Sinnesreisen: Rot sehen

Rot ist nicht gleich Rot. Jednfalls nicht, wenn man über eine Ländergrenze wechselt. Nun kann man sich erhebliche kulturelle Unterschiede in der Farbwahrnehmung in Richtung exotischerer Breiten noch eher vorstellen. Ich hatte jedoch heute mein eigenes rotes Heureka-Erlebnis zwischen Deutschland und Frankreich, in nur 30 km Entfernung.

Ich wollte halbfette H-Milch in Deutschland kaufen, griff zur vertrauten Packungsfarbe - und griff damit voll daneben. Nämlich zur Vollmilch. Wie kommt's?

In Frankreich sind viele Packungsfarben so gestaltet, dass sich die richtigen Assoziationen bilden und man bei Gewohntem nicht ständig aufs Kleingedruckte schauen muss. Fett ist nun etwas, das sich vor allem in der Milch anreichert, wenn die Kuh auf besonders fetten Wiesen weidet. Also greift man zu Grün, wenn man Vollmilch will. Grüner Aufdruck oder grüne Deckel. Und dann gibt es in Frankreich noch die blaue Milch. Blau ist eine kalte Farbe, fühlt sich dünn an. Und so fühlt sich auch die Milch an: dünn. Milch, wie sie eine Kuh im kalten Winter gibt, wenn das fette grüne Gras fehlt. Halbfette Milch ist blau. Farbassoziationen, wie sie ein Agrarland hat.

Und siehe da: Im deutschen Supermarkt war das heute genau andersherum. Die blaue Milch hatte Vollfett. Die Halbfettmilch war rot. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären, dazu bin ich der eigenen Kultur schon zu fern. Weiß es jemand? Rot wie ein Achtungschild, weil alle so auf die schlanke Linie achten? (Das könnte man meinen - nicht wenn man die Menschen sieht, sondern die Regale).

Und dann ist da noch etwas Lustiges, worauf ich früher nie geachtet habe. Das Rosa. Typische Toilettenpapierfarbe in Frankreich. Denn Rosa ist Weichheit, Haut, Babypopo, Anschmiegsames - und wenn sich Frauen im französischen Bad breit machen, gibt's Rosa überall. Mandelgrünes parfümiertes Papier gibt es auch, analog zu den Babyfarben. Denn die französische Toilette ist in der Regel gemütlich eingerichtet und dekoriert. Weißes Papier gab es früher gar nicht, heute muss man es oft noch suchen (auch Recyclingpapier ist rosa), obwohl es doch - mal die medizinische Kontrolle der Hinterlassenschaften betrachtet - als Hintergrund neutral wäre.

Wechselt man über die Grenze, ist mit dem rosa Verwöhnweich Schluss. Der ordentliche Deutsche greift offensichtlich - wenn man die Regale analysiert - zu schmirgelpapierähnlich aufgerauhtem, grauen Recyclingpapier in extrastarker Qualität. Medizinische Gründe? Deutsche Gründlichkeit? Oder soll das Örtchen eine Zelle der effektiven und kurzen Pflichterfüllung bleiben? Lesen auf der Toilette gilt ja in Deutschland immer noch als schlechte Angewohnheit! (Bräunlein: Lexikon der schlechten Angewohnheiten). Manche behaupten sogar, Menschen, die auf der Toilette Bücher hätten, seien Bohème ... und da wären wir wieder bei der französischen Kultur.

Kommentare:

  1. Eben ereilt mich die Nachricht, dass es im Dorfladen eines kleinen südfranzösischen Dorfes auch "rote Milch" gebe - und in Deutschland grüne Frischmilch gesichtet wurde. Die Globalisierung greift also auch hier bereits.
    Wie sich die deutschen Milchfarben und die Unterschiede beim Toilettenpapier kulturell erklären lassen - dieses Geheimnis ist noch nicht gelüftet worden.

    Ich bleibe neugierig...
    Petra

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  2. Ich dachte, die Sache mit dem Klopapier sei an den Haaren herbeigezogen. Aber offensichtlich ist es doch ein wichtiger Kulturstoff.

    Eben in der SZ aufgeschnappt: Toilettenpapier befriedige emotionale Bedürfnisse bis hin zum Statussymbol. Die Spanier hätten deshalb jetzt auch schwarzes - und irgendwer Berühmtes kauft immer extra weiches, buntes und parfümiertes, um sich zu sagen: "Ich hab endlich Geld. Ich muss am Klopapier nicht mehr sparen."

    Sorgen haben die Leute...

    Ach ja, ein Kollege hat erzählt, auch die Art der Benutzung (Faltung, Knüllen etc.) sage einiges aus über Mentalitäten und Psyche, genauer will er sich dazu hier nicht äußern. Na hoppla, wenn da nicht wieder eine Buchidee versteckt liegt!

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