Einkaufen im Elsass?

In meiner Studentenzeit - gut, es ist schon ein wenig her - gab es einen festen Ritus für uns Grenzbewohner, für den nicht einmal die Strecke von Tübingen aus zu weit war. Einmal im Monat "Einkaufen in Frankreich". Damals hieß das Ziel noch "Mammouth", inzwischen natürlich längst aufgekauft von größeren Unternehmen. Man holte sich all das, was es im faden Essland Deutschland nicht gab, was dort elend teuer war - und das war viel. Ein bißchen Käse, frische Baguette vom Backshop im Supermarkt, Rotwein und Wasser, so war auch für das Picknick unterwegs gesorgt. Damals, als man als Autofahrer noch unbeschwert soff in Frankreich.

Die Zeiten haben sich geändert. Wer in Frankreich lebt, erträgt das Fabrik-Baguette aus dem Supermarkt kaum und fährt mittlerweile meilenweit für ein Brot à l' "artisanal", handwerklich, also ganz normal hergestellt vom Bäcker. Mit dem Trinken am Steuer ist Sense. 0,3 Promille sind das Höchstlimit, das der Führerschein in Frankreich noch erträgt, der Geldbeutel weniger. Die Strafen sind drakonisch, müssen sie sein, weil sonst keiner kapiert, schnell ist das Auto weg, wenn die Kreditkarte nicht will. Und ist der Beifahrer dann zufällig auch noch blau, weil der doch angeblich darf... oh non... Taxi! Trunkenes Beifahren ist ebenfalls strafbar - eine solche Gefahr für den Fahrer hat auf der Rückbank zu sitzen!

Und wie ist das mit dem Essen im Gourmetland? Zunehmend ein Jammertal. Gewiss, unsere Käseauswahl ist nach wie vor unübertroffen, aber die Personalauswahl... nein anders: am Personal wird gespart und deshalb schwitzt und mieft der Käse vorabgepackt in Frischhaltefolie. Ein Verfahren, das die meisten Weichkäse Frankreichs nachhaltig killt und den Elsässer Munster regelrecht verpestet. Die Weinpreise richten sich in Frankreich u.a. nach den Preisen, die der Boden in Versteigerungen hergibt, und weil mit Immobilienpreisen im Elsass so schön spekuliert wurde (u.a. von den Ausländern, die nach billigem Wein suchten), ist nun auch der Wein am oberen Limit, häufig überbewertet. Man fährt meilenweit zum richtigen Winzer.

Fleisch? Fleisch wird in Frankreich immer noch besser geschnitten. Gammelt zumindest offiziell nur, wenn es aus Deutschland importiert wurde. Aber - es schwitzt dank Personalabbau immer häufiger wie der Käse in der Fertigpackung und blutet aus. Feinschmeckernahrung, Frisches stirbt aus. Bioware ist immer noch unbezahlbar. Und jetzt, wo das Elsass fest in der Hand von Monsanto und seinem Mais ist, sucht man nach Biobauern und Gemüseanbauern lange. Spargel verkauft man als Spezialität "violet" - eine Todsünde schlechter Pflücker, für die man auf der badischen Seite entlassen würde.

Nun hat es sich seit geraumer Zeit eingebürgert, dass wir Elsässer und Wahlelsässer am liebsten in deutsche Restaurants im Grenzgebiet gehen. Ob die Dorfkneipe im Badischen oder der Winzer in der Pfalz - konkurrenzlos gemütlich und preiswert, und endlich kann man die guten Weine auch als Viertel trinken, wo es bei uns im Pichet nur Billigsuff gibt. Immerhin findet man in der Pfalz quicklebendig genau das, was man sich im Elsass kaputt gemacht hat: die Kultur der Winstub. Dieses Ereignis, zu erschwinglichen Preisen einen gemütlichen Abend mit Freunden verbringen zu können, nicht das Dégustationsmenu nehmen zu müssen und herrliche Weine zu trinken.

