Wenn einem der Knopf aufgeht

Wenn einem der Knopf aufgeht, steht man nicht unbedingt nackt da. In südlichen Gefilden sagt man nämlich auch zum Knoten "Knopf" - und wenn der sich löst, kann einen das berühmte Heureka-Gefühl treffen. Das ist weit mehr, als wenn nur der Groschen fällt oder wie bei den Briten the penny is going to drop. Wer je bei einer Stickerei versucht hat, einen an der falschen Stelle entstandenen Knoten zu lösen, weiß, was ich meine: Es werden Wege frei zu einem komplexen Kontext, ein Gewebe wird sichtbar. Oder ein Gewege? So ging mir das gestern durch "Zufall".



Ich schleppe seit Monaten unlösbare Fragen mit mir herum und habe auch jetzt noch keine greifbare Antwort. Aber plötzlich löste sich der Knoten und ich sah mich als winziges Mosaikstück von einer Art Gewebe, Gedankengewebe. Ich dachte diese Fragen nicht allein und wie ich sie dachte, war auch alles andere als schräg, sondern weit verbreitet. Wenn man denn das entsprechende Biotop findet.

Ich will nicht lange geheimnisvoll tun: Es geht ums Schreiben. Um mein Schreiben. Mit dem ich seit ein paar Jahren Ringkämpfe ausfechte.

Vor wenigen Jahren bin ich ziemlich radikal aus dem Buchgeschäft ausgestiegen, das Schreiben an sich kann ich natürlich trotzdem nicht lassen. Länger schon brutzelt ein Thema in mir herum, das komplexeres und ausführlicheres Schreiben als im Blog erfordern würde. Und etwas ganz anderes. Aber egal, was ich versuchte und notierte: Das war nicht meins, das fühlte sich nicht adäquat an für das, was ich erzählen will. Kennen die KollegInnen alle, gehört dazu. Früher hätte ich gesagt: "Setz dich gefälligst hin, nöl nicht rum, sondern fang an. Verbessern kannst du immer noch. Aber mach endlich!"

Diesmal ist es anders und radikaler. Wenn ich in meiner Muttersprache schreibe, wird es nichts. Der Text kommuniziert mit einem Kontext und mit Subtexten, die nicht mehr die meinen sind. Alles, was ich lese und denke, worauf ich mich manchmal stütze, müsste ich für die anderen übersetzen, denn ich empfinde es längst in anderen Sprachen. Nach 30 Jahren im Ausland kein Wunder.

Ich hatte im Hinterkopf eine Idee einer Form, der ich immer öfter begegne, aber nie in meiner Muttersprache. Oder selten, in irgendwelchen Nischenblättern. Die Aufträge, die ich in der Richtung früher als Journalistin verwirklichen konnte, kann ich an einer Hand abzählen; ProgrammchefInnen in Verlagen brachten es außerdem auf den Punkt: "Das will keiner!" - "Das verkaufen wir nicht!" Und genau deshalb müssen es Menschen wie ich dann auf Englisch oder Französisch lesen, meist auf Englisch. Da sind die Traditionen diesbezüglich ganz groß.

Ich verdanke die Erkenntnis vielleicht einem Daddelspiel, mit dem ich mir gestern ganz dumpf die Gluthitze vertrieben habe, als Schlafersatz oder Hirnabschaltung. Man "evolutioniert" da Nahrungsmittel, pfatscht grinsende Melonenstücke zusammen, die dann zu irgendetwas anderem Essbaren inkarnieren. Inzwischen war ich beim fröhlichen Gemantsche zum "Baum" geworden, aber die Hitze grillte die Hirnwindungen weiter unerbittlich. Vielleicht würde ein wenig Twitter den Synapsen aufhelfen? Ich überflog Tweets in einem Zustand kurz vor dem Einschlafen. Nahm nichts mehr auf. Bis mir zwei Wörter in einem Retweet eines mir völlig unbekannten Menschen regelrecht entgegenglühten: Feature Writing.

Völlig banale Sache. Alltäglich. Gibt es in den Zeitungen, die ich lese, täglich. Und ist auch nur eine journalistische Form von vielen. Aber für mich war's der Knopf, der aufging, ich fiel regelrecht in eine Knopfschachtel der Erinnerungen mit diesen zwei Worten. Und hatte den Chef unserer Landredaktion wieder im Ohr, den wir so gern nachäfften, wenn er sagte: "Mädle, schreib'sch ä scheens Fietscherle!" Unsere Halbgötter waren die BBC und der New Yorker, auch im Unterricht. Journalism at its best, die Crème de la crème. Einmal so schreiben können!

Ich werde nie vergessen, wie eines Tages jemand bei mir in gebrochenem Französisch anrief: "Do you speak English?" Und wie mich der Regisseur aufgrund eines meiner Bücher um Mitarbeit bei einem Projekt bat: "You can even write in English? That's great!" Und so entstanden Texte zu einer DVD zum Thema Francis Poulenc für die BBC. Als wir uns dann auch noch in Strasbourg trafen und im Museum für Moderne Kunst drehten, lief das alles ab wie ein Traum. Ich wurde interviewt als "Fachfrau" für Schwarze Madonnen und nebeneinander geschnitten mit der damaligen Koryphäe von der Universität Berkeley und einer Professorin aus Oxford. Auch wenn ich das heute noch anschaue, denke ich, ich sei im falschen Film, eine Hochstaplerin. Sie haben mir deutsche Untertitel gegeben, die jemand anderes übersetzt hat. Die Arbeit war hart, aber das reine Vergnügen - und die Honorare stimmten auch. Ich konnte rauslassen, was ich konnte. Das Mädle mit den Fietscherle.

