Autoren in Scheiben: Verlag suchen? (1)

Nachdenken über Publikationsformen in drei Teilen:
Immer diese Schubladen!

Bücherleute sind ein kurioses Völkchen. Kürzlich riet ich irgendwo öffentlich im Internet zur Verlagsbewerbung und erntete vollkommen überraschte Ausrufe: "Was, ausgerechnet du rätst zum Verlag?" - Ja, zum Teufel noch mal, warum denn nicht?! -  "Aber du schreibst doch über Self Publishing." - "Aber du hast doch auch ein Buch selbst produziert." Ja, zum Teufel noch mal, das habe ich. Aber ich schreibe auch über Musik, ohne zur Pianistin zu werden; ich schreibe über Wälder, ohne demnächst eine Ausbildung zum Förster zu machen. Muss man die Welt immer säuberlich in Schubladen einteilen und Grabenkämpfe zwischen Schwarz und Weiß führen?

Das geht bei allem Hype und Trendgewäsch in manche Köpfe irgendwie nicht mehr hinein: Man kann zwei komplett unterschiedliche Wege ausprobieren und trotzdem beiden Wegen gegenüber kritisch bleiben, sie objektiv vergleichen. Zudem bin ich nicht aus voller Überzeugung in einem Fall den Weg des Self Publishing gegangen, sondern ursprünglich nur, um ein Verlagsprojekt zu retten, das am Geld scheitern sollte. Und gerade weil ich mir sehr kritisch selbst über die Schulter gesehen habe und sehe, kann ich auch die wahren Mühen, Herausforderungen, Nachteile und Vorteile erkennen. Vor allem aber weiß ich eins: Kein Buch ist gleich - die ach so wohlfeilen Zehnpunktetipps, die man im Internet liest, passen nie komplett auf alle Werke.

Die eigene Backlist aufbauen

Ich nehme mir also die Freiheit heraus, mich als Verlagsautorin zu begreifen, die nicht für alles einen Verlag braucht. Das aber wohldosiert und gut überlegt. So rate ich Kolleginnen und Kollegen, die mit vergriffenen Büchern zu tun haben, sich schnell die Rechte zurückzuholen (nach einer bestimmten Zeitspanne fallen sie übrigens automatisch zurück, was man beschleunigen kann). Dann sollte man die eigene Backlist aufbauen. Das hat den Vorteil, dass wieder mehr Titel am Markt sind und Fans auch das ein oder andere alte Buch erstehen können. Weil Neuauflagen von Backlisttiteln oft eher gering ausfallen, bietet sich die Form des E-Books an. Es kostet die kleinsten Investitionen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn verramschte Exemplare den Gebrauchtmarkt überschwemmen - nur mit E-Books bleibt man hier konkurrenzfähig.

Eine Kindle-Ausgabe schafft jeder Laie mit ein wenig html-Geschick, bei reinen Textausgaben sowieso. Man braucht keine Korrekturen mehr, nur ein neues Cover. Für andere E-Book-Ausgaben und Shops gibt es Programme und Gepfriemel - oder man lässt sich das preiswert machen. Aufwändiger ist eine PoD-Ausgabe, weil der Buchsatz und das Layout neu erstellt werden müssen - dafür liegen die Rechte nämlich beim Verlag. Außerdem verursacht PoD Kosten. Ob Bedarf an gedruckten Büchern besteht, kann man mit den E-Books austesten. Sind noch gebrauchte Bücher aus der Altauflage auf dem Markt, lohnt sich das eigentlich nur, wenn man das Buch neu überarbeitet und ausstattet (ab einem gewissen Prozentsatz gibt's dafür auch neues Geld von der VG Wort!). Und man sollte bei der Entscheidung zwischen E und Papier die Art des Buchs und das Käuferverhalten analysieren: Der Ratgeber für ein Computerprogramm läuft als E-Book wahrscheinlich besser als der Kunstband, der Vampirschmöker besser als die Sammlung philosophischer Essays.

Was spricht für Verlage?

