Handwerk macht es nicht fett

Was die Feuilletonistin zelebrieren darf, nimmt man der Autorin übel: Verrisse schreiben. Also macht es die Autorin am Beispiel eines namhaften Autors, dem nichts mehr schaden kann - und sie schaut auch als Autorin auf das Buch: Warum kann ein handwerklich gut gemachter Roman so wenig wirklich berühren? Warum kippt eine Story unter zu viel beachteten Bausteinen à la American Ratgeber ins Fehlen von Leben?

Ich muss gestehen, dass mich die Wut schon länger packt. In immer mehr Unterhaltungsromanen, leider vorzugsweise im Spannungsgenre - werden mir handwerkliche Kniffe derart um die Augen gewatscht, dass ich nicht hingerissen bin, sondern die Risse genau erkenne - wie der Autor seine Scharniere geölt hat, wie er sägte und feilte. Ich will aber ein spannendes Buch lesen, keinen Schreibunterricht genießen.

Absoluter Aufreger ist mir inzwischen der bis ins Krankhafte überstrapazierte "Cliffhanger". So nennt man im Fachjargon die Technik, mit der ein Autor etwas offen lässt, was den Leser darum atemlos zum nächsten Kapitel jagen lässt. Die dämlichste Form des Cliffhangers wäre der offene Verweis auf die Zukunft: "Würde sie ihm entkommen?" Gestandene Autoren sind natürlich etwas geschickter, sagen das nicht explizit und brechen die Szene kurz vor dem Zeitpunkt ab, wo klar wird, in welche Richtung sie driftet: "Sie hoben ihre Pistole gleichzeitig." PUNKT-AUS-Kapitelwechsel. Weil das nun aber im Verlauf von 500 Seiten ziemlich viel Fantasie und Aufmerksamkeit braucht, hat sich eine einst elegante Form zum billigen Trick gemausert: Man arbeitet zum Kapitelwechsel auch noch mit Perspektivwechseln. Oder einfach gesprochen: Eine Story A und eine Story B wechseln sich immer dann miteinander ab, wenn die eine davon auf Hochspannung steht. (Früher waren es mehr, aber LeserInnen verstehen sowas angeblich nicht mehr).

Geht es Ermittler Nr. 1 an den Kragen, beißen wir uns schon die Fingernägel durch, macht der Autor sein kleines Ätschebätsch und wechselt auf Ermittler Nr. 2, der gerade gemütlich einen Donut herunterwürgt. Entdeckt die englische Lady im Jahr 2007 etwas Monströses hinterm Kamin, von dem wir unbedingt wissen wollen, ob es sie ums Erbe bringt, schwenkt der freche Kameramann genau in diesem Moment auf die tüteriche alte Vorfahrin aus dem 19. Jahrhundert, um dann wieder genau an der Stelle in die Gegenwart zurück zu springen, an der ihr ein maliziöser Galan an die Wäsche geht. Nichts gegen solche Cliffhanger, wenn man sie beherrscht und vor allem äußerst wohldosiert anwendet.

Inzwischen scheint von den Lektoraten ein Cliffhanger-Gebot auszugehen. Anders kann ich mir den ermüdenden Gebrauch dieser kleinen Spannungskitzler kaum erklären. Waren das noch Zeiten, als man wie Hitchcock Suspense wirklich aus dem Inneren aufbaute, langsam, schleichend, lähmend und irre aufregend! Heute muss ich nur in Krimis einer bekannten Sorte mit dem Finger hineinstechen, schon hab ich den bösen bösen Cliffhanger aufgespießt. Er kommt immer am Kapitelende, immer öfter, und unheimlich gern mit dem A-B-Bäumchen-Wechsel-Dich. Eines kann dieses Stilmittel nun ganz gewiss: Uns aus der Geschichte reißen, uns während des Lesens aufklären: Achtung, das ist nicht das Leben, das ist ein handwerklich hergestelltes Kunstprodukt! Zu viel Handwerk kann töten. Vor allem, wenn es selbst nicht lebendig gewachsen ist, sondern vorsätzlich konstruiert wird. Warum aber lässt man uns nicht mehr dem schönen Schein anheimfallen und einer spannenden Story verfallen?

