Hirnchemie für Schriftsteller

Die dreiteilige Wissenschafts-Doku "Expedition ins Gehirn" lief seit 2006 immer wieder im Fernsehen, heute abend bringt 3sat den letzten Teil. Interessant war der zweite Teil "Der Einstein-Effekt", in dem Wissenschaftler im Vergleich mit außergewöhnlichen sogenannten Savants (Inselbegabungen) auf der Suche nach der Kreativität waren. Natürlich schaut man als Kreativer bei solchen Sendungen besonders genau hin.

Denn wie ist das nun mit den Schriftstellern? Die Idee vom geborenen Genie, das als Nebenwirkung leichter oder besser schwerer einen an der Waffel hat, hält sich seit dem 18. Jhdt. hartnäckig. Seit dem 19. Jhdt. muss das Genie auch noch fürchterlich leiden. Diese Vorstellung ist so schön bequem, weil sie die entlastet, die genetisch nicht vorbelastet sind (ich muss nicht üben, ich bin halt so geboren) - und weil man sich damit um Unterricht, Lehrbetrieb und social skills so schön herummogeln kann. Ist aber Kreativität wirklich ein Hirndefekt?

Die Forscher der Sendereihe darf man mit Vorsicht genießen. Wer Experimente macht, weil er den Traum hegt, eines Tages Menschen per Knopfdruck im Hirn begabt oder glücklich zu stylen, darf sich mindestens so viele Fragen über seine Psyche stellen lassen wie die wirklich beeindruckenden Savants, bei denen man sich manchmal nicht des Eindrucks erwehren konnte, einer modernen Jahrmarktsvorstellung beizuwohnen. Lassen wir also mal die Theorie des Films beiseite, Künstler seien angeblich alle leicht autistisch oder in irgendwelchen Schaltungen defekt... Autistisch ist man heutzutage ja schon, wenn man es gut aushält, allein sein zu können - oder gar genießt.

In Bezug aufs Schriftstellern (und andere Künste) waren allgemeinere Aussagen hilfreicher. Kreativität, so ein Wissenschaftler, entstehe, wenn drei Voraussetzungen stimmten:
- exakte und umfassende Wahrnehmung
- Subversivität im Denken
- das Abschalten jeglicher Erwartungsfilter und Vorurteile

Der Vergleich mit den Savants zeigte, dass jeder Mensch normalerweise sämtliche Wahrnehmungen noch vor dem bewussten Eindruck filtert und beurteilt - und deshalb anders wahrnimmt. Sinnvoll, um nicht von Eindrücken überschwemmt zu werden und sozial zu funktionieren. Weniger sinnvoll während des kreativen Arbeitens.

Die eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen, die eigenen Vorurteile und Vorstellungen verfärben unsere Wahrnehmung ebenso wie Filter aus Ängsten, Aggressionen, Unlust etc. Savants, kleine Kinder und Genies hätten diese Filter weniger oder gar nicht - sie nehmen die Realität wahr, bewerten nicht. Man muss sich nun aber keine Hirnhälfte ausbrennen, um weniger Filter im Kopf zu haben - die meisten lassen sich wegtrainieren (Erwartungshaltungen), hinterfragen (Vorurteile) oder auch mal in Psychotherapie bearbeiten, wenn sie krank machen (Ängste etc.).

Punkt 2 folgt daraus zwingend. Wer es schafft, seine Vorurteile und womöglich auch noch sich selbst zu hinterfragen, der hinterfragt natürlich nicht nur sich. Und wird damit subversiv. Wer sich dagegen an ein Manuskript setzt und ständig grübelt, wer denn nun das genaue Zielpublikum sei und wie man denn nun welchem Markt entgegenschreibe, der zerstört die Grundvorausetzungen für Kreativität und wird nie ein Genie. Denn wer dem Markt oder der Masse nachrennt, ist nicht subversiv.

