Samowargeblubber

Eigentlich bin ich keine Freundin von Katzen-Content. Aber der gute Heinrich (oder etwas wissenschaftlicher hier) hat in einem Kommentar zum letzten Beitrag derart charmant und überzeugend gequengelt, dass ich ihm seine Bitte nicht abschlagen kann. Weil aber trotzdem alles, was Arbeit macht, im Blog ruhen soll, erzähle ich einfach einmal, wie ich diese "Zeitung" am Laufen halte. So ähnlich nämlich wie eine echte Zeitung, mit dem Unterschied, dass ich alles in Personalunion selbst machen muss: Kaffee kochen, Schreiben, Redigieren, "Drucken", in der Kantine sitzen...

Natürlich schneide ich mir meine Themen nicht täglich aus dem hohlen Bauch. Morgens beim Frühstück lese ich - aus privatem Interesse - eine Menge quer: Zeitungsartikel, die Branchenpresse, Verlagsmeldungen via Twitter, Mails und vieles mehr (früher habe ich mit einer echten Zeitung geraschelt, die Zeiten sind vorbei). Bereits beim Lesen fällt mir auf, worin Themen stecken könnten. Dafür gibt es einen eigenen Lesezeichen-Ordner im Browser: "Blogthemen". Hier lege ich alles ab, was womöglich ein Nachdenken lohnt - also sehr viel mehr, als ich je verwursten kann. Ohne solche Vorräte lässt sich ein Blog nicht so regelmäßig füllen. Bevor ich einen Beitrag schreibe, schreit entweder eines dieser Themen schon ganz laut oder ich suche die Liste durch, wonach ich Lust habe. In den einfachsten Fällen kann ich aufgrund einer Vorlage etwas Eigenes entwickeln. In den meisten Fällen beginnt hier jedoch die journalistische Arbeit. Ich muss Gegenstimmen suchen, Ergänzungen finden und zuweilen auch Fakten nachchecken. Denn nicht alles, was in Zeitungen steht, ist unbedingt wirklich.

Habe ich alles genügend durchdacht, fließt mir der Text zwar direkt in die Tasten und ist auch recht schnell geschrieben - aber noch lange nicht "druckreif". Sprich, ich redigiere mich selbst, so gut es geht. Im Schnitt brauche ich zwei bis drei Korrekturdurchläufe, weil es besonders schwer ist, sich selbst zu korrigieren. Und ich finde manchmal auch nach fünf Korrekturen leider immer noch den ein oder anderen Fehler in der Online-Version, vor dem ich manchmal aus Zeitgründen einfach kapituliere. Bei kontroversen Themen kommt manchmal noch Nacharbeit hinzu: Wenn ich in Kommentaren argumentieren möchte, muss ich oft selbst überprüfen und gegenrecherchieren, ob meine eigene Meinung nicht idiotisch und hinfällig ist.

Ein gewisses Niveau an Inhalten macht also durchaus richtig Arbeit. Die mache ich gern. Aber manchmal ist einfach im Kopf kein Platz dafür, da müssen die Buchwelten ungehindert wuchern können - und ein Privatleben hat der Mensch ja schließlich auch noch. Ich glaube auch nicht, dass die Leserinnen und Leser in unserer informationsüberfluteten Welt wirklich alles lesen wollen. Es gibt ja diesen Witz von den ersten Twitterern, die - von der Echtzeit verführt - Tweets absetzten wie "Ich geh jetzt aufs Klo" oder "esse gerade eine Orange". Falls die Welt solche Dinge trotzdem unbedingt wissen will - ich bin dafür natürlich nicht die richtige Lieferantin. Denn ich würde die Orange sofort global und philosophisch und petrochemisch untersuchen...

