31.05.2012

Gas geben in die Mitte

31.05.2012 5
Neuerdings wird mir oft schwindlig. Die Medien- und Diskussionsplattformen der Buchbranche gleichen im Moment einer Hühner-Massenzuchtanlage, in der man sein eigenes Wort kaum noch verstehen kann. Überall gackert und kräht jemand. Die einen glucken kurz vor dem Schlachthof noch einmal über den Untergang des Abendlandes und irgendwelche abstrusen Eliten, die anderen scharren in Kampagnen herum, die morgen schon Altpapier sind - und dann hackt und haut es gegen E(-Book) und P(rint) und gegen diese "bösen" Neuen oder diese "guten" Alten, bis die Federn fliegen. Oder bis intelligente Leute wie Gesine von Prittwitz und Dirk von Gehlen sich Gedanken um die Alltäglichkeit von Veränderungen und Beschleunigung machen.

Wer meine freche, vorlaute Klappe kennt, der ahnt vielleicht, dass ich schon weitaus zynischer denke als die beiden: Wer im 21. Jahrhundert noch nicht die gute alte Philosophie begriffen hat, dass Stillstand Tod bedeutet und Leben sich aus Veränderung nährt, der mag scheintot bleiben und die anderen nicht vom Leben abhalten! Wenn es schon eine Postdebattenkultur gäbe, so bewegte ich mich darin. Als Autorin darf ich es mir leisten, die Krokodilstränen um bröselnde Privilegien mit aufgekrempelten Ärmeln abzuwischen. Denn Autoren mussten schon immer schaffen statt schwätzen (wobei das Schwätzen zum Glück Teil des Schaffens ist).

Ich war über Pfingsten "offline". Das sollte man jedoch nicht mit jenem gnädigen Zustand selbsternannter Literateneliten verwechseln, die sich um ihre Stipendien noch auf Papier bewerben können und seltsam konfus Manuskripte als Datei in Verlage schicken, obwohl das Internet doch so böse ist. (In so einem Datenstrom könnte man sich schließlich verlieren oder durch mitmenschliche Kommunikation aus dem Elfenbeinturm herauskatapultiert werden.) Ich bin so etwas wie Erna Normalautorin: Alles andere als bekannt, ohne Orden auf der Brust und wahrscheinlich auch viel zu unterhaltsam.

"Offline" bedeutet bei mir also: Ich blogge nicht. Ich halte mich bei Facebook zurück. Ich mache eine Twitterpause. Ich erledige meine Mails und benutze das Internet "nur" fürs Schreiben eines Buchs. In solchen Phasen stelle ich auch Telefon und Türklingel ab und rede mit Tieren. Eine Kur, die wohltuend entschleunigt. Nicht etwa, weil ich das böse Internet abgeschaltet hätte. Nein, ich habe keine Debatten mehr verfolgt! Es hat mich tagelang nicht mehr interessiert, ob sich irgendwer vor Piraten fürchtet, worüber der Börsenverein in zehn Jahren nachdenken will oder wie und wo wir künftig unseren Lesestoff einkaufen werden. Wie erholsam! Ich habe einfach nur Lesestoff produziert, wohl wissend, dass es mir herzlich egal sein kann, wie die Zeiten aussehen werden, wenn das Buch fertig ist. Ich bin eine Autorin, da draußen sind Leser - und irgendwie werde ich denen schon meine Geschichten erzählen. Die äußere Form ist mir wurscht. Wenn es sein muss, lese ich auf öffentlichen Toiletten und verteile kostenlos Wischpapier. Meine Kollegen Cro Magnon und Neandertaler haben ihre Geschichten erzählt und ich werde damit auch nicht gleich aussterben.

Ziemlich lustig ist das, wenn man sich von all dem zugunsten seiner Geschichte frei macht, nur nicht vom Internet. Über das kamen nämlich viele Mails meiner russischen Freundin, die in irgendwelchen russischen Mailinglisten Fragen für mich stellt oder Material aus einem Forschungsinstitut in Tula herüberbeamte. Dabei sitzt sie nicht einmal in Russland, sondern rechts des Rheins - und ich weiß eigentlich nicht wirklich, wo genau Tula liegt. Und weil ich auch eigentlich kaum Russisch kann, aber viele Seiten sichten muss, gehe ich auf den Google Translator, durch den ich inzwischen ganze Dokumente durchjagen kann. Ein Kollege gibt mir per Internet den Tipp, es ins Englische übersetzen zu lassen, das laufe genauer. Die Sätze, die ich fürs Buch brauche, kann ich dann immer noch übersetzen (lassen).

Ich liebe diese Beschleunigung! Irgend ein toller Professor gräbt im fernen Tula einen Brief eines der größten russischen Dichter aus, von dem Suhrkamp nicht einmal träumen mag - solches Material ist in deutscher Sprache nicht zugänglich. Am anderen Ende der virtuellen Postkette kichere ich mir eins, als Google das Wort Hämorrhoiden auswirft, ich schaue zweimal hin. Tatsächlich, der werte und gefeierte Wassili Schukowskij schreibt dem Herrn Bulgakov, er fände die neuen Protokolle des Frankfurter Parlaments ganz praktisch. Das Papier sei sehr weich und die Debatten der Deutschen seien lang genug, dass ihm das Toilettenpapier nicht ausginge. Doch die neumodische Erfindung abonnierbarer Parlamentsprotokolle birgt ganz offensichtlich die Gefahr schwerer Erkrankungen. Als solche bezeichnet er das, was sein deutscher Arzt Hämorrhoiden nennt. Ich amüsiere mich königlich. RSS-Feed à la 19. Jahrhundert! Und wie viele Debatten und Protokolle unserer Zeit sind nicht mehr als ein feuchter Furz. Vorsicht also vor Hämorrhoiden, ihr hehren Literaten, so ein Elfenbeinstuhl ist hart!

Dann trifft man sich im Offline-Leben, ich halte zum ersten Mal ein echt russisches Smartphone in der Hand, lerne, dass Menu-Kyrillisch wie Englisch klingt - und meine Freundin liest derweil meine deutschsprachige Recherchetextsammlung auf meinem E-Reader. Wir essen Eis, eine begeisterte Leserin meines Nijinsky-Buchs kommt vorbei, kurzfristig herbeitelefoniert, sie entpuppt sich als ehemalige Tänzerin aus Russland, die Geschichten purzeln international und in allen möglichen Sprachfärbungen durcheinander und am Ende ist das Nijinsky-Buch auf einer Reise zu einem berühmten Menschen, der mit einem anderen hochberühmten Tänzer ... die Welt ist klein und Visitenkarten dienen nur noch zum kurzen Halt an Mailadressen, da wird telefoniert, internettiert, Lachen und Daten verknäueln sich in einem lebendigen Strom. Irgendwann hackt die Freundin nebenan auf der Computertastatur herum, eine andere Freundin erscheint auf dem Bildschirm, die beiden skypen mal kurz über die Kontinente hinweg, um eine Frage zu klären.

Entspannt komme ich wieder nach Hause, unendlich viel reicher als vor der Fahrt. Die Packen von Arbeitsmaterial wiegen nur ein paar Gramm in der Elektronik und sind mit einem Zack auf der Festplatte. Durchsuchbar, anklickbar, vernetzt. Menschen, die einen viel schlimmeren und brutaleren Umbruch hinter sich haben, nämlich einen politischen Lebensumbruch, den Umsturz von Weltanschauungen, haben mich wieder das Lachen gelehrt über die westliche Zukunftsangst und die Angst vor der Technik. Müssen wir nicht ganz andere Dinge viel schlimmer fürchten? Wenn so viel über Zensur und Unterdrückung von Schriftstellern debattiert würde wie über E-Books, ja dann ... Wenn endlich herauskäme, dass all unsere Debatten nur eine im Grunde kapitalistische Debatte verschleiern: Wem wir in Zukunft die Macht über uns geben wollen. Wie wir mit Untergängen umgehen. Wie wir es schaffen, uns auf eine freie, absolut freie und kreative Literatur zu konzentrieren, bereit, neue Ausdrucksformen und Zeitzeichen zu finden.