Die Welt immer wieder mit anderen Augen sehen können, ungewöhnliche Denkverknüpfungen wagen - das wäre eine Alternative zum absolut filterlosen Wahrnehmen. Je mehr Perspektivwechsel einer im Leben schafft, desto eher macht er sich frei vom inneren Richter, der gespeist wird von dem, was man als Kind von Eltern und Gesellschaft lernte. So erklärt sich auch von Hirnforscherseite her, warum Künstler in Zwangssystemen als renitent und gefährlich eingestuft werden - und auch in bürgerlichen Gesellschaften nicht geheuer erscheinen.

Glaubt man der Doku weiter, so arbeitet es sich grundsätzlich dann am kreativsten, wenn man Lust, Spaß und Interesse hat. Das hat mit dem vermehrten Ausstoß von Dopamin zu tun, dass dann die Verbindung hirnlicher Netzwerke mit dem Langzeitgedächtnis besonders fördere. Dabei stellt sich unser Gehirn noch schlauer an als wir selbst: Es kalkuliert voraus, ob sich der Aufwand lohnt! Erwarten wir vor Beginn unseres Schreibens also eine Belohnung oder ein gutes Ergebnis, gibt's mehr Dopamin. Sind wir depressiv gestimmt und schauen nur auf die Berge von Problemen, streiken die entsprechenden Zellen.

Es wäre also ganz einfach: Vor der Arbeit überlegen, wie man sein Ziel erreicht, wie man aus einer Gefahr oder einem Problem herauskommt. Lösungsorientiert arbeiten (und leben?). An die Stärken denken und mutig sein. Und all die Selbstzweifel und "ich kann ja gar nicht schreiben" oder "diese Szene wird nie etwas" - auf nach dem Arbeiten verschieben!

Spannend war in diesem Zusammenhang auch die Arbeit mit Neurofeedback gegen Lampenfieber. Die Forscher beobachteten bei den unaufgeregten Sängern, dass sie es schafften, sozusagen ihre Amygdala "auszuschalten". Es ist unsere "Emotionsschaltstelle", die eigentlich dem primitiven Überleben dient - sie sagt uns, wann Flucht oder Kampf angesagt ist. Ein Gefühl, das manche Schriftsteller regelrecht hochzüchten, bevor sie aufs erschreckend leere Papier starren.

Kreativ und gut aber waren die anderen - diejenigen, die ihre Ängste vergessen konnten und fröhlich auf Fehler pfiffen. Die das Glück genossen, das machen zu können, was sie am besten konnten. Wenn man eigentlich das Gefühl hat, überhaupt nichts zu arbeiten, wenn es einem sozusagen "zufällt", dann ist man mitten im kreativen Flow. Nun muss sich auch hier nicht jeder verkabeln lassen. Die Hirnwellen sind durch uralte Übungen beeinflussbar, etwa durch Entspannungsübungen, Biofeedback, Meditationen. Manchmal hilft sogar der Verstand. So lernte ich anschaulich in einem Schauspielworkshop, dass das Publikum Fehler, unter denen man selbst leidet, meist gar nicht bemerkt. Die Fähigkeit, während der Arbeit diesen Zensorblick auszuschalten, beruht ebenfalls auf Training und Übung.

Tja, alles also ganz einfach. Theoretisch. Lange, bevor es Neurologen und Hirnforscher gab, hatten die meisten Kulturen dieser Welt ihre eigenen, ganz einfachen Entspannungs- und Kreativitätstechniken. Und so lange sie noch nicht verbogen sind, könnten uns sogar Kinder lehren, wie es geht. Die Theorie vom ewig leidenden und grübelnden Genie jedenfalls dürfte endgültig obsolet sein. Man nehme sich ein Beispiel an Einstein. Das Foto mit der herausgestreckten Zunge steht für Subversivität. Humor und Kindsein kannte der Mann auch. Und wie war das mit den Filtern, den Erwartungen?

Da fand er: "Der Horizont mancher Menschen ist ein Kreis mit Radius Null, das nennen sie dann Standpunkt."

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