Müll zu treuer Hand

Ich habe es in der Berliner Zeitung einigermaßen fassungslos gelesen und frage mich, ob ich damals geschlafen habe - oder die Medien. In dem Artikel über das Verschwinden der DDR-Verlage heißt es:

"Fast die gesamte Produktion (an Büchern) des Jahres 1990 landete in einem ehemaligen Tagebau bei Leipzig und wurde untergepflügt. Ab Juli 1990 stand allen Lesern mit Geld die westliche Bücherwelt offen."

Schöne neue Welt. Nein, natürlich war das keine Bücherverbrennung! Pfui, so etwas tut man ja nicht in Deutschland. Untergepflügt dienen Texte immerhin einem nahezu ökologischen Effekt- der Entstehung von Kompost. Ob sich im Tagebau daraus allerdings jemals Humus bildet, dürfen auch kommende Zivilisationen laut bezweifeln.

Ach, was hätte man alles mit diesen Büchern machen können. Selbst wenn man gedrucktes DDR-Propagandamaterial abgezogen hätte, wäre noch so mancher Dichter verblieben, so mancher Klassiker, viele Kinderbücher. Ich darf gar nicht daran denken: Goethe, Schiller, Pitti Platsch - Müll in Minen. Aber so ist das eben in der schönen neuen Welt. Wir verschenken nichts. Nicht an Liebhaber und an Bedürftige sowieso nicht. Milch schütten wir auf die Straße, Tomaten kippen wir in den Dreck, Zitrusfüchte lassen wir auf der Deponie faulen. Und Bücher kann man bekanntlich nicht essen.

Kein Wunder, dass der einzige Abwickler, der bei der Treuhand für Verlage zuständig war, Bauingenieur gelernt hatte. Ich verstehe überhaupt nicht, warum man sich über diese Wahl so aufregt. Schließlich kennen sich Bauingenieure mit der Belastbarkeit von alten Minen und Mülldeponien am besten aus.

Ich stelle mir vor, wie eine ferne Zivilisation hochintelligenter Müllratten-Mutanten eines Tages in der Nähe der längst untergegangenen "Literaturstadt" Leipzig archäologische Grabungen macht. Was sie wohl finden und mutmaßen werden?

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