Kopfgeschichten

An manchen Tagen verachte ich eine gewisse Schriftstellerfähigkeit. Mein Kopf ist 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, aus dem kleinsten Anblick, der kleinsten Assoziation, Geschichten zu erfinden. Die Kassiererin im Supermarkt ist fahrig - ich überlege, was sie am Morgen erlebt haben mag. Ein Mensch kommt mir entgegen - ich erfinde ihm einen Beruf und einen Kurzlebenslauf. Aus dem Asphalt ragt ein einsamer Löwenzahn - ich stelle mir eine futuristische Welt vor, in der Riesenlöwenzahnpflanzen die Herrschaft übernommen haben und sich Menschen als Gärtner halten. Und nachts im Traum kämpft dann vielleicht die Kassiererin mit dem Löwenzahn um eine Kröte, in die sich beide verliebt haben.

Und wenn ich Zahnschmerzen habe, tickt diese Erzählmanie weiter. Dann kommen zuerst die Erinnerungen, an die ich mich nicht mehr erinnern möchte. An eine zweifelhafte Zahnklinik in Warschau, wo ich so verpfuscht wurde, dass mich nur noch der nächste 2000-km-Flug zum Spezialisten rettete. Vorher witzelten wir noch, dass die angebliche Luxusklinik von einem amerikanischen Friseur gegründet worden war. Ich habe die Rechnung dort bis heute nicht bezahlt und kann nur raten: Mit Zähnen nie zum amerikanischen "Bader" gehen!

Tja, und dann fällt im völlig schief gewachsenen Weisheitszahn die Plombe heraus, unzugängliches Riesenloch, Schmerz. Die haben sie damals mit speziellen Geräten für Kinder eingesetzt. Und wie immer in solchen Panikfällen muss ich zur Urlaubsvertretung meines Zahnarztes. Schriftstellerei ist eine Krankheit. Allein wie ich mir diesen unbekannten Zahnarzt vorgestellt habe, würde drei Horrorromane mit Personal füllen. Natürlich konnte ich dann in meinen übelsten Alpträumen Französisch nur noch stammeln und man sagte mir, dass so ein Zahn eine Sache für den Chirurgen sei. Zwei Tage lang wurde ich des Nachts in zwielichtigen Operationssälen aufgeschnitten. Und gestern erzählt mir ausgerechnet noch eine Freundin am Telefon, wie sie eine Wurzelresektion von außen bekam, chirurgisch. "Mit sooooo'nem Loch". Weitere schauderhafte Geschichten erfinde ich natürlich bis ins Wartezimmer... Wer mich hirnerweicht und dämlich kennenlernen will, begleite mich zum Zahnarzt!

Und dann das Wunder. Das Wunder der Fiktion. Realität ist zum Glück immer anders als jeder Schauerroman im Kopf. Der Zahnarzt freundlich und sympathisch wie der Weihnachtsmann persönlich, absolut beruhigend - und babbelt schönstes Elsässisch. Und wie er mir sagt, dass da nichts zu retten sei, wollen die Kopfgeschichten fast wieder hochkommen. Zahn ziehen? Heute? Gleich? Jetzt sofort?

Aber dann sagt er "bi mine Mame macht ich's a". Sine Mame... plötzlich ist eine andere Kopfgeschichte da. Sine Mame hat einen Kuchen gebacken, Blumen stehen auf dem gedeckten Tisch. Und die Frau mit den Kopfgeschichten atmet tief durch, lehnt sich zurück - und zehn Sekunden später ist sie erlöst und kann sich auf den Kaffee daheim freuen.

Schriftsteller sind komische Rapunzel. Die sind nicht nur wunderlich, sondern müssen auch noch ellenlang drüber reden... tztztz... Aber für Kopfgeschichtenerfinder gibt's halt nichts Schlimmeres, als es am Kopf zu haben!

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