Zu jung für die Rente

Früher existierte das Wort vom Spätberufenen. Berufung können alle Menschen fühlen, die nicht einfach einen "Job" machen, sondern eine "Lebensaufgabe" haben. Neben Priestern und Predigern trifft es immer wieder Künstler und damit natürlich auch Schriftsteller. Dass so eine Berufung von irgendwo da oben vorwiegend auf Menschen herunterknallt, die körperlich nicht allzu schwere Verrenkungen machen müssen, ist von der Natur praktisch eingerichtet. Berufene arbeiten nämlich bis zur Selbstaufgabe. Bisher lag die natürliche Invaliditätsgrenze bei Schriftstellern in der Demenz. Ihr Gewerbe konnten sie bei frei fließendem Geist ausüben, bis der Griffel aus den gichtigen oder rheumatischen Fingern fiel. Der Maler Renoir soll das vorgemacht haben: den Pinsel an die Hände geklebt, als das Greifen nicht mehr funktionierte.

Heute geht die Welt noch grausamer ans Alter. Mit dem Ausruhen in Weisheit ist es vorbei. In Deutschland wird die Rente mit 67 diskutiert. Schriftsteller können davon nur träumen. Seit es Sprachverarbeitungsprogramme und behindertengerechte Computer gibt, ist ihrem Schaffensdrang in den Augen von Berufsunfähigkeitsversicherungen kaum noch eine Grenze gesetzt. Auch ein Pflegefall kann noch Geschichten auf die Festplatte diktieren, barrierefrei, versteht sich.

Man müsste also meinen, wenigstens bei den Autorinnen und Autoren würde das Alter geehrt, würde anerkannt, dass Erzählen keine der Jugend vorbehaltene Technik ist und verschüttete oder nie geförderte Talente auch spät entdeckt werden können. Immerhin werden die höchsten Literaturpreise in Europa sehr alten Menschen verliehen - manche haben nicht einmal mehr die Lebenszeit übrig, das feine Preisgeld zu verjubeln.

Daneben hat sich jedoch eine Förderkultur etabliert, die sich des Ausschlussverfahres bedient: Hier entscheiden nicht mehr vorrangig Talent und Können oder gar soziale Bedürftigkeit, hier muss man den richtigen Wohnort haben, die richtige Staatsangehörigkeit, manchmal sogar die richtige Religion - und vor allem immer das richtige Alter. Neben aller Jugendförderung, die sinnvoll und richtig ist, grenzen solche Stipendien und Literaturwettbewerbe, Preise und Förderungen das Alter gemein auf die Zeit vor den ersten Runzeln ein. Es ist, als würde man ein frisch geborenes Manuskript zuerst einem Knochendichtetest unterziehen.

Frau Zappadong, ihres Zeichens bekannte Jugendbuchautorin in der Schweiz, hat sich den Spaß gemacht, bei einem der alters- und beschränkten Wettbewerbe trotzdem mitzumachen. In ihrem Blog veröffentlicht sie, wie mit den gar so alten "Alten" umgegangen wurde. Fast wie im Pflegeheim, ein wenig liest es sich wie ein Brief von der Krankenkasse. Warum Omma Zappadong ernst nehmen, wenn es genug frisches Blut gibt?

Dabei steht Frau Zappadong fürs Literaturgeschäft noch in frischestem Saft. Da gibt es andere, die viel später durchstarteten: Ingrid Noll schrieb ihren ersten Roman mit 55, der Literaturpreisträger José Saramago - erstes Buch mit 44 - schaffte den Durchbruch erst mit 60, Doris Gercke erfand die Krimifigur Bella Block mit 51, Astrid Lindgren schrieb Pippi, ihr erstes Buch, mit 37. Annie Proulx verfasste das erste Buch mit 50. Inge Merkel hat der Jugendwahn vielleicht schon erwischt: Trotz zahlreicher Auszeichnungen gelangte die Literatin, die mit 60 begann, nie so richtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Da hat es ein Hermann Hesse viel schlauer angestellt. Gleich mal geschrieben und die späte Berufung lieber auf den Buddhismus konzentriert, denn Religionen sind bekanntlich toleranter als der Literaturbetrieb.