Hören wir auf, uns entschleunigen zu wollen. Geben wir endlich Gas, um in unsere Mitte zu kommen! Denken wir allen altgewohnten Bombast einfach mal weg: Börsenverein, Buchhandel, Verlage, Verwertungsgesellschaften, Papier und Pappe, Metall und Bytes. Stellen wir uns vor, da sind nur drei Dinge: Ein Erzähler, eine Geschichte, ein Zuhörerguckerleser. Was haben wir dem zu sagen? Haben wir überhaupt noch etwas zu sagen? Wo sind die Geschichten unserer Zeit, denen Stofflichkeit, Übertragungsformen, Vermarktungsmethoden zunächst einmal so herzlich egal sein können, dass sie wieder Literatur sein können? Können wir vor lauter Branchengedöns denn noch wirklich ungewöhnlich und individuell schreiben - oder pflegen wir nur unsere künstlerischen Hämorrhoiden? Mir jedenfalls waren diese paar Tage in der mit neuen Medien gefüllten Realität zwischen drei Ländern wie eine Salbe gegen diesselben.

Kein Aufreger

Heiß diskutiert werden die "Zehn steilen Thesen zur Zukunft des Buchs" von Sebastian Matthes eigentlich nur branchenintern, vor allem in den Kreisen, die sich den Kopf zerbrechen, wie sie in zehn Jahren mit den modernen Gegebenheiten endlich Schritt halten wollen. Ganz so steil sind die Thesen aber doch nicht, weil bereits viele Anzeichen eingetreten sind. Matthes mag sich in einigem irren - so wären zu den kleinen, geilen Verlagen beispielsweise auch kleine, geile Buchhandlungen denkbar. Oder die Idee, die ebenfalls heute schon in vielen Ländern gang und gäbe ist: Autoren werden zur eigenen "Buchzentrale" und verkaufen ihre Werke aus dem eigenen Webshop heraus.

Immerhin freue ich mich, jetzt schon "Zukunft" zu leben, denn Punkt 10 wird mit meinem neuen Sachbuchprojekt erprobt werden. Keinerlei Lizenzwischenhändler mehr, ich selbst lasse mein Buch direkt ins Russische übersetzen - und zwar in der nächsten Nachbarschaft. Abenteuerlich wird das nur, weil ich dann auch Amazon umgehen muss, denn die haben in Russland kein Bein auf dem Boden. Was wiederum beweist, dass Buchhandel auch ohne den amerikanischen Giganten möglich wäre.

29.05.2012

So nicht, liebe Buchhändler!

29.05.2012 3
Anonymisiertes, darum leicht verändertes Gedächtnisprotokoll einer Verkaufssituation in einer Buchhandlung. Sicher ein absolut nicht pauschalisierbares Individualerlebnis, aber leider kein Einzelfall. Denn ich schreibe nur darüber, weil das nicht mehr das erste Mal ist, dass ich so etwas erlebe! Warum ich mir überhaupt Luft mache? Damit manche vielleicht nachbessern, bevor es zu spät ist. Bevor auch treue Buchhandlungskunden wie ich immer öfter frustriert und resigniert wegbleiben.

Ort der Handlung: Eine kleinere unabhängige Buchhandlung, die mir auf einer vorpfingstlichen Reise nach Deutschland sehr empfohlen worden war und die ich statt der ebenfalls in der Stadt vorhandenen Buchketten wählte, weil ich ja gern unabhängige Buchhandlungen unterstütze.
Zeit der Handlung: Werktags gegen 17:30 Uhr.

Die Buchhandlung ist gähnend leer, als ich sie in Begleitung betrete. Anwesend: Ein älterer, dauertelefonierender Buchhändler und ein etwas jüngerer an der Kasse, letzterer sagt kurz Hallo. Er ist nicht mehr im üblichen Praktikumsalter. Etwas unschlüssig und sichtlich nicht fündig werdend stehe ich nach einigem Suchen vor dem Krimiregal. Jemand hat mir bei Facebook detalliert einen bestimmten Krimi von Janet Evanovich empfohlen. Ich rechne zwar nicht damit, genau dieses Buch zu bekommen, aber damit, dass man die preisgekrönte und verfilmte Autorin wenigstens irgendwie im Regal hat oder zumindest kennt. Ziemlich laut hallt mein Ausruf durch die menschenleere Buchhandlung, dass ich das Buch einfach nicht finden könne.

Buchhändler 1 telefoniert erneut und hackt auf seinem Computer herum. Buchhändler 2 steht nichtstuend hinter der Kasse und ist offensichtlich schwerhörig. Also laufe ich schnurstracks auf ihn zu und frage, ob er Bücher von Janet Evanovich im Laden habe. Er quält sich sichtlich hinter seiner Theke hervor, läuft zum Krimiregal - er hat mich also doch beobachtet. Dort zieht er wahllos irgendwelche Bücher heraus, von allen möglichen Autoren. Nach vier Handgriffen murmelt er ein "Hammwernich".

"Janet Evanovich", sage ich, "nicht diese Herren da." - "Hammwernich." - "Könnten Sie vielleicht in Ihrem Computer nachschauen, vielleicht stehen die Bücher ja auch in einem ganz anderen Regal?", bitte ich ihn. Er geht zum Regal nebenan, zieht wieder wahllos irgendwelche Bücher heraus und mault: "Hammwernich." - "Ich kann mir irgendwie auch nicht vorstellen, dass Sie Krimis unter "Romanzen" ablegen, wollen Sie nicht vielleicht im Computer ...?"

Buchhändler 1 hat sich währenddessen mit seinem Handy in den Hintergrund verzogen. Er ist ganz offensichtlich Chef des Ladens. Buchhändler 2 schlappt an den Computer, tippt herum, strahlt mich an und sagt: "Hammwerwirklichnich!" Frech dränge ich mich an den Bildschirm und will es genau wissen. Und gehe ihm nochmals zur Hand: "Sie schreibt sich nicht Iwannowitsch!" - "Ach, ist das keine Russin?", fragt er. Zum ersten Mal fühle ich mich beachtet. Der Mann hat mir doch tatsächlich eine Frage gestellt! Nach dem dritten Buchstabieren hat er endlich den Namen richtig eingegeben. Aber dann kommt noch ein "Hammwernich" und ich bedanke mich genervt und meine, dann würde ich eben nach anderer Lektüre schauen.

Nein, er fragt mich nicht, ob er mir behilflich sein könne oder etwas empfehlen! Er schnauft sichtlich erleichtert auf und sucht schnurstracks das Weite. Buchhändler 1 führt inzwischen das zigste Telefonat, nun wieder im Vordergrund. Als wir auch nach zweimaligem Umrunden des Ladens irgendwie nichts finden können, kommt Buchhändler "Hammwernich" plötzlich begeistert angewetzt: "Wirhammsedoch!" Und drückt mir drei völlig veraltete, englischsprachige Bücher von Janet Evanovich in die Hand, die offensichtlich in der Schulecke verstaubten. Und die sind tüchtig überteuert, wie das oft der Fall ist, wenn man in einer deutschsprachigen Buchhandlung Originale kauft. Ich bedanke mich herzlich und sage ihm, dass mir die Taschenbücher so zu teuer sind.

