Betriebsblindheit

Es ist oberpeinlich. Es ist sträflich ... Aber was mir gerade passiert ist, eignet sich hervorragend als Beispiel dafür, wie betriebsblind Buchautoren sein können ... (weshalb man sie nie allein lassen sollte mit ihren Texten).

Für ein abschließendes Essay im Nijinsky-Buch lese ich gerade tonnenweise Texte quer. Einerseits ist das eine Technik von mir, um das freie Assoziieren und chaotische Inspirieren anzuregen. Ich überfüttere sozusagen vorsätzlich mein Gehirn, damit die Muse endlich Manna kotzt. Andererseits steckte aber auch in den zwanzig Seiten Text über Harry Graf Kessler dieses eine winzige Zitat, das sich so gut machen würde. Und irgendwo in dieser wissenschaftlichen Abhandlung waren genau die Edelsteinnamen von Cartier versteckt, die ich mir immer nicht merken kann. Beinhaltete nicht diese 25-MB-Datei noch etwas Ultrawichtiges, das in keinem Essay dieser Art fehlen darf? Und ... ach nein, die andere Datei war kein Stoff "über", sondern die Autobiografie einer Primaballerina. Unwichtig und schon gelesen.

Vor ein paar Minuten hatte mein armes Hirn eigentlich längst genug - nach einem Parforceritt durch die orientalistischen Strömungen der russischen Literatur und Musik des 19. Jahrhunderts (man gönnt sich ja sonst nichts). Die Autorin schärfte sich noch einmal ein, dass sie einen "leichtfüßigen" Text zu schreiben hatte, dem man solche Recherchen und so viel Wissen nie und nimmer ansehen dürfte. Sie könne es also dabei belassen, einen Schostakowitsch auflegen und Feierabend machen.

Nur noch ein einziger Text, nur noch eine winzige Datei öffnen, quengelte die magere Muse. Die Autorin gehorchte, schließlich muss morgen der Text entworfen werden. Brav öffnete die Autorin die nächste Datei, die bisher ein stiefmütterliches Dasein geführt hatte.

Aha, das Futuristische Manifest. Soso. Nun ja. Warum ich das wohl unter "Nijinsky" abgespeichert haben mag? Und jetzt? Weg damit, Feierabend! Aber dieser eine Satz hielt mich gefangen. Da kam noch etwas anderes... Höchst interessant. Richtig gut geschrieben. Mannomann, das darf nicht wahr sein: Dieser Autor behandelte genau mein Thema! Sprach mir aus dem Herzen und brachte genau die Punkte, die ich für mein Essay brauchte. Genau das aber war die Katastrophe. Wenn sich schon andere helle Köpfe damit beschäftigt hatten, würde man mir Langeweile vorwerfen. Und so verwandt dieser Autor meinen Gedanken schien, würde ich allenfalls ein müdes Plagiat schöpfen können. Nur, wer war dieser verdammte Kerl, der mir die Gedanken aus dem Kopf nahm und auch noch richtig gut formulierte?

In Quellenarbeit bin ich ein ordentlicher Mensch. Am Ende des Texts finde ich immer Urheber, Titel und genauen Fundort. Diesmal schicke ich meine Muse Sekt trinken. Der verdammte Autor war ich selbst. Vor über einem Jahr hatte ich an dieser Stelle bereits einen Text entworfen, ohne zu wissen, dass daraus ein Essay werden könnte. Unerklärlich nur, warum ich ihn ans Futuristische Manifest geklebt habe ... Der Kerl ist nicht übel. Notiz für morgen: Fragen, ob er nicht öfter für mich schreiben möchte. Ich mach dann die Muse und trinke Sekt.

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