.

Nur bin ich heute Nacht aus diesem dummen Leben weggekippt. Die Hauptfigur aus dem Heimlichroman lacht sich scheckig und zeigt mit dem Finger auf mich. Mir sind die Ausreden ausgegangen. Meine Hauptfigur hat einen Koffer in der Hand, der Mensch aus meinem Hörbuchprojekt sowieso. Was soll ich machen? Ich habe den meinen auch gepackt, endlich. Egal, wohin die Reise geht. Egal, ob ich auf die Nase falle. Und die Tiefflieger können mich mal...

PS: Falls jemandem dieser Beitrag bekannt vorkommt - meine Vernunft hat hier sicher schon öfter darüber geschrieben, warum sie es nicht tut. Hiermit habe ich ihr einen übergebraten...
PPS: Peinlich, wie ähnlich ich mir schon einmal Mut angeschrieben habe, um mir dann doch nur wieder einzureden, es sein zu lassen. Ich verspreche, meine LeserInnen nicht mehr mit zig naturidentischen Geschichten zu langweilen. Ich mach das mit dem Heimlichroman am Montag amtlich.

27.02.2009

Geheimnisvolles Glühen

27.02.2009 0
Synästhesiespielchen...

Mag jemand in mein Hörprojekt schauen, das gerade entsteht? Ja, schauen. Ich habe Text und Klang durch ein paar Programme gejagt und die Bilder davon aufgefangen.
Auf dem ersten Bild kann man den Titel des Projekts, auf dem zweiten den Anfang des erste Kapitels sehhörlesen...
Bilder durch Anklicken vergrößern

Wort-Schatz: Was feiert der Feierabend?

Als ich im vergangenen Jahr den Text für einen Theaterabend aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte, lernte ich etwas über meine Muttersprache dazu: Der Feierabend ist eine deutsche Eigenheit, die manche Ausländer den Deutschen auf den ersten Blick gar nicht zutrauen wollen. Für die meisten Grenzgänger unter den Franzosen war es nämlich neu, dass man da irgendetwas für den Abend feiert - und dass die Deutschen wohl mindestens fünf Abende in der Woche Feste geben.

Was ist nur gemeint? Allabendliche Feten? Partys vor dem Abendessen? Und warum wünscht ein deutscher Angestellter seinen Kollegen am Ende eines Arbeitstages gar "einen schönen Feierabend"? Da musste nach der Arbeit also irgendetwas Fröhliches kommen, auf das die Leute den ganzen Tag gespannt warteten. In Frankreich kennt man das nicht. Man sitzt im Büro, sitzt auch lange bis in den Abend im Büro - und findet das in der Regel ganz normal.

Es gibt noch eine Spezies, die den Feierabend nicht kennt: Schriftsteller. Wir können das Geschichtenerfinden und Lesen ja bekanntlich kaum einstellen. Manche sind sogar völlig unfähig für Feierabende und geraten in Panik, wenn sie einmal ein paar Stunden nicht schreiben oder nachdenken dürfen.

Es ist lustig, eben erlebte ich zum ersten Mal seit langem wieder das Gefühl, einen Feierabend zu haben, obwohl heller Mittag ist. Ich habe eine Terminarbeit abgegeben. Mit einem Mausklick war alles erledigt. Feierabend. Grund zum Feiern, wirklich. Ich habe etwas geschafft. Und ich freue mich in der Tat unbändig.

Nein, nicht auf Feierzeit = Freizeit. Ich freue mich unbändig, dass ich noch den ganzen restlichen Tag Zeit habe für meine "wirklichen" Texte. Buch, ich komme! Ich kann ohne Schreiben nicht sein. Arbeit ist für mich, wenn ich das Schreiben mühsam vermeiden muss...
Allen anderen natürlich einen schönen Feierabend - den man ruhig auch mal tatsächlich feiern darf!

e-book reader flop?

Golem hat den neuen Sony-e-book-reader getestet und kommt zu Ergebnissen, die alle entspannen dürften, die (unbegründete) Angst vor dem Untergang des Papierbuchs haben.
Zwei Sekunden zum Blättern, beim Überblättern sogar noch mehr - und eine absolut fehlende Suchfunktion - da kann man sich getrost wieder den billigeren pdf-Dateien und CD-ROMs auf dem Computer zuwenden. Dass man dann, weil aktuelle Titel rar sind, geraten bekommt, Titel von Gutenberg herunterzuladen, ist wohl ein (ver)alteter Witz. Das hatten wir doch schon vor vielen Jahren, das gibt es auch auf CD-ROM, kompatibel zu allen Betriebssystemen.

Mein Tipp: Für 299 Euro bekommt man eine Menge gedrucktes Buch. Badewannenfest, strandkompatibel, beschreibbar, ratz-fatz umzublättern und auch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke noch zu lesen - bei Stromausfall sowieso.

26.02.2009

Zahnpasta, Zander und die Metaebene

26.02.2009 0
Was haben Zahnpasta, Zander und Maiglöckchen miteinander zu tun?
Komplexe Romane (wie auch Kunstwerke) haben etwas, das Fachleute "Metabene" nennen. Völlig vereinfacht gesagt, spricht hier im Kopf der Leser eine sichtbare Ebene mit einer anderen - und daraus entsteht etwas, das nur zwischen (meta) den Zeilen oder im Kopf der Leser gesagt wird. Es ist dieses berühmte Etwas, das wir beim Schreiben nur bedingt und schon gar nicht analytisch denkend beinflussen können - und was uns beim Veröffentlichen das Buch völlig entgleiten lässt - weil man es subjektiv interpretieren kann.

Ein simples Beispiel:
Ich lasse ein paar Mal einen Fisch in einem Roman herumschwimmen.
Ebene 1: Fisch schwimmt als Realwesen durchs Bild.
Ich erzähle, wie eine Nebenfigur die Anekdote erzählt, Fische würden nicht merken, wenn sie eingesperrt sind.
Ebene 2: Fische spüren Gefangenschaft nicht - als Aussage.
Jemand betritt einen Schnellimbiss, rastet aus, weil der Fishburger nur lauwarm ist und läuft Amok.
Metaebene: Was erzählen Ebene 1+2 womöglich über den inneren Zustand dieses Amokläufers?

Warum ich das erzähle? Ich fand gerade ein wunderschönes Beispiel dafür, wie Gugl Metaebenen produziert und dadurch anschaulich wird, wie wenig man diese verdammten Dinger willentlich konstruieren kann. Was da durch Assoziationszufall (bei Gugl machen das die Algorithmen) blüht, ist faszinierend - aber auch zerbrechlich, subjektiv, veränderlich. Genau wie im Roman!

Jemand sucht die Begriffe: Zander + Zahnpasta + Fahrenheit 451, also reale Ebenen 1-3.
Ausgespuckt wird eine Seite meines Blogs. Nun ist klar - vordergründig haben die Ebenen bei mir nichts miteinander zu tun. Ich habe ein Buch mit dem Wort "Zander" im Titel geschrieben. Ich habe Ray Bradbury's "Fahrenheit 451" empfohlen. Und ich vergleiche Massentitel mit Zahnpasta mit Maiglöckchengeschmack. Die Ebenen 1-3 verbindet also nichts miteinander, außer dass es sich in allen drei Fällen um Bücher handelt. Daraus eine Metaebene lesen zu wollen, wäre sehr beliebig.

Jetzt entsteht aber durch Zufall (?) eine Verknüpfung, die mir - der Autorin - garantiert nicht bewusst war. Die ich auch nicht absichtlich konstruiert oder eingebaut haben kann. Weniger sicher ist, ob ich mich nicht unbewusst erinnerte, ob nicht das Unbewusste mir eine Assoziation in den Text schrieb, auf die ich willentlich nie gekommen wäre. Denn ich habe Bradbury's Buch vielfach gelesen, nachhaltig beeindruckt.

Warum vergleiche ich die lachhaften Massentitel ausgerechnet mit Zahnpasta? Ich hätte genauso gut etwas anderes als Metapher nehmen können.

Nun, Gugl hat für mich bei Ray Bradbury nachgeschlagen und eine interessante Textpassage entdeckt. Es ist die Szene, als die Bomben auf die Stadt fallen und Montags Haus mit den Bildwänden zerstört wird. Er liegt staubverklebt am Boden und erinnert sich an den Text eines der verbotenen Bücher, den Prediger Salomon - und er erinnert sich an den reinen Buchtext, ohne die Einflüsterungen der "neuen" Welt, der Werbung und der Soaps auf den Bildwänden. Es ist die Schlüsselszene, in der er endgültig zum Rebell für die Bücher wird:

"Er sagte sich die Worte innerlich vor, dicht an die bebende Erde geschmiegt, er wiederholte den Text viele Male, und der Wortlaut war da, ohne daß er sich mühte, und nirgends kam etwas von Zanders Zahnpasta darin vor, es war nur der Prediger ganz allein, der da innerlich vor ihm stand und ihn anschaute..."

Zanders Zahnpasta. Das war einer dieser idiotischen, verdummenden Werbespots auf den Bildwänden, aus dieser Welt, die Bücher verbrannte.

Und jetzt lesen wir damit im Hinterkopf die Passage, die Gugl bei mir auswirft:
"Wäre man Spötter, könnte man meinen, einer gewissen internationalen Unternehmensberatung sei es endlich gelungen, auch in deutsche Programmkonferenzen eine Software mit Algorithmen einzuführen, die auf dem vermeintlichen Wissen basieren: Wenn die Kunden freiwillig Zahnpasta mit Maiglöckchengeschmack gekauft haben, verkaufe ihnen Maiglöckchenzahnbürsten, -waschlappen, -kämme und Geldanlagen mit Maiglöckchengeschmack dazu..."

Wer nun meinen Text - mit "Zanders Zahnpasta" im Hinterkopf - anders als vorher liest, der hat sie - die neue Metaebene. (Und wer über die Algorithmen in meinem Text stolpert, kann das Spiel bis ins Unendliche treiben).
Dieses "andere", diese Bedeutung mehr, das ist das Geheimnis.
Und weil jeder Mensch seine eigenen Assoziationen, Wahrnehmungen oder Erfahrungen hat, wird jeder ein und dasselbe Buch anders lesen.

Das ist das Faszinosum an Büchern, vor allem an mehrschichtigen: Ein Buch ist ein Kosmos. Eine Welt, die erst entsteht, wenn die Welt des Autors mit der Welt des Lesers in Dialog tritt.

Kasperletheater die Zweite

Nach den behördlichen Kasperle-Erlebnissen von letzter Woche habe ich mich sofort an ein dringendes Fax gesetzt und um dringenden Rückruf gebeten. Nada (völlig normal). Am Montag wieder, Fax weg, Anruf. Nada. Etwas zugewartet. Heute frisch ans Telefon geklemmt. Ja, tut uns leid, die Bearbeiterin hat das Fax noch bekommen, aber sie ist seit Montag im Urlaub. Aha. Und warum hat mir das am Montag keiner gesagt?

Nachdem ich die Dinglichkeit etwas dringlicher gemacht habe, erbarmte sich Cheffe und erklärte mir meinen Fall, der doch soooo klar sei. Also, ich sei eindeutig das Opfer eines behördlichen Missverständnisses (man beachte die Verwendung von Euphemismen). Tja, so weit war ich nach über einem Jahr Kampf auch schon. Dann scheiterte das Gespräch daran, dass ich ein Formular in der Mappe nicht sofort finden und dessen Name herbeten konnte. Ich bin mir sicher, ich hatte es ein paar mal beim Wühlen in der Hand, aber wie das so ist, wenn man nervös ist... Also beschwor ich eben, dass es da war, das namenlose, dessen Inhalt ich aber auswendig wusste. Und das der Sachbearbeiter von letzter Woche ja sogar im Computer gefunden hatte.

