Expeditionen im Garten

Eltern sollten nie ihre Kinder auslachen, wenn diese seltsam klingende Wunschträume äußern. Es könnte nämlich passieren, dass sie das Träumen nicht nur aus Trotz wahrmachen. Oder anders formuliert: Es ist erstaunlich, wie gut kleine Kinder sich selbst kennen. Ich erzählte es bereits: Ich wollte als kleines Kind "Wissenschaftlerin für Marienkäfer" werden - und wurde dafür ausgelacht. So einen Beruf gäbe es nicht. Beim Kramen in einer Kiste auf dem Speicher stellte ich fest, dass ich irgendwann diesbezüglich sogar renitent wurde. Heute gehe ich auf Expeditionen sogar im eigenen Garten!

Man muss genau hinschauen: Blüht die Pflanze gelb statt weiß und sitzt die Frucht senkrecht auf, so hat man eine Indische Scheinerdbeere (Potentilla Indica) im Garten. Sie wurde bereits im 17. Jhdt. als Zierpflanze aus Südostasien importiert, verwilderte schnell und gilt heute in manchen Regionen als invasive Art. Hier im Nordelsass kommt sie ganz natürlich an Waldrändern oder Bachläufen vor. Die Früchte schmecken trocken und nach nichts außer Zucker, bieten aber vielen Tieren Nahrung. Die Scheinerdbeere bevorzugt wärmeres Klima.

Ich fand eine Reihe von Bildern und Blättern mit botanischen Zeichnungen, Zeichnungen von Tieren und Sammlungen für ein Herbarium. Bei dem Blatt mit den aufgeklebten Gräsern und Wildblumen sehe und rieche ich die Wiese wieder, auf der ich im Sommer Purzelbäume schlug. Ich schaue das Blatt mit Wehmut an, denn etwa ein Drittel der Gras- und Pflanzensorten habe ich seit sehr vielen Jahren nicht mehr in der Natur gesehen. Und das dürfte verhältnismäßig wenig Schwund sein, weil wir im Naturpark in Sachen Artenvielfalt noch verwöhnt sind.

Aus dieser Zeit stammt auch eines meiner Lebenslieblingsbücher: Das Bestimmungsbuch "Flora in Farben" von Hans Joachim Conert mit "667 wildwachsenden Pflanzen" aus dem Otto Maier Verlag. Zum Bestimmen folgt man Tabellen, die Blüten- und Blattformen, Farben, Blattaderformen und andere botanische Einzelheiten abfragen und einen mit Zahlen in einem faszinierenden Flussdiagramm-System so weiterleiten, dass man schließlich bei der richtigen Pflanzennummer landet. Zu der gibt es ein farbig gezeichnetes Bild und einen Text. Ich bestimme gern heute noch Pflanzen nach dieser Methode, weil sich dadurch die Familien und Verwandtschaften einprägen und man sehr genau hinschauen muss. Anders als beim Googeln, wo eine Art dann einfach so in der Luft hängt. Es schult den Blick.

Den brauche ich gerade sehr, obwohl ich Zeichnungen im Sketchbook und gepresste Pflanzen im Herbarium ganz neuzeitlich durch Fotos ergänze. Makrofotos schärfen den Blick ja ebenso. Falls also jemand fragt, wie ich meine Zeit vertrödle: Ich habe mich das ganze Wochenende über damit beschäftigt, wie Löwenzahn genau aussieht. Und selbst da habe ich mich verkramt, bin umhergeschweift, steckengeblieben.

Einmal genau hinschauen: Löwenzahnblüte mit Wildbiene. Über 550 Arten Wildbienen gibt es übrigens, wie bei den Pflanzen kann man sie auch mithilfe von Flussdiagrammen bestimmen.

Es ist verrückt, wie ich mich plötzlich wieder jung fühle, extrem jung. Ich entdecke nämlich die Kinderspiele der "Wissenschaftlerin für Marienkäfer" wieder. Eines habe ich nie ganz abgelegt, an dem ist Pippi Langstrumpf schuld. Mit meinem Sandeleimer zog ich los, um als "Sachensucherin" Schätze zu sammeln. Damals waren das vor allem glitzernde Quarzsteinchen aus einem Kiesweg, auch heute noch bin ich leidenschaftliche Steinsammlerin. Und habe inzwischen ausgerechnet einen steinesammelnden Hund, der damit den Kapitalismus erfunden hat. Ganze Stunden konnte ich als Kind außerdem mit dem Entdecken von anderen Planeten vertrödeln ...