Er bietet mir nicht an, die gewünschten deutschen Bücher sofort zu bestellen. Frustriert verlasse ich die Buchhandlung, die für meinen Lesegeschmack irgendwie nichts da hatte, hauptsächlich auf Hardcover baute, die ich mir kaum leisten kann - und auf dem Bestsellertisch den üblichen Schmonzes anbot, den ich auch in der Kette nebenan bekommen hätte. Und damit ich wenigstens die teure Gebühr vom Parkhaus (Nachteil der Innenstadtlage) nicht ganz so bereuen musste, warf ich meinen Kindle an und saugte das gewünschte Buch mit einem Klick durch die Luft auf meinen Reader. Für's gesparte Geld war das Café gleich mit drin. Ähnliches ist mir nun schon dreimal hintereinander in unterschiedlichen Buchhandlungen passiert. Bei solch berauschendem Kundenservice sind die Algorithmen dann doch persönlicher und Amazon war jedes Mal der Gewinner.

Ich möchte meine gute alte Buchhandlung wiederhaben, in der mich das Ladenpersonal begrüßt und nach einer Weile, wenn ich unschlüssig oder verzweifelt im Laden stehe, anspricht, ob man mir irgendwie weiterhelfen könne! Ich möchte nicht dem Verkaufspersonal auf die Sprünge helfen müssen, sondern von kundigen Buchhändlern Hilfe erfahren. Sei es in Empfehlungen, sei es in der Beratung oder "nur" im einfachen Angebot, ein gewünschtes Buch, das nicht im Laden steht, umgehend zu bestellen. Ich möchte Buchhändler erleben, die mir das Kaufen zum Erlebnis machen, weil sie Bücher lieben und weil sie gelernt haben, Kunden zuzuhören. Ich möchte Buchhändler finden, die zugunsten eines Verkaufs vielleicht auch einmal ein Telefonat um fünf Minuten verschieben, wenn der Angestellte eine Situation sichtlich nicht meistert. Ich war bereit, rund hundert Euro in dieser Buchhandlung zu lassen. Das ist lächerlich wenig Geld für einen Buchhändler. Aber auf Dauer ist es verdammt viel verlorener Umsatz, wenn man vom unabhängigen Buchhandel (noch) überzeugte Kundinnen nachhaltig mit der "Hammwernich"-Attitüde in die Arme dessen treibt, den man so fürchtet, weil der es den Kunden ultraeinfach macht und sagt: "Hammweralleswasmöchtensedenn!"

25.05.2012

Theaterpause

25.05.2012 0
Das Internettheater bleibt ein paar Tage geschlossen.

Chicagoer Theater um 1890 aus der Sammlung der Cornell University Library im Commons Programm von flickr

Es wird erst wieder aufgemacht, wenn ich mit einem noch zu schreibenden Text über Wassili Schukowski, Nikolaj Gogol und ein paar andere Berühmtheiten in Baden-Baden zufrieden bin.
Bis dahin wird das Blog auf moderierten Modus geschaltet - leider wird es im Moment nämlich auch von Werbespam geradezu bombardiert.

Ich wünsche allen ein wunderschönes sonniges Pfingsten!

24.05.2012

Storytelling für einen Krimi

24.05.2012 0
"Transmedia Storytelling" (Definition hier und hier) - das ist wieder so ein komischer neumodischer Begriff, unter dem sich selbst manche Erzähler nichts vorstellen können. Dabei hat das Ding einen soooo langen Bart: Cro Magnon erlegt ein Mammut mit seinen Kumpels. Auf dem Heimweg erzählt er seinem Nebenmann, wie er schon mal bei so einer Jagd dabei war und schwer verletzt wurde. Am Lagerfeuer gibt er an, dass ohne ihn das Mammut geflüchtet wäre. Die Götter möchte er huldvoll stimmen und malt drum ein Zaubermammut an die Höhlenwand. Und seinen Kindern schenkt er ein kleines rundliches Stück Holz, das brüllen kann und eigentlich ein Mammut ist.

Das ist schon alles. Man erzählt eine Geschichte über unterschiedliche Medien hinweg. Der Witz besteht darin, dass man nicht immer wieder die gleiche Geschichte nur mit anderen Mitteln erzählt wie z.B. bei einer Verfilmung. Man spielt nichtlinear mit dem Wesen unterschiedlicher Medien und gibt damit auch unterschiedliche Ebenen oder Teile einer Geschichte preis, die in einem anderen Medium vielleicht gar nicht vorkommen. Seit meiner Kindheit träume ich als Synästhesistin von medialen Möglichkeiten, meine Geschichten so vielschichtig erzählen zu können, wie ich sie selbst erlebe. Bücher habe ich immer als Kartongefängnis empfunden, weil sie mein Erzählen in eine eindimensionale Struktur quetschen. Zwar kann ich selbst offenkundig schwarz gedruckte Buchstaben bunt sehen, aber ich kann meine Leser nicht dazu bringen.

Natürlich haben wir immer noch keine ausreichenden technischen Möglichkeiten, Synästhesie nachzubilden. Aber wir können Bücher und die Geschichten darin aufbrechen. Wir können Romanfiguren in der virtuellen Welt eine fast reale Anmutung geben, können mit Fotos, Video, Ton und sogar Interaktivität mit dem Publikum arbeiten. Muss ich noch dazu sagen, dass mich das seit ein paar Jahren reizt?

Ich fange ganz klein an. Mit Blog und Facebook, denn der Roman ist ja auch noch sehr jung und will erst einer werden. Ich nenne ihn spaßhalber "Die Rosenried Files", weil die Krimiserie in der fiktiven Landschaft des Rosenrieds spielen soll, die so erfunden ist wie Inspektor Barnaby's Midsomer und doch vielleicht im echten Leben irgendwo entdeckt werden kann. Der Mörder ist nicht immer der Gärtner, bei mir ist nämlich die Gärtnerin diejenige, die alle Fälle löst, selbstverständlich lange vor der verschnarchten Kriminalpolizei (jaja, das Klischee des Cozy Mystery trieft). Darf ich vorstellen: Amanda Joos, studierte Archäologin, gescheiterte Fotografin, Hilfsgärtnerin und Inhaberin der Firma "Grüner Daumen". Berufsdeformiert neugierig, steckt sie die Nase tief in anderer Leute Gärten - und oft viel zu tief in fremde Angelegenheiten. Über ihre erste Leiche stolpert sie allerdings eher zufällig, denn die alte Dame, der sie den Garten herrichten soll, will einfach nicht mehr aufstehen ...

Ich werde nicht über Romanfortschritte oder das Schreiben als solches berichten. Mein Blog "Romangeburt", in dem ich bisher über meine Tätigkeiten sinniert habe, ist gestern auf brutale Weise gemeuchelt worden, ich wurde sogar als Autorin deaktiviert! Noch ist da überall kein richtiges Design drin, die Welten wollen noch entworfen und angeglichen werden, aber die feindliche Übernahme ist perfekt. Ab heute habe ich nichts mehr zu sagen, ich bin nur noch "ghost sleuth", Ghost-Spürnase, falls es dieses Pendant zum Ghost Writer überhaupt je gegeben hat.

Künftig übernimmt Amanda Joos im eigenen Blog "Amanda Joos ermittelt" das Zepter und plaudert wahrscheinlich Dinge aus, die ich ihr nie erlauben würde. Selbst bei Facebook hat sie sich bereits eingeschlichen und ich bin entsetzt zu sehen, dass sie unter "Meilensteine" Top Secrets aus dem Roman verrät! Mich hat sie zu undankbarer Arbeit abkommandiert, unbezahlt auch noch! Ich soll für Fotomaterial sorgen. Leichenteile, Tatorte, komische Sachen. Das kann heiter werden, denn woher bekomme ich so schnell eine Hand auf einem Komposthaufen her??? Ob an diesem Punkt die Interaktivität beginnen sollte? Aber ich kann doch Menschen nicht zu Verbrechen anstiften! Ich ahne Übles. Morgen steht dann in der Zeitung "Schaufensterpuppe bestialisch gefoltert und zerstückelt". Hoppla. Halt. Kommt ja nicht vor. Keine Blutsuppe. Keine durchgeknallten Serienmörder. Aber jede Menge vergnüglicher Morde in Serie.

