Die große Versuchung

Dank einer französischen Freundin bin ich gerade mit Material über die Umtriebe französischer Autoren versorgt worden und habe noch ein wenig selbst recherchiert. Das Bild, das sich im groben Überblick über die französische Buchbranche aus Autorensicht abzeichnet, überrascht mich nicht wirklich - schlechtere Bedingungen für Kreative scheinen sich wie ein Virus global zu verbreiten. Auf der anderen Seite finde ich es derart erfrischend, dass man sich doch einiges abschauen könnte und bemerkt: Bessere Bedingungen finden sich vielleicht in einem sehr jungen und neuen Markt. Vorab sei angemerkt: Der französische Buchmarkt ist auf den ersten Blick sehr viel kleiner als der deutschsprachige. Franzosen steht allerdings durch Quebec mit etwas Glück und Beziehungen der kanadische Markt offen.

Verlage in Frankreich

Das Veröffentlichen in Frankreich läuft ein klein wenig anders als in Deutschland. Da sind zum einen die seriösen, offiziellen Verlage, die es auch in die Medien und vor allem ins Fernsehen schaffen. Die Bücher sind allgegenwärtig, es gibt sogar echte Werbespots und jede Menge Schriftsteller in Talksendungen von Rang. Aber genau wie überall übertönen die Bestseller, die Preisgekrönten mit der roten Banderole und die kontroversen, provokativen Sachbuchthemen den Rest der Literatur. Bücher sind allgegenwärtig, jeder Supermarkt - selbst im Dorf - hat sein Bücherregal. In den Hypermarchés gibt es ganze Abteilungen in der Qualität kleiner Buchhandlungen. Doch verkauft wird, was Quote verspricht. Dafür liegt der unabhängige Buchhandel fast am Boden (wird jetzt vom Staat gefördert), reine "Medienhandlungen" gibt es fast nur noch in großen Städten - allen voran die FNAC, bei der man auch online eher einkauft als beim amerikanischen Riesen. Berührungsängste kennt der Franzose nicht. In der FNAC kauft man Bücher, Comics, Musik, Filme, aber auch Kamera- und Computerzubehör. Außerdem ist sie der bekannteste Distributor für Eintrittskarten vom regionalen Musikfestival bis zum Theater und stellt Kunst aus.

Daneben gibt es einen sehr großen "grauen" Markt. Die doch begrenzten Verlage, die meist in Paris sitzen, nehmen nämlich lange nicht alles. Für kleinere Themen, Nische und Regionales gibt es eine unübersichtliche Zahl semiprofessioneller bis professioneller Kleinverlage in der Provinz. Oft muss der Autor Sponsoren herbeischaffen. Die Annonce einer Bank oder einer Hotelkette ist nichts Außergewöhnliches in solchen Büchern, die zusätzlich über das Netz der Sponsoren vertrieben werden und durchaus zum regionalen Bestseller werden können. Für die Leser ist es nämlich egal, wo das Buch erscheint. Leider sind die Grenzen in diesem Bereich fließend und Druckkostenzuschussverlage blühen anscheinend gewaltiger als im Nachbarland Deutschland. Wie dort sind die Zuschussverlage nicht zimperlich und überziehen Kritiker mit Klagen. Im Internet findet man immer wieder Hilferufe verzweifelter Betroffener - einer soll nun fast eine halbe Million Euro für einen kritischen Beitrag zahlen.

Bedingungen für Schriftsteller

In Frankreich gibt es fast keine Literaturagenturen. Bücher verkauft man fast ausschließlich über den persönlichen Kontakt. Ich habe mir sagen lassen, dass es offensichtlich auch Garantiesummen als Vorschuss nur bei den ganz Großen gibt. Bücher, für die bei uns ein Vorschuss üblich wäre, werden in Frankreich nur mit Tantiemen abgegolten. Es soll Autoren geben, die sich selbst hier auf niedrigste Abschlüsse einlassen, um wenigstens den Vertrag zu bekommen. Dafür sind Schriftsteller in Frankreich oft professionalisierter: Das Geld muss anderswo hereinkommen. Die Teilnahme an Vorträgen und Lesungen, Schreibunterricht, Kurse für Schulen oder Führungen sind selbstverständlicher - abgesehen vom Brotberuf.