Nun ja, was macht so eine, wenn sie nicht bloggt? Gestern hat sie stundenlang über einer CD-ROM mit Schriften gebrütet, weil der Nijinsky-Text  vor dem Drucken schließlich erst einmal gesetzt werden muss. Als optischer Typ muss ich das alles austesten, ein elendes Gefrickel, zumal nicht jede gute Schrift auch im Laserdruck schön kommt. Ganz nebenbei entstand eine Maximalliste für die Illustrierung, bei der ich zum Glück nur noch in New York und Paris einkaufen müsste (vorher waren es beträchtlich mehr Anbieter). Dafür muss ich eine Kalkulation erstellen und je nach Preisen das Layout Richtung Minimalliste umstellen. Und ich sollte mir endlich grundlegend Gedanken in diese Richtung machen, weil ich noch mit dem Hersteller reden , ihm meine Fragen stellen muss. Die Zeit vergeht zu schnell, weil ich die Weihnachtslähmung in Firmen einrechnen muss. Im Hinterkopf drängelt außerdem die Ausarbeitung einer PR-Strategie. Kurz vor Erscheinen ist es dafür nämlich zu spät.

Was im Moment jedoch den breitesten Raum einnimmt, sind persönliche Gespräche und Mails zum zweiten Teil des Texts. Da muss ich mich intensiv vorbereiten und auch einlesen - im Moment z.B. in das Thema Hollywood mit seinen typischen Männer- und Frauenrollen. Nijinsky ist ja weit mehr als nur Ballett! Und Wissen fällt bekanntlich nicht einfach aus dem Hirn, sondern will erarbeitet werden. Da muss ich intensiv am Ball bleiben, zumal ich noch ein Essay schreiben muss. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich habe noch nie ein Essay geschrieben, jedenfalls keines, das gedruckt wurde...
Und in solch einer Phase muss einfach alles andere warten, was einen aus dieser Versenkung herausreißen könnte: Fensterputzen, Behördenbriefe, Einkaufen, überflüssige Anrufe, Besuche, Haushalt und Bloggen.

Es gibt ein jüdisch-kabbalistisches Schöpfungskonzept, das "Zimzum" genannt wird (Wikipedia / ausführliche Erklärung). Im Studium hat es mich wegen des in meinen Ohren drolligen Namens total begeistert, aber auch wegen der Vorstellung dahinter. Säkular, völlig verkürzt und einfach gesprochen ist Zimzum eine "Selbsteinziehung". Man ging davon aus, dass ein allüberall gegenwärtiger Gott nicht schöpfen könne, wenn er doch selbst alles ausfüllt. Also musste er sich in sich selbst zusammenziehen, sozusagen verdichten, um Leerräume für die Schöpfung zu schaffen. Die deutsche Übersetzung "Einschränkung" trifft das Konzept nicht ganz, weil es diese Selbstverdichtung außer Acht lässt.

Autoren - und alle Künstler überhaupt - sind natürlich keine Götter. Aber vom Zimzum darf man durchaus lernen. Man kann nicht  wirklich schöpferisch tätig sein, wenn man meint, überall mitspielen und mitreden zu müssen, wenn man sich endlos außerhalb seiner selbst verströmt und ständig präsent oder ansprechbar ist. Auch künstlerische Schöpfung braucht diese erwartende Leere; diesen Raum, der einatmen will, weil er ausgeatmet wurde. Also muss sich der Künstler selbsteinziehen, sich einschränken, sich in seiner Mitte verdichten. Kommt "dichten" für "ein sprachliches Kunstwerk erschaffen" wirklich nur vom lateinischen "dictare = zum Aufschreiben aufsagen"? Kommt vor dem Dichter nicht vielleicht der Verdichter?

Wer übrigens ungeduldig auf Weiteres wartet, der sei getröstet. Bald stelle ich mit Interviews eine sehr besondere Gruppe aus der Buchbranche vor. Das ist dann wieder richtige journalistische Arbeit und nicht in einer halben Stunde gemacht.

1 Kommentar:

  1. Liebe Petra,
    mit dem wissenschaftlichen "Guten Heinrich" haben Sie mir eine große Freude gemacht. Das kannte ich noch nicht.

    Daraus werde ich eine Geschichte basteln, die ich im Altenheim vortragen werde, wenn gerade mal kein Mord passiert ist - oder sonst tote Hose ist. Oder einfach nur so, alte Menschen erzählen ihre Geschichten ohne Anlass mehrfach. ;)

    Sehr, sehr schön! *freu*

    Gruß Heinrich

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