Und wie ist das mit dem Einkaufen? Ich habe es heute wissen wollen, nachdem auch da all meine Elsässer Freunde nach Deutschland flüchten. Härte-Vergleichskauf bei einem Discounter in Bad Bergzabern, möglichst gleiche Ware wie sonst für die Woche. Ich bin ziemlich erschrocken. Nicht nur weil dieser Laden mit ziemlich viel italienischer Ware meinem Essverhalten näher kommt (ich liebe Mittelmeerküche). Ich habe tatsächlich nur die Hälfte bezahlt! Und für diese Hälfte bekam ich nicht nur qualitativ bessere Ware und den ein oder anderen kleinen Luxus, den sich zumindest Künstler in Frankreich längst nicht mehr leisten können.

Es ist mir fast peinlich, das zugeben zu müssen, aber ich kam mir vor wie die arme Verwandte aus dem Hungerland, die zum ersten Mal im reichen Bananenland einkauft. Milchboykott? Wundert mich, gelinde gesagt, nicht. Für den Liter zahle ich auf unserer Seite der Grenze zwischen 40 Cent und einem Euro mehr! Grappa - undenkbar, so ein exotisches Gesöff in Frankreich zu kaufen, wo auf ausländische Weine und Spirituosen so eine Art Fantasie- oder Abschreckungssteuer geschlagen scheint. Nur der Whiskey ist preiswert, weil wir den trinken, weil der Cognac durch die Exporte nach Japan und in die USA gnadenlos überteuert ist.

Komische Lustkäufe waren auch dabei. Passiert wohl jedem, der lang von irgendwas ferngehalten wird. Klöße. Nicht, dass ich die oft gegessen hätte, als ich noch in Deutschland lebte. Aber in einem kloßfreien Land werden sie auf einmal exotisch, wertvoll. Vor allem nach den zwanzig Sorten in Polen. Ich werde sie allein essen müssen, weil sich meine Freunde kaputtlachen, wieso wir Deutschen diese komischen Golfbälle auch noch essen müssen - das Zeug würde so lustig hopsen, wenn man es auf den Teller wirft... Mit den schwäbischen Maultaschen werde ich eher Furore machen können. "Ravioli d'Alsace" kennt man auch links vom Rhein.

Globales Essen und Einkaufen gab es im Grenzland schon immer. Jeder, der durchzog, schon während des dreißigjährigen Kriegs, ließ seine Rezepte da. Irgendwann war für die Deutschen Frankreich das gelobte Land des Fresseinkaufs und für die Elsässer Deutschland das Land des billigen Sprits. Warum ist das jetzt eigentlich genau umgekehrt?

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    ja, was ist da passiert? Das klingt entsetzlich und bremst mich, doch einmal auf der Fahrt in die Bretagne einen kulinarischen Zwischenstopp im Elsaß einzulegen. Da ziehe ich lieber weiter an die Cote d'Armor - da gibt es den Käse noch offen, den Fisch superfrisch, das Fleisch beim Metzger hinter der Theke und wunderbares Baguett, Tartes aller Art ... mhh ich kriege Hunger ... Nur der Wein stellte im letzten Jahr plötzlich ein Problem dar :-(

    Liebe Grüße
    Inge

    PS: Ich war übrigens so frech deinen Blog mit meinem zu verlinken

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  2. Liebe Inge,
    man kann natürlich im Elsass immer noch frische Dinge einkaufen und gute Qualität - aber man muss dafür immer öfter in die Städte, die Markthallen, an die Touristenrouten - oder die Läden gut kennen. Und dann ist das einfach zu teuer für die französischen Löhne. Unser Präsident sorgt derzeit nachhaltig dafür, dass immer mehr Menschen hart überlegen müssen, ob sie sich das Junk-Baguette für 69 Cent reinpfeifen oder 2,50 E in ein Biobaguette mit Walnüssen und Rosinen investieren können.

    Im Supermarkt hat längst convenience-Food Einzug gehalten, Tartes und Tourtes kommen offen aus der gleichen Fabrik wie eingeschweißt, werden einfach nur vorher ausgepackt, weil's mehr hermacht. Dank touristischer Nachfrage und offener PR in Reiseführern sind viele kleine Familienunternehmen inzwischen halt auch schon Fabriken, das geht beim Munster los und endet beim Schnaps. (Klar kennen wir hier alle unsere "Geheimadressen" für Handarbeit, aber da fährt man ganz schön herum und das kostet wieder Sprit obendrauf.)