Mein Fall sei doch klar wie Kloßbrühe (sein Wort in der anderen Behörde Ohr)! Die hätten widerrechtlich gehandelt (sag ich doch). Ich bekäme sogar noch Geld von denen (ach, wenn man entgangene Freuden bezahlen könnte). Aber das würde jetzt nichts helfen, wenn ich das nicht mit der Dame machen würde, die im Urlaub ist, denn nur die kennt meinen Fall. - Also doch etwas komplizierter?

Fazit nach fast einer Woche Dringlichkeitsstufe Rot: Auf ihrem Schreibtisch wird eine Cheffe-Notiz liegen, dass sie mir gleich am Montag nach Rückkunft einen Schnelltermin gibt. Hoffentlich lässt sie mir noch die Stunde Fahrzeit zu ihrem Büro, man hat ja sonst nichts zu arbeiten...

Mir fällt das Wort eines Verwandten ein, der schon früh in die Résistance ging: "Sag nie zu viel, schweig. Sobald du etwas deklarierst, kann es dich in die Hölle bringen."

25.02.2009

Selbstauflösende Autoren

25.02.2009 2
Wir kennen das Phänomen meist eher von Schauspielern: Die Zuschauer verwechseln Rolle und Mensch. Da ist doch die Schmalzige mit den Kringellöckchen, denken sie, oder: Warum spielt der immer so perfekt Bösewichte, der muss doch als Kind zu heiß gebadet worden sein? Jetzt war sie doch tatsächlich so ätzend in dem Film, ich glaube, sie muss private Probleme haben, sonst ist man doch nicht so ... Fanpost und entsprechende Foren sind voll von solchen Scheinrealitäten, hinter denen der Mensch verloren geht, bevor er je hätte sichtbar werden können.

Wir Schriftsteller haben es bekanntlich besser. Meist kennt man unsere Cover, aber nicht unser Gesicht. Die Leute sezieren unsere Texte, selten die Biografie. Schriftsteller sind im Allgemeinen diejenigen, die sich vor dem Rampenlicht verstecken. Aber haben sie es wirklich besser?

Es gibt eine Frage, die höre ich in jeder Lesung mindestens einmal. In jeder. Auch wenn ich ein Sachbuch geschrieben habe. (Und ich weiß, den meisten KollegInnen geht es ähnlich).

"Wie viel an Ihrem Buch ist autobiografisch?"

"Was in Ihrem Buch sind Sie?"

In den letzten Jahren hat die Verwechslungsgefahr zwischen der Fiktion im Buch und der Realität des Schriftstellers erschreckend zugenommen, selbst Feuilletonisten gehen dieser Mode auf den Leim. Vielleicht, weil wir eine Fernsehgesellschaft sind, die Bildern mehr glaubt als dem eigenen Verstand?

Bei meinem ersten Roman habe ich mir den Jux gemacht, die Zuhörer raten zu lassen, was in diesem Buch "echt" war. Es handelte sich nämlich um eine einzige, winzige Szene, die ich der Wirklichkeit abgeschaut hatte, weil ich so herrlich abstrus gar nicht erfinden kann (normalerweise reicht meine Fantasie, um alles zu erfinden). Ich war mir der Gefahr der falschen Projektionen natürlich bewusst. Wenn man in der "Ich"-Perspektive schreibt, muss man das doch selbst sein, denken viele.

Bei den meisten Szenen, die mir meine Leser auf den Leib schreiben wollten, musste ich lachen und einwerfen, wenn ich das wirklich selbst erlebt hätte, säße ich heute nicht hier, sondern im Sanatorium oder in der Südsee. Nein, keiner kam auf die echte Szene. Ich hatte mir nämlich ein real existierendes französisches Gericht abgeschaut. Ausgerechnet das war die Stelle, wo jeder glaubte, meine Fantasie schlage Purzelbäume. Die Frau kann sich vielleicht verrückte Sachen ausdenken!

Leider spielen immer mehr große Verlage mit der Erwartungshaltung potentieller Fans. Es ist mittlerweile üblich - weil man im deutschsprachigen Raum nicht vielseitig sein darf - "andere" Arbeiten hinter einem Pseudonym zu verstecken, das natürlich eine eigene Biografie verpasst bekommt. Im besten Fall nimmt man dafür unwichtigere Dinge aus dem Leben und "stylt" sie in eine gewünschte Richtung; im schlimmsten Fall schreibt die Werbeabteilung einen PR-konformen Menschen zusammen. Aber auch echte Biografien werden inzwischen zurechtgestutzt. Da wird der Jugendbuchautor schnell mal zehn Jahre jünger gemacht, der Frauenromanautor virtuell zur Frau umoperiert.

Es ist manchmal ganz spaßig, sich seine multiplen Persönlichkeiten anzuschauen - und ich erinnere mich noch gut an das Vergnügen, ein besonders tantenhaftes Pseudonym entlassen zu haben, obwohl mir der Name gefiel. Nicht so praktisch war, dass ich niemals beweisen konnte, dass die Artikel einer gewissen Frau Zielinska die meinen waren - dumm, wenn man Bewerbungsunterlagen von einem Fantasiewesen braucht.

Dabei wäre das alles gar nicht nötig. LeserInnen verwechseln einen ohnehin ständig mit Romanfiguren und können sich keine Gesichter merken. Als ich unlängst meine Bücher signierte, hing an der Frontseite des Tischs das Plakat mit einem riesigen Portrait von mir. "Nein, das sind doch nicht Sie!", rief eine Leserin sichtlich entsetzt und blickte mich groß an. "Auf dem Bild sind Sie doch sooooo viel älter und ganz anders!" Ich habe mich selten so jung gefühlt. Das Foto war zehn Jahre alt.

"Aber nein, der Roman kann unmöglich von Ihnen sein!" befand eine andere. Ich dachte, ich müsse meine Bücher doch kennen. Die Dame klärte mich auf: "Ich habe einen untrüglichen Blick für Menschen! Auf dem Roman ist eine andere Frau drauf als Sie. Und auf Ihrer Website, das sind Sie auch nicht." Ich fühlte mich prächtig. Ich saß neben diesem peinlichen Plakat und löste mich auf. Plötzlich gab es mich nicht mehr. Ich war eine (von der Leserin?) erfundene Figur, die eine Schriftstellerin spielte, die wiederum gar nicht sie selbst war. Ich wollte gar nicht weiter über die möglichen Folgen nachdenken, in solchen Momenten glaubt man, das Hirn müsse im Kopf schwappen.

"Mein Agent traf Leute, die nicht glaubten, dass der Autor von The Question of Bruno existiert", schreibt Aleksandar Hemon an Myla Goldberg (s. Beitrag von gestern). Und dann erzählt er von seiner unbändigen Freude an Lesern, die ihn derart zum Verschwinden bringen. In seiner Fantasie würde er solche Leute treffen und versuchen, ihnen mit allen Regeln der Kunst zu beweisen - dass er tatsächlich nicht existiert.

Irgendein Kollege hat mal gesagt, wir Autoren wären hemmungslose, zwanghafte Selbstdarsteller, sozusagen in der Dauerrolle unseres Selbst gefangen. Und wir würden in unseren Büchern ständig nur uns selbst auf eine imaginäre Bühne projizieren. Einerseits ist da etwas dran. Sobald irgendetwas zu Text gerinnt, wird es inszeniert. Ständig sitzen uns dieser Dramaturgieteufel im Genick und der fette Sprachkritiker und der Geschichtenerzähler. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich nicht einmal mehr Mails hinschmieren kann. Immer wird daraus TEXT in Großbuchstaben. Aber hat das Text nicht an sich, dass er inszeniert wird? Verändert nicht schon der Teeny im Tagebuch die Realität in dem Moment, in dem sie zu Papier gebracht wird?

Ich glaube das mit dem Selbstdarsteller langsam nicht mehr. Wollten wir das wirklich, gäbe es weiß Gott passendere Berufe. Ich glaube auch nicht daran, dass wir uns selbst ständig aufs Papier gebären müssen. Mag allenfalls sein in der Nabelschauliteratur.

Was, wenn wir alle nur hart daran arbeiteten, uns zum Verschwinden zu bringen?! Unsere eigenen Realitätsgrenzen aufzulösen? Woher kommt dieses unbändige Vergnügen, wenn Leser nicht glauben, dass man existiert; wenn sie einem absprechen, man selbst zu sein?

All diese armen Tröpfe in Verlagen, die glauben, man müsse für ein Buch jünger oder älter sein, Mann oder Frau, heruntergekommen oder reich, schmalzgelockt oder melancholisch, zu heiß oder zu kalt gebadet! Was sind sie in ihrer winzigen Existenz gefangen! Und sie merken gar nicht, dass sie versuchen, eine Person in den Griff zu bekommen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt...

24.02.2009

Aleksandar Hemon: The world goes through me

24.02.2009 0
Eben tauche ich aus einer Übersetzungsarbeit auf und erhole mich beim Perlentaucher; falle über eine Leseprobe, sehe, dass ich wieder die letzte bin, die das Buch zu kennen scheint, und entscheide: das ist seit Column McCanns "Der Tänzer" endlich einmal wieder ein "must have". Falls es jemand ähnlich geht - der Autor heißt Aleksandar Hemon, der Roman "Lazarus" (Knaus) - und der multikulturelle Mensch ist einer dieser in meinen Augen begnadeten Schriftsteller, die in verblüffender Schnelligkeit dazu kommen, Romane in einer Fremdsprache zu schreiben (ich wünschte, ich beherrschte das in der eigenen genügend).

Hängengeblieben bin ich an der Jahreszahl 1908, die faszinierende Zeiten verspricht. Die Zusammenfassung des Inhalts auf der Verlagsseite war schwach, wirr und abstoßend, aber der Text betörend. Es klingt wie ein sehr journalistischer Roman, weil die Sprache selbst wie ein Kunstgriff wirkt: Hier verschwimmt das erzählende Sachbuch völlig ins romanhaft Fiktive, ins Epische. Dazu Witz und Trauer in berührender Mischung und Sätze wie diese:
"Nein, ich bin kein Jude. Mary auch nicht.
Ich bin auch weder Muslim noch Serbe oder Kroate.
Ich bin kompliziert."

Was ich aber eigentlich empfehlen wollte, sind einige Interviews mit Aleksandar Hemon, die (auf Englisch) anregend vermitteln, warum Schriftstellern einer der schönsten und verrücktesten Berufe der Welt ist. Wenn einer Bücher mit Gustav Mahler schreibt und nicht nur mit Figuren spricht, sondern im Geiste auch noch mit berühmten Schriftstellern telefoniert, bis diese nicht mehr abnehmen wollen, dann möchte ich ihn glatt von Strawinsky anrufen lassen, um einen Termin mit Griffith für ein Stummfilmdrehbuch auszumachen.

In obigem Essay schreibt er: "The world goes through me, and some particles of it, for random reasons, unrelated to my will or my mind, stay with me." Schreiben heißt für ihn, "pathologisch offen für Einflüsse" zu sein, in einem immerwährenden Dialog mit der Welt.

In einem Interview zu seinem älteren Kurzgeschichtenband gibt er zu, vorher "some kind of minimalist shit" geschrieben zu haben und in Jahren die neuen Geschichten wahrscheinlich als "babbling" zu empfinden - Schreiben als stetige Selbstentwicklung. Es geht in den Geschichten um verlorene Welten, das Erinnern. Wer sich dafür interessiert, was mit dem Leben und dem Schreiben passiert, wenn es zu "clean" wird, wozu Literatur verkommt, wenn man sie glättet, der sollte unbedingt hineinlesen. Fein auch die Theorie vom Schriftsteller als einer seltsamen Art von Dauerspion: "And there are spies who are in the sight of everyone but they don't know exactly who they are."

