Das Mini-Imperium

Scheusslich neidisch bin ich auf all die spannenden Menschen aus der Buchbranche, die gerade gemeinsam in Frankfurt beim BuchCamp über Visionen in Sachen Buch nachdenken - was man heute und morgen live bei Twitter verfolgen kann. Während ich sozusagen ans Hundekrankenbett gefesselt bin, nutze ich die Zeit, endlich in Ruhe zu lesen, wofür ich sonst kaum Zeit habe. Mit Hochspannung habe ich gerade ein Special des Buchreport verdrückt: "Herstellung & Management".

Bei der Lektüre ist mir aufgefallen, wie abgeschlagen, unwissend, naiv und vielleicht irgendwann out wir AutorInnen inzwischen sind, was die Kenntnis der Umstürze in der Verlagswelt und im Buchhandel betrifft. Wir drillen uns fleißig selbst darauf, irgendwann in einem althergebrachten Markt Fuß fassen zu können, den es eigentlich schon längst nicht mehr gibt. Und weil viele Verlage in Grundsatzdiskussionen um die Zukunft lieber Unternehmensberatungen als Autoren einzubinden scheinen, bleibt deren Kenntnis von schöpferischen Abläufen und Inhalten in der "Contenterzeugung" immer stärker außen vor. Es wird also "Content" von Menschen definiert, die keinen "Content" schöpfen, aber ihn verkaufen. Es gibt auch kaum eine wirklich seriöse Autoren-Weiterbildung, etwa wie man zum Social Media Crack wird, wie man enhanced ebooks überhaupt schreibt, wie man Crowdfunding so erfolgreich wie Musiker betreibt oder wie man multimedial denken lernt.

Ein wenig überrascht bin ich, wie knallhart und laut maßgebliche Vertreter der Buchbranche aussprechen, was in Autorenforen allenfalls ungläubig und hinter vorgehaltener Hand über die Zukunft geflüstert wird. Massiv sinkende Auflagenzahlen im herkömmlichen Geschäft, Communityfähigkeit von Autoren, Schwerfälligkeit bei der Anpassung an die Herausforderungen der Zukunft in Unternehmen - der Markt fragmentiert sich zusehends. Wenn ich die Zeichen richtig deute, wird sich auch das Aufgabenfeld von Autoren massiv verändern - in die Extreme hinein.

Ich selbst sehe das so: Zu den Auftragsschreibern und Hausautoren werden sich künftig professionelle (!) Trashautoren für schnelldrehende Einmal-Leseware gesellen. Kinder- und Jugendbuchautoren sollten schnellstens spielen lernen - digitales Spielen. Sachbuch- und Ratgeberautoren werden sich immens professionalisieren und digital ähnlich firm sein müssen wie im Print. Wer fürs Bildungsbürgertum erzählt, schreibt für eine schwindende Gruppe, aber immerhin für die Reicheren der Generation 60+. Wohl denen, die wieder zu den Wurzeln des Erzählens an sich zurückfinden, denen das Medium recht egal ist, die gehört wie gesehen, gelesen wie verfilmt auf ihre Leser wirken. Doch aussterben wird trotzdem keine Minderheit dieser Welt - die großen Verlage und Buchhandelsriesen investieren kräftig ins On-Demand-Geschäft. Fast könnte man meinen, sie wollten sich selbst auslöschen und zu reinen Dienstleistern werden. Überhaupt wird es neben der Masse und den Großflächen ein Geschäft der kleinen Geschäfte werden und damit ein Geschäft, das um Sichtbarkeit kämpfen muss. Für Autoren wird die Zukunft zunächst mühevoller, auf alle Fälle arbeitsreicher, aber womöglich auch faszinierender und freier.

