Radikalität statt Weihnachten

Schon lange nicht mehr habe ich einen solch offenen und berührenden Situationsbericht einer Autorin gelesen, die auf Verlags- oder Agentursuche ist. Nikola Hotels "Jahresabschluss und ehrliches Resumée" leistet aber noch viel mehr: Selbst alte Hasen können beim Lesen innehalten und sich fragen, wie konsequent man eigentlich am eigenen Fortkommen tatsächlich gearbeitet hat. So viele falsche Versprechungen, Umwege und immer wieder das verdammte Scheitern säumen den Weg von Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Mich hat sie damit direkt in die Magengrube getroffen. Ich weiß selbst, dass ich mich im Moment zwischen Behördenwahnsinn und der Jagd nach neuen Brotaufträgen schlichtweg aufreibe. Ein Ende ist in Sicht, aber mein Schreiben hat sich seit zwei Wochen reduziert auf Bloggen und Facebook. Weil ich schlicht keinen Kopf mehr habe, um abzutauchen in die Welten, aus denen Bücher entstehen. Die Auswirkungen eines solchen Lebens habe ich komplett unterschätzt. Ich vegetiere, ich lebe nicht. Ich werde krank, im wahrsten Sinn des Wortes, und schleppe mich durch einen Alltag, den ich so nicht länger ertragen will. Ich hätte nie gedacht, wie schlimm Schreibentzug sein kann, wie notwendig das Bücherschreiben für mich ist. Manchmal stehle ich mir mitten in der Nacht ein wenig Zeit, weil ein Text aus mir herausdrängt, aber das rächt sich beim Aufstehen am nächsten Tag.

Ich mache es jetzt wie Nikola Hotel. Eien ganz brutale Woche muss ich noch hinter mich bringen. Dann einem Kunden noch einen Entwurf fertig machen. Anschließend bin ich für niemanden mehr zu sprechen (außer natürlich den guten Freunden und der Familie). Ich werde bis zum Jahresende genau das machen, was meiner Gesundheit so gut tut und was ich brauche wie das Atmen: Ich werde schreiben. Und damit meine ich das "wirkliche" Schreiben. Zielgerichtet, stur und ablenkungsfrei. An meinem Roman, der zuerst nur mir gehören wird, in den all diese in der Nacht hingekritzelten Texte münden werden. Das Sachbuch und alles andere hat Zeit bis 2012. Jetzt ist erst einmal Radikalität statt Weihnachten angesagt. Danke fürs Bewusstmachen, Nikola!

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    das ist es, was ich am Bloggen so liebe: Das Aufgreifen von Themen, Weiterentwickeln und Potenzieren von Ideen.
    Ich danke Dir dafür, dass Du meinen Spiegel jedes Mal entzerrst und alles auf den Punkt bringst. Dafür, dass Du mit meinem inneren Schweinehund partizipierst.
    Ich wünsche Dir leidenschaftliches, hemmungsloses, wirkliches Schreiben und verabschiede mich jetzt ebenfalls in die Schreibzeit.

    Liebe Grüße
    Nikola

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  2. Liebe Nikola,
    mir geht es genauso. Alle KollegInnen, mit denen ich per Internet in Austausch stehe, sind für mich mein Großraumbüro, mein Stammtisch, wo man miteinander austauschen kann, was der Dorfbäcker nicht verstehen würde.
    Dein Wunsch und Vorbild hat bereits gewirkt: Ich habe den ersten Satz der Neuneuneufassung eben geschrieben (und nun holt mich leider der Brotberuf wieder ein, aber er steht da).
    Dir auch das Beste und liebe Grüße,
    Petra

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  3. mich hat der Artikel von Nikola auch sehr angesprochen, weil ich mich in ähnlicher Situation befinde, da ein Termin und dann noch der Termin, und noch ein Versprechen, es sind auch die zusammenhängenden Stunden, die man braucht, um versinken zu können. Und man fühlt sich überhaupt nicht wohl, wenn man nichts geschrieben hat. Das macht kein SocialMedia wett.

    LG

    Henny

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  4. So geht's mir, seit mein Blog bekannter geworden ist. Plötzlich wollen alle möglichen Leute etwas von mir, aber es kommt nichts dabei rum. Und dass ich mit meinem Geschwätz über die Buchbranche auch in derselben ernst genommen und zu allen möglichen Sachen und Gruppen eingeladen werde, schmeichelt dem Ego, bringt aber weder Verlagsverträge noch Brotaufträge ein. Da werde ich jetzt eisern zurückfahren, mein Ego braucht das nicht. Zuerst kommen die Kunden, die ihre Aufträge bezahlen. :-)

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