In den Miesen

Noch bis Dienstag ist das Radiofeature "Die Ungelesenen" auf SWR2 als Podcast abzurufen, außerdem kann man das Sendemanuskript als pdf herunterladen. So unterhaltsam und tröstlich das Spiel zwischen einem sprechenden ungelesenen Buch und O-Tönen aus Branche und Wissenschaft war - es hielt auch einen echten Schocker bereit.

Über Zahlen und Gehälter spricht man in Deutschland bekanntlich nicht laut. Und jeder weiß: Wo nur im Verborgenen gemauschelt wird, wird auch kräftig zurechtgebogen und betrogen. Autorinnen und Autoren lügen sich schön, weil man sonst mit Fingern auf sie zeigen würde, wenn sie die Wahrheit zugäben oder gar das "Nest beschmutzten". Richtig laut reden ohnehin nur die Spitzenplatzhirsche über das Thema Auflage. Wie viele Exemplare eines Buchs tatsächlich gedruckt wurden, erfahren Autoren vielleicht nachträglich pi mal Daumen anhand der Abrechnungen, wenn die gesamte Auflage auch verkauft wurde. Das Dumme ist nur - von einem Großteil der Bücher werden gar keine ganzen Auflagen mehr verkauft, immer schneller wird verramscht.

So ist die Auflage auch vor den Urhebern ein gut gehütetes Geheimnis. Und in der Öffentlichkeit sowieso. Verkaufszahlen gibt es verlässlich nur auf den jährlichen persönlichen Abrechnungen, wo Autoren spätestens sehen, wie Amazonränge täuschen. In den Buchvorschauen werden die Vorabbestellungen der Buchhändler auch schon mal künstlich nach oben getrieben, schließlich will man den noch zaudernden Buchhändlern zeigen, wie viele Stapel ihre schlaueren Konkurrenten bereits geordert haben. Und im Feuilleton schreibt man Zahlen von Vorschauen oder Bestsellerlisten ab, die anderen Bücher interessieren ohnehin selten.

Mir als Autorin wurde die Sache mit den Abverkäufen zum ersten Mal verdächtig, als mein literarischer Verlag meinen riesigen Publikumsverlag in Sachen Abverkauf schlicht plattmachte. War das also ein Märchen, dass ein Konzernverlag automatisch besser verkaufe als ein literarischer? Und wie ließ es sich erklären, dass ausgerechnet eins meiner dümmsten Projekte so fleißig über den Ladentisch ging, das ich beim Frühstück aus Zitatedatenbanken kompiliert hatte, um mir endlich wieder Butter aufs Brot leisten zu können? Kreativ waren daran nur das Vorwort und die Grafik. Warum brach ein anderes Buch mit einem Verlagsverkauf völlig ein, obwohl da draußen im Publikum doch niemand über den Besitzerwechsel wusste, obwohl doch angeblich Inhalte verkauft werden?

Ich hörte mich um, erschrak und schlug mir mehr als nur einmal an den Kopf. Als ich einmal drei Tage über einer Abrechnung heulte, tröstete mich jemand, der Einblick bei Media Control hatte - ich lag im oberen Mittelfeld des Verlags mit dem, was ich persönlich als absolut vernichtende Schmach empfand. Ich Trottel hatte mich an der falschen Elite orientiert - oder an erlogenen Zahlen. Eine gute Bekannte aus einem Publikumsverlag gestand, dass es zwar nicht jeder so mache, aber die Vorabzahlen auch schon mal bei Bedarf eine Null hinten angehängt bekämen. Ohne Komma, versteht sich. Ein Thrillerautor brachte mich zum Staunen: Mit knapp 600 abverkauften Exemplaren bekam er sogar einen zweiten Vertrag. Der arme Kerl ahnte damals noch nicht, dass man das "Altpapiertapete" nennt, was Hintergrunddekoration für die Bestseller abgeben soll. So ein Verlag braucht schließlich ein gefülltes Programm, nicht nur die großen Bringer.

