Autoren in Scheiben: Kombinieren? (3)

Nachdenken über Publikationsformen in drei Teilen:
Was würde ich denn raten? Verlag oder Self Publishing?

Pauschal kann ich gar nichts raten, jeder Mensch, jedes Buch muss individuell gesehen werden. Einmal am Anfang eine Verlagsbewerbung zu schaffen, kann Türen öffnen, kann zum Qualitätssiegel werden. Auf der anderen Seite schaffen es in der letzten Zeit immer mehr Self Publisher, durch ihren Erfolg (statt der zermürbenden Warterei) Verlage auf sich aufmerksam zu machen. Prominentestes Beispiel in Deutschland ist Nele Neuhaus. Was erfreulich ist: Ein wirklich professionell (!) gemachtes PoD-Buch ist heute kein Hemmschuh mehr bei Verlagen.

Ohne professionelle Qualität geht gar nichts - ob mit oder ohne Verlag. Es zeichnet sich jetzt bereits ab, dass eine ganz tiefe Spaltung im SP-Markt zwischen professionell arbeitenden Autoren und fehlergespicktem Müll oder sogenannten Spam-Titeln entsteht. Da werden gnadenlos AutorInnen untergehen. Auf der anderen Seite beobachtet man aber vor allem im Genre das Phänomen, dass fehlerhafte Bücher erstaunlich viele Fans anziehen - wenn die Story packend und ungewöhnlich geschrieben ist. SP scheint zu schaffen, wofür sich einige Verlage nicht mehr genügend Zeit nehmen: Talente zu entwickeln, die mit ein wenig Hilfestellung zu echten Profis werden können. Könnten, wenn sie denn diese Hilfe annehmen würden. Drum spart nicht an Cover und Lektorat!

Die meisten Newcomer jammern über die Bewerbungshürden, über unzählige Formbriefe mit Verlagsabsagen. Dabei braucht ein guter Probetext mit Exposée nicht sehr viel mehr Zeit als die Social Media Arbeit fürs eigenproduzierte Buch! Wie alles auf der Welt, will dieses Bewerben aber gelernt werden. Es gibt Dinge, die man dabei unterlassen sollte, und Dinge, die man unbedingt beherrschen muss. Die meisten Anfänger wählen schon die Verlage völlig falsch aus (jajaja, ich habe auch eine Absage für den Erstling von Random House). Dann hakt es meist an der Textqualität und Selbsteinschätzung - das Gros der unverlangt eingesandten Manuskripte ist in der Tat schlicht grottenschlecht. Oder die Autoren hätten es besser schreiben können, haben aber nicht gewusst wie - oder sich nicht die Mühe gemacht. In Autorenforen kann man sich heutzutage diese Hilfen und Tipps holen. Es gibt sogar Autorengruppen im Internet, die sich gegenseitig die Exposées kritisch zerpflücken. Informieren und Lernen kann eine Bewerbung verbessern.

Ich persönlich bin absolut zwiegespalten, welchen Weg ich AnfängerInnen empfehlen sollte. Die harten Bewerbungsvorgänge stählen in der Tat für das Geschäft danach, wenn man es einmal geschafft hat. Als professioneller Autor braucht man unendliche Geduld, innere Gelassenheit, Kritikfestigkeit, Beharrlichkeit, das Umgehen mit dem Scheitern, stetes Arbeiten an der eigenen Persönlichkeit wie am Text - und vor allem Teamfähigkeit. Wie kann man all das lernen, wenn man immer den einfachsten und bequemsten Weg geht?

Auf der anderen Seite haben alle Verlagsautoren vor ihrer Verlagslaufbahn grauenhafte Experimente und oft himmelschreienden Schrott geschrieben. Im Unterschied zu heute hat man den Schrott zum Glück meist in der Schublade gelassen. Aber auch ich habe vermessen als Schülerin ein gereimtes Schauderepos an die örtliche Zeitung geschickt und Möchtegern-Fantasy für Fanzines verbrochen. Ich habe am harschen bis witzigen Echo gelernt und meine Selbstkritik verbessert. Und noch etwas: Ich habe meine eigene Schreibstimme nicht blockiert, die sich erst über Jahre hinweg entwickeln muss. Das Problem sehe ich bei der Haltung vieler junger Talente, die im Internet um die perfekte Art diskutieren, ein Buch zu platzieren und zu verkaufen. Das Scheitern und Leiden will sich keiner mehr zufügen. Texte, wie man zum Bestsellerautor wird, haben Hochkonjunktur. In den letzten Jahren habe ich eine Handvoll sehr begabter, aber noch unreifer Talente daran kaputtgehen sehen. Statt Schreibratgeber hätten sie das offene, wilde Experiment gebraucht, um sich auszutesten und zu finden. Warum also nicht mal ein grottenschlechtes Buch selbst veröffentlichen - und einfach mal schauen, was passiert? Warum sollen die lahmen E-Books nachahmender Fans schlechter sein als unsere Imitationen hektografierter Fanzines damals? Es ist doch für alle Platz!