23.05.2012

Umsonst verschenkt

23.05.2012 13
Vor einiger Zeit hat ein Blogbeitrag Furore gemacht: "Hilfe, ich habe mein Buch verschenkt!" Im Experiment am lebenden eigenen Leib wollte ich herausfinden, was passiert, wenn ich ein E-Book einen Tag lang verschenke - und das auch noch an die große Glocke hänge. Besonders interessant war die Aktion auch deshalb, weil die Papierversion in einem Konzernverlag erschienen war, das E-Book aber von mir selbst als Indie herausgebracht wurde. In der "Nachlese" habe ich dann das Fazit der Aktion beschrieben, das auch mich zum völligen Umdenken brachte.

Ich habe es wieder getan. Diesmal hieß die Experimentieranordnung: Das Versuchskaninchen bleibt stumm. Das Buch wurde an einem Samstag verschenkt, einem Tag, an dem viele Menschen nach Büchern suchen, gern auch nach Ladenschluss. Wieder blieb die Aktion auf einen einzigen Tag beschränkt, aber diesmal gab es keine Vorankündigung in den Social Media, keine begleitenden Postings. Die Aktion sollte sich also selbst tragen, vielleicht ein Selbstläufer werden.

Mich persönlich überrascht das Ergebnis überhaupt nicht: Die Sache ging voll in die Hose.

Bei der ersten groß beworbenen Aktion gingen 1056 Exemplare umsonst über den Ladentisch. Das Buch erreichte Platz 2 der Top Ten und erlebte auch nach der Verschenkaktion vervielfachte Verkäufe. Ein einziges Exemplar wurde in dieser Zeit zurückgegeben.

Bei der "stillen Aktion" wurden lediglich 349 Exemplare umsonst abgerufen, das Buch dümpelte nicht unwesentlich besser auf immer dem gleichen Verkaufsrang. Am Tag danach wurden läppische 15 Exemplare verkauft, aber vier davon wieder zurückgegeben.

Das erste Fazit ist natürlich ganz einfach: Klappern gehört zum Handwerk. Bücher verkaufen sich nicht, indem man sie einfach in irgendwelche Shops stellt, man muss schon auch die Öffentlichkeit irgendwie animieren und bewegen - und wenn es zum Geschenkeabholen ist. Wer schweigt, verkauft nicht. Wer den Draht zum Publikum lebendig hält (und damit meine ich nicht aufdringliche Werbung), bekommt vom Publikum auch etwas zurück.

Das andere Fazit ist äußerst unangenehm. Es kratzt nämlich an allem, was ich bisher gelernt habe. Da wäre einmal die Erkenntnis, dass die Menschen gar nicht so irre und automatisch auf Verschenkware losgehen. Eigentlich muss man ganz schön Überzeugungsarbeit leisten, bis sie sich ein Buch umsonst abholen. Sind die Leser womöglich schon von Gratisangeboten so übersättigt, dass sie lieber gezielt kaufen? Oder sind sie enorm wählerisch und nehmen auch gratis nicht mehr alles, was ihnen angeboten wird?

Bahnbrechend ist die Erkenntnis: Je mehr Bücher ich verschenke, desto mehr verkaufe ich! Aber Vorsicht: Das gilt natürlich nur, wenn das Verschenken auch gezielt gesteuert wird, nämlich nicht nur zu einem höheren Bekanntheitsgrad führt, sondern auch direkt in die Charts. Wenn das Buch also in einer bequemen Verkaufsumgebung sehr sichtbar wird. Trotzdem ist es nicht ein Shop alleine, der Bücher verkauft. Bücher werden heutzutage offensichtlich sehr stark über das Lesen verkauft. Menschen, die Bücher lesen, sich Bücher besorgen, reden über die Bücher. Auch beim Verschenken machen Titel und Autorennamen die Runde und manche Leser bedanken sich fürs kostenlose Lesen mit einer Rezension, einer Blogempfehlung.

Tatsache ist leider auch, dass der Gag mit der Verschenkerei sich irgendwann abnutzt. Man muss immer lauter und geschickter brüllen, um darauf aufmerksam zu machen. Je mehr Menschen es tun, desto greller muss man plakatieren. Und dann greift wieder die alte Binsenweisheit: Hinter einem Verkaufserfolg muss mehr stehen als eine gute Werbeaktion. Nämlich ein Buch, das genügend Menschen berührt, so sehr berührt, dass sie es weiterempfehlen. Und diese Inhalte kann man mit zu lauter Werberei auch ganz leicht tottröten.

Das Buch, um das es geht, gibt's natürlich immer noch: Lavendelblues

17.05.2012

Wie ein Buch entsteht

17.05.2012 0
Eine wundervolle Grafik, wie ein Buch entsteht, gibt es hier zu sehen: Lacher garantiert.

Nachtrag Urheberrechtskampagnen

Mein eigentlicher Artikel zur Urheberrechtskampagne platzt nun leider technisch fast aus den Nähten, deshalb möchte ich hier zwei Links nachtragen, die zu mehr Besonnenheit und Entspannung mahnen:
  • Der Autor Christoph Lode hat sich einmal die sogenannte "Gegenseite" angeschaut. Sein Fazit: Entspannt euch!
  • Wolfgang Tischer vom Literaturcafé findet bei ZEIT Online, Arroganz, Inkonsequenz und Angst seien derzeit die schlechtesten Ratgeber: Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!

16.05.2012

Sie mordet genüsslich

16.05.2012 15
Gestern ist so eine Art offizieller Startschuss gefallen. Ich hole meine Leichen aus dem Keller der Schublade und morde genüsslich. Dazu muss ich ein wenig mit dem Hackebeilchen der Geschichte ausholen: Wie viele veröffentlichte AutorInnen habe auch ich noch einige fahle, modernde Ideen in der Schublade. Zu einer gibt es sogar schon 160 Seiten Manuskript und ein fertiges Serienkonzept.

Mit dem ging mein Agent hausieren, als just die Serienmörderei und das Splattergekröse auf dreifach vergewaltigten und gefolterten Küchenböden Trend wurde. Dumm, dass wir das beide nicht absehen konnten. Und so kam von vielen feinen Verlagen die Antwort, dass das schon klasse geschrieben sei, die Idee gut, aber "cosy mystery" und dann noch mit Humor, das laufe nun gar nicht. Es sei denn, ich würde bereit sein, daraus einen Regiokrimi zu stricken." Anbei die genaue Anleitung, wie ein Regiokrimi in Verlag XY auszusehen hat. Kurzum - ich hatte etwas erfunden, was "man" angeblich nicht lesen mag. Manuskript und Konzept verschwanden in der untersten Schublade, lebendig begraben.

Wie das mit Leichen aber so ist: Sie kommen irgendwann wieder hoch. Die meine ist richtig aufgedunsen, denn sie bildet sich ein, gerade aufgrund der Schwemme von gepeinigten Eingeweiden wieder up-to-date zu sein. Nicht bei Verlagen, die machen weiter in Blutwurst, als sei nichts gewesen. Aber eine ganze Krimiserie allein, ganz mutterseelenallein, als E-Book lancieren, kann das gut gehen? So ein Krimi steht und fällt doch mit dem Lektorat!

Gestern bekam ich eine Zusage für eben dieses. Von einem Kollegen, dessen kritisches Adlerauge ich nicht nur sehr schätze, sondern von dem ich obendrein nur lernen kann. Er ist nämlich selbst Drehbuch- und Buchautor und hat fürs Fernsehen Krimis geschrieben. Einer, der Dramaturgie im Handgelenk hat. Da sage mal noch jemand, ohne Verlag könne man nichts bewegen. So einen Lektor würde ich nicht überall bekommen.