Mehr Zeit und Aufmerksamkeit sollte man für das Round Table Gespräch von Random House mitbringen, einen Mailwechsel zwischen Aleksandar Hemon und Myla Goldberg. Es geht um Kinder und kulturelle Modelle in der Literatur, die Rolle der Literatur und der Sprache. Es geht um die eigene Geschichte und die Niederschläge der Welt im Roman, um Figuren und all die drängenden Fragen, die Schriftsteller so oft mit sich auskämpfen müssen - oder sich davor drücken wollen... Es geht um Realität und Imagination, um Synchronizitäten und von Lesern geschaffene Scheinwirklichkeiten (diese ewige Verwechslung von Autor und Figur). Es geht um Beschränkungen und Grenzüberschreitungen... kurzum all diese Dinge, die zusammengefasst unendlich banal klingen und beim Nachdenken umso stärker am Autorenseelchen kratzen. Unbedingt lesen!

Jetzt klinge ich auch schon wie die Heidenreich, aber ich meine es ehrlich, ich drucke mir das jetzt für den Feierabend aus, bevor ich mich morgen wieder an das Faszinosum mache, das unendlich bedeutungsreiche Wort "esprit" richtig ins Deutsche zu übersetzen...

Lesetipps:
Aleksandar Hemon: Lazarus, Knaus Verlag
Myla Goldberg: Die Buchstabenprinzessin, Kindler / rororo
Typisch für den Umgang mit manchen literarischen Talenten in Deutschland: Das Buch erreichte über 30 Auflagen in den USA, ihr Roman "Bee Season" wurde mit Richard Gere und Juliette Binoche verfilmt - aber von Myla Goldberg sind alle deutschsprachigen Übersetzungen längst verramscht oder edel ausgedrückt: vergriffen.
Anm: Wer kein Englisch kann - die Websiteübersetzung von Google ist zwar spaßig, aber man kann dem Text doch einigermaßen folgen.

roccultur 04

roccultur: Beißfester als Popkultur, authentisch wie Rocco, unser französischer Korrespondent von der berüchtigten Beauceron-Berger-Belgique-Connection.
Erschnüffelt vom Bodensatz der Feuilletons, herabgezerrt aus den Höhen des Kulturbetriebs. Kurz, knapp, mit einem Wau. Kunst und Literatur, geprüft auf Fresswert und Lustgewinn, bewertet zwischen Schlafen und Schlaraffen. Ein Happs und weg? Oder zum genüsslichen Dauerkauen geeignet? Roccultur hat Platz auch in der kleinsten Hütte.

Die Menschin wünscht sich eine Faschingsnummer von mir. Menschen! Nun gut. Wie wäre es mit der zweibeinertypischen Bezeichnung vom "Schweinehund"? Schon mal darüber nachgedacht, warum die uns das Wort antun? Etwa, um Hundesteuer zu sparen?

Wikipedia weiß anscheinend mal wieder alles besser als ich und klärt uns nur halb auf, aber immerhin: die Deutschen haben zwei Schweinehunde, Effektivität will gelernt sein. Und angeblich sei das alles nicht zu übersetzen, also urdeutsch sozusagen. Da ist einmal der Schweinehund in uns selbst, der sogenannte "innere Schweinehund".Der wird von den meisten Menschen gepflegt und gehegt und irgendwann fett. Ist aber unbedingt zu bekämpfen, will man Mensch bleiben. Sagen Zweibeiner jedoch zu ihrem Gegenüber "Du Schweinehund!", dann ist das eine freundliche Verniedlichung des "Sauhunds" und ein böses Schimpfwort. Nur - warum haben die Deutschen dieses Problem mit ausgerechnet den treuesten und intelligentesten Vierbeinern, die es auf einem Bauernhof gibt? Warum wir?

Tappen wir ins Ausland, wo es das Problem angeblich nicht gibt. Von wegen! Nur die Engländer geben sich mal wieder cool: "to overcome one's weaker self" psychologisiert man sich den inneren Schweinehund weg und schimpft seinen Nachbarn "bastard", unwissend, dass gerade Promenadenmischungen die robustesten Hunde sind. Die Spanier suhlen sich schon eher im Mist des Schweinekobens, wenn sie "den inneren Schweinehund überwinden" mit "dominar los bajos instintos" übersetzen. Irgendwie sind mir die "niederen Instinkte" hier ehrlicher als die schwachen Engländer. Saftiger beschimpft man auch den bösen Nachbarn: "Hijo de puta" - das sind dann diese Wörter, die man sich im Wörterbuch g'schamig verkneift.

Dass Polen sowohl Schweine als auch Hunde mögen, merkt man schon an der Sprache. Gemütlich geht's zu mit dem Schweinehund, denn "zwalcza´c lenia" klingt zwar oberflächlich ein wenig nach kriegsähnlichem Kampf, aber bitte, wenn dann das niedliche Tierchen einfach nur faul ist, sozusagen vor dem inneren Feuer liegt und sich wärmt - da kann man doch so viel nicht kämpfen müssen? Ich lege mich da glatt dazu. Mit den Schimpfwörtern wird es dann schon schwerer, den Reichtum kann ich hier kaum vermitteln.

Beschränken wir uns auf den "´swintuch", der sich direkt vom Schwein und ohne Hund ableitet und in der Verbform einfach "schweinigelt" (im Deutschen hat man es mit komischen Mischwesen) oder sich dreckig benimmt. Was Dreck und Mist betrifft, wäre dann "du Bauer!" nicht das adäquatere Wort gewesen? Es gäbe auch noch den "plugawiec" als Übersetzung. Damit sagen wir unserem Nachbarn, er sei ein unflätiger, schamloser Mensch. Aber selbst wenn der "plugawiec" im Deutschen verschweint wird, im Polnischen denkt man ihn mit Krabbelgetier! "Plugastwo" ist nämlich nicht nur der Dreck im Koben, sondern eher das, was in einer verdreckten Menschenwohnung herumläuft: Ungeziefer.

Beim Nachbarn links sieht alles ganz anders aus. Keine Schweine, keine Hunde, keine Küchenschaben. Franzosen empfinden mit den Sinnen. "Surmonter sa pétoche" heißt "den inneren Schweinehund überwinden. "Surmonter", überwinden, hat auch etwas Körperliches. Der Berg "surmonte" / überragt den See im Tiefland. Folglich wäre "pétoche" jener See da unten. Und in der Tat ist damit etwas Feuchtes ziemlich weit unten gemeint: "Der Schiss in der Büx" wäre die angemessene Übersetzung. Hier wird also endlich der stinkende Mist nicht auf ein edles Tier geschoben, hier gibt der Mensch zu, den Schiss in der eigenen Hose zu haben!

Und deshalb bin ich der Meinung, der wirklich echte Schweinehund der Zukunft kann nur aus Frankreich kommen. Vergessen wir mal all das deutsche Psychogesülze von Motivationstrainern, Fitnesstrainern, Gesundheitstrainern, Mentaltrainern, Erfolgstrainern, Unternehmenscoachs, Ordnungshütern und Diätaposteln - das erinnert dann doch zu sehr an den Missbrauch des inneren Schweinehunds durch die Nazis (die machten auch vor nichts Halt!), die mit Anti-Schweinehund-Propaganda ihre angeblich soldatischen Tugenden durchdrücken wollten. Ich als Hund sehe mit Bedenken die Ähnlichkeiten zwischen Oberfeldwebeln und Trainern, zwischen Diziplin im Schützengraben und vor dem Kühlschrank!

Der innere Schweinehund ist doch, wenn wir ehrlich sind, ein Franzose. Und was für ein wunderbares Tier! Wer je im Périgord war, weiß, dass sich zwei der edelsten Tiere dort einen Beruf teilen, von dem deutsche Gourmets nur träumen können. Schwein und Hund sind aufgrund ihrer Intelligenz, Menschenfreundlichkeit und vor allem ihrer extrem feinen Sinne geradezu dazu prädestiniert, im Dreck zu wühlen, niederstes Kroppzeug im Boden zu erspüren und jede Faulheit zu vergessen, wenn sie dieser Duft in der Nase rührt: der Duft von Trüffeln! Man beschimpft sie nicht - man belohnt sie.

Machen wir uns klar, dass Schweinehunde die ideale Kreuzung von Trüffelschweinen und Trüffelhunden sind! Warum sie bekämpfen, warum sie nicht sogar im Gegenteil ausbilden!?! Menschen, seid stolz, wenn ihr einen inneren Schweinehund habt! Hegt und pflegt ihn. Er zeigt euch Sinnenfreude. Er macht euch immun gegen selbsternannte Ordnunghüter und soldatische Trainer, die ihre Propaganda in Psychoratgebern in die Welt brüllen - nur um euch das zu nehmen, was euch mit dem prallen, saftigen Leben verbindet, in dem man sich doch so lustvoll wälzen könnte wie ein ... Schwein, ein Hund, ein Schweinehund!

Bleiben Sie stark, lassen Sie sich keinen Gummiknüppel für einen Knochen vormachen, und alles wird gut!
Eine geruhsame Nacht,
yours truly Rocco

23.02.2009

Vorsicht, Werbung

23.02.2009 2
Irgendwie bin ich nicht mehr ganz up-to-date. Eben habe ich entdeckt, dass es von meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt", also vielmehr vom Hörbuch zum Buch, eine Hörprobe im Internet gibt. Die Stimme von Doris Wolters, mit der der Text vertont wurde (Rezepte gibt's im Beiheft) findet man hier auf der Verlagsseite. Einfach unter dem Cover "Hörprobe" anklicken.

Als Autor ist man ja immer ganz besonders hibbelig, welcher Schauspieler den Text sprechen wird und was er oder sie daraus macht. In diesem Fall war ich nicht nur sehr glücklich mit der passenden Stimme, sondern habe für meine eigenen Lesungen viel gelernt. Und gestern habe ich mit Überraschung vernommen, dass ein Exemplar meines Hörbuchs - die Welt ist klein - ins Land des Lavendelblues gereist ist, in den Quercy. Eigentlich heißt es doch immer, Mörder kehrten an ihren Tatort zurück?

Verzweiflung im Kasperletheater

Vorhin war der große Moment. Dieser Amtsbesuch, bei dem es um Sein oder Nichtsein ging. Denn das Amt hat ganze zweieinhalb Stunden geöffnet - die Woche. Thema für mich: verzweifelte Frau am Rande des Abgrunds. Ich hatte mich vorbereitet. Trug gelbliche Beigetöne, die mich krank aussehen lassen, einen matten leichenfarbenen Lippenstift und eine Holzfällerjacke, die dreimal zu groß war (das macht einen zerbrechlicher). Haare ungekämmt und hässlich hinter die Ohren gezaust. Nervöses Fingerkneten und Nesteln an der Brille hatte ich drauf, ich war ja wirklich verzweifelt.

Eine veritable Menschenmenge saß an leeren Bistrottischen in einem ungeheizten Warteraum, alle Sprachen dieser Welt. Ich zog Tschechow aus der Tasche und las "Angst", um mir von der Figur namens "Vierzig Märtyrer" noch etwas Stimmung abzuschauen. Mit halbem Ohr hörte ich in die Menge. Dort, wo ich die Sprachen verstand, waren die Gespräche schlimmer als Tschechow. Ich war nicht die einzige mit Computerfehler. Alle anderen hatten ähnliche Probleme, wenn nicht noch viel schlimmere. Und dann erfuhr ich, dass es nicht nur ein Computer war. Im ganzen Land, in allen Behörden soll seit etwa zwei Monaten vollkommen der Wurm drin sein. Nirgends werde mehr auf die Menschen geachtet, ihr Leben. Der Staat ziehe widerrechtlich alle möglichen Gelder ein, die er irgendwann zurückzahle, wenn man es schafft, sich zu wehren.

