Heiße Suppe

Als ich gestern Punkt Mitternacht unter einem riesigen, orangefarbenen, faul zum Horizont gekippten Mond zuhause eintrudelte, war es mit dem Sekt erst mal Essig. Ich hatte die Strecke, die größtenteils durch Wald führt, überstanden, ohne dass mir ein Baum aufs Auto gefallen oder ein Wildschein in den Motorblock gerammt war. Und ich hatte mir aus einem tropisch aufgeheizten Saal ein komisches kleines Männchen mitgebracht, das mit einer Gänsefeder in meinem Kehlkopf saß und sich herrlich damit amüsierte, diesen in den letzten Tiefen zu kitzeln. Der angeblich englische Virus ("it's quickly over") entpuppt sich nun doch als die Kölner Variante, die einen den Karneval verhusten lässt. In solchen Momenten helfen eine heiße Suppe und ein heißer Tee.

Stärkung war auch deshalb angesagt, weil ich an diesem Abend das eherne Grundgesetz der Verlagswelt mehrfach gebrochen habe. Ein Grundgesetz, dass ich vor allem bei Sachbüchern besonders eisern einhalte, denn ich bin ein gebranntes Kind. Einer meiner eigenen Verlage hatte einmal mein Exposé geschnappt, mir abgesagt, das Thema sei doch nicht so aktuell - und dann eine billige Schreibkaft an dasselbe gesetzt. Und meine Idee zum Rosenbuch wurde von einem Konzernverlag durch ein fieses Insidergeschäft abgekupfert, während ich selbst noch am Buch schrieb - das Konkurrenzprodukt erschien sogar gleichzeitig. Und ein dritter Verlag, bei dem meine Bewerbungsunterlagen gelegen hatten, machte ein Geschenkbüchlein daraus - zum Glück war das ein Flopp.

Man spricht nicht über ungelegte Eier - ganz großes Credo in der Künstlerwelt. Wir glauben nämlich wie die alten Griechen, die Schicksalsgöttinnen könnten etwas ablauschen und schadenfroh sämtliche Gülle über einem ausschütten, die auf dem Olymp zu haben ist. Und das dürfte nicht wenig sein, so oft, wie sich Zeus in einen Stier verwandelt! Man verrät keine Projekte, bevor sie nicht in trockenen Tüchern sind. (Schlagen die Schicksalsgöttinnen sonst mit nassen um sich?) Man verrät der Öffentlichkeit nichts über ein Buch, bevor es nicht in der Buchhändlervorschau steht. Wenigstens diesen Grundsatz kann ich leicht brechen: Mein Buch wird in keiner Vorschau vorkommen.

Der gestrige Vorgang war also nur für schreibende Sensibelchen aufsehenerregend. Ansonsten war es nur ein kleiner Punkt auf der Tagesordnung. Ich wurde bei der Hauptversammlung der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft vorgestellt und redete ein bißchen über mein neues Projekt, das bis gestern nur ein Plan, ein Traum war. Nun ist es also abgehakt. Genauso wie der Abend am 8. Mai 2012. Da gibt es Nijinsky um die Ohren, in Baden-Baden natürlich und öffentlich für alle - aber bis dahin ist ja noch viel Zeit.

Währenddessen stehe ich unter Erfolgsdruck. Ich werde also ein Opus mit dem Arbeitstitel "Russische Spurensuche in Baden-Baden" verbrechen müssen - so viele Zeugen waren dabei, dass ich unmöglich versagen darf. Der Titel ist bewusst dämlich gewählt, der wahre ruht aus Titelschutzgründen in den Abgründen meiner Schreiberseele. Die Kritik, die von manchen kam, es hätten doch schon so viele Leute irgendwelche Bücher über irgendwelche Russen in der Stadt geschrieben, ist natürlich berechtigt. Es gibt da alles mögliche, von der Lokalchronistenaufzeichnung bis hin zur Anekdotensammlung. Aber wie hat mir mal der Programmchef eines Verlags gesagt: "Wenn du ein Buch über Drachen schreiben willst und daran glaubst, dass es das Projekt wert ist, dann lass dich nicht davon irre machen, dass es schon 1000 Drachenbücher gibt. Man kann auch das 1001ste verkaufen, wenn es anders ist - und wenn es den Nerv der LeserInnen trifft." Ich habe sehr auf diesen Mann gehört, habe die 1001sten Romane über Frauen geschrieben, das 1001ste Elsassbuch und das 1001ste Buch über Rosen. Und jetzt kann ich nicht mehr anders, ich muss einfach alles anders machen ...

Das Buch soll im Stil zwischen meinem Buch über das Elsass und dem über Nijinsky angesiedelt sein. Ich möchte Menschen und Geschichte fühlbar und vorstellbar machen, keine Daten herunterrattern wie in der Schule. Mich interessiert nicht, an welchem Tag Turgenjew sein Schnupftuch gezückt hat und aus welchem Stoff es gewebt war; mich interessiert, wer mit ihm geklüngelt hat, ohne dass wir das heute so genau wissen. Mich interessiert auch nicht, um wie viel Uhr und wie viele Male Dostojewskij ins Casino ging und ob er unterwegs gegrüßt hat oder nicht. Mich interessiert dann mehr, was seine Frau Anna zu seiner Spielsucht meinte. Nur um einen kleinen Eindruck der Herangehensweise zu geben, an den am stärksten in der Literatur strapazierten Beispielen. Mich interessieren natürlich noch mehr diejenigen, die in dieser Literatur nicht oder kaum vorkommen.

