Die "Lebenskunstwerkerinnen" aus Petersburg

Manche Bücherperlen findet man im Buchhandel leider nur, wenn man einen Spleen hat und ihm nachrecherchiert. Einer meiner Spleens ist die Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine multikulturell und künstlerisch nur so brodelnde Zeit, in die ich mich mit einer Zeitmaschine sofort versetzen lassen würde. Wie stark die Avantgarde-Stadt Paris (aber auch Berlin, Wien und München) dabei von den EmigrantInnen geprägt wurde, wird oft ein wenig vergessen - weil wir deren Schriften meist nicht in Übersetzungen vorliegen haben.

Erst in den letzten Jahren hat sich das Wissen um die Bedeutung der russischen Avantgarde und des sogenannten Silbernen Zeitalters für die Entwicklung in Westeuropa vor dem Ersten Weltkrieg verbreitet. Das ist vor allem dem amerikanischen Fachmann und Professor John Ellis Bowlt zu verdanken, der nicht nur akribisch Quellenforschung in Russland betreibt, sondern auch noch göttlich unterhaltsame Fachbücher und Katalogbeiträge schreiben kann. Seine Artikel im großen Prestel-Prachtband über Wassily Kandinsky haben mich nicht nur begeistert, sondern regelrecht infiziert, mich mit diesen Verbindungen zu beschäftigen. Inzwischen warte ich schon sehnlichst auf Neuerscheinungen von ihm und bedaure zutiefst, dass man - abgesehen von wenigen Ausnahmen - all diese Texte im amerikanischen Original lesen muss.

Umso überraschter war ich, mein "Leib- und Magenthema" in einem kleinen, aber feinen deutschen Verlag zu finden. In Britta Jürgs AvivA-Verlag. Die Verlegerin widmet sich seit vielen Jahren außergewöhnlichen Frauen und macht ihre Texte oder Bücher über sie sichtbar. Schwerpunkt sind dabei die Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts. Für ihre Arbeit als Verlegerin wird Britta Jürgs bei der Frankfurter Buchmesse als "BücherFrau des Jahres 2011" ausgezeichnet werden. Das Buch, in dem ich mit Bleistift immer noch intensiv schmökere, trägt den Titel "Abende nicht von dieser Welt. St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters".

Es ist schon verrückt, wie wenig wir vom Aufbruch in die Moderne und über die Bohème in Russland wissen - obwohl sie doch so stark die Pariser Bohème beeinflusst hat. Die Ballets Russes, Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky, das hat sich verbreitet. Die Künstlerin Natalja Gontscharowa ist neuerdings wieder bekannt, weil ihre Werke Rekordsummen bei Auktionen erzielen, weil sie plötzlich im Markttrend liegt. Kaum jemand erinnerte sich früher an die Frau, die wie Picasso auch für Diaghilew Kostüme und Bühnenbilder schuf.

Das Buch von Ursula Keller und Natalja Sharandak lässt all die extravaganten und mutigen Ausnahmefrauen jener Zeit vor unseren Augen erstehen; erzählerisch, aber akribisch recherchiert. Die große Stärke des Buchs ist, dass hier die weibliche Bohème endlich auch aus weiblicher Sicht gezeigt wird. Nicht mehr als bloßes Anhängsel männlicher Schriftsteller und Künstler wie Mereshkowski, Belyj oder Mandelstam und wie sie alle heißen, die Männer, deren Namen man in der Schule zuerst lernt. Hier begegnen uns die "Madonna der Décadence" Sinaida Gippius, die schwärmerische Marina Zwetajewa, die große Anna Achmatowa genauso wie die "Frau in Männerkleidern" Jelisaweta Kruglikowa und die eher dürftig bekleidete Tänzerin der Ballets Russes, Ida Rubinstein.