"Ruhelos" von William Boyd ist so ein Buch, bei dem es von Anfang an hörbar im Gebälk knarzt und mir zuruft: "Schau mal, was für einen tollen Ratgeberkniff ich hier wieder verwendet habe! Merkst du, wie ich dich hier an den Stuhl nageln will? Gut, der eine Rückblick wäre ein Kapitel zuvor logischer einzufügen gewesen, aber wenn das Lektorat nicht meckert?" - Ich befinde mich ständig im inneren Dialog mit dem Autor, der mir erzählt, was er handwerklich alles draufhat, und mich damit zur Weißglut bringt, weil ich mich nicht auf seine Story konzentrieren kann. Dabei sind die Schnapper, die mir das deutsche Lektorat von BTV beschert, wahrscheinlich nur meiner déformation professionelle geschuldet. Ich lache los, als jemand einer Aussage die Spitze nehmen will und stattdessen "die Spitze abbricht". Die "orientalische Frau" hat Wurzeln im asiatischen Vietnam - alles Osten oder was? Nett sind Sätze wie: "Ich hätte ihn über meinen Verdacht betreffend die zwei Deutschen im Hinterzimmer informiert" - warum nicht einfach das "betreffend" vor "informiert" stellen? Die Protagonistin schminkt sich mit ihrem "dunklen Augenschatten" - da hüpft das Lid vor Vergnügen! Aber hoppla, bei einem Spionageroman sollte man nicht lachen. Auch nicht, wenn einer statt seiner Contenance die "Konspiration" verliert und eine Limousine "chauffeurbetrieben" wird.

Normalerweise sehe ich über solch herrliche Bonmots hinweg, wenn mich die Story packt. Die aber ist nun ausgerechnet von jenem unselig regelmäßig und absehbar durchgepeitschten A-B-Schema, bei dem sich Mutter und Tochter die Cliffhanger liefern dürfen. Während bei der mütterlichen Spionin die fehlende Innenwelt nicht auffällt, zeigt die Tochter deutlich: Der Autor kann sich nicht genügend in eine Frau einfühlen. Ob Sex, ob Muttergefühle, ob Alltag mit der Freundin: Das hat ein Mann so geschrieben, wie sich ein Mann Frauen vorstellt. Andere männliche Autoren können das übrigens. Warum hat er weibliche Protagonistinnen gewählt? Weil gut verkäufliche Romane so etwas haben müssen? - Nun haben wir also eine alternde Spionin, die behauptet, man wolle sie ermorden. Und eine Englisch lehrende Tochter, die nicht Fisch nicht Fleisch ist, ihr Leben dahinvegetiert und buntes Volk um sich sammelt.

Achtung, jetzt kommt der Plot. Irgendwie muss die Vergangenheit da rein, sonst wird das ja keine Story. Also schreibt die Mutter für die Tochter in regelmäßiger Kapitelabfolge Tagebuch vom Krieg. Dumm nur, dass sich das Tagebuch in der gleichen Stimme Boyds liest wie das dröge Leben der Tochter - warum dann dieser Kniff? Genau - um die Cliffhanger zu haben. Immer wenn es bei der Drögen pappt, klebt Boyd das Tagebuch ein. Und wenn sich darin endlich etwas tut, schwappt er ins Oxford von 1976. Das allein würde ihm so keiner abnehmen. Er muss also noch tiefer in die Handwerkskiste greifen. Dort liegen diese Dinger herum, die schon Hitchcock benutzt hat: die red herrings - so nennt man falsche Fährten in der Dramaturgie.

Was liegt näher, als bei der alternden Lady mit Andeutungen von Alzheimer oder Paranoia zu arbeiten! Passt perfekt zu den Spionen und zu einer Frau, die sich verfolgt fühlt. Dumm nur, dass wir Leser gleich zu Anfang wissen: Das kann es nicht sein. Wäre das wahr, würde der Plot nach spätestens zwei Kapiteln versacken. Es sei denn, der Autor führte uns komplett an der Nase herum. Tut er aber nicht. Er bastelt auch bei der Tochter ganz brav und übernimmt sich sogar. Spielen wir das mit der Paranoia doch noch ein wenig weiter, hat er sich wohl gedacht. Und so kocht sich in deren Küche ein seltsames Gemisch von Leuten zusammen, die beim iranischen Geheimdienst sein könnten oder von ihm verfolgt, die bei der RAF sein könnten oder nicht - und die - wen wundert es, natürlich alles alles gar nicht sind. Sondern einfach nur langweilige Erdenbürger, wie eben jene nichtssagende Tochter auch, die womöglich einen von diesen heiraten wird, weil ihr nichts besseres einzufallen scheint.

