Nijinsky: Tagebücher

Henry Millers Buch für die Insel

Um ein Buch zu schreiben, kann man selten alles verfügbare Material recherchieren. Und manchmal kommt es sogar vor, dass man sich ein Werk absichtlich versagt. In meinem Fall war dies ein Film, den ich mir während der Arbeit am Nijinsky-Hörbuch verboten hatte: The Diaries of Vaslav Nijinsky. Der Australier Pau Cox hat den abendfüllenden "Dokumentarfilm" der besonderen Art 2001 gedreht (engl. Einführung). Ich habe ihn deshalb nicht angeschaut, weil Paul Cox versucht, Nijinskys psychische Krankheit künstlerisch zu erfassen, und dessen Originalzitate damit unweigerlich interpretiert. Davon wollte ich frei bleiben.

Ich habe mindestens neun Monate mit dem Original gelebt. Gelebt ist der bessere Ausdruck, so ein Buch kann ich nicht "nur" lesen. Es ist ein Text, der mich verändert, den ich nicht mehr abstreifen kann. "Nijinsky: Tagebücher" (Übersetzung von Alfred Frank) lautet der bescheidene Titel dieses Buchs, das Zeitgeschichte schrieb und in deutscher Sprache leider allenfalls antiquarisch zu haben ist. Henry Miller zählte es zu seinen berühmten "Büchern für die Insel", empfahl es zur mehrmaligen Lektüre.

Die Tagebücher waren eigentlich ein paar Schulhefte, die Nijinsky in einem regelrechten Schreibrausch 1919 füllte, in einer Zeit, in der ihm unter dem jahrelangen Grauen des Ersten Weltkriegs und der Isolation von Kunst und Tanz die Alltagswelt entglitt. Sein Schreiben beendete er offensichtlich kurz bevor er auf Betreiben seiner Familie in die psychiatrische Klinik Burghölzli bei Zürich zwangseingewiesen wurde. Geahnt hat er, dass er krank wurde; nicht ahnen konnte er, was er die nächsten dreißig Jahre seines Lebens durchmachen musste.

Zensur und Vorurteile

Nijinskys Tagebücher wurden zu seinem Vermächtnis, nicht nur, weil er sie als solches konzipiert hatte, klarsichtig über seine Probleme schreibend. Seine Frau brachte zunächst eine extrem zensierte Fassung heraus, die jahrzehntelang für ein falsches Bild von Nijinsky und für zuweilen abenteuerliche psychiatrische Deutungen sorgte. Recherchematerial über Nijinskys Krankheit und Kunst ist deshalb mit äußerster Vorsicht zu genießen, weil Generationen von Autoren jenem unvollständigen Bild folgten. Noch heute werden unhinterfragt die Behauptungen einer Psychiatrie wiederholt, die von der Geschichte längst überholt sein sollte.

Selbst in den Medien las man noch 2009 vom "schrecklichen Wahnsinn", von "schwerer Schizophrenie" und dem kaum ausrottbaren Volksglauben, Schizophrenie sei eine "Aufspaltung in Persönlichkeiten". Und das alles, obwohl Eugen Bleuler, Nijinskys erster behandelnder Psychiater, sich später für seine Fehldiagnose entschuldigt hatte. Obwohl der Psychiatrieprofessor Peter F. Ostwald aus Nijinskys Krankenakten und Geprächen mit Zeitzeugen und Familienangehörigen ein sehr viel glaubhafteres und moderneres Bild gezeichnet hat.

All dies mag für medial willkommenen Grusel sorgen und Nijinskys Schicksal bietet in der Tat tiefste menschliche Tragik. Aber leider wird durch die Überbewertung einer psychiatrischen Diagnose des frühen 20. Jhdts. der Blick auf den Menschen und seine Kunst oft verstellt. Beim Ballett sind sich alle noch einig: Tanzen, das kann doch nur ein Gesunder? Dass aber einer, der sein Leben dem Ballett verschrieben hat, plötzlich auch noch Bilder malt und schreibt - das wollte man seiner Künstlerpersönlichkeit lange nicht zubilligen. Das Etikett "Wahn" macht es leicht, die unbequemen Seiten abzutun oder womöglich Erschütterungen des eigenen Weltbildes durch die Originale zu vermeiden.