Ich erinnere mich an die 1990er, als das Internet noch neu und überschaubar und fast ausschließlich englischsprachig war. Ich fand es irre, mit jemandem auf Papua Neuguinea zu chatten oder in Mailinggruppen zwischen berühmten WissenschaftlerInnen und absoluten LaiInnen Spannendes zu diskutieren, zu erfahren. Irgendwie kam es mir völlig natürlich vor, als ich einen amerikanischen Verlag an die Angel bekam. Die wollten damals mehr von mir in der Art meiner ersten beiden Sachbücher. Leider setzten sie auf die zu der Zeit gehypten Rocketbooks und keiner ahnte auch nur annähernd, dass das Ding, das nie wirklich ganz funktionierte, eine Totgeburt war. Immerhin, es gab damals in den USA einen E-Reader-Text von mir, an den ich mich nicht einmal erinnere. Ein Essay. Ich dachte und schrieb ja auch in Warschau - neben Polnisch - fast nur auf Englisch. Die Warsaw Voice war eigentlich eine amerikanische Zeitung.

Was war passiert? Irgendwann unterwegs in der Buchbranche muss mir das Selbstbewusstsein abhanden gekommen sein. Wir sind viel zu wenig selbstbewusste "créateurs", obwohl wir das liefern, was all die anderen fürs Überleben brauchen. Ohne uns wären sie nichts (und in Zeiten des Selfpublishing sind wir durchaus ohne sie lebensfähig). Stattdessen trainieren wir uns das Bittstellergehabe auf dem Weg zum Vertrag an. Als ich bei Suhrkamp unterkam, fragte ich neugierig nach meinem Lieblingsgenre und bekam Titel genannt, die ich längst im Original gelesen hatte und die in deutscher Sprache kein bißchen liefen.

Wie ich also in meiner Knopfschachtel der Erinnerungen herumhopste, fand ich meine Sprache wieder. Ich hopste auch im Internet herum, fand Gedanken wieder, die ich auch schon gedacht hatte. Es ist völlig o. k., dass ich plötzlich zeichne, weil ich keine adäquaten Worte habe! Es ist tatsächlich auch Erzählen und Storytelling, wenn ich das Gras, das Bilbo am liebsten zum Magenreinigen frisst, mit einer alten Buchpresse plattmache und es dann mit Notizen in ein "Herbarium" einklebe. Wörter haben durchaus etwas Pflanzenartiges an sich, auch wenn sie ihre "Photosynthese" anders machen. Wenn man sie frei leben lässt, atmen sie. Texte müssen nicht linear verlaufen. Es war die beste Entscheidung seit langem, eine Ladung leerer Sketchbooks zu kaufen.

Und dann falle ich heute wieder auf einen Text, der so genau passt. Er ist von einem, der für den Guardian und die BBC arbeitet und Bücher verfasst: Paul Evans. Er schreibt da:
Instead, I feel that in a post-secular world – one in which the secular and the spiritual co-exist in a multi-cultural way – there is a sacredness to Nature that I have to try and articulate and admit that, as the philosopher Alan Holland says simply: “Nature is good, even when it’s not good for us.
Und dann spricht er gelassen aus, womit ich ringe: Es sind all diese Paradoxa, es ist dieses verdammte "Post-Irgendwas", dieses Gefühl, vielleicht zu spät zu kommen, Chancen verpasst zu haben, noch nicht ganz im Post-Post zu sein, jener Zeit, die etwas Neues ist, die nach einer Zukunft schmecken könnte. Er sagt:
Post Nature nature writing – post-humanist, post-pastoral, post-secular – are paradoxes that will break open like chrysalids when they emerge from the emergency.


Schreiben kann für mich nur funktionieren, wenn ich die Diskrepanzen unserer Welt, unserer Zeit aushalte. Und einen Weg für mich selbst finde, das Gewebe des Erzählens auf seine Weise atmen zu lassen. Ich finde die Querverbindung seines Zitats zu meinen neuen Papierskulpturen: chrysalid ist der Zustand, in dem ich mich dabei noch befinde, da ist etwas dabei, herauszubrechen. Chrysalis nennt man die Puppe von Schmetterlingen.

Und so habe ich in all meinem Geschwurbel Pläne im Kopf, für die es aber wohl die Winterruhe braucht: Ich werde ein neues, zusätzliches Blog aufsetzen. Ich brauche eine Oberfläche, auf der ich Text, Bilder und vielleicht auch Podcast miteinander verbinden kann. Dass ich das abspalte, hat einen Grund: Ich werde es auf Englisch schreiben. Englisch ist auch die Sprache, in der ich meine Kunst grenzüberschreitend präsentiere. Und wenn das nicht perfekt ist und unlektoriert, so what!

Und s' Mädle will wieder Fietscherle schreiben, literarisches Essay, literarische Reportage. Eben in der Sprache, in der das gepflegt wird. Warum nicht einfach sichtbar für alle lernen und üben? Sag mal keiner, dumpfe Daddelspiele seien schädlich. Während ich grinsende Melonen zu Brei klatschte und sich mein Kopf ähnlich anfühlte, ist dieser Beitrag entstanden. Melonenbrei also, einfach Melonenbrei, der noch ein paar Levels, äh Evolutionsstufen, vor sich hat.

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