Mit ihm an der Seite werde ich nun verwegen. Ich bin gerade dabei, aus meinem Manuskript alles wegzuwerfen, was da nur steht, damit überhaupt eine Chance besteht, das Ding bei einem Verlag unterzubringen. Weg mit den Anpassungen und dem Glattbügeln, den kleinen Gefälligkeiten an den Einkäufergeschmack. Nun ziehe ich das Ding so durch, wie es von Anfang an gedacht war.

Dazu gehört eine fiktive Region, die sich an eine reale Landschaft anlehnt, ganz so, wie es die Briten mit Midsomer Murders gemacht haben, das nicht nur bei uns als "Inspektor Barnaby" so viel Geld einspielt. Mögen mich alle Regiokrimifans lynchen, bei mir wird es keine originalgetreuen Straßen mit original abgezählten Schrittlängen geben, sondern dramaturgisch arrangierte Häuser, die man vielleicht in realen Straßen findet und vielleicht auch nicht. Durch diese Freiheit blüht die Kreativität ganz anders auf.

Ich habe mich natürlich auf dem Buchmarkt umgesehen (damals schon) und festgestellt, es gibt durchaus Fans für das, was mir liegt, wenn ich denn britische Krimis schreiben würde. Brave Leichen, sich auch in kleinsten Dörfern manchmal seltsam häufend, ein feiner bis schwarzer Humor, skurrile Typen und Situationen und eine Ermittlerin nebst Anhang, die weder mit der Polizei noch mit ermittlerverwandten Berufen etwas zu tun hat. So stieß ich z.B. in der deutschen (!) Bestsellerliste der Amazon-Kindles (weil Marktführer) auf englischsprachige Krimis. Dem seltsamen Sprachgemisch wollte ich auf den Grund kommen und recherchierte. Heraus kam eine englische Bestsellerautorin mit einer Reihe, die in England jedes Kind zu kennen scheint, die aber nie auch nur ansatzweise ins Deutsche übersetzt wurde. Wahrscheinlich, weil auch sie "cozy mystery" schreibt. Seit es nun aber E-Books gibt, ist die Sprache offensichtlich immer mehr LeserInnen egal. Sie kaufen die Krimis jetzt im Original (zumal die E-Books viel billiger sind). Und so kommt es, dass eine Autorin namens M. C. Beaton mit ihren Krimis um Agatha Raisin auch in den deutschsprachigen Charts oft ganz oben mitmischt.

Ich habe mir einen gekauft. Obwohl das Ding Längen hatte und nicht immer eine gelungene Hommage an Miss Marple ist, las es sich höchst kurzweilig und vergnüglich. Schon nach den ersten Seiten jubelte ich: Das war genau die Art Krimi, die ich in der Schublade habe!!! Nur ein wenig skurriler und statt englischem mit meiner eigenen Art Humor. Es gibt also doch Leser.

Und so wird es bald ein saftig-seltsames Ermittlertrio aus Frankreich, Deutschland und Polen geben; daneben einen eher störenden Hauptkommissar, der nur an die baldige Pensionierung denkt, nebst marzipansüchtigem Adlatus - und Mörder, die wie Tante Erna unter uns leben, mit gehäkelten Sofaschonern und einem Bierchen in der Hand. Gestorben wird recht alltäglich, im eigenen Bett, auf dem Komposthaufen - selbstverständlich immer durch Fremdeinwirkung. Let's go British, oder wie man da sagt. Mit meinem dollen Lektor bin ich jetzt richtig auf Stoff. Und dann schauen wir mal, ob "cozy mysteries" nicht doch funktionieren. Natürlich mit einem Cover ebenfalls vom Profi - das werde ich mir außerdem leisten.

15.05.2012

Empathie statt Hass

15.05.2012 0
Frank Schirrmacher fordert in der FAZ angesichts der Urheberrechtskampagnen von beiden Seiten: "Schluss mit dem Hass". Seine Methode der gegenseitigen Annäherung hat viel für sich: Empathie und kleine Schritte. Erst einmal die Position des anderen verstehen lernen, anstatt blind aufeinander einzudreschen:
"Was erwartet ein Autor, ein Sänger, ein Denker, wenn die erste Begegnung mit seinem Werk im Leben eines Menschen damit endet, dass er in seinen Sommerferien jobben musste, um 1200 Euro Strafe zu bezahlen?"
Sein Artikel ist weit mehr als ein Aufruf zum runden Tisch und eine Anklage des Abwahn-, pardon, Abmahnwesens. Er fragt nach einem Grundzustand, der sich in unsere Gesellschaft eingeschlichen hat: Kunst, die sozialisieren kann, die Werte vermitteln kann, Dinge hinterfragen und auch provozieren, schön sein oder schöne Stunden bereiten - wird zunehmend gekoppelt an einen Staatsbürger, der im Kontakt mit der Kunst zum potentiellen Kriminellen umdefiniert wird. Kunst würde damit zum "potentiellen Infektionsherd für Strafe" schreibt Schirrmacher. Keine gesunde Entwicklung.

Ein Artikel zum Nachdenken. Ein schönes Schlusswort für mich zur Aufregung der letzten Tage. Wenden wir uns wieder der Kunst und den wirklich wichtigen Themen zu. Warum machen wir Kunst? Was wollen wir damit bewirken? Welchen Einfluss haben wir, dass Kunst wieder positiv wahrgenommen werden kann? Kunst und Kultur sind ein Überlebensmittel einer Gesellschaft. Geben wir ihr diesen Stellenwert zurück, bevor es zu spät ist.

12.05.2012

Notbremse

12.05.2012 0
Nach Carta bringt nun auch das Branchenblatt Buchreport meinen Beitrag, da liegt schon wieder eine Anfrage zu einem Radiointerview und auf allen Kanälen dampft das Feedback, warten Fragen. Leider bin ich im Gegensatz zur besprochenen Kampagne nur eine Einzelperson mit zwei Händen und lediglich einem Hirn - und ohne persönlichen Assistenten, auf dem Scheibtisch wartet außerdem das Buch eines Kollegen, das ich fertig lektorieren muss.
Kurzum: Ich bin einfach mal radikal offline jetzt, auch wenn's überall drängelt und drängt, die Diskussion ist auch nächste Woche noch aktuell. Ich wünsche allen ein wunderschönes Wochenende!

11.05.2012

Jetzt auch bei Carta

11.05.2012 0
Ich habe früher einmal gelernt, man crossposte nicht. Aber ich konnte Carta unmöglich ein Crossposting ausschlagen - nun also auch dort.

Wir sind - ohne mich!

Es ist womöglich eine sehr "deutsche" Reaktion: Anstatt sich an einen Tisch zu setzen und Zukunft aktiv zu gestalten, steckt man sich Buttons an: Für oder gegen Atomkraft, für oder gegen Fleisch, für oder gegen das Urheberrecht. Die Schützengräben verlaufen durchs Wohnzimmer, die Gegner sind klar gekennzeichnet und immer ist der andere der Feind. Ich habe das mit den Buttons in den frühen 1980ern auch gemacht. Aber dann bin ich älter geworden und aus einem unserer Körnerfresser mit Turnschuhen und Buttons wurde ein Außenminister im Anzug. Spätestens da konnte man sehen: Menschen sind nicht schwarz oder weiß, nicht eindeutig, nicht immerwährend zu kategorisieren. Menschen, die noch ein bißchen Leben in sich haben, sind bunt, sie changieren, sie ändern ihre Meinung, sie sitzen zwischen den Stühlen, sie lieben womöglich Freund und Feind. Wie viele Menschen mögen sich keinen Button anstecken, weil sie eigentlich beide tragen müssten, weil sie sich mit gegensätzlich scheinenden Meinungen identifizieren? Oder weil sie von keinem von beiden vertreten werden?