Seit ein paar Jahren zeichnet sich eine Entwicklung ab, die auch im deutschsprachigen Raum um sich greift: Immer mehr bereits veröffentlichte (!) Autoren scheitern mit neuen Projekten. Verlage sagen alles ab, was irgendwie nach unternehmerischem oder künstlerischem Risiko riechen könnte oder keinen Spitzentitel verspricht. Wer einen Namen hat, kann sich mehr Freiheit leisten. Bücher in seriösen Verlagen werden neuerdings zunehmend komplett in Auftrag gegeben oder nach Briefing von Auftragsautoren geschrieben - in der Belletristik wie im Sachbuch. Immer öfter reden Verlage schon beim Entstehungsprozess der Bücher mit. Newcomer ohne Veröffentlichung haben es so schwer wie nie zuvor.

Selbstverleger

Und genau deshalb haben viele französische Schriftsteller langsam die Nase voll: von den Verlagen, die immer mehr Auftragsware produzieren, und vom Buchhandel, der immer krassere Rabatte fordert. "L'autoédition", das Selbstverlegen, boomt - und zwar nicht etwa nur bei Hobbyschreiberlingen, sondern bei ganz ernsthaften Profis. Eine erste Recherche bei Google lässt einen eher auf ziemlich chaotische, fröhlich blinkernde Websites fallen, bevor man die eigentlichen Plattformen findet. Die großen Anbieter sprechen sich jedoch herum, darunter sind etwa jepensepublier, publie.net für E-Books, LALimprimermonlivre, Le Publieur, Amazon und neuerdings die deutschen Unternehmen Xinxii und BoD u.v.a.. Vor allem die letzten drei Unternehmen sind interessant für eine Öffnung des Marktes ins Ausland. Im Gegensatz zu Deutschland sind PoD-Verfahren bei Autoren noch nicht ganz so beliebt / bekannt, was sich aber rasant ändert. Bei einigen Plattformen sind die Preise horrend, was daran liegt, dass man dort nur Vollbetreuungspakete bekommen kann statt des in Deutschland bekannten Baukastensystems, wie es z.B. BoD anbietet.

Meist wählen die französischen Autoren noch das Offsetverfahren für "richtige" Bücher. Das bedeutet, ich kann jede Druckerei in meiner Nähe fragen, muss aber eine gewisse Anzahl von Exemplaren vorfinanzieren. Unter 400 Exemplaren lohnt sich Offset nicht. Ein großes wirtschaftliches Risiko, wenn man nicht viel hat. Mir scheint es auch noch nicht ganz durchdacht zu sein, denn ein Schriftsteller, der in Frankreich Selbstverleger wird und auch noch selbst Bücher verkauft, muss sich fiskalisch wie sozialversicherungstechnisch darauf einstellen, dass er Unternehmer und im letzten Fall auch Händler wird. Trotzdem scheint sich dieser Aufwand zu lohnen. Besonders das spanische Barcelona mit seinen preiswerten Druckereien ist bei französischen Selbstverlegern beliebt.

