Wiederholungstäter

... nannte mich die nette Dame vom Theater, als Sie meine Telefonnummer sofort wiedererkannte. Prompt fühlte ich mich ertappt, hatte ich doch unlängst mit einem Krimikollegen über einen Mord auf einem Komposthaufen herumgesponnen und überlegt, ob man die Leiche besser auf Kaffeesatz oder faulendes Obst drapiert. Aber dann musste ich lachen, ich hatte mich nur mal wieder zu einem Schauspiel-Workshop angemeldet. Mit irgendetwas muss man ja die ständigen Wartezeiten der entscheidungsfreudigen Verlage herumbringen. Oder wie eine ältere Künstlerin mir kürzlich den Floh in den Kopf setzte: "Stell dir vor, du wärst verrückt, reich und hättest nicht mehr lang zu leben. Was wäre dann beruflich wirklich wichtig für dich - und nicht für all die, die mit ihren Erwartungen an dir zerren?"

Die Wiederholungstat hat inzwischen ernste Hintergründe. Wir Autoren beschäftigen uns ja ständig mit Körperarbeit in passivem Sinn. Wollen wir nicht trivial schreiben, "die tiefunglückliche junge Frau löste sich in Tränen auf und verzweifelte gar schröcklich", dann müssen wir genau wissen, welche Gestik, Mimik und Bewegungen wir unseren Figuren verpassen. Daraus setzt sich dann der Leser im Idealfall seinen eigenen Eindruck zusammen. Um sich in dieser Wahrnehmung und Umsetzung zu schulen, werden wir zu hemmungslosen Voyeuren, die Gesten auf Bahnsteigen und in Restaurants sammeln, die fremde Menschen selbstvergessen und hemmungslos beobachten. Und theoretisch kann man sich dann auch noch mit Büchern bilden - etwa denen von Sammy Molcho. Voyeure haben nur ein Problem: Sie glauben, sie würden selbst nicht beobachtet.

Bis der Voyeur dann mal auftritt und glaubt, sich beim Lesen am Buch festhalten zu können. Mit der eigenen Körperarbeit liegt es oft im Argen. Ich bin z.B. ein Typ, der grundsätzlich über Kabel und andere Unebenheiten stolpert, und das einmal auf einer riesigen leeren Bühne mit einem einzigen Kabel zum Slapstick ausgebaut hat. Kurz bevor die Nase den Boden berührte, konnte ich mich im Flug vorstellen. Und als ich jetzt von einer Journalistin Fotos von meinem letzten Auftritt bekam, musste ich schallend lachen: voll ertappt! Ich spreizte affektiert den kleinen Finger ab ... um damit mein Buch auf dem Oberschenkel abzustützen! Abgespreizte kleine Finger, so ein geflügelter Witz, seien in der Zeit der Französischen Revolution Erkennungszeichen für den Adel gewesen. Rübe ab - die Konsequenz.

Man lernt mit der Zeit, sich selbst zu beobachten, zu analysieren - und im Idealfall gleichzeitig zu korrigieren. Während das Publikum hoffentlich genießt, führt man selbst seltsame schizophrene Dialoge mit der Figur, die da liest. "Hör auf, die Beine umeinander zu wickeln" - "Nasenfalte weg, lächle" - "guck die Leute endlich mal wieder an"...

So ein Schauspiel-Workshop, wie ihn mittlerweile viele Theater für Laien anbieten, kann eine große Hilfe sein, denn Schriftstellern findet längst nicht mehr nur im stillen Kämmerlein statt. Und die Menschen, die eine Lesung besuchen, haben es verdient, den Abend zu genießen. Nuschelnde, sich gelangweilt hinfläzende Autoren sind out - die Konkurrenz der Auftrittsprofis ist groß. Fortbildung darf auch in diesem Beruf sein. Selbstsicherer macht sie obendrein. Am Samstag habe ich etwas, das ich gelernt habe, zum ersten Mal umsetzen können.

Es hieß, Fehler bemerke man zwar selbst, aber das Publikum bemerke sie nur, wenn man verunsichert und ängstlich darauf reagiere. Als ich am Samstag einmal den roten Faden verlor, versuchte ich es. Anstatt hilflos herumzustottern, holte ich tief Luft und schaute die Leute an. Atmete, wartete und suchte in Ruhe meine verlorene Zeile. Zwar habe ich währenddessen geschwitzt - aber offensichtlich wurde das Ganze als Betonungpause wahrgenommen, wenn überhaupt.

Meine Wiederholungstat hat aber noch einen weiteren Hintersinn. Mein Publikum in der Galerie KUNSTvollerGARTEN in Odelshofen war so fantastisch! Ein Publikum ist dann wunderbar, wenn man ihm ansieht, dass es genießt und einen schönen Abend hat. Wenn es sichtlich gern da saß. Wenn es mehr als nur den Text genießen konnte. Und dieses Ambiente mit dem Essen, der Kunst, dem zwanglosen Flanieren im Traumgarten hat mich angestachelt, selbst mehr zu wollen als "nur" vorzulesen. Eine Idee fürs nächste Jahr nimmt langsam Konturen an. Und dafür drücke ich fleißig die Schulbank, äh ... diese Bretter, Sie wissen schon... Danke dafür an mein Publikum!

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