Hochgenuss

Eigentlich bin ich in einem Zustand, wo ich unwahrscheinlich gern mal wieder ganz lang schlafen würde. Tagarbeit und häufiges abendliches Abtauchen in die Musikwelt verschieben ohnehin schon die Wahrnehmungen. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, wie sich Städte und Menschen verwandeln, wenn man sie nur im Dunkeln sieht - oder wie unwirklich eine bäuerliche Region tagsüber wirkt, wenn man nachts dort mit mehrsprachigen, internationalen Musikern plaudert. Aber gestern habe ich mich mit Wonne überreden lassen, auch morgen wieder ins Konzert zu gehen - dann spielt das Szymanowski-Quartett nämlich noch einmal.

Gestern kam das Publikum beim Internationalen Musikfestival von Wissembourg sogar von Stuttgart und vom Bodensee - die Kenner wussten, was sie erwartet; ich wurde völlig überrascht. Ich bin keine Klassikrezensentin und spare mir hier die Innereien von Musikstücken. Gekommen war ich, weil das Szymanowski Quartett Karol Szymanowski spielen würde - einen Komponisten, den ich durch das Teatr Wielki in Warschau kennen und lieben gelernt habe (Menschen, die Mahler mögen, verfallen oft auch ihm). Den Beethoven vorher wollte ich "so mitnehmen".

Unmöglich. Nie zuvor habe ich so einen Beethoven gehört. Das Streichquartett Nr. 8 in Es-Dur fuhr offensichtlich nicht nur mir ins Gebein. Die vier Polen und Ukrainer aus Hannover tanzten diese Musik, machten sie körperlich fühlbar - und die Ekstase auf der Bühne übertrug sich mühelos aufs Publikum. Hatte Beethoven ganz versteckt eine slavische Seele, dann ganz gewiss in diesem Stück.
Für den Szymanowski mit seiner orientalisch anmutenden Nocturne und Tarentelle Op. 28 fehlen mir dann alle Worte. Das war ein Synästhesierausch, der lange nachklang. Und genau deshalb kann ich Musik nicht brav und ordentlich rezensieren, weil ich ja eigentlich jubeln müsste über die weinroten eiförmigen Einschlüsse in Antimongelb in der und der Passage, die dann von winzigen eisblauen Spitzen gestochen und gestreichelt wurden. Andere brauchen vielleicht dazu LSD, mir bescherte das Szymanowski Quartett dreidimensionale, bewegliche, körperliche Kandinsky-Welten.

An diesem Abend stimmte die Formulierung "brach das Publikum in tosenden Applaus aus" - das war wirklich eine Eruption von Emotionen, die sich freimachen wollten, freimachen mussten, in Standing Ovations und Bravorufe. Kein Wunder, man hing den vier Männern, die nicht einfach Musik spielten oder inszenierten, sondern Musik lebten, wie gebannt an den Saiten. Dass ich jetzt endlich auch einmal eine echte Stradivari gehört habe, ist wahrscheinlich nur für mich eine Premiere.

Kurzum, dieses Quartett muss ich noch einmal hören, morgen soll laut Kennern ab 18 Uhr in der Kirche St. Jean in Wissembourg (place Martin Bucer) von ihnen die Welt noch einmal geschöpft werden. Die Abfolge von Bach, Buxtehude, Szamotuly, Szymanowski und Beethoven sei sehr genau abgestimmt gewählt worden. Ich werde heute ein wenig vorschlafen.

Spätestens jetzt sollte allen klar sein: Die Stadt Wissembourg muss man sich merken. Man braucht nicht unbedingt die Carnegie Hall, das Berliner Konzerthaus oder den Pariser Louvre, um Musiker wie diese zu hören. Und für das zweiwöchige Festival kommen ja noch andere Perlen...

Für diejenigen, denen der Weg zu weit ist oder die keine Chance hatten zu kommen, ein kleiner Trost ins heimische Wohnzimmer. Der SWR hat in der Reihe Hänssler Classic eine CD mit dem Pianisten Matthias Kirschnereit und dem Szymanowski Quartett eingespielt. In CD-Schreibung: "Dmitry Shostakovich / Mieczyslaw Weinberg: Piano Quintets". Ich habe sie gestern beim Konzert gekauft und nachts noch kurz hineingehört - die wird mir heute den Wartetag versüßen.
Klanglich in grausiger Internetqualität, aber wenigstens zum Ansehen (und das ist live einfach ein Erlebnis) gibt es das Quartett bei youtube. Ich habe eine etwas ältere Aufnahme von Szymanowskis Nocturne und Tarantelle gewählt:



Gelernt habe ich auch über mich wieder etwas. Über Musik schreibe ich besser brav theoretisch vorher oder lange nachher. Das war schon bei meinem Nijinsky-Buch so - erst nach unzähligen Malen Strawinsky waren die Emotionen so heruntergekocht, dass der Verstand wieder Worte bildete.

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