Meine Kolleginnen und Kollegen tragen wieder Buttons. Und weil es so bequem ist, kann man sich heutzutage sogar welche klicken und sich online in Schubladen sortieren. Die etwas gediegeneren Herrschaften machen das noch mit Unterschrift, ausgedruckt. "Wir sind die Urheber!" platzte es plötzlich aus allen Kanälen und schließlich auch aus der ZEIT. Namhafte, wirklich sehr namhafte Menschen vor allem aus der Buchwelt haben unterschrieben, es liest sich wie ein Who is Who der Feuilletongesegneten. Auch ich wurde aufgefordert, zu unterschreiben.

Meine erste Reaktion war, eine Aktion der Bildzeitung zu vermuten. Nach "wir sind Papst und Fußball und überhaupt" jetzt also noch ein "Wir sind wieder wer"? Als typisch individualistische Urheberin bin ich immer sehr vorsichtig, wenn mich ein "Wir" vereinnahmen will. Was will dieses Wir von mir?

Ganz ehrlich: Ich habe mich geschämt. Zutiefst geschämt. Dass all diese hochintelligenten UnterzeichnerInnen sich in ihrer gewiss verständlichen Rage offensichtlich keine großen Gedanken gemacht haben, was sie da unterzeichnen. Oder vielleicht doch? Was mag das über das Wir aussagen?

Ich kann "Wir sind die Urheber" nicht unterzeichnen. Vielleicht, weil ich mir über das Urheberrecht schon viel zu viele Gedanken gemacht habe? Ich fühle mich nämlich nicht von feudalen Mächten bedroht und weiß, dass es im 19. Jahrhundert, vor dem Urheberrecht, auch richtig wild lukrative Zeiten für Schriftsteller gab. Bedroht fühle ich mich dagegen von Zeitungsredaktionen, die mir Buy-out-Verträge andienen, um im Gegensatz damit zu drohen, mich abzumahnen, wenn ich auf meiner Website aus einer Buchrezension zu viel zitiere. (Übrigens oft genau die Zeitungen, in denen sich diese "Wir" tummeln). Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch die Existenz des Urheberrechts, sondern durch knallharte Verhandlungen mit immer sparsameren Auftraggebern. Es geht mir nicht schlecht, weil ich meinen Buchtrailer bei youtube verschenke oder 1000 Menschen meinen Roman kostenlos herunterladen. Es geht mir schlecht, weil die Vorschüsse kontinuierlich sinken, sich die Tantiemen an keine Inflation anpassen, Buchhandlungen Lesehonorare verweigern, ich am Ende der Nahrungskette Buch stehe, obwohl ich mein Buch überhaupt erst ermögliche. Wo sollen Menschen wie ich unterschreiben?

Und warum merkt keiner von diesen intelligenten Menschen, dass man ein Urheberrecht nicht stehlen kann, schon gar nicht böswillig rauben? Es ist unveräußerlich - und das, was da geraubt wird, ist eigentlich eine wundersame Vermehrung. Wie will ich klar und deutlich über solch wichtige Gesetze diskutieren, wenn ich nicht einmal die einfachsten Rechtsbegriffe verstehe?

Ich kann die Polemik nicht unterschreiben, weil mir das Urheberrecht leider nicht ermöglicht, von meiner Arbeit als Buchautorin leben zu können - im Gegensatz zu den Berühmtheiten unter den UnterzeichnerInnen. Ich kann sie aber auch deshalb nicht unterschreiben, weil diese bösen "globalen Internetkonzerne" mich nicht entrechten, sondern mir überhaupt erst ermöglichen, endlich anständig für meine künstlerischen Projekte entlohnt zu werden - und das weltweit. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Buchhändler irgendwelchen Büchern verweigern und Verlage Regalplätze bezahlen - wir haben die größte demokratische Verkaufsmaschinerie im Internet. Vorbei sind die Zeiten, wo man mir für E-Books lächerliche Tantiemen geben will, ich mach mir das selbst! Vorbei sind die Zeiten, wo ich Artikel wie diesen im Total Buy Out ans Feuilleton lieferte - ich bringe ihn auch so unters Volk und finanziere ihn durch Blogbücher.

Nehmen wir eine Gedenkminute für das Branchenjammern, das jetzt einsetzen mag. Ich habe kein Ohr mehr dafür. Als ich als Autorin einmal auf Sozialhilfe war, hat auch niemand Mitleid mit mir gehabt. Sie müssen unabhängiger werden, mit der Zeit gehen, die neuen Chancen ergreifen, hat man mir damals auf dem Amt gesagt. Wie lange wollen wir alle noch verschlafen, was wir von den Kids lernen könnten? Wann wollen wir uns endlich gemeinsam an einen Tisch setzen, uns einbringen, diskutieren, miteinander - für eine Welt, in der sich alle in Kompromissen wiederfinden können? Wann reden wir Urheber endlich darüber, dass die Nutzungsrechte-Regelungen teilweise völlig veraltet sind?

Das sei deutlich gesagt: Ich bin für das Urheberrecht. Es ist eine wunderbare Errungenschaft. Ich bin aber auch für eine Reform. Und da stehe ich in manchen Punkten fast auf der ach so falschen Seite. Deshalb gibt es für mich kein "Wir" - weil mich dieses "Wir" ausstoßen würde.

Ich passe längst nicht mehr zu diesem papierenen Wir. Meine Arbeit ist global, digital und multimedial, vereint mehrere Berufe. Ich kann nur ein paar einzelne Punkte streifen, die mir durch den Kopf gehen:

Ich brauche keinen Urheberrechtsschutz über meinen Tod hinaus. Nicht, dass ich Tante Erna nicht das fette Erbe von Büchern gönnen würde, die sie bei meinen Lebzeiten nie gelesen hat. Aber was, wenn sich Tante Erna benimmt wie die Witwen von Brecht oder Beuys? Ich kann ein Lied von den Witwen singen, den Sammlungen und Privateignern. Bei der Recherche zu historischem Fotomaterial für Sachbücher kann einem das Urheberrecht graue Haare bescheren! Wer mag der unbekannte Fotograf eines bestimmten Studios gewesen sein, wer sind seine Erben und was verlangen die?

Längst habe ich mir abgewöhnt, solche Arbeiten in Deutschland zu erledigen. Fotorechte? Können Sie haben, macht 300 Euro pro Bild, wir sind kulant. In den USA bekomme ich die gleichen Fotos umsonst, weil die Eigner dort Bildung und Kultur zuliebe die Abdruckrechte umsonst abgeben oder allenfalls einen kleinen Obolus für spezielle Datenaufbereitungen verlangen, für die Arbeit damit. Ganze Bibliotheken, Archive und digitale Sammlungen stehen mir im Ausland online zur Recherche zur Verfügung. Ich muss die Urheberrechte achten, aber die Nutzungsrechte werden mir einfach und preiswert angeboten. Da greife ich umso lieber zu - und das kommt meinen LeserInnen zugute. Sie erfahren mehr.

Ich bin dagegen, Kids und Jugendliche zu kriminalisieren, wie es hier in Frankreich geschieht. HADOPI ist eine einzigartige Steuergeldervernichtungsmaschine geworden, bei der man Schulkinder fängt und deren Eltern anklagt. Ich bin dafür, die ganz großen Fische zu jagen, die Macher der Piratenbörsen, die wirklich Verantwortlichen. Dafür bräuchten wir globale Aktionen und Möglichkeiten, konzertiertes Arbeiten. Piratenjagd auf die wahren Piraten - vielleicht helfen uns die anderen Piraten mit ihren Kenntnissen dabei? Wie wäre es mit einer kleinen Bekehrung auf beiden Seiten? Dazu müsste aber jeder vom eigenen hohen Ross herunter, statt Grabenkampf wäre Aufklärung angesagt, Erziehung zu Unrechtsbewusstsein - und jede Menge guter Beispiele, denen es nachzueifern lohnt.