Es hagele überhöhte und falsche Steuerforderungen, unrechtmäßiges Einbehalten von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe, falsche Krankenkassenrechnungen, abstruse Rückforderungen. Hoppla, da fiel mir ein, ich hatte vor drei Tagen einen seltsamen Brief von der Krankenkasse bekommen, sie hätten mir aus Versehen zu viel für den Arzt bezahlt und ich solle den Scheck zurückschicken. Mir kam der Verdacht, plötzlich zu wissen, womit die Milliardenpakete finanziert werden, die unser kleiner Napoleon mit Frau Merkel schnürt. Die Sarkozy-Witze aus diesem Warteraum waren jedenfalls nicht veröffentlichungsfein. Wenn das stellvertretend für die Stimmung im Land ist, brennen das nächste Mal in Frankreich nicht nur die Vorstädte.

Zwei Frauen redeten so vertraut - ach, Polnisch! Als die eine passend zu den Bistrottischen die hundert Jahre alte Kaffeemaschine anwarf, gab diese ein Tiefflieger-Getöse von sich, dass ein alter Mann rief: "Alle zu Boden, jetzt bringen sie uns auch noch um, bevor wir Widerspruch einlegen können!" Es geht lustig zu in Frankreich, wenn Menschen verzweifeln. Beim ersten Schluck quiekte die Frau und stöhnte auf Polnisch: "Der schmeckt ja noch schlimmer als in einer alten kommunistischen Amtsstube!" Um mein Zwerchfell war's geschehen - und um ihres dann auch, als sie merkte, dass die vermeintliche Französin sie verstand.

Ausgerechnet mitten im Lachen kam ich endlich nach zwei Stunden dran. Tschechow war vergessen und der freundliche junge Sachbearbeiter war glücklich, dass ihn mal jemand nicht ansah wie mit Mordgelüsten. Hilfsbereit rekonstruierte er mir dann, was geschehen war. Und sagte mir, dass all diese Sachen, die mir so unverständlich erschienen, gar nicht mehr von Menschen bearbeitet würden. Das mache automatisch der Computer. Füttert man ihn mit einem Formular A, steckt er einen in die Schublade A1. Schreibt man einen handgeschriebenen Brief, verschluckt er sich und steckt einen womöglich in den Papierkorb. Menschenverwaltung total.

Ich habe gelernt: Ich denke zu viel. Sich nicht aufregen, immer automatisch automatisieren und mitmachen. Schrittlein für Schrittlein. Und nun zuerst ein Widerspruch (der geht zum Glück an einen Menschen, der einen Computer bedient). Dann die Künstlerberatung fragen, wie man den Computer möglichst geschickt zum Löschen bringt (das konnte der Mann des Amtes mit dem bösen Computer nicht sagen). Und wenn alles nichts hilft, wirklich arbeitslos melden und am Tag darauf halt wieder abmelden. Dann fange der Kreislauf neu an, dann sei man neu definiert.

Er schaut dann auch in einen Computer. Meine Online-Akte weiß mehr über mich als ich selbst. Und da liegt es, schwarz auf weiß, dieses Formular, dass ich vor Monaten eingeschickt hatte und dessen angebliches Fehlen mir diese Scherereien macht! Aber da ist es doch! Ja, das sehe er. Aber er als Sachbearbeiter dürfe jetzt ins System nicht eingeben, dass es im System vorhanden sei. Das dürfen nur die Programmierer mit dem Schlüssel in der Zentrale. Dafür brauchen wir den neuen Kreislauf. Ich notiere mit und verschreibe mich: 23.2.1984

Der Mann, der sichtlich selbst unter dem System leidet, für das er arbeitet, tröstet mich. Andere Leute hätten es ja schon schwer, aber als Künstler ginge es mir noch eine ganze Stufe schlimmer als dem schlimmsten Beruf, leider. Weil unser Zwischenstatus ja nicht im Computerprogramm vorgesehen sei und dann könnten wir ja immer eintragen, was wir wollten, es würde als falsch erkannt. Feiner Trost. Künstler sind also Zwischenmenschen, Software-Unfälle, nicht vorgesehene, den Staat in Unordnung bringende Zombies. Er hat Mitleid mit mir. Wenigstens sind Künstler noch keine Untermenschen.

Nachdem ich mich von der inzwischen durch politische Witze ziemlich aufgeräumten Menschengruppe draußen verabschiede, fällt mir etwas zu den von der Polin angesprochenen Kommunistenbetonschädeln ein. Die konnte man wenigstens anschreien. Aber wie bitte beleidigt man kunstvoll einen Computer???
Ich beantrage das Umdichten eines schwäbischen Stoßgebets. "Herr schmeiß Hirn rah!" muss künftig heißen: "Herr, zieh den Stecker raus!"

Ach ja, beim nächsten Behördenbesuch in Frankreich verkleide ich mich nicht mehr als Verzweifelte. Dann trage ich eine externe Festplatte um den Hals.

22.02.2009

Hungrige LeserInnen

22.02.2009 0
Als Anfänger gugelt man ja ständig seinen eigenen Namen, um auch ja keine Rezension zu verpassen. Irgendwann vermeidet man das tunlichst, weil man sich über manches nur aufregen könnte.
Ich schaue also nur alle Schaltjahre und bei Neuerscheinungen. Und finde dann wie heute Uraltrezensionen, die doch auch nachträglich das Herz erwärmen. Wenn dann die Leserin schreibt: "Ich bin auf jeden Fall auf ein weiteres Buch der Autorin gespannt, da sie wirklich toll mit Sprache umgehen kann", weiß ich wieder, wofür ich arbeite - für hungrige LeserInnen.

Allerdings wird es mit einem neuen Roman so schnell nichts werden, weil ich mir damit wirklich Zeit lassen möchte. Mir selbst kommt es nämlich auch sehr auf meine Sprache an und ich will auf alle Fälle vermeiden, noch einmal in der falschen Schublade zu landen. Und irgendwie hat es mir derzeit das Erzählen von Tatsachen sehr sehr angetan. Das Projekt, an dem ich arbeite, ist spannender, als ich mir das je in einem Plot ausdenken könnte.

Jetzt erst recht

Nicht nur AutorInnen arbeiten oft hart an der Grenze von Selbstausbeutung und Ruin. Eben fand ich im Börsenblatt ein Interview mit dem Verleger K.D. Wolff (Stroemfeld Verlag), der die Misere kleiner Verlage schildert und doch jede Menge Mut und Gelassenheit vermittelt.

Und so langsam spricht sich herum, dass außerhalb der großen Konzerne ohne Sponsoren und Mäzene nicht nur in seinem Verlag kaum noch etwas läuft - auch kookbooks geht jetzt offensiv mit einer Aktion an die Öffentlichkeit.

21.02.2009

Das Futuristische Manifest und die Avantgarde

21.02.2009 0
Juebs Kommentar unten zu Strawinsky, dessen Sacre 1913 uraufgeführt wurde, erinnert mich an eine Notiz auf meinem Schreibtisch: "Montag Arte Kultur anschauen!" Da kommt nämlich ein Beitrag über ein Jahrhundertereignis. Gestern war es so weit: 100 Jahre futuristisches Manifest. Was um Himmels Willen ist das? Wahrscheinlich wissen es alle längst, denn ich hinke der feuilletonistischen Ejaculatio praecox übel hinterher. Future war dort längst. Nur Arte kommt langsam.

Also machen wir's kurz und gewaltig: Die Übersicht für die Schule gibt's auf Wikipedia. Das gesamte Manifest des Futurismus auf Deutsch liest man hier. Bei Heise kann man sich durch einen mehrseitigen Artikel arbeiten, der vielleicht dafür sorgen wird, dass demnächst die italienischen 20-Cent-Münzen knapp werden. Das Feuilleton hat, wie gesagt, längst abgefeiert und findet sich via Suchmaschinen und Perlentaucher.

Es lohnt sich durchaus auch für zu spät Geborene, in dieses vor hundert Jahren revolutionäre Manifest hineinzulesen und kritisch darüber nachzudenken. Und es lohnt sich nicht nur für bildende Künstler, nicht nur für Künstler überhaupt, sondern auch für Menschen, die sich Gedanken um die Gegenwart machen und dem Feeling einer vergangenen Zeit nachspüren wollen. Dass Leben und Zeit sich beschleunigen können und alte Sicherheiten plötzlich verschwinden, ist keine allzu moderne Erfindung. Die Technisierung nach der Jahrhundertwende, die Erfindung der bewegten Bilder des Films und das Herangrollen dessen, was zum Ersten Weltkrieg werden würde, warf die Menschen aus der gewohnten Bahn, zwang Künstler, sich mit den neuen Bewegungen im wahrsten Sinn des Wortes auseinanderzusetzen.

Aber welche Unterschiede zum Krisengejammer vergleichsweise fetter und friedvoller Zeiten! "Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit." So lautet der erste Satz des Künstlers Filippo Tommaso Marinetti. Und schon der zweite lässt moderne Schriftsteller wie Schnarchnasen daherkommen: "Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein."
Wie das bei einem ordentlichen Manifest zu sein hat, hat der Autor des Futuristischen Manifests natürlich gehörig übertrieben und provoziert tüchtig. Und er hat sich außerdem keineswegs mit Ruhm bekleckert, als er sich verblendet von seinem Geschwindigkeitsrausch und Kampfeswahn zum Propagandawerkzeug Mussolinis machte.

Trotz alledem - ohne die Futuristen und vor allem die nicht immer genau unterscheidbaren Kubisten jener Zeit, überhaupt ohne die Avantgarde in der bildenden Kunst, die sich aus russischen (Wassily Kandinsky mit dem ersten abstrakten Bild um 1910) und europäischen Quellen speiste, ist unsere eigene Zeit mit ihrer Kunst nur bruchstückhaft zu verstehen.

Was ich allerdings überhaupt nicht verstehe, ist der Hype und der Lobhudel um "Le Figaro", der das Futuristische Manifest am 20. Februar 1909 veröffentlichte. Dieses ach so fortschrittliche und bahnbrechende Pariser Blatt schaffte es nämlich drei Jahre später, im Mai 1912, einen der größten Skandale der Ballettgeschichte vom Zaun zu brechen. In völlig revolutionärer Weise, angelehnt an kubistisches Gedankengut, wurde in jenem Jahr Claude Debussys "L'Aprés-midi d'un faune" aufgeführt, diese Vertonung des gleichnamigen Gedichts von Mallarmé, der ein Freund von Marinetti gewesen sein soll.

Ausgerechnet "Le Figaro" war der rückständige Haupttreiber der moralisch empörten Gegner, die solch "modernes Zeug" von den Bühnen verbannen wollten! Pech, dass das Blatt seiner Zeit hinterher hinkte. Unter Führung eines Bildhauers namens Rodin bekam die Zeitung von der Konkurrenz Saures und so tobte drei Jahre nach dem futuristischen Manifest in Paris der Kampf um die Moderne. Das hatte durchaus Tradition, denn die Avantgarde-Künstler aus aller Welt tranken und aßen in den Kneipen an der Seine.

Geheim(?)tipp: Die Avantgarde der 1910er bis 1920er wird wiederentdeckt!

Derzeit kann man die Futuristen vermehrt in Museen sehen und auch von der Avantgarde wird in diesem Jahr noch viel zu hören sein.