Auch in der bildenden Kunst nimmt man es ernst, dass ein Werk, ein Talent, eine Förderwürdigkeit, eine Preiswürdigkeit nicht am Alter festgemacht werden kann. Spontan fiele mir die Kunststiftung Baden-Württemberg ein, die explizit Spätberufene oder noch unbekannte Künstler auffordert. Als altersunabhängig fiele mir in der Literatur nur der Deutsche Literaturfonds ein. Obwohl noch in den Vierzigern, finde auch ich nie einen Wettbewerb, der mich noch zulassen würde. Wenn ich nicht gerade falsch wohne, bin ich grundsätzlich viel zu alt.

Dabei haben sich die Zeiten geändert. Die schlimmsten sozialen Brüche, davon kann jedes Sozialamt berichten, geschehen um die 40. Armut ist längst nicht mehr altersabhängig. Nicht jeder Schriftsteller ist sozial abgesichert oder kann einen Brotberuf, einen reichen Partner oder ein fettes Erbe sein eigen nennen. Arbeitslosigkeit, Scheidungsschulden, der Druck bei alleinerziehenden Eltern, Insolvenz - solche Schicksale könnten doch ebenso förderfähig sein wie Studentendasein und Berufseinstiegsalter? Wären für "ältere" Schriftsteller, die nur schwer in andere Jobs vermittelbar sind, Preisgelder nicht eine willkommene Nebenerwerbsquelle, um endlich ihrem Talent zum öffentlichen Durchbruch zu verhelfen?

Aber Vorsicht. Darum geht es gar nicht. Es gibt einen kleinen feinen Unterschied zwischen sozialer Förderung, die ein Ausüben einer Begabung ermöglicht - und einem Preisgeld! Ein Schreibwettbewerb füllt nicht den Kühlschrank, sondern prämiert Leistung und Können. Prämiert einen Text, nicht einen Autor. Der beste Text soll gewinnen. Und damit das auch wirklich objektiv beurteilt werden kann, bleiben die Texte anonym, erfährt die Jury keine Namen. Von der Person des Autors sollen sie nicht beeinflusst werden. Die Juroren wissen nur eines: Alle Autoren haben feierlich versichert, eine gewisse Altersgrenze nicht zu überschreiten. Ein Jahr zu viel - das war es dann mit dem Text. Obwohl die Person des Autors scheinbar nicht beeinflussen soll...

Machen wir uns nichts vor: Wer Texte so beurteilt, ist an objektiven Chancen gar nicht interessiert. Solche Auszeichnungen werden wie in einem Preisausschreiben einer Schokoladenfirma vergeben. Da geht es um Schokolade, um die Schokoladenfirma und um einen Gewinn. Ob der Gewinner schon fünfmal gewonnen hat oder Millionär ist, spielt keine Rolle. Ob er wirklich mehr kann als sein ein Jahr zu alter Mitbewerber, ist völlig egal. Das Alter ist wichtig. Das überprüft der Notar. Mitspielen unter 18 ohne Zustimmung des Erziehungsberechtigten ist nicht erlaubt. Mitspielen über 30 ohne Begleitung des Pflegepersonals auch nicht.

Mein Rat an alle Greisinnen und Greise über 30: Spielt meinetwegen Lotto, werdet Buddhistinnen, macht bei Preisausschreiben von Schokoladenfirmen mit - aber sucht euch um Himmels Willen einen Job, in dem man euch ernst nimmt, so wie ihr seid. Hmmm... spontan fiele mir der Bereich der Pflegekräfte ein. Schriftsteller werden immer älter.

Kommentare:

  1. Hatte gerade die Freude, meine 87jährige Tante zu besuchen, die zu mir, gerade 30 gewordenen, meinte: Wie machst du das nur, dass du mit 30 immer noch so jung aussiehst! - Soviel zum Thema Alter, Wahrnehmung und überhaupt.

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  2. Vielleicht werden nur die Juroren immer jünger? Und die Amtspersonen? Ich denke an die Generation Praktikum...
    Ansonsten: Jetzt ganz viele Fotos für Bewerbungen machen! ;-)

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