Ich musste spontan an eine Spinnerei denken, die ich in den 1990ern mit einem polnischen Freund durchexerzierte, weil damals in der Umbruchsituation in Europas Osten alles möglich schien und alles machbar war. Wir träumten von erzählten Inhalten, die unser kleines Imperium aus Filmschaffenden, Verlegern, Übersetzern, Hörfunkmachern und Werbefachleuten multimedial umsetzen würde - je nach Medium in der adäquaten Form und so, dass sich unterschiedliche Medien miteinander verknüpften und ganz neue Inhalte erzählten. Unser Mini-Imperium hätte Videoclips zu Büchern prodiziert, die es mit den besten Musikclips hätten aufnehmen können - diese "Sehbücher" wären über die riesigen Fassaden des Kaufhaus Centrum oder des Hotels Marriott gelaufen und in einem eigenen Fernsehsender natürlich auch. Geschichtenkonzerte, Geschichtenausstellungen - jede Geschichte hätte das zu ihr perfekt passende Umfeld an Präsentation bekommen.

Dann hätte uns Steven Spielberg entdeckt und vorgeschlagen, multimedial animierte Bücher zu schaffen, die man auf extrakleinen Computern überallhin tragen könnte. Kurz vor Hollywood war aber leider der Wodka leer und Internet funktionierte noch nicht. Als dann auch noch über Nacht per Währungsreform die Million Zloty jede Menge Nullen verlor, blieb das Imperium ungegründet. Wir waren keine Millionäre mehr. Aber träumen darf man ja mal. So träumte es sich Mitte der Neunziger!

Bald 20 Jahre später klappt es mit den Millionen immer noch nicht - im Gegenteil, die kreativen Berufe werden zusehends ausgeblutet und alles ist ordentlich durchorganisiert, selbst im Osten. Mittellosen Einzelverrückten mit außergewöhnlichen Ideen bleibt nur noch das Selbstständigmachen, wofür wiederum die Millionen ... Kurzum: Ich bin realistischer geworden. Zwar bewegt auch heute noch das Geld die Welt, aber ich glaube, je kleiner eine Struktur ist, desto mutiger kann sie Risiken eingehen und absolut flexibel bleiben. Je weniger Menschen man um Erlaubnis fragen muss, je weniger Mitarbeiter von einem abhängig sind, desto größer darf das Risiko sein. Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann auch alles aufs Spiel setzen. Eine Stärke, die wir AutorInnen uns bewusst machen sollten!

Und so greife ich zuerst an meine eigene Nase und frage mich, ob ich wirklich alle Chancen nutze, die ich mit relativ geringem Aufwand und ebensolchen Finanzen einrichten könnte. Leider nicht! Auch ich bin durch das Verlagssystem (der Verlags wird's schon richten) viel zu bequem geworden.

Also gehe ich demnächst an die Erichtung des Miniminimini-Imperiums van Cronenburg. Jedes Buch aus der Backlist bekommt seine adäquate Form - bei manchen wird das ein E-Book sein, bei anderen eher Print, bei vielen beides. Dadurch bedingt werden sich Texte durchaus ändern. Neue Ebenen werden hinzu kommen. Warum nicht aktuelles oder flüchtigeres Wissen zu einem Thema als Blog konzipieren, zu dem auch Leser etwas beitragen können - und das wiederum als Kindle-Blog-Ausgabe zum Printbuch kombinieren? Warum nicht bei einem sehr wertigen Sachbuch für Firmen und andere Interessierte Kleinstauflagen in Luxusausführung anbieten, vielleicht sogar in personalisierter Luxusausführung? Bei der heutigen Technik ist das nur noch für den Hersteller Zusatzaufwand - und der freut sich. Nicht zu vergessen all die mäandernden und verschwindenden Themen im Blog, die man gebündelt und fürs neue Medium redigiert durchaus zu Büchern machen könnte. Der integrierte Buchladen muss natürlich ebenfalls her - Bücher wollen nicht nur beworben, sondern auch verkauft werden. Wer bei Thalia nicht reinkommt, macht das doch am besten auch gleich selbst. Und auch das muss einmal laut gesagt werden: Die Einnahmen pro Buch über einen Partnershop liegen sehr viel höher als die Tantiemen, die man fürs Schreiben bekommt.