Berlin plant im Oktober im Martin-Gropius-Bau eine große Futuristenausstellung. Im Pariser Musée Maillol läuft bereits eine große Ausstellung über die russische Avantgarde (bis 2.3.2009). Die Kandinsky-Ausstellung "Kandinsky - Absolut. Abstrakt" in München wird wegen des großen Zulaufs bis 8. März verlängert. Währenddessen ist die Sammlung des Blauen Reiters zum letzten Mal vor 2012 öffentlich zu sehen! Von April bis August zieht die Kandinsky-Ausstellung dann ins Pariser Centre Georges Pompidou und von September ab bis Januar 2010 ins Guggenheim-Museum New York.

Die Moskauer Ausstellung über die Avantgarde-Architektur in Zusammenarbeit mit Berlin und Petersburg ist eben zu Ende gegangen und soll nun nach Jekaterinburg und Samara ziehen.
Hamburg, das bereits im vergangenen Jahr im Rahmen des Petersburger Dialogs die Ausstellung "Avantgarde - Diffamierung - Welterbe" zum gleichen Thema zeigte, ist in diesem Jahr in der Kunsthalle mit einer weiteren Avantgarde-Ausstellung vertreten. Unter dem Titel "Nijinskys Auge und die Abstraktion" zeigt das Hubertus Wald Forum von Mai bis August Werke des Tänzers und Choreographen Vaslav Nijinsky und russischer Avantgardisten der 1920er. Sammlern von Kunstkatalogen sei empfohlen, per Suchmaschine zu suchen, denn die Kataloge der zahlreichen Avantgarde-Ausstellungen von 2008 sind meist noch zu haben.

Und woher ich das alles weiß? Ich bin unheilbare, süchtige Kandinsky-Verehrerin, zumal ich seine Bilder hören kann - schwärme für Sonia Delaunay-Terk (Ausstellung in Bielefeld leider morgen zu Ende) und die Kleider von Paul Poiret - und bin unendlich traurig, dass die Zeitmaschine immer noch nicht erfunden ist. Da haben die Futuristen geschlampt. Beam me up, Scotty!

Einbildungen

Langsam mache ich mir Sorgen um mich. Ich drehe in den abstrusesten Situationen Filme im Kopf. Gestern brach eine behördliche Katastrophe über mich herein, gegen die ich - inzwischen mit letzter Kraft - seit einem Jahr kämpfe. Unverschuldet, denn es handelt sich nur um den berühmten französischen Computerfehler gepaart mit galoppierender Debilität und völliger Unlust gewisser Behördenangestellten, auch nur einen Finger zu viel unter dieser Regierung krumm zu machen. Dann bekam ich endlich eine Beraterin, die der Behörde zeigte, wo es lang geht. Und jetzt passiert das, wovor mich alle gewarnt haben: Ein Brief der Aufklärung zu viel und du produzierst neue Computerfehler!

Der von gestern - wenn ich es am Montag nicht schaffe, ihn korrigieren zu lassen - ruiniert mich. Einfach so, fix und heftig. Ich müsste mich, um den Kreislauf der Debilität zu unterbrechen, nämlich ganz schnell und sofort arbeitslos melden und dann so tun, als würde ich neu anfangen. Damit endlich die falschen Daten gelöscht werden. So viel zur französischen Administration, die genauso himmelschreiend verrückt ist wie in anderen Ländern (nach dem Land, wo dort hauptsächlich intelligente und zugängliche Menschen sitzen, suche ich noch vergebens).

Und was macht Madame? Ganz kurz war mir zum Heulen. Schwärze. Das große Nichts. Dann fing ich an, wieder einen Film im Kopf zu drehen. Stellte mir vor, dass das im Drehbuch jetzt der Moment wäre, wo die Protagonistin den Wodka aus dem Kühlschrank holt und eine Tafel Schokolade hinterher stopft. Und weil ich die Idee von Wodka und Schokolade auf der Zunge und den Behördenbrief so irrwitzig fand, knallte ich mir noch die passende Musik dazu rein - diesmal real. Strawinsky. Sacre du printemps. Frühlingserwachen oder Opferung der Jungfrau, die sich zu Tode tanzt, hahaha... Mir kam Terry Gilliam in den Sinn, der mit seiner Verfilmung des Don Quichotte so fulminant gescheitert war, weil ständig irgendetwas schief lief. Irgendwann, wenn er wieder genug Geld hat, will er seine Filmrechte von der Versicherung zurückkaufen und weitermachen.

Statt an den Kühlschrank zu gehen wie im Film, spielte ich die Behördenszene vom kommenden Montag durch. Ich werde sehr leise sein, sehr beherrscht, sehr abwartend - und dann, möge mir das sprachlich gelingen, messerscharf. Wenn ich ein unbedarftes Fraule vor mir habe, das sich hilflos gibt, werde ich die Hilfsbereite spielen, mütterlich, verständnisvoll. Ist es ein älterer Beamtenbetonkopf, könnte ich über irgendwelche Geschichten zum Klagen darüber kommen, dass ich so nie Enkelchen erleben dürfte wie er. Französische Diplomatie - immer genug Masken im Schrank haben, damit der andere nicht sein Gesicht verliert.

Aber wie um Himmels Willen ist man in solchen Katastrophensituationen kreativ? Wie bekommt man den Kopf frei? Ich stecke in einer entscheidenden Textphase. Das erste Kapitel, das beispielhaft eine große Schlüsselszene erzählt und wie eine Ouverture Späteres anreißt, braucht den Schluss, die Überleitung, die große Idee fürs Kommende. In mir nur Gedankensalat, Alptraumbilder von Tunneln ohne Ausgang (holt mich der Tunnel im Lavendelblues ein?), Konzentration wie Gummi.

Gehen. Laufen. Ich muss mich dann bewegen, kann im Ernstfall mit dem Hund bis zur Erschöpfung wandern. Und dabei drehe ich Filme im Kopf. Diesmal stelle ich mir vor, der Schauspieler, der meinen Text lesen soll, will nicht gleich anfangen. Er will wissen, was mich an meiner Figur am meisten berührt hat, warum, was das mit mir zu tun hat. Ich stottere ein wenig herum und überlege, da ist so vieles, aber ist es wirklich das? Und plötzlich bricht irgendeine Schleuse auf und ich erzähle etwas, was mit dem Projekt gar nichts zu tun hat. Nur ist es genau der Punkt, der mich mit meiner Figur verbindet.

Ich kann gar nicht mehr still sein in meinem eingebildeten Dialog. Rede mich in Faszination, erzähle von meiner Figur und staune. Staune doppelt, im Kopf - und als Realperson. Ich habe nämlich zum ersten Mal in Worte gefasst, was die Größe und die Tragik meiner Figur wirklich ausmacht. Worum sie wirklich kämpft, in all ihren Nebenschauplätzen. Wo sie Zerstörungen von außen zu nah an sich heranlässt und doch einen Weg findet, zu ihrem Traum zurückzuspringen. Ich stolpere fast über eine Wildschweinkuhle.

Irgendwie ist alles immer nur einen Sprung voneinander entfernt. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich nicht in eine Saukuhle stoßen zu lassen. Und dann sagt mir dieser Schauspieler im Kopf, dass mein Protagonist auch gesprungen sei. Stimmt. Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: So ein scheinbar tragischer Sprung kann ein Triumph sein!

Heute morgen bin ich ohne Alptraum aufgewacht, das Wetter hat eine Totaldepression, und ich bin frisch wie nie. Der unbekannte Schauspieler im Kopf hat mir mit einer Bemerkung die Idee geliefert, wie dieses Kapitel mit einem großen Tusch enden kann. Und was dann folgen wird.
Ich höre noch einmal lautstark Strawinsky und bin froh, dass ich am Montag nur zu einer ganz normalen Behörde gehen muss und nicht zum Amtsarzt...

20.02.2009

Als der "goldene" Westen kam

20.02.2009 0
Nach dem Posting gestern habe ich nach Jahren mein polnisches Tagebuch wiederentdeckt. Wahre Erlebnisse, die einem in einem Buch niemand glauben würde. Es war aber auch eine wilde Zeit zwischen 1993 und 1997. Anfangs gab es in der Hauptstadt Warschau nicht einmal richtige Supermärkte, nachher war der Westen derart mit offenen Armen empfangen worden, dass mir von der Überflutung mit Werbung und Hochglanz-Konsumtempeln fast schlecht wurde. Wer nach Warschau hineinfuhr, sah irgendwann kein Ortsschild mehr, sondern wurde von einer riesigen farbigen Leuchttafel informiert, das sei wohl "Marlboro Country". Um 1997 teilten sich die großen Westfirmen sozusagen den Osten auf. Zwei sehr große französische Hypermarchés waren die ersten "Eroberer". Ich zitiere aus meinem Tagebuch:

"... was war nicht alles an Werbung veranstaltet worden für die große Premiere des allerersten französischen Hypermarchés in Polen! Alles lief bestens, die Lieferanten funktionierten, die Waren lagen bereits in den Regalen, die letzten Hinweisschilder in der Stadt waren angebracht. Doch kurz vor dem Eröffnungstermin musste das Management denselben noch einmal um Wochen verschieben. Was war geschehen? Man hatte beim Bau des Großraumsupermarkts ganz einfach vergessen, Parkplätze zu bauen!"

Dann erzähle ich, wie der Konsumsegen die Preise für die Einheimischen ins Unbezahlbare steigert. Selbst Ramsch aus dem Westen kostet mehrfach und Ware aus Italien ist teurer als in Mailand. Warschau wird zu einer der teuersten Städte der Welt. Man sucht, was man noch bezahlen kann:

"Ein anderer neuer Hypermarché aus Frankreich entschädigte die Gebeutelten kurz vor Weihnachten. Großbildfernseher zum Preis von Minigeräten, Shampoos fast zum Herstellungspreis, Kleidung und Nahrung regelrecht nachgeworfen. Zwei Wochen lang stand der Verkehr zu diesem Laden fast still, dann waren die Regale geplündert. Das Erwachen für die Eigentümer nach jenen heißen Winterkampftagen war rau und eisig.

Lag es an der Hetze? Oder nur wieder einmal daran, dass die ausländischen Führungskräfte fett in Frankreich lebten und nur unter der Woche im polnischen Luxushotel abstiegen, das für sie die einzige Widerspiegelung des Landes darstellt? Jedenfalls hatten die Herren schlicht vergessen, dass es auch in einem Land wie Polen Mehrwertsteuer gibt. Der großspurige Farbkatalog mit den Tiefstpreisen und Superrabatten, den man in die Haushalte verteilt hatte, rechnete jedenfalls ohne diese beträchtliche Abgabe. Und was die ausländischen Geschäftsführer auch nicht beachteten: Mit dem Erscheinen der Hochglanzangeberei waren die Preise gebunden. Es gab kein Zurück mehr."

Wer jetzt lachend mit dem Finger auf die Franzosen zeigt, dem sei gesagt, dass kein einziges westliches Land eine bessere Figur machte. Erst zwölf Jahre her - so schnell kann sich die Welt verändern...


Hier gibt es noch eine vergnügliche Reise durch Warschau... auf rückwärts!

19.02.2009

Emigracja

19.02.2009 2
Eben trifft mich wie ein Hammerschlag die Erkenntnis, dass ich in diesem Jahr 20 Jahre Emigration feiere, wobei ich abzüglich der vier Jahre in Polen nun also 16 Jahre in Frankreich lebe. Es korreliert seltsam mit der Stimmung, die mich in jedem Februar bei zunehmendem Licht ereilt: Es wäre eigentlich längst Zeit, weiter zu ziehen. Irgendwie geht mir die Sesshaftigkeit schon wieder auf die Nerven. Und dann dieses Heimweh nach dem Osten, das eigentlich kein Heimweh sein kann und mich doch zerreisst: Bin ich nicht da, sehne ich mich hin. Bin ich dort, kann ich das Bleiben nicht aushalten.

