Die Backlist als Rückgrat

Wenn irgendwer im Netz Reichtümer durch Self-publishing verspricht, bin ich von vornherein kritisch - denn in 99,9% aller Fälle handelt es sich bei den vollmundigen Versprechen um Illusionen oder Geschäftemacherei. Wenn jedoch jemand wie Alan Rinzler einen Artikel betitelt: Is there gold in your backlist? Self-publish to find out! - dann lese ich genau hin. Alan Rinzler ist nämlich kein Selbstverleger-Guru. Als verantwortlicher Lektor, Herausgeber und in anderen Funktionen arbeitete er für Größen wie Bantam, Simon and Schuster, Macmillan und andere. Er ist eher derjenige, der Autoren berät, wie sie zu einem Verlag kommen. In seinem lesenswerten Artikel berät er Autoren, deren Bücher am Markt nicht mehr zu haben sind.

Was ist mit all denjenigen, die einen Verlag gefunden hatten, deren Bücher im herkömmlichen Geschäft liefen, aber plötzlich nicht mehr aufgelegt werden? Backlists werden auch in Deutschland nur noch von sehr engagierten und meist von literarischen Verlagen gepflegt. Selbst denen kann es passieren, dass eines Tages der Verlag umstrukturiert wird und damit die Backlist. Früher konnte man noch sagen: Wenn ein Buch beim Publikum nicht ankommt, wird es eben verramscht und ist weg vom Fenster. Vergriffene Bücher sind schlechte Bücher. Ein Urteil, das schon längst nicht mehr zutrifft. Auch Beststellerautoren werden aus dem Programm genommen.

Das "Haltbarkeitsdatum" von Büchern wird nämlich immer kürzer. Manche Verlage leisten sich lieber viele neue Titel, als dass sie alte mit durchschleppen. Manchmal kommt ein Buch ohne gehörige Werbung auch tatsächlich nicht in den ersten beiden Monaten beim Zielpublikum an. Viel häufiger aber werden Bücher Opfer der Konzentrationsprozesse des Buchmarkts. Ich kann ein Lied davon singen, denn ich bin so eine Autorin mit vielen vergriffenen Büchern. Sie gingen nicht am Publikum unter. Sie wurden Opfer von Verlagspleiten, Verlagsverkäufen, Verlagsfusionen, Verlagsumstrukturierungen - oft in der Blüte ihrer Laufzeit. Ist man solchen wirtschaftlichen Situationen hilflos ausgeliefert, tut das weit mehr weh, als wenn man sich sagen könnte: Ok, das Buch war schlecht, das nächste wird eben besser. Stattdessen hat man als Autor in solchen Situationen ganz andere Sorgen: Man rennt womöglich Honoraren nach, bevor sie in der Konkursmasse verschwinden, man braucht Abrechnungen von Leuten, mit denen man nie zu tun hatte. Immer muss einem die Agentur beistehen und oft sogar der Anwalt. Denn man hat nach deutschem Brauch oft allzu viele Rechte an jemanden abgetreten, dessen Firma sich gerade auflöst, nicht mehr geschäftsfähig ist oder auf einmal jemand ganz anderem gehört.

Wie viele meiner KollegInnen habe auch ich teilweise jahrelang um einen einzigen Titel gekämpft. Ich hatte das Glück, dass die vereinbarten, ausstehenden Gelder letztlich immer bezahlt wurden - aber ich weiß inzwischen auch, was ein gerichtlicher Mahnbescheid ist. Mit meinen Buchrechten hatte ich oft weniger Glück: Da war die Fusion von Diederichs, dann das Einverleiben bei Hugendubel, der Verkauf von Hugendubel - und erst als Jahre später Random House den Rest der Firma aufkaufte, bekam ich von dort eindeutig und explizit alle Rechte meiner ersten beiden Bücher zurück. Weil bei Random House im Gegensatz zu den anderen Partnern die Rechteabteilung bestens funktioniert und Autoren achtet. Seither bin ich ein gebranntes Kind und rechne schon bei Vertragsabschluss mit dem Schlimmsten. Und ich habe gelernt, dass Buchrechte automatisch auf die Autoren zurückfallen, wenn der Verlag nach einer gewissen Frist diese nicht mehr nutzt, sprich, das Buch neu auflegt. Jede Agentur klärt das für einen wasserdicht und fragt auch rechtzeitig nach.


Die persönliche Backlist ist das Rückgrat eines Autors: Sie zeigt seine Entwicklung, seinen inneren Reichtum und sein Können. Wer ein Buch eines Autors gut findet, wird womöglich noch andere kaufen wollen. Sie spielt bei weiteren Verlagsbewerbungen eine Rolle. Und vielleicht ist auch einmal ein Band, der gar nicht gut laufen wollte, ein geliebtes Thema, auf das man nicht verzichten möchte.