Ich bin also einiges gewohnt. Ich bin inzwischen absolut abgebrüht bis sarkastisch, was die Innereien meiner Berufe betrifft. Trotzdem blieb mir bei der Passage über Verkaufszahlen im Feature "Die Ungelesenen" der Mund offen stehen.

Wir schielen ja gern in die USA. Fleißig werden von dort Lizenzen eingekauft, von Büchern, die sich ja ach so irre toll verkaufen. SWR2 stellte klar: Von 1,2 Millionen lieferbaren Titeln in den USA verkaufen 950.000 Titel weniger als 99 (!) Exemplare im Jahr. Also verkaufen nur 250.000 Titel mehr als 99 Exemplare im Jahr. Man kann auf die Elite der wirklichen Bestseller hochrechnen. Im Schnitt, so der Beitrag, finde eine amerikanische Neuerscheinung immerhin 500 Käufer...

Aus, der schöne amerikanische Traum. Das machen wir doch im deutschsprachigen Markt gründlicher. Schließlich kaufen wir all die tollen Bestseller von außen ein und beschäftigen nur einheimische Topautoren. Weit gefehlt!

Da hat nämlich ein Professor Michel Clement, der in der Sendung spricht, anhand von Media-Control-Daten die Wirkmechanismen von Bestsellerlisten erforscht. Der saß nun vor etwa 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr, von denen 13.000 Titel aus der Belletristik stammen. Das war zu viel für eine Untersuchung, also grenzte der Professor die Bücher ein - auf einem nicht zu anspruchsvollen Niveau, wie er glaubte. 1500 Stück mussten von einem Buch mindestens im ersten Jahr über den Ladentisch gegangen sein, außerdem sollten es belletristische Hardcover aus den Jahren 2003-2005 sein, die zum Taschenbuch wurden - das waren immerhin noch 38.000 Titel. Leicht zu erreichen, oder? Was sind schon 1500 Stück im ersten Jahr: Peanuts! Da müssten doch massenhaft Bücher von den 38.000 übrig bleiben?

Es waren genau 609 Buchtitel, die alle Kriterien des Professors erfüllten. 189 Titel davon schafften es mindestens eine Woche lang auf die Spiegel-50-Bestsellerliste. 189 Titel von etwa 90.000. Nein, seien wir gnädig, er zählte ja nur Belletristik: 189 Titel von 13.000. Ganze 609 Titel wurden in diesen drei Jahren zuerst im Hardcover aufgelegt, dann als Taschenbuch und schafften die Hürde von 1500 abverkauften Büchern im ersten Jahr.

Aber hoppla: Da ist ein Rechenfehler! Der Professor hatte drei Jahre untersucht. Das waren also 609 Titel von 3x13.000 = 39.000. Wieviel Prozent sind das? Nein, ich will es gar nicht wissen. Seither rate ich jedem, der davon träumt, dass ordentlich etwas über den Ladentisch läuft und monatlich ein Grundeinkommen gesichert ist, es vielleicht einmal mit einem Job bei Aldi an der Kasse zu versuchen.

update:
Der Artikel zieht Kreise: Schreibtäter Matthias Brömmelhaus und Richard K. Breuer nehmen den Faden in ihren Blogs auf.

Kommentare:

  1. Das Sendemanuskript sollte zur Pflichtlektüre in allen Schreiberforen und sonstigen Treffpunkten angehender Erfolgsautoren erklärt werden. Vielleicht würde dann das ewige Lechzen nach einem Verlagsvertrag ein Ende haben.
    Dass man mit einem Erstlingsroman nur Allmosen verdient, dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben. Aber immerhin wird man gelesen, so die Hoffnung, die nun auch gestorben ist.
    Bliebe die Freude am Schreiben selbst, die einen Wert an sich darstellt, und für die man nichts als wahlweise Papier/Stift oder Computer braucht.