Und dann schlagen einem die eigenen, angeblich unbewusst erfundenen Projekte Schnippchen. Da sind die Koffergeschichten, die auf die Bühne wollen. Von Gina Grumbier, die im falschen Land landet und ihr Traumland sucht. Und da ist dieser Roman, in dem die Protagonistin nicht wagt, einen Koffer zu öffnen, ihren Koffer... Dieser Roman, der gegen alle Vernunft und wider jedes bessere Wissen nach Jahren immer lauter nach Aufmerksamkeit schreit.
Ach ja, der Dingens war auch ein ewig Reisender. Nirgendwo zuhause und überall.

Seltsame Stimmung mit Zugvogelahnungen. Manchmal kaum auszuhalten. Aber so oft ist es dann nur der kommende Frühling...

Zahlensalat für SchriftstellerInnen

Aus der eben genannten Studie noch etwas Zahlensalat für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, wobei hier ausschließlich die selbstständigen gemeint sind - also jene, die offiziell mit dem Schreiben ihr Leben fristen und inoffiziell diesen Beruf durch allerlei andere Brot- und Butterfahrten querfinanzieren müssen. Deren Anteil steigt nicht so üppig wie beim Film, aber er steigt. Auch für Verlage dürften die Zahlen interessant sein.
  • 2003 schrieben noch 5035 selbstständige SchriftstellerInnen für 2553 Buchverlage. Das macht pi mal Daumen etwa zwei Vollberuf-Schriftsteller, die sich ein deutscher Verlag im Durchschnitt leistete.
  • Für das vergangene Jahr schätzt man 6474 SchriftstellerInnen auf 2723 Verlage. Inzwischen können also 2,4 SchriftstellerInnen pro Verlag von ihrem Beruf leben.
Natürlich sind solche Rechenspiele aus Statistiken mit Vorsicht zu genießen, zumal hier ein Durchschnitt aus Kleinst- und Großverlagen gebildet wird. Es gibt dennoch zu denken, wie wenige der SchöpferInnen und UrheberInnen von ihrer Arbeit überhaupt leben können. Und es gibt zu denken, wenn man sich die Umsatzzahlen dazu anschaut:

2003 betrug der Jahresumsatz aller SchriftstellerInnen 384 Millionen Euro, 2008 etwa 464 Mio E. Die Verlage erwirtschafteten 2003 9697 Mio E und im vergangenen Jahr ca. 10.824 E. Das sind Summen, die man schlecht vergleichen kann, zumal man auf die Anzahl umrechnen müsste. Aber die Diskrepanz zwischen der Überlebensfähigkeit selbstständiger AutorInnen und dem, was durch Bücher erwirtschaftet wird, liegt in den Gesamtaufstellungen der Studie auf der Hand.

Differenzierter wird das Bild, wenn man sich außerdem den Umsatz-Anteil der Buchverlage an der gesamten Kreativ- und Kulturbranche anschaut, den die Studie für 2006 erarbeitet hat. Demnach stellen den Löwenanteil die Kleinstunternehmen mit einem Umsatz unter 2 Mio E dar, Großunternehmen befinden sich in der absoluten Minderheit. Die Diversivität von Büchern wird also in der Hauptsache immer noch von all den Verlagen garantiert, die bei den großen Buchhandelsketten aufgrund ihrer Größe ausgemustert werden!

Die Großverlage (ab 50 Mio E) machen 34 Unternehmen von insgesamt 7723 Verlagen aus. Sie erwirtschaften 55% des Umsatzes der Verlagsbranche. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, das sei der festgeschriebene Triumph des Massenprodukts Buch, die große Zukunft. Schaut man genauer hin, stemmen jedoch gerade die kleinen Unternehmen enorme Anstrengungen mit Erfolg. Die Verlagsgröße sagt also zunächst einmal nichts darüber aus, wie viel Qualität, welch breites Spektrum mit doch gutem wirtschaftlichen Erfolg gerade von Kleineren erwirtschaftet wird:

Die Kleinstunternehmen unter den Verlagen liegen beim Anteil am Umsatz der Branche nämlich fast gleich (16,7%) mit den mittleren Unternehmen (17,2%)! Am schwersten tun sich eigenartigerweise nicht die Kleinstunternehmen, sondern die kleinen Unternehmen (bis 10 Mio Umsatz) - sie tragen aber immerhin 11% des Buchmarktes. An der Anzahl der Unternehmen selbst kann es nicht liegen, wie ein Blick in die Studie zeigt.
Sie beweist damit auch deutlich, wie gefährlich es für die Zukunft des Buchs ist, wenn Kleinstunternehmen vom Buchhandel, dem Feuilleton und anderen Medien nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden!

Und was verdienten selbstständige SchriftstellerInnen 2006?

Das Bild gleicht dem aller anderen schöpferischen Berufe in den Künsten. 0,5% aller selbstständigen SchriftstellerInnen verdienten über eine Million Euro brutto im Jahr. Das sind 27 Personen in Deutschland.
0,5-1 Mio Euro verdienten 43 SchriftstellerInnen
250.000-500.000 verdienten 177 Schriftstellerinnen
100.000-250.000 verdienten 772 ShriftstellerInnen
50.000-100.000 verdienten 1419 SchriftstellerInnen
17.500-50.000 verdienten 3477 Schriftstellerinnen.

Das Gros der selbstständigen SchriftstellerInnen verfügt also über ein Brutto-Montseinkommen von 1458 - 4167 E im Monat. Wie die Studie zeigt, machen die Selbstständigen jedoch den geringsten Anteil unter den SchriftstellerInnen aus! Das bedeutet nach Adam Riese, dass der Großteil deutscher AutorInnen mit sehr viel weniger als 1458 Euro Brutto im Monat überleben muss.

Und noch ein Vorurteil wurde von der Studie aufgeräumt: Es gibt immer noch mehr Schriftsteller als Schriftstellerinnen. Der Anteil der Frauen hat sich seit 2000 kaum merklich erhöht. Die Studie verweist außerdem darauf, dass der Anteil der Frauen - ähnlich wie in anderen Wirtschaftszweigen - im unteren Lohnsegment am höchsten ist und Schriftstellerinnen im Schnitt weniger verdienen als Schriftsteller.

Mögliche Rechenfehler bitte ich zu entschuldigen - die Studie ist ja für jeden einsehbar.

Kunstdünger, Kunst oder Nobelkarren?

Milliarden fließen derzeit in die Autobranche, um kriminelle Machenschaften von Banken und Unfähigkeiten von Managern auszubügeln. Die riesigen Rettungspakete für die heilige Kuh in Blech verwischen die Realität. Denn man könnte meinen, Deutschland sei ein Land von Autoherstellern und Autofahrern.

DIE GUTE NACHRICHT

Weit gefehlt! Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine Studie unter dem Kurztitel "Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland" vorgelegt (Onlineabruf von gekürzter Fassung und Endberichten), die ein Bild zeichnet, das viele nicht wahrhaben wollen:
  • Kunst und Kultur stehen bei der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland als Branche an zweiter Stelle (2,6% des BIP), gleich hinter der Autoindustrie (3,1%) und noch vor der Chemieindustrie (2,1%).
Wären in der Studie Umweltverträglichkeit und Zukunftsfähigkeit getestet worden, sähe es wahrscheinlich noch rosiger aus.
  • Kunst- und Kulturschaffende werden 2008 etwa 63 Milliarden Euro an Bruttowertschätzungsbetrag für Deutschland erarbeitet haben.
  • Bereits heute sind 3,3% aller Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft beschäftigt. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt im Gegensatz zu anderen Branchen kontinuierlich.
Zum Vergleich die absoluten Zahlen:
Autobranche: 720.000 sozialversicherungspflichtig Angestellte
Kunst & Kultur: 710.000
Chemie: 448.000
  • Nirgendwo sonst arbeiten anteilsmäßig so viele Selbstständige und Kleinunternehmer, also potentielle Arbeitgeber, wie in der Kunst- und Kulturwirtschaft (mit derzeit 763.400 Beschäftigten). Der Anteil selbstständiger Frauen ist vorbildlich hoch. Er liegt zwischen 40 und 44%, während er in der Gesamtwirtschaft nur traurige 7% erreicht.
Die Studie betont außerdem:
Ohne die Werke und Leistungen der Schriftsteller, Komponisten, Musiker, Bühnenkünstler, Filmemacher, bildenden Künstler gäbe es keine Kultur- und Kreativwirtschaft. Sie sind Urheber, Originärproduzenten oder Dienstleister, ohne die keine Filmfirma, kein Musikkonzern, kein Buchverlag und ebenso kein Galerist etwas zu verwerten und zu verbreiten hätte.
Aber genau diese Berufe betrifft...

DIE SCHLECHTE NACHRICHT
  • Förderungen und andere Gelder kommen außerhalb der technologieorientierten Berufe nicht an und erreichen die Schöpfer und Urheber selbst nicht.
  • Den Akteuren und Schöpfern fehlen Unterstützungen, die Informationsdefizite und Hemmschwellen für Förderungen sind zu hoch.
  • Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über keinerlei Programme zur projektbezogenen, der Kunst- und Kulturwirtschaft angepassten Möglichkeit von Finanzierungen oder Zwischenfinanzierungen.
  • Banken und Wirtschaftsförderern fehlt oft das Verständnis für ideelle Werte und sogenannte "hidden innovations" - und die Fähigkeit, mit Unternehmern der Kultur- und Kreativwirtschaft adäquat umzugehen.
  • Es fehlt eklatant an Außendarstellungsmöglichkeiten der Branche, an ihr angepassten Bewertungsmaßstäben, an Vernetzungsmöglichkeiten der Schöpfer.
  • Ein außergewöhnlich hoher Anteil der Schöpfer und Urheber lebt im Prekariat oder in unzumutbaren "Patchworkexistenzen". Das für das Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftete Geld steht in krassem Gegensatz zur wirtschaftlichen Lage der Künstler selbst, von denen nur ein minimaler Anteil wirklich gut verdient. (Österreich hat hierzu im vergangenen Jahr eine interessante Studie vorgelegt - in Deutschland ist mir keine bekannt).
Es bleibt viel zu tun im Land der Dichter und Denker!

Weitere Links:
Artikel in der SZ
Artikel Abendblatt
Artikel "Brotlose Kunst"
Bundeswirtschaftsministerium: die Studie

18.02.2009

Output, Input und Hyperventilation

18.02.2009 4
Da bin ich wieder. Leicht levitierend. Angefangen hat alles mit einer niedlichen Hyperventilation, die ich mir sonst nicht einmal bei plötzlichem Bergsteigen im Schnee zuziehe. Mein Dingens, sprich der Anfang, der bereits steht, hatte nämlich so etwas wie Uraufführung, gesprochen von der Autorin unter den kritischen Ohren der Verlegerin. Und obwohl ich Atmen und Sprechen einmal gelernt habe, vergaß ich das alles, trieb mich Dingens doch in den Schwindel. Das anschließende Urteil trieb mich in den Glückstaumel.

Etwa dreißig Minuten Text stehen nun also ziemlich fertig, abgesehen von ein paar auszutauschenden Wörtern. Inzwischen habe ich auch die Musik dazu auf den Ohren und bei einem der Stücke eine kleine Sensation entdeckt. Ganz zufällig, unbeabsichtigt, hat da jemand mit dem Dingens zu tun. Und der lebt jetzt nicht mehr nur in meinem Kopf, sondern hat sich aus dem Ei gepellt und macht Flugversuche in der Realität - ein kaum zu beschreibendes Gefühl.