Ich würde die Entscheidung von der Art des geplanten Buchs abhängig machen. E-Books eignen sich hervorragend für internetaffine Themen und ein solches Publikum; auf den Reader wird man sich auch gern Bücher laden, die man sich im Laden nicht offen zu kaufen traut. Reiseführer entwickeln auch Verlage zunehmend als App. Schmöker bieten sich an, aber die Fangemeinde für einen belletristischen Schmöker selbst aufzubauen, dürfte extrem schwierig sein. Ein älteres Publikum zieht immer noch gedruckte Bücher vor, ein Buch in der Hand ist auch bei der Lesung von Vorteil. Belletristik verkauft sich im SP ungleich schwerer als Sachbücher - Verlage haben da einfach eine andere Power. Habe ich schon genügend (!) Fans oder muss ich sie erst noch aufbauen - da geht Minimum ein Jahr ins Land, wenn nicht mehr. Will ich all die Zusatzarbeiten selbst machen? Will ich und kann ich vorab investieren? Will ich lieber von Vorschüssen leben und mich mehr aufs Schreiben konzentrieren? Gibt es mindestens einen Verlag, auf den mein Buch sozusagen wie die Faust aufs Auge passt? Schreibe ich über ein zu eng gefasstes Nischenthema? Bin ich eher der Unternehmertyp, der die Ärmel aufkempelt? Oder brauche ich einen Verlag, für den ich schreibe und dessen Lektor mir dann sagt, wo es langgeht? Was beherrsche ich selbst professionell? Wie fest kann ich ein Zielpublikum umreißen - je fester, desto besser für SP. Könnte ich meine Extra-Fähigkeiten in einen Verlag einbringen, um noch mehr zu erreichen?

Nur eines sollte allen von vornherein klar sein: In Zeiten des wohlfeilen Self Publishing sollte sich niemand, wirklich niemand mehr Geldbörse und Karriere mit Druckkostenzuschussverlagen ruinieren. Damit bugsiert man sich auch in Zukunft effektiv ins schriftstellerische Aus. Also Preise vergleichen und das Kleingedruckte lesen, sich auch mal in seriösen Autorenforen über einen unbekannten Verlag erkundigen.

In welchen Scheiben gibt's mich künftig?
  • Wenn mein geplanter Roman etwas werden wird, geht der selbstverständlich wieder an Agenturen und damit Verlage. Da gibt es für mich absolut keine Alternative.
  • Meine Backlist braucht eigentlich "nur" noch Cover (und die Autorin Zeit), dann kann sie wieder erscheinen - die Romane als E-Book, das Elsass-Buch im Print.
  • Im Bereich "Auftragsschreiben" (Sachbuch für Privatauftraggeber) experimentiere ich gerade mit einer Hybridlösung, die ich für ein Projekt erstelle. Hier muss von Sponsoren nicht nur die Produktion bezahlt werden, sondern auch das Schreiben selbst. Ideal wäre außerdem ein professioneller Vertrieb. Theoretisch wäre sogar ein kleiner Verlag denkbar, der auf die Themen spezialisiert ist. Das ist noch in der Planungsphase und ich bin gespannt, ob der Weg gangbar ist.
  • Beim nächsten eigenen Sachbuch werde ich nach genauer Analyse entscheiden, welche Art des Verlegens ihm gut tun wird und die meisten Menschen erreicht.Beides ist möglich. Würde ich je wieder allein ein Sachbuch im Self Publishing machen wollen, würde ich auch hier für Vorfinanzierung von Unkosten und Vorschuss von außen sorgen, sei es durch Crowdfunding oder feste Sponsoren.
Wo seht ihr die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Veröffentlichungsformen? Hat sich durch die Öffnung in dieser Hinsicht etwas für euer Arbeiten verändert? Habt ihr ganz andere Erfahrungen gemacht als ich? Ich bin gespannt!

1 Kommentar:

  1. Ein Teil der Diskussion hat sich mal wieder nach FB ausgelagert, in der Gruppe Self Publishing:
    https://www.facebook.com/groups/184413921615603/

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