Was habe ich in meinem jugendlichen Leichtsinn Radiosendungen aufgenommen, kopiert, verschenkt und noch mehr kopiert, ganze Bücher vervielfältigt, weil sie der Studentin zu teuer waren und mich keineswegs kriminell gefühlt! Wie viele Kinder der Unterzeichnenden mögen es heute noch so halten, heimlich? Irgendetwas ist dann mit mir passiert, dass ich trotzdem Geld für Musik und Bücher ausgegeben habe. Dieses Etwas sollten wir hegen und pflegen! Dieses Etwas wächst nicht aus Kriminalisierung.
Natürlich bin ich gegen Piratenbörsen. Aber verfolgen wir doch bitte bitte die wahren Schuldigen!

Da wäre noch ein Punkt, warum ich Schreiben nicht unterzeichnen mag, die mir vorgaukeln, nur die reine Existenz des Urheberrechts sichere mir Urheberin meine Existenz. Das ist eine Lüge. Gewiss bekomme ich von der VG Wort jährlich einen manchmal lächerlichen Scheck für all die ausgeliehenen Bücher, die Pressespiegel, das Anhören meines Hörbuchs. Gewiss werde ich von Buchverlagen bezahlt. Aber das ist eben nicht mehr selbstverständlich. Zeitungsverlage haben mir die überlebenswichtige Möglichkeit der Mehrfachverwertung genommen, während sie selbst - ohne mir Honorare dafür zu zahlen - meine Stoffe zigfach bei Dritten verwerten können. Manche meiner Buchverträge, als ich noch jung und doof war, wollten mich gar lebenslänglich binden, global, sozusagen jenseits von Zeit und Raum. Wo sind die Aufschreie der Urheber gegen unsittliche Verträge?

Nein. Das Urheberrecht sichert den meisten von uns längst nicht mehr die Existenz. Bei den Nutzungsrechten sind wir teilweise zu modernen Sklaven ganz neuer Feudalstrukturen geworden. Viele KollegInnen empfinden sich als BittstellerInnen, nicht mehr als SchöpferInnen. Es wird höchste Zeit, über Nutzungsrechte zu reden; über neue, moderne Möglichkeiten und vor allem über Geld. Darüber, dass uns alte, etablierte Institutionen zunehmend im Regen stehen lassen und die ach so bösen globalen Internetkonzerne bieten, was jene verschlafen. Ich wage, aus eigener Erfahrung zu behaupten, dass die Menschen da draußen, sogar Piraten darunter und Grüne und was es da alles an Feindbildern gibt, durchaus gewillt sind, Künstler zu bezahlen. Geben wir ihnen die Möglichkeit!

Klopfen wir aber auch mal den alten Institutionen auf die Finger. Warum bekomme ich für meine E-Books z.B. keinen Scheck von der VG Wort? Der Feudalismus ist Historie. Das reine Papierzeitalter jedoch auch.

Update:
Ich werde auf mehreren Kanälen gefragt, wo mein Spendenknopf sei, ob man mich flattrn könne etc.
1. habe ich schlechte Erfahrungen mit der Bezahlfirma mit dem P gemacht
2. Habe ich den Spendenbutton wieder abgeschafft, weil sich so gut wie niemand beteiligte.
Stattdessen kann man sich durch den Kauf eines Blogbuchs bedanken:
Band 1 ist soeben erschienen und hier zum Preis von Kaffee und Hörnchen zu haben.
Ich sage auch nicht Nein, wenn jemand eins meiner anderen Bücher kauft oder mich einfach nur weiterempfiehlt, die Liste der aktuellen Titel gleich rechts neben diesem Artikel!

Lesetipps:


09.05.2012

Geheimcode B0081TWQH2

09.05.2012 0
Unter dieser sogenannten "ASIN" wird Nijinsky sehr bald auch elektronisch tanzen; wenn die Amerikaner fleißig sind, vielleicht schon morgen früh! Oder anders gesagt: die Autorin hat sich gerade Stunden mit den letzten Technikproblemen und Korrekturen um die Ohren gehauen, damit das E-Book erscheinen kann. Feierabend.
Update: Es ist soweit - hier gibt's Nijinsky als E-Book. Einziger Unterschied zum Print: Auf die künstlerisch durchdachte Aufmachung in Buchsatz und Typografie müssen die Leser ebenso verzichten wie auf zwei Fotos von insgesamt 22, weil deren E-Rechte zu unsicher waren.

08.05.2012

Keine normale Lesung

08.05.2012 4
Ziemlich hektisch ging es im Vorfeld meiner Nijinsky-Lesung zu, die heute abend in Baden-Baden stattfindet. Denn am Sonntag meinte die Veranstalterin, Fotos wären gut, mit dem Beamer an die Leinwand geworfen, damit man sich den Nijinsky auch noch ansehen könne. Nun bin ich nicht der Vortrags- und Konferenztyp, habe also noch nie einen Beamer in der Hand gehabt. Also Onkelchen gefragt, was man da wie und wo reinstopft und der klärte die Sache ganz lapidar. "Dein Laptop ist zu alt. Der hat die Anschlüsse nicht." Einen Anruf später nahte die Rettung: Ein Freund bringt seinen Laptop mit und macht das für mich, so muss ich mich nicht auf irgendwen Wildfremden verlassen und die Lesung wird bunt.

Für mich ist es keine normale Lesung. Als ich gestern die ausgewählten Stücke probte und die Fotos zu den Zwischenteilen ordnete, in denen ich frei erzählen werde, kamen mir tatsächlich selbst die Tränen vor Rührung. Ich hatte ganz vergessen, was für eine innige Beziehung man zu einer Figur aufbaut, mit der man sich jahrelang so intensiv beschäftigt. Besonders intensiv auch insofern, als es da um psychiatrische Krankenakten ging, um sehr viel Leid - und die eigenen Zugänge zur Kunst, die Fragen, die man sich selbst dabei stellt: Wie ernst nimmst du deine Kunst? Wann würdest du aufgeben, unter welchen Umständen weitermachen? Ich gebe zu, ich habe mit diesem Buch nur durchgehalten, weil ich mich frech mit Sergej Diaghilew identifizierte: Auch der hatte keinen Cent Geld, hat aber beharrlich versucht, seinen Traum auf die Bühne zu bringen. Und dann lief das auch. Ich habe mir selbst den ganz großen Kick damit verschafft, indem ich zur Unzeit mein letztes Geld für eine Opernkarte ausgab. Das Mariinsky-Theater mit Ausschnitten aus Boris Godunov, der Oper, mit der Diaghilew in Paris anfing. Es sollte ein Zeichen werden, Nijinsky hatte im Mariinsky begonnen.

Friedlich und still hat hier ein sonniger Feiertag begonnen. Außer in Deutschland feiert man das Ende der Naziherrschaft, den Sieg über das große Grauen. Mein Buch endet mit der dramatischen Befreiung Nijinskys durch die Rote Armee. Und es ist dieser Tag, den die Russen wegen der Zeitverschiebung erst einen Tag später feiern, an dem ich zum ersten Mal vor einem deutsch-russischen Publikum auftreten werde. In solchen Momenten geht mir die historische Dimension dessen auf, was ich mache. Wer hätte damals je gedacht, dass wir wieder - wie in Zeiten der Ballets Russes - an einem Tisch sitzen können und freundschaftlich an gemeinsamer Kultur arbeiten. Wir sind so privilegiert heute, haben so viele Chancen ... Das Ende meines Buchs liest sich an einem solchen Tag noch einmal ganz anders.