Zugegeben, mit viel Toleranz und weniger déformation professionelle liest sich der historische Teil wirklich so spannend, dass man es mit einer Grippe und diesem Buch aushalten kann. Schade nur, dass man lange vor der Protagonistin ahnt, wer der Bösewicht ist, der wahre Bösewicht. Es knarzt eben zu laut im Gebälk, es fehlen die wirklichen Verwirrungen. Und das liegt daran, dass die red herrings allein keinen Suspense hervorbringen. Suspense müsste aus vielschichtigen, schillernden Charakteren kommen. Doch die sind platt, Schablonenfiguren aus dem Spionagerezeptbuch. Wir wissen also, wer es ist und wer die Frau um die Ecke bringen will. Ob der Doppelagent dann sein Spiel mit Deutschen oder Russen oder sonstwem treibt, ist eigentlich unerheblich. Das Verwirrspiel wird darum zum Ermüdungsspiel. Ermüdet war Boyd womöglich gegen Ende selbst. Wie er den Schluss herunterreisst, erklärt statt spielen lässt, teilweise völlig unmotiviert dem Leser vor die Füße haut, das hat schon fast wieder die Grandezza eines deus ex machina. Das ist der Wundertrick, den manche anwenden, wenn sie sich nicht mehr zu helfen wissen, wie man ein Handlungsknäuel ordentlich aufwickelt: Ein Wunder geschieht, ein irrer Zufall fügt alles zusammen. Dumm nur, dass jede Menge loser Enden bleiben. Was vorher groß aufgebaut war, um zu verwirren, verpufft einfach als heiße Luft.

"Ruhelos" ist der ideale Spionageroman fürs Krankenbett: Er regt nicht auf und ist ein absoluter Pageturner, weil man wissen will, ob das Buch wirklich so schlapp ausgeht, wie es konstruiert ist. Zwei Szenen haben Thrillerqualitäten, der Rest dümpelt im braven Wechselgesang der Handlungstränge dahin. Immerhin: Die Tarnmethoden der Spionin, ihre Flucht in eine andere Persönlichkeit, sind höchst unterhaltsam. Aber irgendwie kennen wir auch das alles von einer Story, die ebenfalls sehr handwerklich gemacht war: von James Bond. Der Unterschied macht's. Bond hat die Cliffhanger radikal auf die Spitze getrieben und mit seinem schwarzen, trockenen Humor gewürzt.

Zu viel Handwerk ohne jeden organischen Bruch kann das Leben eines Romans töten und Figuren zu Abziehbildern machen. Das ist William Boyd meiner Meinung nach bei diesem Buch erstaunlich gut gelungen.

William Boyd: Ruhelos. Berliner Taschenbuch Verlag

Kommentare:

  1. Liebe Petra,
    ich habe auf Applaus geklickt, weil dieser Verriss grandios geschrieben ist. Ob er berechtigt ist, kann ich wegen fehlender déformation professionelle nicht beurteilen, und weil ich das Buch nicht gelesen habe und nun bestimmt nicht mehr lesen werde. Diese Rezension würde den Handlungsort für mich in grelles Scheinwerferlicht tauchen, auch dort, wo ich im ursprünglich gemütlichen Kerzenlicht Details aoder Schwächstellen übersehen hätte.

    Das ist aber kein Vorwurf. Ich kann ja beim nächsten Verriss erst unten nachschauen, um welches Buch es geht.
    Lehrreich wäre es für mich gewesen, wenn ich das Buch vorher gelesen hätte - schade. ;)

    Auch schade, dass es Buhrufer gibt, die nicht wenigstens sagen, was sie anders sehen.

    Gruß Heinrich

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  2. Nun, ich kenne das Buch und fand es "eigentlich" ganz spannend. Und vor allem sprachlich ansprechend geschrieben. Spannend fand ich aber weniger den Krimianteil, sondern den Eingangsgedanken, dass auf einmal alles im eigenen Leben, worauf man seine Erinnerungen und damit sein Wissen um die eigene Herkunft aufbaut, in die Brüche geht.

    Das Buch leidet leider ein bisschen dran, dass der Aufbau der Geschichte (vor allem für Vielleser) ab einem bestimmten Zeitpunkt sehr durchschaubar wird. Und dann lässt die Faszination und Spannung natürlich ziemlich nach und man liest einfach nur weiter um zu sehen, ob man sich nun geirrt hat oder nicht.

