Falle der Vergangenheit

Der aus Österreich stammende, in der Schweiz lehrende Historiker Valentin Groebner hat ein interessantes Buch vorgelegt, das nicht nur seine Historikerkollegen interessieren dürfte. Mit seinen Ausführungen über das historische Erzählen können sich vor allem Autoren und Leser historischer Romane Gedanken machen, warum es derzeit immer wieder Mittelalter sein muss, ob in Büchern, Spielen oder Filmen. Und viel wichtiger noch: was denn dieses fiktive Mittelalter überhaupt mit einer Realität zu tun haben könnte. Seine erste These sollte unter Fachleuten eigentlich längst bekannt sein: Historisches Erzählen sagt mehr über die Gegenwart des Erzählers aus als über die Menschen damals. Seine zweite These, die er in einem Interview äußert, klingt allerdings erfrischend frech, verblüffend und nachdenkenswert:

"Weil wir in einer Art Techno-Biedermeier leben. Wir haben das 19. Jahrhundert nicht verlassen; zumindest scheint es uns sehr schwer zu fallen, die Kategorien des 19. Jahrhunderts aufzugeben. [...] Das 19. Jahrhundert hat aus unterschiedlichen älteren Bildern ein Einheitsmittelalter gebastelt, in dem es seine eigenen «Ursprünge» verortet hat. Es war aber zugleich das stärkstmögliche Anti-Jetzt; eine imaginäre Gegenwelt."

Es ist tatsächlich erschreckend, wie unbewältigt und tief verstrickt wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Kategorien des 19. Jhdts. bewegen. Vielleicht scheuen sich unbewusst viele Verlage vor Romanen aus jener Epoche, weil die Kenntnis dieser Zeit so manche modernen Rückfälle entlarven könnte?

In meiner Kulturgeschichte der Rose spielt das 19. Jahrhundert ebenfalls eine Schlüsselrolle - und das ganz und gar nicht deshalb, weil zu jener Zeit so viele Rosen gezüchtet wurden wie nie zuvor. Ein anderes Massenphänomen griff tief in Kunst und Literatur ein: die industrielle und damit billige Herstellung durch die neue Chromlithografie und vereinfachte Druckverfahren. Sie machte nicht nur Bildung und Kunst plötzlich für bürgerliche Schichten zugänglich, sie sorgte auch für Phänomene, die wir eigentlich erst ein Jahrhundert später vermuten: Trivialliteratur, Kitsch, Werbung und Massenmedien schufen einen neuen Markt. Einen Markt, der Klassen und Geschlechter tief spaltete.

Wer etwas auf sich hielt oder damit gesegnet war, als Mann auf die Welt gekommen zu sein, widmete sich weiter der Literatur und Kunst. Und "echte" Künstler rieben sich an den Konventionen, lehnten sich auf gegen die von der allgemeinen gesellschaftsstützenden Moral eingezwängte "Kunst". Die Impressionisten sind ein eindrückliches Beispiel für ein solches Auflehnen - der Zeit gemäß waren die Frauen unter ihnen weniger beachtet (und das hat sich auch durch die Frankfurter Ausstellung leider nicht geändert).

Frauen hatten es aber schon schwer, überhaupt erst als Künstlerinnen aktiv zu werden. In England galt das viktorianische Ideal des "angel in the house", einem für heutige Begriffe erschreckend willenlosen, gesichtslosen Etwas, das als bettelnde Verführerin nur der Erhöhung des Mannes dienen sollte. Frauen bekamen ihre eigenen Lektüren. Das Genre des Geschenkbuchs boomte in Europa, in den USA entstanden "Ladies' Books" mit Gossip, Liebesgeschichten und Modetipps. Frauen lasen entweder Trivialromane oder speziell ausgesuchte klassische Texte, die der "Erbauung und Erziehung" des eigenen Geschlechts dienen sollten. Bei unteren Schichten galt "Lesesucht" gar als moralischer und pathologischer Defekt.

Was hat das nun mit mit der modernen Frau oder Groebners These zu tun?
Angeblich leben und denken wir nicht mehr im 19. Jhdt. Frauen haben freien Zugang zu Trivialromanen wie Hochliteratur, zu schwülstigem Rosenmädchenkitsch wie abstrakter Kunst. Aber haben sich Denken und Kategorien wirklich grundlegend geändert?

Am Beispiel der sog. "Sprache der Rosen", die verkürzt aus der "Sprache der Blumen" hervorging, beschreibe ich den Rückfall in die Unmündigkeit, die liebliche Gegenwelt, die Groebner "Techno-Biedermeier" nennt. Die Urheberin, Lady Mary Wortley Montagu, war nämlich alles andere als die romantische Blumendame, die viele Autoren noch heute in ihr sehen wollen. Mit Blumensprachen hatte es die hochintelligente, exzentrische Frau Anfang des 18. Jhdts. eigentlich gar nicht so. Ihr ging es darum, spitzzüngig und mit scharfem Geist den Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen, Zwangssysteme des christlichen Europas mit denen des Islams zu vergleichen. Sie wurde von Voltaire geschätzt und von Pope gehasst, der sie schließlich öffentlich als "liederliche Lesbe" beschimpfte, nur weil diese Frau den Mund aufmachte vor Politikern wie Literaten. Und weil sie so herrlich beschreiben konnte und türkische Liebesgedichte übersetzte, wurde sie selbst von den Damen der Teegesellschaften angehimmelt.

Die Teegesellschaften waren der Untergang des realen Bildes dieser Frau. Denn im 19. Jhdt. bastelten sie aus ihren Vorlagen jene angeblich von ihr erfundene Blumensprache. Jetzt wurde bereinigt: Erotik, Selbstbewusstsein, freier Geist, poetische Vielschichtigkeit - all das widersprach dem neuen Bild der Frau.

Ich will es kurz machen: Was im hochmodernen Internet über diese Blumensprache und Lady Montagu kolportiert wird, hat genauso wenig mit der Realität zu tun wie ein historischer Roman mit dem echten Mittelalter. Wir gehen wieder rückwärts. Erzählen mit Rosen von Begriffen wie Demut und Grazie, verstecken Gefühle, erniedrigen uns. Die Rose wird in der "Sprache der Rosen" zum Werkzeug einer hierarchischen Paarfindung, wie man sie exzesshaft in der Reality-Show "The Bachelor" erleben konnte.

Wir haben das 19. Jhdt. bis heute weder verstanden noch überwunden. Die Künstler und Literaten, die damals im Widerstand die Moderne einläuteten, hatten uns einiges voraus - und könnten uns einiges lehren. Eine ihrer Forderungen könnte z.B. lauten, sich besser nicht in romantisierte Bilder von Vergangenheiten und Gegenwelten zu flüchten, sondern aufzuwachen und genau hinzuschauen.

Lektüre:
Valentin Groebner: Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen. C. H. Beck, München 2008
Petra van Cronenburg: Das Buch der Rose, Parthas, Berlin 2008

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