Verlagsleistung: Outsourcing

Holger Ehling weiß, wovon er spricht: Der Journalist und Leiter einer Agentur war jahrelang Leiter der Unternehmenskommunikation und stellvertretender Direktor der Frankfurter Buchmesse. Und ein eigenes Buch hat er außerdem geschrieben. In seinem neuesten Blogbeitrag "Verlage ohne Leselust" nimmt er zunehmende Sparmaßnahmen bei traditionellen Verlagsleistungen unter die Lupe, die bis hin zur Abschaffung eines Lektorats führen, das seinen Namen noch wirklich verdient. Daneben boomt der Selbstverlegermarkt, weil man dort zumindest solche Leistungen dazukaufen kann. Keine Angst, er spricht über die Zustände auf dem amerikanischen Kontinent, dessen "Himmelreich" allerdings meist zeitversetzt nach Europa exportiert wird.

Auch wenn das alles weit weg scheint, sollte man seinen Artikel unbedingt lesen und darüber nachdenken, wie es um deutsche Verhältnisse bestellt ist. So anders?
Mir liegen keine Studien vor und ich kenne nur eigene Erfahrungen als Autorin und die vieler KollegInnen. Ich tausche mich auch mit LektorInnen und anderen Verlagsleuten aus. Meine Eindrücke sind also begrenzt, nicht pauschalisierbar.

Trotzdem lässt sich eine Linie erkennen: Bereits vor Jahren wurden massiv Lektorinnen "outgesourct" - und zwar vorwiegend bei Konzernverlagen. Wir nennen diese Einsparungsvorschläge mit Kahlschlag beim human capital ironisch den McKinsey-Effekt. Das Heer der freigesetzten LektorInnen kämpft wie die AutorInnen um gerecht bezahlte Arbeit und annehmbare Arbeitsbedingungen. Richtig um Bücher kümmert man sich anscheinend noch bei literarischen Verlagen, bei Independents, bei Nischenverlagen und bei Spitzentiteln im Großverlag. Und natürlich ist keine Regel ohne Ausnahme!

Insofern habe ich bisher meist Glück gehabt. Beim Konzernverlag hatte ich eine wunderbare erfahrene, angestellte Lektorin der alten Schule - eine der letzten ihrer Art. Vorher musste ich auch schon einmal einen Verlag um einen Lektorinnenwechsel bitten, weil wir nicht miteinander zurecht kamen und mein Text völlig vergewaltigt worden wäre. Die Nachfolgerin hatte das richtige Händchen und der Tausch war damals noch problemlos, weil es genügend Kräfte im Verlag gab.

Mein allererstes Buch erschien voll strotzender Fehler, die in meinem Manuskript nicht vorhanden waren. Auch wenn sich der Programmchef selbst um das entstehende Manuskript gekümmert hatte, übergab er das Lektorat während seines Urlaubs der Praktikantin. Die leistete sich nicht nur einen verkorksten Buchsatz, sondern suchte aus meinen Dias auch lieber die unterbelichteten statt der wirklich guten Fotos aus. Solch ein Ergebnis wird in der Regel leider der Autorin angelastet.

Ansonsten wurde ich verwöhnt. Die Lektorin des Hanser Verlags kümmerte sich vom ersten Augenblick an intensiv um das erst zu schreibende Buch. Vom Verlag wurde ich perfekt zur Reihe gebrieft und fand in jeder Abteilung jederzeit ein offenes Ohr. Die Lektorin verbrachte drei Tage bei mir zu Hause, um ein Gespür fürs Sujet zu bekommen und um das Lektorat mit mir abzustimmen und die Endfassung festzulegen. Bei jedem noch so schrägen Extrawunsch für Lesungen oder Lieferungen war der Verlag ansprechbar und hilfsbereit. Solch eine Autoren- und Personalpflege kostet natürlich auf den ersten Blick mehr Geld. Aber man sieht es den Büchern an, wenn alle mit Liebe daran gearbeitet haben. Das Buch wurde nicht nur wegen seines Inhalts ein so großer Erfolg, sondern auch wegen dieser Art von Betreuung. Dass Hanser ständig bei allen Buchpreisen mitmischt, kommt nicht von ungefähr, sondern auch von der Firmenphilosophie und Autorenpflege.

Beim Rosenbuch hatte ich ein für mich neues Problem: Ich brauchte einen Fachmenschen, der weit mehr zum Thema wusste als eine normale Lektorin. All meine Fakten und Behauptungen mussten gegengeprüft werden. Für solche Zwecke arbeite ich im Tandem mit einem etablierten Kollegen - wir tauschen gegenseitig das Lektorat unserer Bücher. Denn ein Fremdlektor ist nicht drin im Autorenbudget. Natürlich entlasten wir damit die Verlage. Auf der anderen Seite steigt auch die Unlust bei immer mehr Verlagen, aufwändiger zu lektorierende Manuskripte einzukaufen. Fast druckreif soll es heutzutage sein. In meinem Fall bekam das Buch noch verlagsseitig ein externes Lektorat - ein Glücksfall, dass es sich dabei um meinen eigenen Agenten handelte.

