If nobody knows you

Stell dir vor, kein Schwein kennt dich. Du schreibst. Du schreibst eine ganze Menge, aber vom Schreiben von Verlagsbewerbungen hast du die Nase voll. Du schreibst, was alle Teenies zur Zeit lesen: Bücher über Vampire. Früher hättest du deine Romane an Fanzines geschickt. Heute machst du ein E-Book daraus. Und auf einmal hast du einen Job, von dem du leben kannst. Kein Schwein kennt dich, aber fast eine halbe Million Leser kennt deine Bücher.

Aufwachen!!! War nur ein schöner Traum aus dem Land, wo Tellerwäscher Präsidenten werden können. Oder waren es Schauspieler? Egal. USA Today hat sich die stillen, versteckten und heimlichen Stars der amerikanischen E-Book-Szene angeschaut und herausgefunden, dass bei den Riesen Amazon und Barnes & Nobles erstaunliche Umsätze mit Selfmade-E-Books generiert werden. Das Beispiel von Amanda Hocking kann einem jenseits des großen Teichs schon den Atem nehmen: Die junge Frau schreibt im Genre-Trend der Vampirromane, bastelt ihre E-Books selbst und bietet sie zu Tiefstpreisen bei beiden Online-Händlern an. Ich habe das spaßhalber mal nachgerechnet. Legt man ihrer Auflage den tiefsten Preis (99 Cents) mit der niedrigsten Beteiligung (30%) zugrunde, kommt sie mit ihrem Bestseller auf 48.708 $ im Jahr und mit allen Titeln auf 133.650$. Aber sie verkauft ja nicht alle Bücher so billig und verdient an den Kindle-Ausgaben 70%.

USA Today nennt noch ein paar Kindle-Erfolge und eine interessante Entwicklung. Amazon steigt zunehmend ins Verlegergeschäft ein, das ist bekannt. Mit dem Programm AmazonCrossing übernimmt man aber auch noch herkömmliche Lizenzgeschäfte. Man muss sich das so vorstellen: Der US-Händler verwurstet sämtliche Nutzerdaten, die auf seiner Seite so gespeichert werden, um Bücher zu finden, die besonderes Aufsehen erregen. Dann wird die Lizenz gekauft, das Buch übersetzt und exklusiv über die eigenen Kanäle vermarktet. Der deutsche Journalist Oliver Pötsch hat es mit einem historischen Roman geschafft, der bei Ullstein erschien. 100.000 Kindle-E-Books hat er im englischsprachigen Raum verkauft.

Nun sollte man als deutschsprachiger Autor nicht in den Goldrausch verfallen. AutorenkollegInnen, die jetzt schon innovativ via Kindle E-Books anbieten, sprechen von zarten Centeinnahmen (wir schreiben eben noch in der falschen Sprache). Weder diese Art von Buchkultur noch der Reader haben es bisher nach Europa geschafft. Aber wenn der Kindle nach Deutschland kommt (man munkelt von einem Termin um Ostern, aber noch ist es nur Munkeln) und endlich auch amazon.de E-Books anbietet, dürfte einiges im alten System ins Rutschen kommen. Im Moment ändert sich nicht nur die Welt für AutorInnen rasant, auch Verlage, Lizenzabteilungen und Buchhandel stehen vor großen Herausforderungern.

Kommentare:

  1. Macht schon nachdenklich.

    Wenn ich das Wort "opportunity" nehme, dann hat es mehr Dynamik und birgt mehr "Hoffnung" als das deutsche "Chance" oder gar "Gelegenheit".

    In der "opportunity" liegt der Reiz, auch weil in dem Wort "Chance" (fuer mich zumindest) das dem Deutschen so unangenehme "Risiko" sich versteckt und in dem Wort "Gelegenheit" mein (unterentwickeltes) Sprachempfinden sich eher ein ungeplantes Ereigniss sich gelegentlich entwickelt.

    Doch stecken im Wort "Opportunity" Idee, Entwicklung, Mut zum Risiko, anders sein, Individualismus etc.

    Wenn jetzt viele Opportunities sich treffen - Amanda und Amazon, dann gibt es eine ganz einfache "Win-Win" Situation.

    Ueber Talent, Geschmack kann man dann reden - das ist mit dem deutschen Qualitaetswahn nicht zu vergleichen.

    Bezeichnend ist fuer mich, ja, der Vergleich hinkt und ist stark vereinfacht, aber dennoch - Amanda schreibt ein Buch und findet ihren Erfolg, in Kairo gehen die Menschen auf die Strasse weil sie eine neue Regierung haben moechten, und in Deutschland diskutiert man naechtelang ueber Hartz IV.

    Nicht nur die Verlagswelt steht vor Herausforderungen - das ganze "Mindset" einer Generation (unsere) und zum Teil das Mindset ganzer Laender, inkl. Deutschland und Frankreich.

    Machen wir es wie die Aegypter - machen wir einfach...was haben wir eigentlich dabei zu verlieren?

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  2. Da sind wir ganz schnell bei Heinrich, Henry, Henri und Henryk! ;-)
    Ich glaube auch, dass wir in einer höchst spannenden Umbruchzeit leben, die man mit Angst oder mit Hoffnung und Neugier angehen kann - je nach Typ.
    Als ich den Umbruch in Osteuropa miterlebte, sprach man dort von den verlorenen Generationen. Das sind im Schnitt etwa zwei Generationen, die auf der Strecke bleiben, weil sie 1. gesellschaftlich chancenlos sind und bleiben oder 2. nicht flexibel und anpassungsfähig an neue Gelegenheiten. Und dann waren da die "Pioniere", die sich als erste ins kalte Wasser stürzten und absolut geschickt zu Gewinnern wurden (leider oft auch zu Gewinnlern).

    Ich denke immer wieder an die beiden Amerikaner, die zu meinem Nijinsky-Projekt sagten: "Warum warten sie auf Dritte, wenn etwas gut ist. Machen Sie. Vielleicht scheitern sie grandios. Aber dann haben Sie es wenigstens gemacht und etwas gelernt."

    Zufällig hat mir heute jemand eine uralte Festplatte rekonstruiert. Ich fand mehrere Romanentwürfe, die ich aus heutiger Sicht für absolut vielversprechend halte. Aber damals hat man mir eingeredet, so ein Mischmaschzeug verkauft sich nicht, ich solle doch besser Frauenromane schreiben. Ich krieg das Heulen, wie viele Jahre ich vergeudet habe, indem ich nicht "einfach gemacht" habe!

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