    Zumindest in meinem Canton hat letztes Jahr der letzte Traiteur den Laden schließen müssen, weil die Discounter ihn unterboten haben und die Kunden lieber billiger und schlechter einkauften. Und die Banette-Ketten mit der Fertigbackmischung erobern jedes Dorf.

    Was da passiert ist? Ganz einfach: Die Durchschnittsfranzösin schwört inzwischen auch auf die Mikrowelle und die Jungen haben, was Lebensmittel betrifft, immer weniger Ahnung. Den Rest erledigt das Werbefernsehen.

    Eigentlich ist es immer der Verbraucher, der das Angebot bestimmt - weltweit. Und wenn man in französischen Schulen schon Kindern "Schmeckunterricht" geben muss, weil sie das wegen der vielen künstlichen Aromastoffe nicht mehr können, dann ist es höchste Zeit, den Menschen wieder Einkaufen und Kochen zu lehren. Nicht nur in Frankreich.

    Liebe Grüße,
    Petra

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  3. Liebe Petra,

    angesichts dieses Desasters gehe ich einen weiteren Schritt Richtung "Globalisierungsgegnerin".
    Mir kam ja schon der Lidl komisch vor, den ich beim letzen Bretagne-Urlaub erstmals entdeckte. Ein Schock! Doch nicht die Franzosen! Bitte nicht! Das kann doch nicht wahr sein. Aber es ist wahr!

    Immerhin seid ihr weiter als wir: "Schmeckunterricht" gibt es bei uns noch nicht und ich könnte heulen, wahlweise wütend werden, angesichts der Tatsache, dass es Kinder gibt, die nicht wissen, was eine Zucchini ist. Oder eine Aubergine, die nicht wissen, wie Tomaten schmecken (wenn sie nicht aus der Dose kommen) oder eine frische Zuckerschote, die sich das Fastfood in der Mikrowelle auftauen und dazu eine Cola trinken, weil sie eben noch nie ....

    Ich könnte mich hier jetzt endlos ereifern ... und freue mich trotzdem auf die Bretagne im September.

    Liebe Grüße von
    Inge

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  4. Liebe Inge,
    es ist leicht, alles auf "Globalisierung" zu schieben. Dabei sitzen die Übeltäter jeweils im eigenen Land - und die heißen: Armut und mangelnde Bildungschancen. Dass sich das ändert, dafür können wir alle etwas tun. Vor der eigenen Haustür und global.

    Inge:
    "Immerhin seid ihr weiter als wir: "Schmeckunterricht" gibt es bei uns noch nicht und ich könnte heulen, wahlweise wütend werden, angesichts der Tatsache, dass es Kinder gibt, die nicht wissen, was eine Zucchini ist."

    Warum zeigst du es ihnen nicht?
    Spaß beiseite - warum eigentlich immer "auf da oben" warten? Warum heulen und wütend sein? Machen!

    Konzepte in Frankreich, die ihr jenseits des Rheins so bewundert, ob Kinderbetreuung oder Schmeckunterricht, sind ganz allein aus Privatinitiativen entstanden, die dann so gut waren, dass sie staatlich gefördert wurden. So gingen z.B. Spitzengastronomen statt in die TV-Kochshow in die Schulen, weil sie zu Recht sagen, da wächst ja unsere Kundschaft oder Nicht-Kundschaft von morgen heran. Ich weiß aber auch von deutschen Schulen, wo Eltern mit Lehrern den Kindern zeigen, wie man frühstückt!

    Das ist wie mit dem Lesen. Wer ständig klagt, Kinder würden (angeblich, die Statistiken beweisen anderes) absolut nicht mehr lesen, sollte ihnen vielleicht dieses Hobby schmackhafter machen.

    Und haben wir Autoren nicht den schönsten Beruf der Welt: wir können Menschen solche Freuden nahebringen! Wir sind viel weniger hilflos als wir manchmal denken - und müssen nicht stumm heulen.

    Liebe Grüße und einen schönen Urlaub!
    Petra

    PS: allgemeine Bemerkung: Bitte immer dran denken, dass Kommentare nicht nur öffentlich auf dem Marktplatz stehen, sondern auch auf Jahre prominent konserviert im Cache der Suchmaschine, der der Server hier gehört. Deshalb auch Vorsicht mit Marken- und Firmennamen, es gibt da gewisse Abwahnanwälte, die Suchmaschinen als Geldquelle abgrasen...

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