Von KollegInnen in Großverlagen höre ich jedoch ganz andere Geschichten. Das Leiden der Schriftsteller an den Lektoren nimmt zu. Autoren- oder Buchentwicklung ist längst passé. Eingekauft wird, was sofort und ohne viel Arbeit vermarktbar ist. Der Aufbau einer Beziehung zu den Lektoren wird ebenfalls immer unmöglicher gemacht. So schnell, wie sie ihren Arbeitsplatz wechseln oder nicht mehr zur Verfügung stehen, kann man gar kein Buch schreiben. Ich kenne KollegInnen, deren Buch von zwei Lektorinnen bearbeitet wurde - und man hat den Bruch nachher gespürt. Nicht zu reden vom schöpferischen Stress - ein Lektorat gehört mit zum Intimsten in der schriftstellerischen Arbeit. Da bleibt keine Zeit mehr zum Kennenlernen, Abtasten und vielleicht Zusammenraufen. "Friss oder stirb" scheint die Devise der Verlagsleiter gegen beide Seiten zu sein.

Welche von den freien Lektorinnen ist gerade frei, wo kann man preiswert eine "einkaufen"? Glattbügeln lässt sich schließlich alles, ungeachtet des Themas oder der Art des Schreibens. Und wer weiß, vielleicht ging die arme Lektorin vorher durch vier Autorenhöllen und ist genervt? AutorInnen, davon können LektorInnen ein Lied singen, sind nicht selten überheblich, von sich eingenommen, unverschämt und völlig unfähig, das eigene Werk kritisch zu betrachten oder Kritik zu akzeptieren. Die LektorInnen, die immer mehr Managementaufgaben übernehmen müssen, werden kaum für solchen Umgang geschult. Am besten, sie kommen ohnehin gleich frisch von der Uni - dann sind sie billig und willig. Erst heute stolperte ich bei Twitter über ein Stellenangebot eines renommierten Verlags für studentische Aushilfen. Für etwas über 11 Euro die Stunde prüfen die ungelernten Hilfskräfte nicht nur unverlangt eingesandte Manuskripte, sondern dürfen sogar eingekaufte Texte "echter" Autoren korrigieren.

Von immer mehr mehrfach veröffentlichten KollegInnen kommt die Nachricht von einer anderen seltsamen Unsitte. Waren sie anfangs in ihrer Laufbahn noch kaum korrigiert worden, bekommen sie plötzlich von freien LektorInnen ihre Manuskripte mit einem Schwall von Verbesserungsvorschlägen zurück. Manche von ihnen sind am Boden zerstört, weil sie die Kritik natürlich persönlich nehmen. Kann sich ein etablierter Autor über die Jahre derart verschlechtern?

Einer war so aufgeweckt, sich das nicht bieten zu lassen und nachzufragen. Da stellte sich heraus, dass die ohnehin um ihren Seitenlohn bangende freie Lektorin zu einem "Arbeitsnachweis" gezwungen war. Wollte sie beim Verlag einen weiteren Auftrag bekommen und die Honorarhöhe halten, durfte sie nicht zu viele blütenreine Manuskripte vorzeigen. Das hieße nämlich, sie hätte nichts zu arbeiten! Die Chefs wollten möglichst viele Anmerkungen sehen. Manchmal hat man als Autor mit dem Beantworten der Lektorenanmerkungen mehr Arbeit als am Text selbst. Es sei denn, die Lektorin ist so schlau, dass sie einen vorher instruiert: "Sie können alle meine Vorschläge, die nicht echte Fehler betreffen, verwerfen. Ich muss das einfach tun..." Das System pervertiert sich selbst: Verlage, die am liebsten nur druckreife AutorInnen einkaufen, zwingen ihre LektorInnen geradezu, für neue Fehlerquellen und Schwächen zu sorgen. Denn so viele AutorInnen wissen gar nicht, dass sie textlich immer das letzte Wort haben.

Es gibt also noch ein Lektorat in good old Germany. Allerdings kann es massiv an die Nerven gehen - und zwar auf beiden Seiten. Der Entwicklung von Büchern und den Manuskripten tut das nicht gut. Es ist keine Seltenheit, dass immer mehr AutorInnen deshalb guten LektorInnen bei deren Arbeitsplatzwechsel in einen anderen Verlag folgen. Viele etablierte AutorInnen behalten sich längst die eigene, ganz private Lektorin vor. Wenn Menschen zur austauschbaren, schlecht bezahlten und behandelten Korrigiermaschine degradiert werden, muss es nicht wundern, dass viele AutorInnen keine Lust mehr haben. Ein gutes Lektorat hat etwas von einem Besuch beim Frauenarzt oder Zahnarzt. Es geht nicht mit jedem und nicht in Fließbandarbeit. Dass es auch anders geht und dann den Büchern und LeserInnen zugute kommt, sieht man an den Programmen der bemühten und interessierten Verlage.

