Schriftgelüste

Man kann natürlich auch an einem Bildschirm in schöner Buchgestaltung schwelgen (wo sie ja heutzutage gemacht wird). Ich wusele beispielsweise gerade durch Hunderte von Schriften und einen Berg Typografie-Nachhilfe. Viel hat sich nämlich getan, seit ich Mitte der 1980er in der Schlussredaktion Klebesatz betreuen musste. Man stelle sich das vor: Wir tippten unsere Artikel auf altertümlichen mechanischen Schreibmaschinen auf Manuskriptpapier, das Anschläge und Zeilen vermaß. Redigiert wurde mit rotem Kuli und dann noch einmal abgetippt. Ganz normaler Standard bei einer der wichtigsten badischen Zeitungen damals. Die Assistentin trug die Maße in den handgezeichneten "Spiegel" des Redaktionsleiters ein, also das geplante Layout der Zeitungsseiten.

Dann flatterten die Papierpacken flugs in den Keller, wo in einem Großraumbüro sogenannte "Schreibfräulein" saßen. Das waren schlecht bezahlte Frauen, die das Getippsel noch einmal abtippten - diesmal in einen anderen Standard, mit dem man die Linotype-Maschinen füttern konnte. Daneben lag die Setzerei, wo man wirklich noch mit Schere und Papierkleber hantierte. Die Arbeit war brutal, meist ebenfalls schlecht bezahlt - und musste vor allem schnell gehen. Schließlich durften die Druckmaschinen keine Minute umsonst und nicht zu spät anlaufen. Im Nachtdienst in der Schlussredaktion ging es dann nach Augenmaß. Ich rannte zwischen den Setzern herum und musste ratzfatz entscheiden: Hier war eine Schlagzeile zu lang, dort war ein Hurenkind zu beseitigen oder ein Foto klemmte im Text. Die Setzer waren heilfroh, wenn meine Lösung mit einfachen Schnitten zu bewerkstelligen war oder wenn man Wörter aus Abfällen dazukleben konnte. Unbeliebt waren die Redakteure, die wegen fünf Buchstaben eine neue Schlagzeile erfanden. Die musste nämlich wieder ins Schreibbüro, wieder geklebt werden ... Ich war eher unbeliebt bei den Redakteuren, denen ich zur Freude der Setzer radikal Floskeln gestrichen hatte, damit das Foto Luft bekam.

Ich will diese Arbeit nicht missen, weil ich heute noch nach Augenmaß entscheide. Sicher war es nicht unbedingt schön für die Betroffenen, dass viele dieser damals beteiligten Berufe ausstarben. Und trotzdem - welche Erleichterung, das alles zusammen - vom Layouten bis hin zum Satz - am Bildschirm machen zu können, ohne dass man durch Korrekturen Müll produziert und wertvolle Zeit verliert. Gerächt haben sich die Entlassungen insofern, als die Redakteure eben nicht mehr nur schreiben durften, sondern sich immer mehr Zusatzkenntnisse aneignen mussten. Die moderne Wollmilchsau hat auch Ahnung von Typografie, Desktop Publishing und den Abläufen für die Druckerei.

Für Laien gibt es eine Menge wunderbarer Seiten zum Thema Textgestaltung, man muss nur einmal "Typografie / Typographie" (Fluch der Rechtschreibreform: Mehrfachsuche) in die Suchmaschine eingeben. "Regeln zur Lesbarkeit" etwa zeigt, worauf man achten muss, dass ein gestalteter Text nicht "gebastelt", sondern edel aussieht - egal für welches Medium er gemacht ist. Schaut man sich z.B. das Kapitel über "Schriftmischung" an, erkennt man schnell die typischen Anfängerfehler von Websites: Da werden fünf verschiedene Schriften wild gemischt, bis das Auge fast explodiert. Tatsächlich gibt es auch für so etwas Erfahrungswerte und Wissen.

Großen Spaß machen auch "Die hundert besten Schriften", in denen man endlos schmökern kann. Das sollte man auch tun, wenn man sie verwenden will, denn hier wird schnell klar: Schriften haben eine psychologische Wirkung. Wer sich z.B. von einem Prospekt in "Frutiger" gedrängelt oder wie auf dem Abstellgleis fühlt, liegt ziemlich richtig: Das ist die Schrift für den französischen Flug- und Nahverkehr.

Blogleser erraten natürlich, dass ich mich mit dem Satz des Nijinsky-Buchs beschäftige. Da gab es auch ein kurioses Erlebnis: Bei den Schrifttypen, die spontan für mich wirken, als kämen sie aus der Zeit Nijinskys, steht ganz oben "Souvenir". So müssen damals Bücher ausgesehen haben, fand ich. Damit lag ich genau richtig: Morris Fuller Benton entwickelte die Schrift 1914. Aber Schönheit ist nicht alles. Viel mehr Fragen muss man sich zum Gesamtlayout in Kombination mit Titelschriften stellen oder dazu, ob die Schrift gut lesbar ist, psychologisch nicht in die Irre führt (ein Ballettbuch titelt man nicht mit Stummfilmatmosphäre) - und sich auch für den Druck eignet. Laserdruck ist da nämlich ein wenig eigen mit dünnen Linien oder leicht grauwertigen Schriften.

Ein Schmankerl für alle, die sich mit Normseiten herumplagen: Die habe ich als erstes aufgegeben. Ist zwar ganz praktisch, um ungefähr zu berechnen, wie dick ein Buch werden mag - aber je nach Layout eben auch völlig überflüssig. Ich schiebe meinen Text in genau der Schrift herum, die später auch gedruckt werden soll. Und da kann so ein Buch je nach Seitengröße, Layout und Typografie schon mal um 20 bis 30 Seiten divergieren!

PS: Natürlich habe ich Panik, dass das Buch nachher aussieht wie ungedruckter Klebesatz. Natürlich werden mich die Hurenkinder und Schusterjungen bis in Alpträume verfolgen!

Kommentare:

  1. Madame, sag mir nichts Despektierliches gegen Frutiger und ihren Schöpfer Adrian F., der so charmant ist wie seine Schriften. Das ist nämlich eine der reichsten (Typen-)Familie. Roissy ist davon nur eine Abart. - Schöne Schneegänge wünscht dero ergebenster PJ

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  2. Herrlich, wie so ein bißchen Geschnodder sie alle aus den Löchern treibt, die Haptiker, die heimlichen Buchpreziosen-Genießer, die Typophilen ;-) Jetzt weiß ich doch gleich, wen ich mit meinem "Hilfe, ich kann mich nicht entscheiden" quälen werde ;-)
    Freudigst schneegrüßend, PvC

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