Der große Ausstieg

Die Welle, aus dem Verlagsgeschäft auszusteigen, wird inzwischen von den Medien ernst genommen und beobachtet. Le Monde titelte am 14.1. in einem großen Aufmacher "Die Versuchung des Selbstverlegens" (Artikel nicht online). Noch hat man mit dem selbstverlegten Buch keine Chance, in den großen Zeitungen besprochen zu werden, wenn auch der Makel des "Möchtegerns" durch die vielen Profiautoren längst weggewischt ist - anders als in Deutschland. Aber die betreffenden Autoren verkaufen ohnehin eher durch eigene Netzwerke, offline wie online. Kommt ein ganz neuer Aspekt hinzu: Französische Autoren sind sehr viel politischer im Ausstieg. Viele betrachten das Selbstverlegen nicht als rettenden Strohhalm, sondern als ausdrücklichen Protest gegen ein System, das freie und anspruchsvolle oder gar riskante Literatur zunehmend verhindert. Und sie protestieren gegen ein System, in dem der Handel einen Löwenanteil verdient und alle Macht der Distribution hält, während der Autor mit einem Hungerlohnanteil für seine kreative Leistung abgespeist wird.

Es zeichnet sich eine neue kulturelle Bewegung ab, die ihre Meinung in Blogs, via Social Media und in Online-Communities kundtut. Taucht man dort ein, wird man ein wenig an die Zeiten der französischen Revolution erinnert, wo Pamphlete und politische Schriften versteckt mit der Handpresse gedruckt und heimlich verkauft wurden. Diese Schriftsteller wollen nicht einfach nur schreiben und ihre Bücher verkaufen, sie wollen etwas verändern. Sie wollen eine Welt zurück, in der auch diejenigen etwas zu sagen haben, die nicht kompatibel mit Massenware, Trends oder Literaturpreis-Gewohnheiten sind. Genau dieses Engagement bringt spannende Alternativen hervor. Autoren-Kooperativen und Kollektive werden gegründet.

Autorenkollektive

Eine der erfolgreichen Autorenvereinigungen ist Krakoen, sehr stark aufgestellt im Krimi "Noir". Die Kooperative arbeitet absolut professionell, ist auf sämtlichen Salons du Livre vertreten und hat inzwischen neben ihrem Verkauf von der Website aus auch einen Vertrieb gewinnen können: Calibre, ein Vertriebsdienst speziell für Kleinverleger. Leserinnen und Leser können von der Vereinigung Krimis abseits des Mainstreams erwarten.

Das Prinzip der französischen Autoren-Kooperativen ist so einfach wie betörend: Autoren auf einem gewissen Niveau (keine "Möchtegerns") und mit gemeinsamen Interessen schließen sich zusammen. Gemeinsam planen sie ein eigenes "Verlagsprogramm" und bezahlen Leistungen von außen wie Grafiker oder Druckerei. Deren Preise werden durch den regelmäßigen Gruppeneinkauf günstiger. Alle anderen Leistungen, welche die Autoren selbst beherrschen, etwa Lektorat oder Korrektorat, werden untereinander im Tausch erbracht. Auch auf Buchmessen und in der Werbung engagiert man sich füreinander, was die Herstellungskosten noch einmal senkt und den Werbeeffekt vervielfacht.

Im Gegensatz zum Einzelautor können die Autoren einer solchen Vereinigung mit einem eigenen Label auf sich aufmerksam machen und bekommen absolut professionell gestaltete Bücher mit Wiedererkennungswert nach außen. Als Gruppe, die wie ein Verlag agiert, steigen ihre Chancen in Sachen Wahrnehmung von außen. Nicht zu verachten ist der gegenseitige Austausch unter Kollegen. In einer Kooperative ist jeder einzelne Autor Verleger und behält sämtliche Rechte an seinem Werk. Und was die Einnahmen betrifft: Hier verdient keine Plattform, kein Mittler, kein Hersteller (abgesehen von der Druckerei natürlich) - sondern allein die Kooperative. Die fördert außerdem den unabhängigen Buchhandel, indem sie die Partner, die ihre Bücher direkt abnehmen, bewirbt. Meiner Meinung nach ein Konzept, das unbedingt Schule machen sollte.

Teil II: Die Aussteiger - Milchmädchenrechnung oder neuer Markt?

Kommentare:

  1. Das hört sich alles prima an, Petra, nur - wer entscheidet bei so einer Autoren-Kooperative wer ein "Möchtegern" und wer ein ernstzunehmender Autor ist?