    Na ja, so weit wird es nicht kommen. Dafür wird die Industrie aus DKZ-Unternehmen und BoD-Druckereien schon sorgen. Ihr Geschäft ist das Befeuern unrealistischer Träume. Denn merke: Nichts ist stärker als Sehnsucht nach der eigenen Berühmtheit.

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  2. Parfait, meine liebe Petra. Solche Infos wünschte man sich öfters zu hören und zu lesen.

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  3. Ganz perfekt war's leider nicht. Als Sachbuchautorin hätten mich die Zahlen in diesem Bereich auch interessiert, die je nach Thema ja erheblich schwanken können. Höchst aufschlussreich wäre außerdem unabhängiges Zahlenmaterial vom Selbstverlegen und aus PoD-Verfahren. Habe ich nie irgendwo gefunden, da wird noch eiserner geschwiegen.

    Man kann nur aus einschlägigen Foren herauslesen, dass manche völlig aus der heilen Welt aufgeschreckt auffahren, weil sie mangels kaufwilliger Freunde und Verwandter nur EINstellige Absatzzahlen für ihren Bestseller vorfinden. Dagegen lassen sich beim Sachbuch je nach Name und Einbindung ins Zielpublikum auch mal höhere Verkaufszahlen erzielen als bei Altpapiertapeten im Publikumsverlag. Diese Schwankungen nähren eben die Hoffnung...

    Das Befeuern unrealistischer Träume muss man allerdings meiner Meinung nach auch vielen Plattformen vorwerfen, die derzeit wie die Pilze aus dem Boden sprießen. Dort werden genau diese Schreibkunden abgeschöpft, indem man ihnen verspricht, sie würden womöglich entdeckt werden und ganz groß rauskommen...

    Vor allem sollte man sich diese Zahlen zu Gemüte führen, wenn man sich über die Möglichkeit der neuen Medien freut. Natürlich kann jeder mit wenig Aufwand ein E-Book herstellen und auf einer Plattform anbieten. Aber wie sollen die Perlen in Tonnen von Müll dann noch gefunden werden? Immer mehr Bücher ringen um immer weniger Leser?

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  4. Ich empfehle übrigens, sich die gesamte Sendung zu Gemüte zu führen. Der Umkehrschluss aus der Untersuchung lautet nämlich: Damit Bücher erfolgreich sind, müssen sie 1. sichtbar sein und 2. muss man etwas für die Bücher tun.

    Haben sie dann einmal eine große Aufmerksamkeits-Hürde geknackt, findet eine Art Selbstbefruchtung statt.
    Das ist das Geheimnis hinter der Feuilletonaufmerksamkeit wie hinter Literaturpreisen.

    Und dann kommen wir zu dem, was ich ständig predige: Schreiben allein macht kein Buch. Mindestens genauso wichtig wie der Autor ist der PR-Mensch.

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  5. Wenke Richter16/12/10 10:34

    Da bin ich - zum Glück - als Wissenschaftlerin aus dem Schneider: da weiß man, daß die verkauften Exemplare selten dreistellige Zahlenwerte erreichen. Ich darf es dann auf mein Spezialthema schieben und halte so mein Selbstwertgefühl aufrecht ;-)

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  6. "Das Befeuern unrealistischer Träume muss man allerdings meiner Meinung nach auch vielen Plattformen vorwerfen, die derzeit wie die Pilze aus dem Boden sprießen ..."

    Nee, ganz ehrlich, das glaube ich jetzt eher nicht. Diese eine Plattform, die von sich reden macht - fängt mit n an und hört mit s auf ... ach herrje ... nee. Ich habe nicht die geringste Lust mir unbezahlte Arbeit in Form von wühlen, suchen, lesen und evtl. Rezensionen schreiben zu machen, mein Tag ist mit wichtigeren Dingen ausgefüllt, als jemandem die Arbeit abzunehmen und einen lausigen brownie point dafür zu bekommen. Macht sich da wer wirklich Hoffnung?