Zum heutigen Abend haben mich jene Opernkarte und mein Buch geführt, man könnte auch sagen, meine verrückten Schnapsideen. Weil ich auf absehbare Zeit nicht nach Sankt Petersburg konnte, dachte ich mir, wäre es doch ganz nett, Russen in Baden-Baden kennen zu lernen. Eine Idee, die mir in der Oper kam. Das Buch und eine Frau, die ich zufällig bei einer Lesung kennengelernt hatte, öffneten mir eine Tür und nun bin ich selbst aktives Mitglied in der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft. Klingt komisch, aber für mich war das wie Heimkommen. Diese Gesellschaft ist die Veranstalterin des Abends - vor über einem Jahr hätte ich noch jeden für verrückt erklärt, der mir davon erzählt hätte, was ich heute tue.

Natürlich bin ich aufgeregt, muss mich auch sehr stark konzentrieren, heute abend unbedingt langsam zu reden. In der Begeisterung fliegen mir die Worte zu schnell davon. Und ich hoffe, sie fliegen mir zu, denn zwischen den drei Leseteilen will ich frei erzählen, ohne Notizen. Eins weiß ich jetzt schon: Was ich heute verdiene, werde ich in eine Opernkarte investieren. Das Mariinsky kommt nämlich im Sommer wieder. Und diesmal geben sie den ganzen Boris Godunov. Soviel komische Zeichen müssen sein ...

Eine PR-Frau packt aus

Hoppla - auf der re:publica gab es ein Interview, das die Autorin Kathrin Passig mit Gesine von Prittwitz von der Buch-PR-Agentur Prittwitz und Partner führte - das jede Autorin, jeder Autor unbedingt lesen sollte. Aber Achtung, es nimmt auch noch das letzte bißchen Idealismus, das man in dieser Branche noch empfinden könnte. Denn es deckt schonungslos auf, wie Bücher gemacht werden, wer die wahre Macht hat und warum es bei immer mehr Verlagen auf echte Inhalte gar nicht mehr ankommt. In voller Länge hier zu lesen.

01.05.2012

Neue Zahlen zu E-Books

01.05.2012 7
Wie verkaufen sich E-Books eigentlich? Lohnt es sich überhaupt, für diesen winzigen Markt zu produzieren und so viel Energie hineinzustecken? Zwei essentielle Fragen bekommen derzeit wieder ein paar Antworten, die man interpretieren mag wie man lustig ist, denn es handelt sich natürlich nur um Statistiken.

Steffen Meier vom Ulmer Verlag präsentiert eine doch recht erhellende Infografik über den E-Book-Markt in Deutschland (von Wirtschaftswoche und Statista). Demnach nimmt in der Belletristik die Zahl der Leser gegenüber der letzten Statistiken offensichtlich rasant zu, vor allem konsumieren E-Leser mehr als Papierleser, was sicher an den Preisen liegen mag. Sachbücher dürften meiner Einschätzung nach noch deshalb etwas abgehängt sein, weil sie technisch oft komplizierter zu programmieren sind und deshalb vielleicht gar nicht erst in Angriff genommen werden. Bestätigt im Trend: Amazon ist mit Abstand Marktführer, der Abstand zu Apple scheint sich sogar vergrößert zu haben, deutsche Shops verkaufen lächerlich wenig. Auch wenn 1% vom Gesamtumsatz Buch wenig sein mag, so muss man dieses Ergebnis in der Relation zu den Preisen und Kosten der Verlage setzen. Für Self Publisher, die vom Buchhandel leider immer noch stiefmütterlich behandelt werden, dürfte der E-Markt dagegen aufgrund der besseren Distribution der größere sein. Allerdings sollte man sich auch hier vergewissern, ob die eigene Zielgruppe überhaupt E-Books liest - je nach Art des Buchs kann das nämlich auch ins Auge gehen.

Man muss sich außerdem vergegenwärtigen, wie jung der europäische E-Book-Markt in seiner jetzigen Form ist: Erst vor einem Jahr eröffnete der deutsche Kindle-Shop! Amazon veröffentlicht zum Jubiläum Jahresbestsellerlisten, die recht aufschlussreich sein können. Im Gegensatz zu Bestsellerlisten bei Spiegel & Co., die nicht nur den Kindle Shop, sondern auch Self Publisher herausrechnen, sehen hier die Verkäufe doch anders aus. Es geht in E natürlich auch genau das, was in Papier ebenfalls in die Stapel gepuscht wird. Bestseller verkaufen sich in egal welcher Form.

Neu und überraschend mag jedoch sein, dass sich in dieser Liste der meistverkauften E-Books Self Publisher absolut gleichberechtigt zu Verlagsautoren tummeln. Namen wie Matthias Matting, Emily Bold, Jonas Winner, Cathy McAllister, Michael Linnemann oder David Gray schreiben nicht für Verlage - nicht mitgerechnet sind dabei Eigenverlage, die man auf Anhieb nicht erkennen kann.

In einer Facebook-Gruppe ("Self Publishing", daher auch die Zahlen) entspann sich deshalb eine Diskussion um die Bücher von Michael Linnemann, die scheinbar in dieser Form kein Verlag genommen hätte. Irgendetwas muss trotzdem an ihnen dran sein, denn der Autor habe in einem Interview gesagt, dass er in den ersten vier Monaten dieses Jahres 55.000 seiner E-Krimis verkauft habe. Amazon lässt sich in die Berechnung seiner Ränge nicht hineinschauen, seine Algorithmen sind bestgehütetes Geheimnis und offensichtlich spielt auch der erzielte Umsatz eine Rolle. Trotzdem kann man sich durch Vergleiche ungefähr ausrechnen, was ein Autor leisten muss, der in die Topliste des Jahres kommt: Platz 6, "Grimms Märchen" aus dem Null Papier Verlag von Jürgen Schulze, soll ebenfalls laut Interview 25.000 mal verkauft worden sein.

Diese Höhen wird nicht jede Art von Buch und nicht jeder Autor schaffen. Und wie und warum es die geschafft haben, die sich dort tummeln, mag ein Geheimnis sein wie die märchenhafte Bestsellerformel. Dass es aber Self Publisher ohne die Maschinerie eines Verlags und ohne die potente Unterstützung von Buchhandel und Feuilleton überhaupt so weit bringen, spricht doch sehr für einen revolutionären Umbruch in der Branche. Den Lesern ist egal, worüber wir uns einen Kopf machen. Sie wollen Geschichten und sie holen sie sich, selbst wenn sie sprachlich erstaunlich unbearbeitet sind.

Aber auch das passiert im Moment: Autoren, die mit einer Story Erfolg und damit Einkünfte haben, lassen ihr Buch nachträglich lektorieren und kommunizieren das ganz offen. So wird das E-Book auch zu einem "Work in Progress", einer offenen Geschichte, an der die Leser als Kritiker Anteil haben. Welcher Verlagsautor schreibt sein Buch um, weil dem Publikum etwas nicht gefällt? Und welche Möglichkeiten experimenteller Art ergeben sich aus der Idee von Mitmachbüchern erst!

Eines scheint jedenfalls den Self Publishing Bestsellerautoren gemeinsam zu sein: Sie sind unwahrscheinlich fleißig und kümmern sich gleichzeitig auch noch um ihr Publikum. Sie sind mutig, innovativ und machen einfach. Warten war gestern.
Es ist wohl das erste Mal in meiner Laufbahn als Autorin, dass Autoren ganz allein eine derart starke Position entwickeln können. Denn wer sich bei all dem gutdeutschen Verschlafen von Entwicklungen warm anziehen muss, das sind diesmal nicht die Autoren, sondern die Verlage und der Buchhandel. Das sollte den Autoren das nötige Selbstbewusstsein geben. Wir sind keine Bittsteller, wir haben ein hohes Gut zu bieten: unsere Schöpfungen; das, was Leser brauchen und was ein Buch ausmacht. Und die anderen Marktbeteiligten? Die lernen vielleicht ganz rasant um, bevor es zu spät ist wie einst in der Musikbranche?
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