    Bis die Self-Publisher Welle anfing zu rollen, wurde jeder Autor, der keinen Verlag hatte, als Möchtegern eingestuft, d.h. letztendlich kamen doch nur wieder die Autoren zum Zug, die von der "Hoheit Verlag" als kommerziell nutzbarer Produzent bewertet wurden.

    Ich denke, das ist die erste Hemmschwelle zur Kooperativen-Gründung in Deutschland: der Blick auf den Nachbarteller und das Vergleichen wer denn besser ist, wer mehr verkauft etc. Wo ist er denn, der Möchtegern?

    Schreiben ist Kunst und es gibt (ein ordentliches Lektorat vorausgesetzt) für jeden Stil ein Publikum.

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  2. Pat, ich möchte dir gleich widersprechen: Nicht jedes Schreiben ist Kunst. Es gibt eine Menge Texte, für die man kein Künstler sein muss. Aber das ist gar nicht der Gegensatz.

    "Möchtegern" ist natürlich ein schwieriger, salopper Begriff, der nur auf die Schnelle umreißen soll, dass es da um die Leute geht, die absolut kein Interesse haben, ein Buch auch nur annähernd professionell zu gestalten, dieses Heer der "Selbstbefriediger", die alles gleich genialisch finden, was sie aus dem Ärmel schütteln, selbst wenn's zum Grausen schlecht ist - aber wehe wehe, ein Lektor verbessert auch nur ein Wort. Ja, es gibt Heerscharen davon. Ein ernstzunehmender Autor ist immer an Verbesserungen und Qualität interessiert, egal, ob mit Mitarbeitern oder alleine.

    So ist das ganz einfach bei diesen Kooperativen: Sie wählen genauso aus, was zu ihrem Programm passt, wie ein Verlag. Krakoen macht Krimis von einem bestimmten Stil, einer bestimmten Qualität. Und wie in der Programmkonferenz sitzen da die Mitglieder und entscheiden gemeinsam über Neuaufnahmen. Denn sie müssen sich ja auch nachher gemeinsam füreinander einsetzen, gemeinsam Marketing machen etc. Hätte keinen Sinn, da jemanden "mitzuschleppen", der z.B. Frauenromane schreibt oder nicht mal plotten kann (oder will).

    Wer ein "Möchtegern" ist, ist deshalb immer eine individuelle Entscheidung. Ich würde auch den Deutschen zutrauen, sich da zusammenzuraufen. Ich persönlich achte ja auch darauf, wenn ich jemanden für ein Lektorat bemühe, dass der- oder diejenige 1. Ahnung vom Thema hat, 2. Berufserfahrung, 3. gut ist und 4. die Chemie stimmt. Ich hab schon so viele wirklich fehlerhafte E-Books in Händen gehabt, wo jemand als Lektor angegeben ist, dass ich fast eine Negativliste führen könnte. Habe ich dann jemand passenden gefunden, kann das zur beruflichen Lebensbeziehung werden.

    Und genau so wachsen Kooperativen. Die sucht man sich nicht per Social Media, die wachsen langsam an der Arbeit, persönlich, im Leben. Du weißt selbst, wie intensiv so eine Zusammenarbeit sein kann. Ich kann mir drum auch Kooperativen von "Möchtegerns" vorstellen. ;-)

    Die Kooperativen in Frankreich sind im Prinzip Verlage, die genau die gleichen Standards erfüllen wollen wie etablierte Verlage.

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  3. PS: Muss man vielleicht noch dazu sagen: Eine Kooperative ist natürlich auch eine Rechtsform für eine Firma, in Frankreich sehr verbreitet und traditionell. Schon von der geschäftlichen und buchhalterischen Verantwortung her empfiehlt es sich, die Mitglieder gut auszusuchen. Denn das geht alles vor Notar, Finanzbehörden etc.

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