Ein Multitalent

Sind Nijinskys in Zyklen einteilbare Bilder wirklich nur "Kritzeleien eines Verrückten", wie selbst von Zeitgenossen behauptet? Der Tänzer hatte Zeichenunterricht bei Marc Chagall genossen. Sind es "Bildnereien" im Sinne Prinzhorns oder ist da ein Künstler im Dialog mit seiner Zeit am Werk, wie es die Ausstellung 2009 in der Hamburger Kunsthalle zu ermitteln versuchte? Solche Fragen haben sich bei seinen Texten, den einzigen authentischen Aussagen Nijinskys, kaum Forscher gestellt. Literaten und Denker waren eher bereit, ihm einen ernsthaften schriftstellerischen Versuch zuzubilligen.

Nijinskys Tagebücher sind von einer anrührenden Weisheit und Schönheit, die neue deutsche Übersetzung vermittelt den Sog, den Rhythmus seines Erzählens. Da schreibt ein Getriebener, aber er weiß seine Worte wie Schritte exakt zu setzen, steigert Tempi und verlangsamt wieder in seine Traurigkeit hinein. "Tiefinnerlich" sitzt sie ihm, so dass er äußerlich nicht weinen kann; ein Abgrund wie der Tod, der ihn anzieht, den er fürchtet und den er ein letztes Mal zum Entsetzen der Zuschauer tanzt: "Ich will ihnen die Qual der Schöpfung zeigen, die Agonie des schaffenden Künstlers ...", schreibt er. Und Nijinsky schafft es, mit seinen einfachen und klaren Worten die Leser in seinen Kopf hineinzuziehen, er schlägt sie mit seinem Leiden, mit seinen mystischen Erfahrungen und seiner Sinnsuche. Unbequem, fordernd, poetisch.

Wer versuchen will, die Welt zu sehen, die Nijinsky vielleicht sah, muss sich vom Vor-Urteilen frei machen, muss sich einlassen auf das, was er selbst zu sagen hat - mit den Farben seiner Bilder, in deren Komposition man die Ideale seiner Choreografien wiederfindet; mit den Worten, die sich bewegen wie einst der Tänzer, bevor man ihm die Bewegungsfreiheit nahm. "Der Gott des Tanzes" bleibt unvergessen, weil sein Charisma und Können schier unmenschlich gewesen sein sollen. Der Mensch Nijinsky, der an der Idolverehrung zerbrach, ist nach wie vor in seinen Bildern und Worten ungeheuer intensiv. Und er ist erschütternd, weil wir selten die Möglichkeit haben, derart unvermittelt von der Seele eines Menschen selbst über hundert Jahre hinweg berührt zu werden.

Die Verfilmung des Unmöglichen

Diese Tagebücher in Film umzusetzen, ist eine Herausforderung, die Paul Cox gelungen ist. Wer von Nijinsky noch nie etwas gehört hat, wird sich in den Film zuerst einfühlen müssen und eher von Assoziationen und der wunderbaren Musik getragen werden. Das verwendete Originalmaterial ist selbst für jemanden erstaunlich, der glaubt, die gängigen Fotos bereits gesehen zu haben. Wer die Geschichte kennt, wird staunen, mit welcher Liebe und Detailgenauigkeit Cox bildnerische Metaphern und Beziehungen zu Nijinskys Ballettrollen verknüpft. Sein Film wurde zu Recht ein Tanz genannt, er folgt den Tagebüchern nicht linear, kreist um bestimmte Aussagen, springt, setzt zurück. Seine Bildsprache erinnert manchmal an den russischen Regisseur Andrej Tarkowskij (Wasser und tanzende Bäume) und steigert sich mit der Musik eindrucksvoll in der Szene zweier sterbender Vogel-Tänzer, die fast unsichtbar Nijinskys Zeichnungen auf den Gesichtern tragen.

Wer Nijinskys Tagebücher nicht platt nacherzählt, sondern als eigene Kunstform sehen möchte, sollte sich unbedingt auf diesen Film einlassen. Ich bin im Nachhinein froh, dass ich ihn während des Schreibens nicht angeschaut habe, dass ich unbeeinflusst geblieben bin. Denn Paul Cox haben offenbar die gleichen Sätze Nijinskys berührt wie mich - wie etwa: "Meine Geisteskrankheit ist Menschenliebe."

(C) by Petra van Cronenburg

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