Kulturpakt-Kasperletheater

Ich habe gestern vor dem Fernseher schon schallend gelacht. Da erfindet ein Kanzlerkandidat im fernen exotischen Nachbarland ganz ohne diabolisches Grinsen einen "Kulturpakt" (das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen) und verspricht 500.000 neue Arbeitsplätze für Kulturschaffende, also äh, Kulturschaffende, äh und Leute in der Werbebranche (sic! Kultur pur!), äh, sagt er. Kulturpakt klingt in meinen Ohren wie Rettungspaket. Und das hatten wir ja eben noch, dass Milliarden Steuergelder in Banken & Co. versenkt wurden, die wieder dreist ihre Boni auszahlen und fröhlich weiter zocken, was das Zeug hält. Aber wie sagte schon Voltaire: "Wenn Sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt etwas zu verdienen."

Jener ferne Politiker im fernen Märchenland also will es jetzt so machen wie bei den anderen schlechtestens bezahlten und mies behandelten Arbeitskräften - den Pflegekräften. Er will die Zahl dieser miesen Arbeitsplätze fördern, das killt Arbeitslosenquote, das hatten wir schon mal mit dem 1-Euro-Sklavereisystem. Hätte er doch nur mal schneller reagiert, als er noch an der Macht war! Aber da hatte ich beschlossen, lieber nicht mehr ins Märchenland zurück zu imigrieren, weil ich dort als freie Schriftstellerin vor die Hunde gehen würde. Künstler, Kunst, Kultur, igitt. Streichen wir Gelder, bluten wir aus, machen Zahlungsstopps wegen der Rettungspakete und dann machen wir den Pakt. Den ersten richtig roten Pakt nach dem Warschauer. Derweil wandern die Deutschen aus wie nie zuvor, auf Platz 2 der Beliebtheitsliste steht inzwischen Polen. Und wer je dort in der Nähe von Danzig an der Ostsee war, hat sie vielleicht getroffen: Die deutschen Schauspieler, Autoren, bildenden Künstler, Musiker - die nach Polen geflüchtet sind, weil sie im Märchenland wie der letzte Aussatz der Gesellschaft dastanden.

Weil jener ferne Märchenpolitiker gestern im für ihn oberpeinlichen Interview mit Marietta Slomka (behandelt man intelligente Frauen wie Väterlein Witzig?) selbst nicht wusste, wie man so einen Pakt macht, habe ich einen Vorschlag:

Wir schulen all die Arbeitslosen schnell mal auf Kultur um. Bandarbeiter von Opel können in Verlagen Manuskripte am Band abfertigen und sorgen gleichzeitig für eine volksnahe Nivellierung von Inhalten. Die offene Dirigentenstelle geben wir dem Langzeitsarbeitslosen Karl, der beim Spargelbauer aus dem 1-Euro-Job geflogen ist, weil er die Spargelstangen beim Herumfuchteln zerbrach. Hoffnungslos unterqualifizierte Jugendliche lassen wir Bilder malen, so ein bißchen Picasso kann jeder und Kunst ist gut fürs Sozialverhalten. Wenn's da mal ein wenig mangelt, stellen wir Rentner aus dem Altenheim als Erzieher ein. Den Job kann man auch im Sitzen machen, zum Streiken haben die keine Kraft mehr, und dafür brauchen wir dann weniger Pflegekräfte.

Und dann schaffen wir 1-Euro-Auftritte für Künstler! Weil jeder die Chance auf Öffentlichkeit haben sollte. Weil Billigstauftreten Publikum schafft und berühmt macht - das sehen wir an kostenlosen Downloads und verschenkten Ebooks. Diese Billigstauftritte sollen natürlich dem Wohl der Gesellschaft zugute kommen, denn wer finanziert das schließlich alles? So spielen wir fröhlich auf, wenn unsere grünen Sklavenarbeiter in der Wüste Solaranlagen montieren, wir geben Kabarett für die Renterinnen-Putzkolonne in den Banken und machen Comedy im Bundestag, um die Anwesenheitsquoten etwas zu erhöhen. Noch ein Vorteil: Derart hochbeschäftigte Künstler und Kulturschaffende kommen nicht mehr dazu, im Internet staatszersetzende Ideen zu verbreiten oder sich gar unzensiert zu benehmen.

Sicher wird uns Nina Ruge mit einem Feenlächeln à la Märchenland den Kulturpakt zur Unterschrift mit unserem Blute reichen: "Alles wird gut."
Derweil sitze ich fern vom Märchenland in einer völlig anderen Welt und denke an Elke Heidenreich, wie sie blutjung im Raumschiff Orion verkündete: "Alles wird galaktisch gut!"

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