    Aber dann ... puh ... also ich bin jetzt auch nicht die erfindungsreichste Person auf diesem Planeten. Wäre es von mir abhängig gewesen, ob man die Dampflok erfinden sollte, hätte ich vermutlich gefragt: Wozu? Drei Tage reiten kann doch auch Spaß machen.

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  7. Hmmm... muss man sich denn herausreden? Bei wem? ;-)
    Die Sendung brachte auch ein anderes Beispiel für eine hohe Auflage (ich hoffe, ich habe die Zahlen noch richtig im Kopf): 4000 abverkaufte Exemplare eines Klassikers, die versehentlich als Mängelexemplare ausgeliefert worden waren. Aber nur vier Leser beschwerten sich beim Verlag. Keine Remittenden. Wie viele hatten sich das Buch nur ins Regal gestellt und nie angeschaut!

    Wie viele Menschen haben die Bücher von Helene Hegemann oder Thilo Sarrasin wirklich komplett gelesen und nicht nur gekauft, weil "man" die neuesten Bestseller kauft oder einfach mit ein wenig Halbwissen vom Überfliegen mitreden möchte? Wie viele Leute kaufen sich solche Bücher deshalb nicht mehr, weil man allein mit den Feuilletonreaktionen und Internetinfos mitreden kann?

    Warum schreiben wir eigentlich?
    Wollen wir gekauft oder gelesen werden?

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  8. Warum schreiben wir eigentlich?
    Wollen wir gekauft oder gelesen werden?

    -- Da würde ich doch glatt sagen: Beides. :-)

    Ein Schelm, wer anderes behaupten tät.

    Ansonsten hat mir erst zuletzt wieder eine "Standesvertreterin" der IG Autorinnen Autoren bestätigt, dass kaum eine Branche so sehr mauschelt & geheimniskrämt, wie die Buchwirtschaft. Verkaufszahlen?

    Da sollten Autorinnen und Autoren ansetzen. Wem hilft denn die eigene Geheimniskrämerei? Was nützt es mir, wenn mein Kollege nicht weiß, wieviel mein Verlag im Durchschnitt verkauft oder wie hoch meine Auflagen waren?

    In diesem Sinne, auf mehr Offenheit, mehr Zusammenarbeit.

    Liebe Grüße aus WIen
    Anni

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  9. Du sprichst mir aus dem Herzen, Anni. Aber wer fängt an, sich vor den anderen auszuziehen? Als ich obige (ältere) Beispiele vor Urzeiten mal in einem Autorenforum brachte, erntete ich nur Häme, während sich die KollegInnen zu beteuern beeilten, dass sie unter vier Nullen gar nicht erst schreiben würden. Öffentlich darf man es schon gar nicht machen, dann springen auch noch die LeserInnen ab.

    Ich selbst verlasse mich nur noch auf mein privates Netzwerk, wo ich die Leute persönlich kenne und Vertrauen habe, so erfahre ich auch Interna aus Verlagen. Aber das sind eben Interna.

    Du hast Recht, Übersetzer oder PR-Texter zicken z.B. so nicht herum. Da kann ich offen die KollegInnen fragen, wer welche Honorare zahlt (gibt ja auch bei Buchverlagen wahnsinnig große Unterschiede!), wer ein fauler Kunde ist oder ob ich mich falsch einschätze. In jedem anderen Beruf hätte man schon längst einmal anonyme Honorar- und Auflagenumfragen gemacht.

    Bei den AutorInnen vermute ich ungeheure Versagensängste und leider auch die altbekannte Eifersucht. Vielleicht können Beiträge wie meiner das ein wenig aufbrechen und klarmachen: Wer am Ende der Nahrungskette sitzt, erreicht mehr, wenn er nicht der anderen Krähe das Auge aushackt, sondern wenn er Schwärme bildet.

    Klar, auch ich will gelesen UND gekauft werden, nicht nur eins von beiden ;-)

    Liebe Grüße aus den Vogesen ins schöne Wien,
    Petra

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