Ich denke, der Selbstverlegermarkt wird sich auch hier in Richtung USA bewegen (tut er eigentlich längst). Wir werden diese Möglichkeit weiter für all die Heerscharen von Hobbymanuskripten haben, deren AutorInnen nie das Zeug für einen Verlag hätten. Aber warum sollen sie nicht ein bißchen spielen und Familie und Bekannte beglücken - früher gab es dafür Fanzines und Copyshops.

Doch PoD-Verfahren und selbstverlegte Ebooks werden längst von in seriösen Verlagen veröffentlichten AutorInnen benutzt, für wissenschaftliche Arbeiten und Fachbücher. Neben den Bastlern engagieren ernsthafte AutorInnen selbst freie LektorInnen, Cover-DesignerInnen oder Buchsatz-HerstellerInnen. Es bilden sich - wegen der Bezahlbarkeit - Netzwerke, wo man Arbeit miteinander tauscht. Hinter vorgehaltener Hand empfehlen Literaturagenturen für Nischenthemen und viele Sachbücher auch schon das Selbermachen: Spart Zeit, Ärger und bringt mehr Geld, als wenn es im Großverlag unter "ferner liefen" verrottet und nach vier Monaten verramscht wird.

Wenn man dann beobachtet, wie große Konzernverlage neuerdings massiv in Selbstverleger-Plattformen, Communities und sogar Jobbörsen für Dienstleistungen am Buch investieren, so kann man sich leicht ausrechnen, wo sie künftig Profit erwarten. Ins eigene Lektorat, in die Qualität der verlagseigenen Bücher wird dieses Geld jedenfalls nicht investiert. Und wer seine Bücher von Communities beurteilen lässt, braucht sich über immer mehr Möchtegerns im offenen Markt nicht mehr zu wundern.
Autor + Coverdesigner + Lektorat + Satz + guter Hersteller - liegt dort die Zukunft? PR und Werbung hat man ja schon weitgehend an die Autoren outgesourct.

Es ist höchste Zeit, dass sich Verlage wieder auf ihre Kernkompetenzen besinnen und auf die Menschen, die miteinander Bücher schöpfen. Sonst rennen ihnen zumindest die Schöpferischen unter ihren Autoren irgendwann weg. Sie haben ja kaum mehr etwas zu verlieren.

update
Manchmal liegen Themen in der Luft. Auch der Guardian beschäftigt sich mit dem Thema: The Lost Art of Editing.

Kommentare:

  1. Erwähnenswert wäre auch noch eine andere, neue, hanebüchene Richtung, in die sich das Lektorieren entwickelt: Ich höre immer öfter, dass Verlage sich auf diese Weise gewissermaßen das Werk des Autors aneignen wollen, nach dem Motto, "unsere Lektorin hat da so viel Arbeit reingesteckt, es ist quasi zur Hälfte ihr Buch geworden und damit unseres". (Als Begründung, sich gewisse Rechte einfach zu nehmen, etwa.) Oder Rechterückfall mit der Klausel "die Lektoratsleistung verbleibt im Besitz des Verlages" (hast nicht Du das selbst auch geschrieben?). Wo man sich fragt, wie das gehen soll – da hat man auf einen Hinweis des Lektors gemerkt, dass die anfangs rothaarige Heldin ab Kapitel 12 blond ist: Muss man den Fehler dann wieder einbauen?

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  2. Oh, welch Kollege in meinen Hallen - bienvenu!
    Ja, ich habe so etwas von Lübbe, pardon, jetzt wieder Bastei, bekommen. Andere Verlage haben die Klausel NICHT. Früher normaler Rechterückfallwisch mit der Klausel, dass noch laufende Lizenzen nicht betroffen sind - klar.
    Jetzt werden dort sämtliche Verlagsleistungen, darunter explizit das Lektorat, für den Verlag reklamiert. Kollege Mala vom VS merkte dazu schon an, dass man sich da ein Leistungsschutzrecht nehme, das noch gar nicht existiere.

    Ich frage mich: Dürfen wir Autoren dann künftig Schmerzensgeld fürs Lektorat verlangen? Rein rechtlich ist es außerdem immer der Autor, der das letzte Wort zum Lektorat hat - wird das hinfällig?

    Wenn er mitmacht, möchte ich dazu im Blog einen Urheberrechtsanwalt ausquetschen, denn der nette Satz klingt sogar so, als würde ich mich angreifbar machen, wenn ich bei meiner Kapiteleinteilung bliebe oder zufällig Garamond verwende, wenn auch der Verlag Garamond benutzte...

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  3. Update: Der Guardian beklagt "The Lost Art of Editing". Link im Beitrag ergänzt.

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