Lesend begeben wir uns in eine Zeit, in der sich Frauen lange vor ihren Geschlechtsgenossinnen im Westen öffentlich Wissen, Bildung und Kunst aneignen konnten. Das blieb nicht ohne Folgen - sie bildeten nicht selten den Mittelpunkt in den literarischen, philosophischen und künstlerischen Salons, inszenierten sich selbst, erprobten die Verbindung von Leben und Kunstwerk. Ende des 19. Jahrhunderts bis über die Jahrhundertwende hinweg experimentierten diese Frauen nicht nur mit lesbischen oder bisexuellen Beziehungen, sondern machten sich überhaupt Gedanken um Konzepte von Familie, Frausein und Liebe. Da wird die Liebe zu Dritt in jeder nur denkbaren Form ausprobiert, werden Formen platonischer und sexueller Verbindung nebeneinander gelebt. Im "Lebenskunstwerk" der Avantgarde ist Leben und Kunst nicht zu trennen, das eine durchdringt und beeinflusst das andere. Umso tragischer oder auch fruchtbarer wirkt sich das Scheitern aus, der Selbstversuch oder die unbändige Schwärmerei.

Dieses Buch räumt gründlich auf mit dem herkömmlichen Bild von einem "rückständigen" Russland oder einer Pseudoromantik, wie sie manche Klassiker überliefert haben mögen. Diese Frauen haben Charakter, sind ungeheuer stark - und sie suchen sich innerhalb der gesellschaftlichen Konventionen ihren eigenen Weg, von dem ihre Geschlechtsgenossinnen in Paris noch träumen. Dort ist es ganz und gar nicht normal, dass Frauen an Bildungsanstalten und Kunstschulen aufgenommen werden wollen, geschweige denn können. Manche dieser Frauen ist ihrer Zeit sogar weit voraus, experimentiert mit einem Gedankengut, wie es erst in den 1960ern richtig aufkam. Die Autorinnen geben den Künstlerinnen und Salondamen ihre wahre Rolle zurück, indem sie zeigen, wie diese Frauen Einfluss auf ihre manchmal berühmteren Männer nahmen, wie sie die Männer ihrer Zeit in den Salons prägten. Oft fragt man sich bei der Lektüre, was von dieser weiblichen Stärke im 21. Jahrhundert geblieben ist.

Was in meinen Augen das Buch am lohnendsten macht, ist der Perspektivwechsel. Die Geschichte wird nicht einfach nur erzählt - zahlreiche Originalzitate in deutscher Übersetzung aus den Werken dieser Frauen oder Erzählungen von Zeitgenossen vertiefen das Bild. Wir erfahren nie nur eine Seite, sondern sehen die Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Perspektiven. Was hat Anna Achmatowa korrekt erinnert, wo inszeniert sie womöglich sich selbst? Lügt sie sich wirklich etwas zusammen, weil wir das bei einem Zeitzeugen ganz anders lesen? Wer hat recht, wenn es um Marina Zwetajewa geht: der Literaturkritiker, der innige Freund Ossip Mandelstam, die Dichterin selbst in ihrer Lyrik oder der lesbische Liebe ablehnende Biograf? Wohltuend dominieren die Autorinnen nicht die LeserInnen in deren Meinung - sie zeichnen stattdessen ein buntes Kaleidoskop, stellen Originaltexte zusammen, erklären Verbindungen - und es ist an uns, eine Entscheidung zu treffen, was wirklich gewesen sein mag. Es bleibt aber auch erlaubt, die Unzulänglichkeit von Augenzeugen und Überlieferungen zu akzeptieren und die beschriebenen Persönlichkeiten so zu sehen, wie sie wohl damals schon auf ihre Umgebung wirkten: schillernd, unfassbar, faszinierend - und einfach ganz anders als die Frauen der bürgerlichen Welt.

Diese Salondamen aus Petersburg entstammen nur scheinbar einer räumlich wie zeitlich fernen Welt. Sie haben die Bohème des Westens befruchtet, die Avantgarde reichte zumindest bis zum Ersten Weltkrieg von Paris bis Petersburg. Sie haben aber auch den Frauen des 21. Jahrhunderts noch etwas zu sagen - egal, in welchem Kulturkreis sie leben mögen. Diese russischen Künstlerinnen lassen in ihren Biografien und Texten immer wieder aufblitzen, wie reich ein Leben sein kann, wenn Frauen es selbstbestimmt leben können. Wenn sie Zugang zur Bildung haben, wenn ihre Stimme gehört wird. Wenn sie die Mittel und Wege suchen, sich ihrer Kunst zu widmen, zu Schöpferinnen zu werden, zu Vordenkerinnen alternativer Gesellschaftsformen. Darum ist es ganz gewiss nicht nur ein Buch für Frauen mit einem Avantgarde-Spleen.

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