Kundenservice

Ort der Handlung: Ein elsässisches Dorf, eine französische Bank und ein Call-Center

Personen
: Ein dörflicher Bankkunde, eine Dame, ein verschlafener Herr

Vorgeschichte:
Der dörfliche Bankkunde übermittelt mangels Zeit seinem zuständigen Sachbearbeiter bei der Bank per Mail den Wunsch, eine wichtige Transaktion vorzunehmen, bei der Zeit eine Rolle spielt. Da keine Antwort kommt, möchte er sicher sein, dass der Empfänger nicht im Urlaub ist und die Transaktion erledigt.

Telefonat Freitag

Es spielt eine Ouverture aus unterschiedlichem Call-Center-Getöse, das derart zum Tinnitus führt, dass die säuselnde automatische Dame kaum wahrgenommen wird. Sie sagt in einschmeichelndem Französisch, dass man die richtige Nummer zur richtigen Zeit gewählt habe, aber sich doch bitte dieses Getöse noch "einige Minuten" anhören möge und auf keinen Fall auflegen. Oder so ähnlich.

Nach vielen solchen "einigen Minuten" reagiert der dörfliche Kunde subversiv: Trotz Verbots legt er genervt auf.

Telefonat Montag

s.o.
Wundersamerweise meldet sich nach dem Gedödel doch eine Dame, deren Stimme der Kunde erkennt, denn sie sitzt in der Bank. Vom Callcenter direkt in die Bank, welch Glück!

Dame:
Bank XY blablabla...
Kunde: Könnte ich bitte X sprechen, ich habe eine dringende Frage.
Dame: Was wollen Sie ihn denn fragen?
Kunde erklärt kurz und: können Sie mich bitte verbinden?
Dame: Er ist nicht da.
Kunde: Wann kommt er denn zurück?
Dame: Er ist nicht da. Wir haben montags geschlossen.
Kunde: Aber die Bank geht doch ans Telefon?
Dame: Wir haben heute geschlossen.
Kunde: Sie sind aber doch da.
Dame: Ich bin nur am Telefon. Wir haben geschlossen.
Kunde: Könnten Sie vielleicht eine Nachricht? Vielleicht für morgen früh gleich?
Dame: Wir sind nicht da. Wir haben geschlossen.
Kunde, perplex: Warum musste ich dann erklären, worum es geht?
Dame: Weil Sie angerufen haben.
Kunde: Also sind Sie doch vorhanden?
Dame: Nein, wir haben geschlossen.

Telefonat Dienstag

Das Callcenter-Gedödel nimmt fast Ausmaße wie bei der freitäglichen Ouvertüre an, aber der Kunde bleibt hart und kocht sich während der grauenhaften Pop-Songs einen Café au lait, rührt inbrünstig Zucker ein, trinkt, trinkt aus... Plötzlich meldet sich eine Männerstimme, die klingt, als sei derjenige soeben aus dem Tiefschlaf erwacht. Er denkt und spricht in Zeitlupe.

Verschlafener: Nein, der X ist nicht zu sprechen, der ist in einem Gespräch.
Kunde: Wann ist das denn fertig?
Verschlafener: Vor 15 Uhr ist da nichts zu machen. Bis dahin hat er Gespräche.
Kunde: Tja, wissen Sie, es geht um eine dringende Terminsache vom Freitag.
Verschlafener: Da kann ich nichts machen. Er ist nicht zu sprechen.
Kunde: Können Sie ihm wenigstens eine Nachricht hinterlassen?
Verschlafener: Das könnte man machen. Wie ist ihre Telefonnummer, ihr Name?
Kunde buchstabiert.
Verschlafener: Ihren Vornamen. Ohne ihren Vornamen kann ich ihm keine Nachricht hinterlassen.
Kunde: X kennt mich seit fast 20 Jahren.
Verschlafener: Das ist unwichtig. Das ist fürs System. Das System braucht Vornamen.
Kunde sagt ihn.
Verschlafener: Um was geht's?
Kunde: Ich will wissen, ob das erledigt ist, was ich am Freitag beauftragte.
Verschlafener: Sagen Sie mir genau, was Sie veranlasst haben.
Kunde: Nein. X weiß es, das reicht. Ich weiß ja nicht mal, wer Sie sind.
Verschlafener stutzt, denkt hörbar nach. Dann: Ich brauch das fürs System.
Kunde: Ihr System hat nicht zu interessieren, was ich mit X bespreche. Sagen Sie das bitte Ihrem System.
Verschlafener: Aber wie soll ich denn dann eine Mail schreiben?
Kunde: Ach so, Sie schreiben einfach eine Mail! Ja wissen Sie, das kann ich auch.
Verschlafener: Aber bei mir ist die im System!
Kunde: Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie versuchen es mit ihrem System. Und ich schreibe jetzt auch eine Mail ohne System. Und dann schauen wir, ob eine von beiden ankommt.

Der Verschlafene zeigt sich sichtlich froh, endlich wieder in Schlaf fallen zu können, sein Au revoir ist kaum noch hörbar.

Der Kunde schreibt eine Mail an X und bittet um dringende Nachricht, ob der Transfer erledigt ist. Diesmal hat er eine Lesebestätigung eingebaut. Kurz vor zwölf kommt die automatisierte Nachricht, dass die Mail wenigstens gelesen wurde.

Heilige Mittagsruhe in Frankreich.
Der Kunde überlegt ernsthaft eine Umschulung ins Bankwesen. Wie viele Bücher ließen sich in den Zeiten schreiben, in denen man nicht da ist!

---Callcenter-Gedödel---

Kommentare:

  1. Wie mag das wohl ausgehen?
    Ich warte gespannt auf das Ende!

    Und stelle fest: Wir leben tatsächlich in einer Union, nicht nur die Essgewohnheiten gleichen sich an ;-)

    LG
    Inge, die jetzt gleich mal die Folie vom Buch reißen muss, um zu sehen, wie der Zander im Riesling schwimmt

    AntwortenLöschen
  2. Es gibt ein Happy End: X rief nach meiner Mail gleich an und bestätigte, dass er nach der ersten alles erledigt hatte. Über das Callcenter lachte er wissend-mitleidig. Naja... und die schriftliche Bestätigung, die war einfach hängengeblieben, weil die Bank nicht nur ein Callcenter nutzt, sondern auch die Briefe über ein Postcenter versenden lässt...

    Guten Appetit
    wünscht Petra

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