Nun geht alles ganz schnell, denn im September / Oktober soll das Hörprojekt ja bereits erscheinen. Wer wird Dingens sprechen? Welche Stimme passt zu meiner Art Text? Wer wird verfügbar sein? Allein das Ausspinnen dieser Frage erzeugte den zweiten Schub an Hyperventilation. Ich glaube, ich werde am Tag vor den Studioaufnahmen vor Aufregung vergehen. Allein die Vorstellung, dass diese endgültige Geburt nicht maschinell über eine Druckerei laufen wird, sondern über einen lebendigen Menschen - kaum zu fassen. Jemand wird tiefer als jeder Leser oder Hörer in meinen Text einsteigen, sich mit der Gedankenwelt befassen, die über Monate mein Leben beherrscht. Den Dingens teilen... Zwei Tage Dingens-Mikrokosmos unter Ausschluss der Welt.

Ich musste nachher zwei Stunden lang mit dem Hund über die tauenden Wiesen rennen, um mich halbwegs zu erden. Alles ist so aufregend. Vor allem, wenn man so direkt in eine Produktion eingebunden ist, nicht einfach nur Text abliefert, irgendwer sagt: "schön haben Sie das gemacht", und das war es dann. Ab mit dem Manuskript in die Maschinerie. Diesmal ist das hohes Dingens-Fieber, unheilbar, schlimmste Nebenwirkungen: Euphorie und Energie. Und hoffentlich im Herbst dann mindestens so ansteckend wie die Vogelgrippe.

Bis dahin ist harte Arbeit zu leisten und ich muss noch ein Interview mit einem vorbereiten, der für viele ein Halbgott ist. Journalistisch sind das die größten Herausforderungen, weil man sich sehr gut vorbereiten und einlesen muss - und vor allem all das vergessen. Damit man den Menschen hinter den Bildern erkennt.
Selten war Arbeit so spannend, so beflügelnd, so hart und intensiv. Sie fühlt sich jedoch nicht wie Arbeit an, auch wenn der Schlaf fehlt - das ist ausgelebte Leidenschaft.

Und auf einmal passiert etwas, das Hanna Schygulla in einer Dokumentation über ihr Leben sinngemäß so beschrieb: In meinem Leben gab es immer wieder diese Zeiten, wo sich plötzlich ganz viele Kreise schlossen.

13.02.2009

Zitat des Tages

13.02.2009 3
...das muss jetzt noch sein:

"Lasst sofort den Stift fallen und fasst ihn bitte nie wieder an, wenn ihr nicht spürt, dass ihr das, was ihr tut, tun müsst. Ihr bewahrt damit die Welt vor einer Flut belangloser Bücher und schont die Umwelt!"

Zitat des Schriftstellers Stefan Beuse

Beim Buchmacher

Ich bin erst wieder am Mittwoch richtig da. Bin im Retreat mit Buchmachern...
Bleibt mir treu, liebe LeserInnen!

12.02.2009

Hochliteratur goes web 2.0

12.02.2009 0
Ohne Internet geht bei Autoren gar nichts mehr. Wird gern vollmundig behauptet. Es gibt aber noch genügend Verlage, die es achten und respektieren, wenn ein Autor seine Privatsphäre absolut bewahren will, selten bei Interviews auftaucht und von Internet nichts hält. Sich rar machen will zwar gelernt sein, kann aber LeserInnen umso mehr verführen. Einer der Verlage, die beide Wege gehen und ihre Autoren als Individuen ernst nehmen, ist der renommierte Hanser Verlag, der Literatur und Fachbuch, Kinder- und Jugendbuch, inzwischen auch Krimis und Thriller verlegt - und außerdem aus den hauseigenen Verlagen Nagel & Kimche, Paul Zsolnay - Deuticke und Sanssouci besteht.

Während man im Fernsehen immer noch den Eindruck bekommt, Hochliteratur sei etwas von Schnarchpantoffeln für aussterbende ältere Bildungsbürger, strafen solche Literaturverlage das rückständige Fernsehen Lügen. Hanser mischt längst im Web 2.0 mit, lässt für Spitzentitel eigene Websites machen, fertigt Podcasts mit Autorenlesung, kümmert sich um Blogs und Communities und twittert sogar für Autoren - sofern die das auch wollen. Natürlich freut man sich über entsprechende Aktivitäten der Autoren, aber fürs aktive Twittern hat man noch keinen Autor des Hauses begeistern können.

Das und einige hochinteressante Informationen mehr erfährt man in einem Podcast der Buchkolumne mit Nina Reddemann, die im Hanser Verlag für all die Webaktivitäten zuständig ist (Direktlink Podcast). Erfreulich im Interview zu hören, wie der Verlag seine Autoren pflegt - und mit dem Internet immer intensiver. Nicht selbstverständlich heutzutage. "Wir stehen hinter den Büchern", sagt Nina Reddemann. Und das bedeutet, wenn man so zuhört, eine Menge Mehraufwand zur üblichen Pressearbeit. Denn Internetmedien wie Blogs können nicht mehr mit der Gießkanne bedient werden - für jedes Projekt eignen sich andere Webadressen zum Thema.

Dadurch entstehen neue Werbeformen, die alte nicht überflüssig machen und manchmal mit redaktionellen Beiträgen verschwimmen dürften. Wie sich Hanser in Blogs tatsächlich einbringt, wird leider nicht gesagt - etwas, was einen Autor, der selbst bloggt, natürlich neugierig macht. Denn wie viel dieses Eigenbloggen wirklich bringt, wissen wir ja nicht.

Hörenswert außerdem die Anmerkungen zu Literaturcommunities. Es gibt nämlich noch keine. Lit.colony will erst eine ernstzunehmende werden und die diversen Couch-Seiten bedienen nur Genreliteratur. Da wären also noch lohnende Betätigungsfelder für kreative Köpfe mit Geld und Mitarbeiterstab.

Was mir auch gefallen hat: Hanser hat eine strikte Ethik, das Internet betreffend. Zu der zählt z.B., keine LeserInnenrezensionen zu fälschen.
Und da erfährt man dann kurz, wie es einige andere Verlage halten, bei denen man sich als Autor ziemlich schämen dürfte. Dass Verlage zunehmend Studenten und Billigkräfte bezahlen, um bei Amazon und in Foren oder Blogs Positiv-Rezensionen zu schreiben, ist mir längst bekannt. Dass diese Leute bei einigen Verlagen aber auch noch dafür bezahlt werden, bei Büchern der Konkurrenz Verrisse zu schreiben, hat mich schon schlucken lassen. Diese Perfidie habe ich bisher nur neidischen KollegInnen und durchgeknallten Trollen zugetraut. Man lernt nie aus - es gibt also offensichtlich auch so etwas wie Billigdiscountermentalität in unserem Geschäft.

Kurzum: Anhören lohnt sich! Gibt einiges nachzudenken und auch die Erkenntnis, dass es Pauschalrezepte für Buch- und Autorenwerbung auch im Web nicht geben kann. Deshalb empfehle ich jedem ernsthaft bloggenden Autoren, sich über seine Bücher und Bloginhalte einmal Gedanken zu machen. Jedes Projekt ist anders, manche Bücher sind regelrecht webaffin, manche nicht. Letzteres erlebe ich immer wieder bei meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt", das bei Sanssouci erschienen ist (Hörbuch bei Gugis).

Jeder will es selbst aus dem farbigen Schuber holen, den Einband streicheln, die Fotos sehen. Bei der schönen Aufmachung der Hörbuchverpackung mit dem Beiheft das Gleiche. Es verkauft sich mit seinen Rezepten eher auf dem Wochenmarkt zwischen Radieschen und Salat, es braucht das haptische Gefühl. Und trotzdem kann man natürlich im Internet etwas vom Elsass erzählen! Aber Twittern? Die Arbeitszeit überlasse ich dann doch in Zukunft verlagsbezahlten Kräften - denn unsereins muss ja irgendwann auch noch Bücher schreiben. Wir sind Autoren, keine Marketingfachleute.

Weitere Tipps zum Thema:

Manuskript des Deutschlandradios: Schreiben in der Blogosphäre. Sendung mit Else Buschheuer, Nina Reddemann, Alban Nikolai Herbst, Greta Granderath und Thomas Kapielski. Hochinteressant zum Thema Bloggen als Autoren-Werbung und Bloggen als literarische Form.

Einige Artikel von Nina Reddemann zum Thema Bloggen und Social Web - eher für Anfänger, auch mit Anleitungen. Wenn man aber bedenkt, wie viele bloggende Autoren nicht wissen, wie man sich nützlich vernetzt und welche Bedeutung das gegenseitige Kommentieren hat - auch für Fortgeschrittene geeignet.

Schwammleben

Ich habe eine Freundin, deren Leben aus geballter Action besteht. Sie hetzt von einem Termin zum anderen, beruflich wie privat, ist ständig unter Leuten und in den ruhigen Minuten wenigstens per Handy mit irgendjemandem verbunden. Wenn sie mich manchmal mahnt, ich solle doch erzählen, was ich so mache, erschrecke ich jedes Mal. Soll ich ihr erzählen, dass ich die drei letzten Tage keine Zeit zum Einkaufen hatte, gerade mal mit dem Hund herauskam, ständig am Manuskript saß, in den Kaffeepausen gebloggt habe und einen guten Krimi lese? Sie würde mich wieder fragen: "Wann lebst du eigentlich?"

Oder soll ich ihr von den spannenden Welten in meinem Manuskript erzählen, den wunderbaren Funden in Büchern, den herrlichen Gesprächen mit Kollegen über Romanfiguren, die mit uns am Tisch zu sitzen scheinen? Überhaupt, diesem aufregenden Leben der Figuren, mit denen man streitet, die man liebt, die einen manchmal in Rage bringen, die aber nie langweilig sind? Die aber leider außer mir niemand sehen kann, jedenfalls nicht, bevor das Buch nicht erschienen ist?

Könnte ich ihr aus meinem Schwammbuch vorlesen und sagen: Schau, wie reich das Leben ist, auch wenn ich scheinbar still am Schreibtisch sitze?
Mein Schwammbuch ist die Essenz einer Tätigkeit, die mit den Jahren des Schreibens zu einer Eigenschaft geworden ist. Man kann sie nicht abschalten, sie verändert die Wahrnehmung völlig, hält einen rund um die Uhr auf Trab. Als Schriftsteller saugt man andere Menschen und das Leben von anderen wie ein Schwamm auf. Ein bißchen haben wir etwas von Vampiren... Denn das, was man später schreibt, ist nie reine Erfindung. Ich arbeite mit den Eindrücken, die andere übersehen oder als unwichtig vergessen.

Die Frau vom Callcenter, die unverschämt wird, als ich sage, ich will keine Werbung per Telefon, was ist das für ein Mensch, was macht ihr Chef mit ihr? - Blumen an der Kasse im Supermarkt, Foto einer lachenden Schwarzen und ein Schild mit Fairtrade; als ich mich über die Rosen beuge, ätzt mich ein grausiger Chemiegeruch an, meine Allergie macht sich bemerkbar. - Ein Mann, der in jedem dritten Satz Werte, Zahlen und Maße nennt und die Floskel "also geschätzt" - wovor hat er Angst, was will er verbergen, was macht ihn glücklich? - Der Typ im BMW an der Ampel, der selbstvergessen in der Nase popelt und dann den Macho raushängt, popelt der auch vor seiner Freundin? - Diese Geste der Verkäuferin, bevor sie das Fleisch abwiegt, faszinierend...

