Sinnesreisen

Zur Sommerzeit und für alle, die nicht in Urlaub fahren, biete ich Ihnen eine neue Rubrik: Sinnesreisen. In unregelmäßigen Abständen gibt es Informatives und Spielerisches, Gedankensplitter und Ideen rund um die Sinneswahrnehmungen Riechen, Schmecken, Hören, Sehen, Tasten. Denn unsere Sinne sind der erste Kontakt zur Welt - und sie bestimmen darüber, wie wir diese erleben. Wer später alle Beiträge zu einem Thema nachlesen möchte, klickt einfach auf die Tags am Ende der Beiträge.
Und weil es bei solchen Texten beliebt ist, sie zu "entführen": Die sind natürlich, wie alle meine Texte, urheberrechtlich geschützt. Als Berufsautorin und Mitglied der VG Wort gehe ich gegen Textklau vor! Also: Link setzen, ja. Text klauen, nein.

Unser Supermarkt hat renoviert und man kann es riechen. Sie kennen sicher diese hässlichen Agglomerationen außerhalb von französischen Städten, wo ein wildes Sammelsurium von billigen Alu- und Plastikhallen, überdimensionalen Werbeschildern in schreienden Farben und ein Wirrwarr aus Asphalt den Eindruck vermitteln, man sei auf einem fremden Planeten gelandet. Solche Einkaufszonen riechen auch entsprechend: nach den Abgasen der nahen Autobahn, nach schmelzendem Straßenbelag im Sommer und miefigen Heizungsabgasen im Winter.

Wenn es jetzt aber aus einem Laden duftet, als sei eine Großbäckerei dabei, Hunderte von wagenradgroßen Kuchen zu backen, dann ist etwas faul. Genauso faul, wie wenn ihre heimische Ketten-Bäckerei, die sich womöglich "Backshop" nennt, intensiv nach Vanille duftet. Misstrauen Sie der Sache. Wer Englisch kann, weiß, dass ein back shop nicht Backwaren verkauft, sondern eher das hinter-letzte - und garantiert nicht in echte Bourbonvanille investiert.

Der scheinbar wunderbare Duft, den die meisten Menschen im Vorübergehen nur unbewusst aufnehmen, ist ein bösartiger Köder. Und wenn es nach Vanille duftet, dann wollen die, die solche künstlichen Aromen via Klimaanlage verteilen, nur eins: möglichst viel Geld von einem Kunden, der sich in seine Kindheitstage zurückversetzt fühlt, um entscheidungsunfähig und naiv wie ein Kind Lustkäufe zu tätigen. Die Ladendüfte gibt es sozusagen auf Flasche und sie wirken wie auf Knopfdruck. So haben Versuche in Großraumbüros gezeigt, dass Zitrusdüfte und Frisches die Angestellten arbeitswilliger macht. Mit Lavendel und Pinie kann man seine Schäfchen abwechselnd beruhigen oder auffrischen. Fehlt nur noch der richtige Klangteppich dazu.

Warum beeinflussen uns Düfte derart, dass wir die Kontrolle verlieren können?
Der Mensch ist ein Tier, das sich erinnern kann. Erinnerungen und Eindrücke speichern sich jedoch nicht immer gleich stark. Vielleicht wird man noch wissen, welcher Song beim ersten Kuss spielte und wonach der Partner roch. Wird man dagegen gefragt, mit wem man in der vergangenen Woche Dienstag nachmittag telefoniert hat, wird das schon schwieriger.

Es gibt zwei Vehikel, die Erinnerungen verstärken: Die Anzahl, also der Reichtum an Sinneseindrücken - und die beteiligten Emotionen, die wiederum von den Sinneswahrnehmungen abhängen.
Kinder gehen in dieser Beziehung noch besonders wach und ungefiltert durch die Welt, werden auch von Alltäglichem stark berührt. Ein Grund dafür, dass wir die runden kirschroten Himbeerbonbons von damals vor unseren geistigen Sinnen riechen und schmecken können, als seien sie echt. Und jetzt kommt das Fiese an der Duftbetäubung: Wer es schafft, Kindheitserinnerungen in uns zu wecken, die positiv besetzt sind, der schafft es, Gefühle von Geborgenheit, Glück und Wohlbefinden in uns zu wecken. Jedenfalls das, was wir kurzfristig und unbewusst dafür halten. Vanille- und Teiggeruch ist so ein Schlüsselreiz aus der Kindheit.

Wie aber kann ich mich vor solcher Beeinflussung schützen?
Da wir leider weder mit Nasenklammer noch Gasmaske einkaufen gehen können, bliebe allenfalls ein Protest gegen solche Läden, die vor allem Allergikern das Leben schwer machen; aber auch die Sinne verseuchen, so dass es immer schwerer wird, wirklich hinzuriechen.

Ansonsten hilft das Wachbewusstsein. Schnuppern Sie einmal genau hin, nach was das riecht. Und prüfen Sie dann, ob es das dort überhaupt zu kaufen gibt! Vor meinem Supermarkt roch es nach überdimensionalen Flans, Blätterteig mit einer vanillepuddingartigen Füllung. Ich habe die Dinger spaßhalber in der Fabrikbäckerei innen verlangt. Erstaunen bei der Verkäuferin, das würden sie nicht backen. Warum denn dann der ganze Parkplatz danach rieche, wollte ich wissen. Noch größeres Erstaunen. Entweder sind die Angestellten nicht einmal informiert - oder sie halten einen auf Anweisung für dumm. Die ach so dummen Kunden können sich aber auch umtrainieren: Immer, wenn es in einem Laden aufdringlich nach Vanille riecht, nehme ich das als Schlüsselreiz, besonders zügig und exakt nach Zettel einzukaufen.

Und wenn Sie dann in geruchsneutraler Umgebung zu Hause sind, machen Sie sich die Freude, an echter Bourbon-Vanille zu riechen. Vielleicht wird es mit all der künstlichen Beduftung zuerst schwer fallen, überhaupt etwas von dem leichten flüchtigen Wohlgeruch wahrzunehmen. Manchmal muss man es immer wieder einmal trainieren. Schulkinder in Frankreich, die man mit verbundenen Augen Naturjoghurt mit echter Bourbonvanille angerührt probieren ließ und Joghurtprodukte mit künstlichen Vanillearoma, sind jedenfalls nur noch in Ausnahmefällen in der Lage, das Naturprodukt zu erkennen und zu mögen. Sie müssen wieder mühsam lernen, Natur zu schmecken.

Wer sich aber wieder auf den Reichtum der viel nuancierteren Naturdüfte einlässt und sich nicht zu oft mit der Chemokeule betäubt - der wird irgendwann wieder wahrnehmen, wie "falsch" künstliche Düfte riechen. Und den wird keiner mehr so schnell auf falsche Geruchs- und Konsumfährten führen können.

Mein Tagestipp:
Bananenmilchshake. Selbstgemixt aus kalter Milch, Banane und ein wenig Mark aus einer Vanilleschote. Ersetzt man die Milch durch ein Gemisch aus Sahne und Joghurt und gefriert das Ganze, hat man ein leichtes und erfrischendes Bananeneis, das an heißen Tagen den Milchshake aufpeppt.

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