Auf der Website müsste es die Autorin allerdings auch multimedial und in all ihren virtuellen Daseinsformen erlebbar geben. Die Social Media Kanäle müssen zentral gebündelt werden, die Blog-Communities dazu. Wo bleibt außerdem die Lesestimme oder gar das Video für potentielle Veranstalter? Das scheiterte bisher am Perfektionismus und den damit verbundenen Kosten. Wie viel Trash darf sein? Und wie gut kann eine Low-Budget-Produktion sein?

Verdammt viel Arbeit, so ein Markenaufbau. Aber noch nie war es so einfach wie heute. Sich selbst kann man - bei entsprechenden Kenntnissen oder Helfern - das Miniminimini-Imperium sogar schneller aufbauen, als das jeder Verlag schaffen würde, der die Kapazitäten gar nicht hat. Wir Autoren kennen unsere Leser außerdem am besten! Die Geschäftsfrau in mir fragt sich, ob Autoren hier nicht sogar wirklich geldwerten Mehrwert schaffen könnten?

Warum sollte man solche Leistungen, die eigentlich zu den Kernkompetenzen der Verlage zählen (Pressearbeit & Werbung), in Zukunft umsonst leisten, nur weil man sonst gar keine Buchwerbung bekommt? Dürfte da nicht ein bißchen mehr Stolz bei den Vertragsverhandlungen sein, wenn man Verlagen Twitterkräfte spart, Pressearbeit, Zielpublikumspflege? Mit Kundendaten und der Kenntnis von Kunden werden im Moment anderswo Millionen verdient. Autoren sind sich in den meisten Fällen überhaupt nicht bewusst, welche Reichtümer sie in Händen halten, wenn sie ihr Publikum kennen - warum also die eigenen Communities leichtfertig verschenken? Wer Leser mitbringt, bringt pure Auflage!

Es ist schon vertrackt - für weitere Ideen bräuchte ich Steven Spielberg, die verlorenen Millionen oder ein mutiges Team. Vielleicht sollte ich auch nur mit den richtigen Leuten Wodka trinken?
Naja ... wenn das BuchCamp schon derart inspiriert, wenn man gar nicht dabei ist, dann werde ich es mir für 2012 auf alle Fälle vormerken! Bis dahin weiß ich dann auch, was alles von meinen Plänen nicht funktioniert und warum ...

Kommentare:

  1. Petra, du sprichst mir aus dem Herzen! Hier fühlt man sich als Selbermacher noch ein wenig mitleidig angeschaut, aber die Entwicklung im englischsprachigen Raum zeigt, wo es hingeht. Mit meinem eigenen Erreichten bin ich schon ganz zufrieden - und dir wünsche ich viel Erfolg beim Aufbau deines Imperiums!

    Matthias Cz.

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  2. Ach Matthias,
    wie du es richtig siehst - selbst für das Mini-Imperium spreche ich die falsche Sprache und arbeite ich im falschen Raum (und das müsste noch nicht mal englisch sein). Und in einer Branche, die nicht mehr bereit ist, ordentlich zu bezahlen, ist auch kein Geld mehr zu verdienen - wer kann, flüchtet in die freie Wirtschaft.

    Im Moment ist mir eher nach Umschulen oder noch mal Auswandern ;-)

    Das mit dem Ruf der Selbermacher wird sich in den nächsten Jahren verändern, denn gerade die Großverlage investieren derzeit kräftiger in Pod-Angebote und Communities als ins eigene feste Programm. Bald wird sich unter Selbermachern die Spreu vom Weizen trennen - auch hier wird sich Qualität durchsetzen.

    Ich befürchte nur, dass solche Verlage künftig immer mehr Kernkompetenzen an Autoren outsouren und sich irgendann nur noch die Pralinen greifen, die es eh schon aus eigener Kraft geschafft haben.

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