Dafür will ich auch endlich einmal die ach so kleine Baden-Badener Szene verständlich in die Zusammenhänge der Weltgeschichte und der internationalen Beziehungen setzen. Das ist nämlich alles andere als ein Talkessel in der Provinz, in dem sich irgendwelche Berühmtheiten die Kante mit Thermalwasser gaben und ihr Geld verzockten. Hier war offensichtlich immer Ruhe genug, um auszubrüten, was zwischen Paris und Petersburg wichtig war. So viele sensationelle Treffen fanden an der Oos statt, von denen übrigens keines in all den vielen existierenden Büchern vorkommt - was mich sehr erstaunt. Aber dazu muss man die Regionalgeschichte verlassen ...

Jetzt kann ich es ja gestehen: Es ist ein verdammt mieses Gefühl, ein Exposé über ein Buch schreiben zu müssen, von dem man noch nicht einmal weiß, ob man je genügend Recherchematerial finden könnte. Kolleginnen und Kollegen werden die Panik kennen, die einen manchmal packt, wenn man bei Recherchen plötzlich steckenbleibt und nichts geht mehr. In solchen Momenten leidet eine Sachbuchautorin gewaltig. Denn ein fehlender Schlüssel kann ein ganzes Projekt zerschießen. Übel in Verlagen, die sich eine genaue Vorstellung gemacht haben. Aber diesmal kann ich - wie beim Buch über Nijinsky auch - frei in der Datensoße schwimmen. Die Geschichten bestimmen das Buch, nicht umgekehrt. Das Exposé liegt übrigens bereits in Händen der Übersetzerin. Es wird das erste Exposé in meinem Leben sein, das zeitgleich ins Ausland geht. Dorthin, wohin ich schon immer einmal reisen wollte. Muss ich noch sagen, dass ich eine fantastische Übersetzerin habe? Sie hat ein derart feines Sprachgefühl, dass sie in meinen deutschen Sätzen Fehler findet, die Lektorinnen übersehen.

Und dann ist mir gestern zum Glück die Idee gekommen, die Anwesenden um Hilfe zu bitten. Ich brauche Menschen, die ich über das "russische Baden-Baden" ausfragen kann, ich brauche Namen, um gezielter in Archiven zu suchen - und vielleicht weiß der ein oder andere eine Geschichte zu erzählen? Wenn schon öffentlich ein Buch schreiben, warum dann nicht ganz öffentlich?

Ich war ganz überwältigt, wie es nach dem offiziellen Teil nur so sprudelte. Es gibt sogar Zeitzeugen oder Nachkommen von Zeitzeugen. Es gibt Menschen, die in Baden-Baden eine große Rolle spielten und Wirkung hinterließen, von denen es nicht einmal die offizielle Geschichtssschreibung erzählt. Wahrscheinlich hatte ich irgendwann glühende Backen vor Faszination und Freude. Spätestens, als ich vom einstigen Tänzer der Ballets Russes, Balanchine hörte, oder von Anna Pawlowa. So viele Schätze für eine Schriftstellerin. Menschen, denen man stundenlang zuhören möchte.

Kurzum: Ich hoffe auf einen schnee- und eisarmen Winter. Vor mir liegt viel Arbeit: Mikrofiche-Lektüre, Gespräche mit Menschen, das Entziffern möglichst vieler Namen auf russischen Gräbern und Bestimmen derselben, Lektüre der alten Zeitungen. Und dann habe ich richtig ein schlechtes Gewissen, dass ich immer noch kein Russisch kann (ich bin gefühlt die einzige...). An Weihnachten werde ich eine Radikalkur beginnen: Ich lese Nijinskys Originalbücher so lange auf Russisch, bis ich sie verstehe!

Lernen muss ich außerdem. Diesmal geht es nicht nur um die gesamte Produktion eines Buchs (übrigens komplett durch Fachkräfte, ich häkele den Buchsatz nicht selbst) - sondern auch um Lizenzgeschäfte mit mir selbst. Die russische Version soll möglichst zeitnah erscheinen. Und das Thema Crowdfunding ist angesagt. Wir suchen nämlich Sponsoren. Denn ich denke, in einem Produktionsteam von Bücherfachmenschen kann man absolut professionell Bücher machen, die auch finanzierbar sein können, ohne dass man nebenbei einen Dieter Bohlen verlegen muss.

Und als wären da der Abenteuer nicht genug, gebe ich mir wahrscheinlich noch ein gutes Jahr, um mein Leben komplett umzukrempeln (in meinem Alter braucht man dafür leider etwas länger). Ich fühle mich plötzlich wo ganz anders "daheim". Natürlich werde ich damit fertig werden müssen, dass ich mir als Kind geschworen habe, dass mir das nie nie nie passieren würde. Nicht dort ... Zum Glück ändern sich Menschen und Orte! - Ihr seht also, eigentlich ist gar nichts Aufregendes passiert.

Kommentare:

  1. Wow, klingt wunderbar, wie nach Lebensumbruch, ich bin gespannt.

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  2. Mein Leben habe ich ja schon längst umgebrochen. Ich bräucht eigentlich eher mal eine Verschnaufpause ;-)

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  3. Klingt einfach nur brutal spannend, Petra ...Inschriften auf Gräbern entziffern, herumfahren und recherchieren,
    das wäre auch was für mich!

    Herzlichst
    Christa

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  4. Ich geb dir gern Arbeit ab, liebe Christa ;-)
    Herzlichst, Petra

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