So geht das ständig. Manche Miniatureindrücke verblassen sofort, andere bleiben über Jahre im Kopf. Und dann gibt es die, von denen ich vermute, ich könne sie vielleicht einmal brauchen für eine Figur. Die landen im Schwammbuch. Dann braucht man vielleicht irgendwann verzweifelt eine erotische Geste für eine junge Frau. Ach, da war doch die Fleischverkäuferin, was hat die gleich nochmal gemacht? Welchen Beruf gebe ich dieser fiesen Nebenfigur, die andere nicht respektiert? Könnte sie in einem Callcenter arbeiten? Was für eine Figur habe ich vor mir, wenn ich sie in einen BMW setze, auf der Rückbank nach Chemie stinkende Fairtrade-Rosen, auf dem Beifahrersitz eine popelnde Schönheit?

Natürlich bastle ich Figuren nicht nach solch einem Baukastenprinzip. Meine Figuren kommen von selbst und stellen sich vor: "Hallo, hier bin ich, ich will Teil eines Buches werden." Aber für all die fehlenden Details, fürs Leben - da brauche ich diesen Schwamm. Ich brauche ihn auch, um immer ein Stückchen besser verstehen zu lernen, warum Menschen wie handeln. Nur - wie sage ich das jetzt meiner Action-Freundin?

11.02.2009

Im Spinnennetz

11.02.2009 0
Heute morgen habe ich mich recht lustlos an meinen Text gesetzt. Disziplin muss eben sein, Schreiben auch in Zeiten ohne Musenkuss und Leidenschaft - das macht das professionelle Schreiben aus. Nicht, dass ich mein Projekt nicht lieben würde! Aber ich hatte eine Begebenheit "abzufeiern", die mich selbst dank intensiver Recherchen längst langweilte - und zu der mir kein Übergang einfallen wollte.

Da gibt es nur eins: Noch einmal intensiv lesen, was man zuletzt geschrieben hat. Und schon hing ich an einem Satz fest. Da hatte ich doch kürzlich etwas Interessantes in einem Film gesehen! Und schon bin ich wieder drin in dieser inneren Landkarte, die sich aus Recherchen, Notizen, Ideen, Texten und in diesem Fall auch Filmen bildet. In meinem Kopf muss es ähnlich aussehen wie in einer 3D-Satellitenanimation der Erde. Wie eine Mücke fliege ich über diese inneren Landschaften, rieche die Warmblüter und steche an den richtigen Stellen zu. Oder ich fühle mich wie die fette Spinne im Netz, in dem sich die Ideen verfangen.

Vorausgesetzt, niemand räumt mir meine Sachen auf - und das passiert zum Glück nie - finde ich im Kopf auch gleich den Lageplan zu den dazugehörigen Papieren. Ein Griff - und ich hole aus einem Stapel Papiere sofort die richtige Notiz. In diesem Fall waren es Zitate aus Briefen von Wassilij Kandinsky, einem Zeitgenossen meines Dingens. Ich hatte sie einmal ganz privat aus Eigeninteresse aufgeschrieben, nicht weil sie mit meinem Thema irgendetwas zu tun haben könnten.

Die beiden sind sich wahrscheinlich nie über den Weg gelaufen, aber ich war wieder fasziniert, wie Menschen völlig unabhängig voneinander so ähnliche Gedanken entwickeln können. Einfach, weil die Zeit dazu reif ist. Bilden Modeströmungen und Trendthemen den Menschen? Oder ist es eher umgekehrt? Bilden sich wahrnehmbare Zeitenströme erst dann, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen Ähnliches denkt und dabei Bahnbrechendes wagt? Wenn Menschen also im Gegenteil entgegen dem allgemeinen Trend nie Dagewesenes schaffen?

Jedenfalls weiß ich mal wieder nicht, wieso ich genau an dieser Stelle zugriff. Der Kandinsky war genau dieses fehlende Glied in der Kette, die perfekte Überleitung zu meiner im eigenen Kopf zu oft abgenudelten Anekdote. Plötzlich bekommt sie dadurch auch für mich eine neue, faszinierende Dimension und gebärt wiederum kleine Ideen. Begeistert tippe ich so lange, das ich mich jetzt zur Unterbrechung fast zwingen muss. Aber der Körper braucht einen Kaffee - und der wird zelebriert und genossen. So viel Pause muss sein. Das macht scharf - aufs Weiterschreiben.

Zwischendurch habe ich immer mal wieder Angst, den Bezug zu jenem Spinnennetz zu verlieren. Denn es gibt keinerlei technische Möglichkeiten, jenes Geflecht zufriedenstellend festzuhalten. Noch kann man nicht diese Kopfhauben aufziehen wie für ein EEG - und den Entwurf eines Werks einfach auf DVD über-denken. Und wenn es möglich wäre, das gesamte Chaos bei der Entstehung eines Buchs einzufangen, dann würde man wohl einige von uns einsperren...

Mein Hörprojekt bekommt selbst etwas von einem Spinnennetz im Aufbau. Der Text spricht mit der immer wieder eingewobenen Musik. Das erste Kapitel wird zu einer Ouverture. Immer wieder weisen winzige Passagen nach vorn und werden sich nachher zu eigenen Themen weiten. Themen, bei denen ich selbst schon im Voraus staune, wie sehr sie in jenem einzelnen Punkt eines Lebens zu Anfang schon angelegt waren.

Text und Musik vermischen sich aber auch in meiner Art der Wahrnehmung, ganz abgesehen von der üblichen Synästhesie. Ich höre meinen Text, muss jeden Satz laut sprechen, immer wieder laut vorlesen. Worte werden Klang, müssen anders komponiert werden als in einem Lesetext. Und ich lese Musik. Lese die Partituren, lese den Reichtum ab, den ich nicht unbedingt höre oder beim Hören nur ahne. Lerne über den Aufbau, das künstlerische Konzept hinter der Musik. Es wäre kaum angemessen zu schneiden, nur weil eine Pause entsteht. Ich wollte meinen Text auch nicht willkürlich kürzen lassen, nur weil ich Luft hole. Eine spannende Erfahrung. Wobei ich keine Ahnung habe, was dabei herauskommen wird, wie viel davon für die Hörer fühl- und erfahrbar. Vielleicht bilde ich mir auch alles nur ein?
--------------------
Was für ein Hörprojekt?

Weil ich verschiedentlich gefragt wurde, in welcher Form dieses "Hörprojekt" zu kaufen sein wird: Ich entwickle es mit dem Hörbuchverlag "Der Diwan", d.h., es wird ganz körperlich auf CDs produziert und aus guten Gründen auch nicht als Download erhältlich sein (Piraterie). Ich nenne es nur deshalb ungern Hörbuch, weil man gemeinhin unter Hörbuch ein von einem Schauspieler vorgelesenes, bereits gedrucktes Buch versteht. Im Gegensatz dazu entwickle ich den Text direkt für den Sinn des Hörens - und auch der Anteil der Musik wird sehr viel größer als üblich sein. (Ein ähnliches Text-Musik-Projekt ist z.B. Vindings Spiel / Rezension / Hörprobe bei Suhrkamp). Und so viel kann ich auch schon verraten: Die Musikrechte, die wir bekommen haben, sind traumhaft!

10.02.2009

Kann man Kunst essen?

10.02.2009 0
Das frage ich mich gerade bei meinem Augen-Schmaus. Kritiker gesucht und willkommen - bitte dort bei den Kommentaren!

Verlagsbewerbung

Ein lieber Kollege hat mir gerade einen Link zu einem wunderbaren Cartoon geschickt, der einen Lektor und einen sich bewerbenden Autor zeigt... HIER anschauen.

Vent violent

Wenn ich im deutschen Fernsehen Wetterbericht schaue, stumpfen mich die ständigen Übertreibungen, Unwetterwarnungen, Pollenwarnungen und sonstigen Invasionsängste eher ab. Wenn die Franzosen ihre seltenen Sturmwarnungen ausgeben, ist es bitter ernst gemeint. Heute morgen kam er mit diesem Gebrüll, das auch schon Lothar vor sich hertrug, man konnte die Wälder an den Hängen förmlich schreien hören. Aber immer noch ist das nur ein "vent violent", kein Orkan, keine Warnstufe rot, nur ein sehr starker Wind, der verletzen (violer) kann. Über 600.000 Franzosen waren oder sind ohne Strom. Hier im Elsass hat er gemütliche 130 km/h, weniger als der Sturm vom 24.1. - und trotzdem pfeffert er mehr Gegenstände und Äste durch die Gegend. Und Météo France prophezeit, dass uns der Spaß bis gegen 19 Uhr erhalten bleiben wird, nachdem der Sturm über die Mitte des Landes sehr schnell und ohne große Schäden gefegt ist. Elsass und Vogesen als Urlaubsort für Stürme. Das kann ich im Internet ablesen, solange ich Strom habe.

An Arbeiten ist irgendwie nicht zu denken. Ich sitze im Dunkeln bei geschlossenen Fensterläden. Den einen Flügel hat mir der Sturm nämlich beinahe herausgehebelt. Was auf dem Dach klingt, als würde jemand rennen, sind die Ziegel, die von den Böen wie in Wellen leicht angehoben werden und sich dann wieder senken. Hoffentlich. Im Vorgarten liegt mal wieder ein Baum, ebenfalls ausgehebelt, vielmehr hängt er instabil zwischen Gebüsch und Pfeiler. Aber an Baumarbeiten ist nicht zu denken. Zu gefährlich. Der letzte Sturm hat die Holzpalissade an der Straße fast aus den in Beton gebetteten Steinen gerissen und die Steine gleich mit. Meine provisorische Stützvorrichtung aus alten Zaunpfählen und Felsbrocken sieht abenteuerlich aus. Alle Stunden kontrolliere ich, denn der Sturm versetzt den großen Brocken um Handbreite, den ich mit Müh und Not in die Schubkarre bekommen hatte.

Hauptsache, die alte Fichte bleibt stehen. Sie wird um 1930 gepflanzt worden sein und ist so groß, dass keiner das Kappen bezahlen kann. Ich versuche, nicht hinzuschauen. Weil ich dann immer an den Nachbarn denken muss, der dank Lothar plötzlich durch zwei Stockwerke hindurch den Kamin in der Küche fand. Weil ich noch höre, wie es klang, als die Obstbäume auf der Streuobstwiese nebenan innerhalb von Sekunden wie Streichhölzer brachen, alle zusammen. Noch nie waren die Berge so nah wie jetzt. Man hört sie röhren, hört die alten Wälder brüllen, dann sirrt es ins Tal, klingt wie ein rasantes Gefährt auf Rennfahrt, bricht sich am Hügel, hinter dem man weit weg am Horizont den Schwarzwald sehen kann, kracht in den jungen Eichenwald.

Man gewöhnt sich daran - Winter, das sind hier inzwischen extreme Stürme und jede Menge Regen oder Nebel. Das elsässische Haus der Zukunft wird im November in die Erde versenkt, bei guter Drainage, versteht sich. Im Garten pflanzen wir später Reis und Bambus.
Nein, man gewöhnt sich nicht. Seit Lothar haben auch die Tiere, die damals schon lebten, Angst. Der alte Ziegenbock zwei Häuser weiter markiert heute sicher nicht mehr den großen Macker. Die Truthähne haben um die Wette geschrieen. Kein Wunder, die Großväter sind fast 20 Jahre alt.

Und Rocco? Der macht das einzige, was man bei solchem Wetter tun kann: Nach draußen so kurz wie möglich, sich aufmerksam umschauend, die Nase im Wind. Und dann kuschelt man sich auf die Füße der Menschin, Augen zu und schön geträumt. Ich kann doch nicht am hellichten Tag einfach Krimis schmökern? Kann ich doch?
Ich bräuchte zum Arbeiten jetzt das, was ich bei Jonathan Franzen mal im Fernsehen gesehen habe. Der setzt sich beim Schreiben Kopfhörer auf mit "rosa Rauschen". Ob "rosa Rauschen" gegen fahlgelbes Rauschen auch hilft?
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
 
◄Design by Pocket Distributed by Deluxe Templates