    Wenn Sie nicht passionierter Krimileser sind, Heinrich, dann lohnt sich das Buch immer noch. Wenn ja und wenn Sie deshalb Probleme haben, interessanten Nachschub zu finden, dann auch. Denn es gehört eindeutig zu den besseren 50%, noch eher ins obere Drittel, wenn auch da eher an den unteren Rand. Aber es muss ja an einem verregneten Wochenende auch nicht immer die ganz große Literatur sein,oder?

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  3. Liebe Sabine,
    vielen Dank für Ihre Einschätzung und Sicht. Ich werde irgendwann berichten, ob ich die Chance wahrgenommen habe, wenig oder stark beeinflusst, gelassen oder ruhelos einen Blick zu riskieren.

    Gruß Heinrich

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  4. Lieber Heinrich, liebe Sabine,

    Applaus und Buhrufe gleichzeitig sind immer ein gutes Zeichen: So ein Text polarisiert. Je mehr, desto besser, denn dann reden die Leute über das Buch. Und ich habe natürlich absichtlich einen Bestseller ausgesucht, um zu zeigen, was bei Nichtbestsellers noch viel mehr ins Auge gehen kann. Es ist ein Bestseller - unzählige Menschen lieben dieses Buch sehr viel mehr als ich (und darum kann man es auch getrost lesen).

    Ich fürchte, seit es Amazonrezensionen gibt, ist die Funktion einer professionellen Kritik nicht mehr allen LeserInnen klar. Ein Kritiker ist ein Mensch, der ein sehr individuelles Profil beim Lesen zeigt, aber trotz aller immer subjektiven Sympathie oder Antipathie nie aus dem Bauch heraus urteilt, sondern aufgrund einer Analyse. Klar schaue ich dabei viel schärfer auf Dinge, die Nichtautoren / Nichtkritiker weder interessieren noch wahrnehmen.

    Deshalb war das - abgesehen von der Unterhaltung im Krankenbett, für mich eines der wertvollen Bücher, anhand derer man als AutorIn sehr viel über Dramaturgie und Personengestaltung lernen kann. Das lernt man nämlich selten an den perfekten... (umso wertvoller für mich, als ich gerade fast selbst in die A-B-Falle getappt wäre...)

    Sabine, genau das, was du spannend fandest, hat mich enttäuscht. Genau diese Verunsicherung hätte ich gern mehr und echter erlebt, dieser Gedanke hat mich brennend interessiert. Aber dazu hat meiner Meinung nach die luschige Figur der Tochter nicht gereicht. Wer so etwas erlebt (s. viele Adoptionsgeschichten), dem zieht es komplett den Boden unter den Füßen weg, der muss seine eigene Welt wieder mühsam zusammensetzen. Der wird auch wütend, macht Hassperioden durch. Aber das Verhalten der Tochter war nie richtig motiviert.

    Ging auch nicht. Boyd wollte ja eigentlich nur die Geschichte der Mutter erzählen. Und die hätte meiner Meinung nach ganz ohne die dämliche Rahmenhandlung um RAF und Schah viel besser gewirkt. Das war der eigentliche Spionageroman.

    Übrigens habe ich gerade ein Buch vor mir, das genau den umgekehrten Effekt auf mich hat. Angepriesen als Frauenroman (ich fasse Frauenromane normalerweise nicht an), als die übliche Zeitengeschichte von Frauen (nicht schon wieder) - und ich bin nach zwei Seiten hin und weg. Dieses Buch kann etwas, was nur wenige gute Bücher schaffen: Es verändert meine Wahrnehmung. Demnächst in diesem Hause - ein Buch über ein Bild ;-)

    Schöne Grüße, Petra

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  5. Dass die Tochter so eine eher lahme Nuss ist am Anfang, das passt für mich schon. Wer als Mutter eine derart bewegte Vergangenheit hat, der erzieht das Kind schon eher in Richtung "bürgerlich-langweilig", aber das dann doch nicht nur, sonst hätte das Mädel nämlich was Anständiges gelernt und würde nicht so unentschieden halbfreakig durchs Leben tapsen.

    Ich hätte mir aber die Irritation bei ihr größer gewünscht nach Mamas Eröffnungen. Und mehr Entwicklung - wohin auch immer. Man kann ja durchaus auch als überzeugter Normalo glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage leben.

    Spionageromane messe ich immer (noch) an meinem absoluten Lieblingsautor dieses Genres: John le Carré. Aber so ist nun mal nicht jeder. :-(

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