Alan Rinzler empfiehlt Autoren deshalb, ihre vergriffenen Bücher wiederzubeleben. Nicht immer wird man damit reich - das hängt von genauso vielen Glücksfaktoren ab wie der Verkauf zuvor beim Verlag. Die Erfolgsbeispiele, bei denen Autoren im Self-publishing der Backlist mehr verdienen als vorher an Vorschüssen, gründen sich auf mehrere Gegebenheiten:
  • Die Autoren sind durch den "Verlagsfilter" etabliert, gelten von vornherein nicht als "Möchtegerns".
  • Die Tantiemen sind ungleich höher.
  • Die Bücher sind geschrieben, müssen nur aktualisiert werden. Manchmal lassen sich sogar Lektoratsfehler wieder entfernen.
  • Viele Bücher sind bereits durch die Presse gelaufen und verfügen so über wichtige Verkaufszitate.
  • Die meisten Autoren mussten auch schon im Verlag Eigenmarketing betreiben und haben es gelernt.
  • Etablierte Schriftsteller, die über eine eigene Community verfügen, kommen leichter an ihr Zielpublikum als ein Verlag.
  • Im direkten Kundenkontakt können ganz andere Themen wichtig werden als in einem vorgegebenen Verlagsprogramm.
Die von ihm zitierte Literaturagentin Jessica Faust hält das Self-publishing der Backlist jedoch nicht nur aus finanziellen Gründen für wichtig: Die Backlist ist ein wichtiger Grundfaktor beim Aufbau eines Autors als Marke! Wie man das Wiederauflegen praktisch anpackt, erklärt er genau. Umgedacht auf unsere Verhältnisse hieße das:
  • Der Rechterückfall ist in Europa anders geregelt (s.o.), aber auch immer individuell vom Vertrag abhängig. So fallen z.B. auch bei Erlöschen einer deutschen Ausgabe nicht die Übersetzungsrechte zurück, wenn eine Lizenz im Ausland noch läuft. Hier hilft einem die Agentur nicht nur im Ernstfall danach, sondern schon im Vorfeld bei der Vertragsabfassung.
  • Eine Datei der letzten Buchfassung sollte jeder Autor auf der Festplatte haben und im Lauf der Jahre womöglich rechtzeitig in neue Programme konvertieren.
  • Layout und Buchcover müssen natürlich selbst erstellt werden. Hier rät Rinzler in Einzelfällen, sogar einmal den Grafiker des Originals zu fragen, ob er seine Rechte nicht verkauft. In Deutschland bietet sich dieser Weg seltener an - die meisten Cover werden nämlich innerhalb der Verlage erstellt. Und die sind auch nicht unbedingt zimperlich mit Fotokosten, kaufen oft bei Edelagenturen ein. Bei einer Neuauflage würden diese Fotorechte jedoch wieder fällig! In den meisten Fällen ist es also günstiger, alles neu zu erstellen. Das hat auch einen großen Vorteil: Will ich mich zur Marke machen, kann ich meine Cover zum eigenem Branding passend konzipieren. Sie müssen dann nicht in Verlagsprogrammplätze oder Trends passen, sondern zum eigenen, nachhaltig konzipierten Image.
  • Gut finde ich Rinzlers Hinweis, man dürfe auch ruhig ältere lektorierte Bücher noch einmal lektorieren. Schließlich entwickeln sich auch Autoren weiter. Einige Verlage bestehen im Rechterückfallschreiben (das gar nicht notwendig ist) neuerdings auch darauf, dass ihr Lektorat geschützt sei. Darüber lacht der Urheberrechtsanwalt, falls nicht der Lektor allzu tief und völlig verändernd ins Buch eingegriffen hat. Den Streitpunkt nennt man "Schöpfungshöhe" - und die dürfte in den meisten Fällen in Zeiten, in denen Autoren immer druckreifer arbeiten müssen, bei den Urhebern selbst liegen. Vor allem müsste im Ernstfall der Lektor echte Eigenschöpfungen beweisen.
  • Dass es ohne Netzwerke mit Grafikern, Layoutern etc. und vor allem dem Publikum selbst bei etablierten Autoren nicht geht, trifft auch auf Europa zu. Sehr viel mehr sogar als in den USA, denn hierzulande unterstützt einen der stationäre Buchhandel außerhalb von Verlagen nicht. Da sind alternative Verkaufswege und Großdistributoren gefragt, leider. Ich habe als Autorin immer und überall für wichtige Strukturen des Buchmarkts wie Verlage und unabhängigen Buchhandel gekämpft. Wenn ich allerdings bei der Backlist von beiden im Regen stehen gelassen werde, greife ich auch zu Amazon & Co. Da werden derzeit jede Menge Chancen und Wege verschlafen, aber wir Autoren haben am wenigsten Geld zu verschenken.

1 Kommentar:

  1. Hallo,

    danke für diesen hilfreichen Beitrag.

    Viele Grüße

    Autorin

    Karin Sebelin

    http://kspresseblog.wordpress.com/

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