Wer ein Buch selbst produzieren kann, hat eigentlich den Kopf frei, sich bei Verlagen zu bewerben und nicht jedes schlechte Angebot annehmen zu müssen. Der weiß aber auch, woran es beim Self Publishing haken könnte. Was spricht für den alten Weg? Die alten Kernkompetenzen oder Tugenden von Verlagen, sofern sie noch vorhanden sind: Aufbau von Autoren und nachhaltige Pflege von Büchern, ein Lektorat, das den Namen noch verdient; Marketing. Hier lohnt es sich, beim Verhandeln genau hinzuschauen. Bekomme ich diese Leistungen nicht, kann ich selbst produzieren. Andere Argumente: Vorschüsse statt Eigeninvestitionen. Davon kann man sich schon wieder Schreiben finanzieren.

Unschlagbar sind Verlage im Moment noch bei der Präsenz im Buchhandel und im Vertrieb. Ich habe mich unter Self Publishers im deutschsprachigen Raum umgehört, die Spitze lag bei fünf verkauften E-Books pro Tag in einem sehr eindeutigen Genre - das traurige Gros der PoD-Autoren schafft in der Belletristik keine 100 Exemplare pro Jahr (200-300 liegen im Bereich der Spitze), nur Sachbuchautoren kommen an Nischenauflagen von Verlagen heran. Nehmen wir einmal die Spitze - würde der Verkauf nicht nach wenigen Monaten einbrechen, wäre das eine ordentliche 1800er Auflage im Jahr. Jeder Verlagsautor kann mit den eigenen Verkaufszahlen vergleichen, ob das wirklich lukrativ ist. Mit einem PoD-Roman wird man selbst nie an die Zahlen eines Taschenbuchs heranreichen können. Für E-Book-Erfolge à la Amerika ist der Markt noch zu klein (noch). Und das erlebe ich gerade selbst: Eigenmarketing und Verkauf des fertigen Buchs ist eine immense, aufreibende und schwierige Arbeit, die unwahrscheinlich viel Energie bei unsicherem Ausgang abfordert. Energie, die vom Schreiben abgeht. Arbeit, die man im Verlag geliefert bekommt.

Verlage sind immer noch Gatekeeper. Nicht etwa, weil sie tatsächlich durchweg nur beste Qualität liefern würden - das stimmt schon lange nicht mehr. Sondern weil Buchhandel und Leserschaft glauben, dass sie Qualität liefern. Ein Newcomer, der mit Self Publishing startet, muss sich ganz allein aus eigenen Kräften vom himmelschreienden Müll auf diesem Sektor abgrenzen, muss immer wieder Rede und Antwort stehen, warum er / sie "es nicht geschafft hat". Das ist leider in Deutschland so. In anderen Ländern wird das lockerer gesehen, aber das nützt deutschsprachigen AutorInnen herzlich wenig. Jemand, der schon in Verlagen veröffentlicht hat, muss dagegen im Self Publishing nicht mehr beweisen, ob er / sie "es drauf hat". Nicht vergessen sollte man außerdem, dass manche Verlagsnamen Türöffner auch in ganz anderen Bereichen des Arbeitens und Lebens sind. Und last but not least. Das deutsche Feuilleton bespricht grundsätzlich nur Verlagsbücher.


Fortsetzung folgt...

1 Kommentar:

  1. Eben aufgeschnappt: Ein absoluter Newcomer will sich bei drei Verlagen bewerben und gibt sich pro Verlag einen Monat Wartezeit. Leute, das ist utopisch in Zeiten, in denen selbst Agenturen für manche schwieriger zu vermittelnden Bücher durchaus ein Jahr brauchen können. In einem Monat hat kein Verlag ein Manuskript angeschaut, ein unverlangt eingesandtes Manuskript schon gar nicht.

    Mein Tipp: Wenn das Buch marktfähig scheint, sich eine gute Literaturagentur suchen und die machen lassen - das gibt meist auch bessere Abschlüsse. Vorgehen ohne Agentur lohnt eher in der Hochliteratur und bei kleinen Verlagen.

    Und wenn es die Direktbewerbung sein soll: Rechnet bitte mit sehr viel mehr Türklinken, Absagen und vor allem Zeit.
    Wer das nicht aushält, ist bei Verlagen natürlich an der falschen Adresse und sollte gleich Self Publishing erwägen.

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