So viele Traurigkeiten

Da schlägt man einmal etwas bei Wikipedia nach und lernt gleich so viel über sich selbst. Für einen Text wollte ich genauer wissen, was der portugiesische Gesang "Fado" ist. Dabei stolpert man über den Begriff "saudade", den die deutsche Version von Wikipedia so erklärt:
Saudade ist eine spezifisch portugiesische und galizische Form des Weltschmerzes. Das Konzept der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Sehnsucht“ oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird.
Diese Erklärung zeigt, dass es gar nicht so einfach ist, Emotionen aus einer anderen Sprache zu übersetzen. Hier werde ich mit recht unterschiedlichen Formen von Traurigkeit konfrontiert, die eigentlich in ihrer Häufung nur aussagen: Die Portugiesen haben da ein Gefühl, das wir nicht genau nachvollziehen können. Es zieht irgendwie am Herzen, macht traurig, aber doch nicht gefährlich traurig - und eigentlich ist uns allen nur eine beschreibbare Situation gemeinsam, die es auslösen kann.

Plötzlich hatte ich eine Art Heureka-Erlebnis. Obwohl ich einigermaßen polyglott bin, tue ich mich in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich schwer, wirklich über mich und meine inneren Gedanken reden zu können. Wenn ich französischen Freunden und Kollegen sage, dass ich mir selbst immer gefiltert, fern, intellektualisiert vorkomme, wenn ich das auf Französisch mache, schauen sie mich meist völlig ungläubig an. Wenn ich dann auch noch gestehe, dass ich meine Gefühle eher auf Polnisch ausdrücken könne und auf Französisch am schlechtesten, halten sie mich für komplett verrückt. Aber ich sei doch Französisch-Übersetzerin, würde also ausgerechnet diese Fremdsprache am besten beherrschen! Ich würde doch fließend alles sagen können, über alles reden können.

In der Tat kann ich das. Wie aber erkläre ich, dass es nicht wirklich meinen innersten Kern des Seins berührt? Wie erkläre ich das Gefühl, dass ich auf Englisch am treffendsten bezeichne: "alienation"? Schon aliénation oder Entfremdung würde den Zustand anders bewerten ...

Ich habe mir den Spaß gemacht und die Wörter saudade, Weltschmerz und Melancholie bei Wikipedia durch unterschiedliche Sprachen gejagt - aus dem germanisch-angelsächsischen, dem romanischen und dem slavischen Raum. Jeder Mensch auf dieser Welt kann leicht bis selbstzerstörerisch traurig sein. Aber wie erklären unterschiedliche Kulturkreise Traurigkeit, wie nehmen sie ihre Gemütszustände wahr? Welche philosophischen oder soziologischen Erklärungssysteme benutzen sie? Gibt es Emotionen, die mit einem Kulturkreis besonders eng verbunden sind?

Dass die "German Angst" ein Konzept ist, dass anderen so fremd scheint, dass sie es als Fremdwort integrieren, wissen die meisten. Aber auch der Weltschmerz ist seit Goethes Werther ein recht deutsches Konstrukt, der als Germanismus im Englischen, Portugiesischen und Schwedischen Einzug gehalten hat und sogar im Russischen kyrillisch umgesetzt werden kann.

Der französische Text über "saudade" scheut sich vor dem Wort Melancholie und  benutzt stattdessen die "nostalgie" - ein Wort, das im Deutschen emotional vollkommen abgenutzt wäre. Dafür macht man sich Gedanken, wo das Gefühl genau zu orten sei, als reine Emotion oder als geistiges Konstrukt oder beides? Wie kompliziert das Gefühl dadurch plötzlich wird, wie reflektiert ... ! Die Polen dagegen haben gleich acht differenzierte Übersetzungen für den Weltschmerz, bevor sie weiter erklären. Und da kommen gleich noch Folgegefühle, mögliche andere Gefühle. Im Polnischen leidet man also nicht einfach unter Weltschmerz - man fühlt sehr viel feiner unterschiedene Seelenzustände, die unter diese Überschrift passen. Der englische Artikel über saudade analysiert die Übersetzungsmöglichkeiten gleich mit: Es gibt Sprachen, in denen es ein einziges Wort gibt, das diesem portugiesischen Gefühl absolut entspricht - und es gibt Sprachen, in denen man sich unter sehr vielen Vokabeln entscheiden muss, die alle einen ähnlichen Zustand in unterschiedlichen Nuancen bezeichnen.

Absolut spannend werden die Sprachvergleiche von Emotionen in ihrer Bewertung. Was in der einen Sprache eher als normaler Gemütszustand und künstlerische Ausdrucksform wahrgenommen wird, interpretiert man in der anderen bereits als pathologisch und psychiatrisch relevant. Gibt es also kulturell unterschiedliche Verrücktheitsgrade? Kann es sein, dass eine Kultur für gewisse Emotionen völlig normale Umgangsformen entwickelt hat, während man in der anderen Kultur mit eben jenen Emotionen bereits in Therapie geschickt wird? Allein der oberflächliche Wikipedia-Vergleich der Melancholie - obwohl absolut nicht repräsentativ - legt die Vermutung nahe, dass man dieses Wort in Frankreich besser nicht benutzt, wenn man ohne Tabletten leben möchte - während man in anderen Ländern daraus Kunst schöpfen kann. Ist das wirklich so?

Ich habe noch nicht alle Texte gelesen und vieles nur überflogen. Da tut sich ein überaus interessanter Horizont des wirklichen Übersetzens auf. Welche Emotionen empfindet mein fremdsprachiges Gegenüber denn wirklich? Welchen Stellenwert haben diese Emotionen in seiner Kultur - welchen in meiner? Wie geht die jeweilige Kultur mit diesen Emotionen um? Sind all diese Traurigkeitszustände eher etwas Positives oder etwas Negatives, werden sie als krank angesehen oder als reinigend oder wichtig? Ist jemand, der das dem Fado verwandte Gefühl der "alienation" empfindet, wirklich einfach nur "entfremdet"? Kann er nicht auch vollkommen bei sich sein, aber "unbehaust"?

Viel habe ich jetzt wieder über das Übersetzen gelernt. Aber auch Erstaunliches über mich. Es ist also gar nicht so verrückt, wenn man in einer Sprache perfekt Fachdiskussionen über Archäologie führen kann, aber die eigenen Gefühle nicht adäquat ausdrücken. Und es ist absolut faszinierend, wie "behaust" man sich in Sprache fühlen kann - so viel mehr als an einem realen Ort.

Inspiriert hat mich zu diesem Beitrag übrigens Christa S. Lotz, die in ihrem Blog so treffend den schlimmen Zustand beschrieben hat, wenn sich Schriftsteller zeitweise ohne die Möglichkeit des "wirklichen" Schreibens wiederfinden - sie nennt es "unbehaust sein". Dazu kam dann der Fado...

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