In einer Trockenmauer damals war eine Steinplatte lose. Heimlich hob ich sie an einer Seite hoch und schaute darunter. Fremdartige Wesen wohnten da miteinander und bildeten eine völlig eigene Welt: Winzige Schneckchen in wunderschönen, turmartig gedrehten langen Schneckenhäusern, die mich an Meeresmuscheln erinnerten; hastig rennende Ameisen in unterschiedlichen Größen und Farben von rötlichem Gelb bis Schwarz, Würmer mit unzähligen Beinpaaren. Am meisten faszinierten mich die "Minitrilobiten", die sich zur Kugel rollen konnten - den Namen hatte ich von Haferflockenbildchen, die Urzeittiere zeigten - "Rollassel" lernte ich recht spät. Aber ich war mir sicher, dass es solche Parallelwelten ähnlich auf den Sternen geben müsse und dass auch die Erde voll davon sei.

Löwenzahn ist anspruchslos und wächst selbst aus Betonspalten. Mit der Pfahlwurzel kann er Feuchtigkeit aus der Tiefe saugen. Je karger der Boden ist, desto kleiner und gezähnter scheinen die Blätter zu sein.

Auch wenn ich heute weiß, dass man diese Parallelwelten Biotope nennt, ist das kindliche Staunen geblieben. Nach dem lang ersehnten Regen feierten die Insekten im Garten regelrecht Party. Man merkt auch hier den Einfluss des Klimawandels: Zumindest die robusten Arten wandern in Gebiete, deren Klima besser zu ihnen passt. Seit ich kaum zum Gärtnern komme und Wildkräuter genauso dekorativ finde wie Staudenpflanzen, finde ich bei Flora und Fauna immer häufiger Arten, die sonst eher für den Süden Frankreichs und die Mittelmeergebiete typisch waren. Es wandert vieles Richtung Norden.

Misumena Vatia, die Veränderliche Krabbenspinne auf einer Kornrade (Agrostemma githago). Sie kam früher in Südfrankreich häufiger vor als in diesen Breiten.

Misumena Vatia, die Veränderliche Krabbenspinne auf einer Kornrade (Agrostemma githago). Die Kornrade ist zwar nicht mehr vom Aussterben bedroht, gilt aber noch als stark gefährdet. In meinem Garten blüht sie dank gekauftem Wiesenblumensamen.

Warm mag es Misumena Vatia, die Veränderliche Krabbenspinne. Die filigranen Spinnen mit den krabbenartigen zwei Vorderbeinpaaren sitzen wie kleine Edelsteine vor allem in Blüten. Sie bauen keine Netze, sondern greifen sich nektarsuchende Tiere, die um ein mehrfaches größer sein können als sie selbst. Damit die Jagd erfolgreicher gelingt, können sich die Weibchen verfärben wie Chamäleons - von Weiß über Gelb bis Gelbgrün. Der Mechanismus ist ein Wunderwerk an sich: Er wird über den Gesichtssinn der Spinne ausgelöst und soll sie auf dem Untergrund tarnen. Für Gelb wird ein flüssiger Farbstoff in die Epidermiszellen gepumpt - wird er dagegen ins Körperinnere gebracht, entfärbt sich die Spinne weiß. Um den Pigmentwechsel zu beschleunigen, kann sie einiges davon sogar über den Kot ausscheiden und später neu produzieren. In unserer Region ist das wärmeliebende Tier inzwischen recht verbreitet, wenn man es nicht stört: Krabbenspinnen bewohnen eine Pflanze so lange, wie diese existiert.

Streifenwanze, Graphosoma lineatum

Nicht ganz so üblich waren früher in den Vogesen die Streifenwanzen, Graphosoma lineatum, die zu den Baumwanzen gehören. Sie sind typische Insekten des Mittelmeerraums, wandern aber bei warmem Wetter nach Norden. Wunderschön sind sie während der Paarung, dann hat das gestreifte Insekt nämlich am Bauch schwarze Punkte auf Rot. Doldenblütler sind ihre Leibspeise, vor allem in Gehölznähe - sie saugen mit Vorliebe deren Samen aus. Ich erwischte sie in meinem Liebstöckel, wo sie immer noch wohnen, denn ans Kraut selbst gehen sie nicht und ich könnte so schöne Tiere nie vertreiben. In freier Natur findet man sie häufig auf Engel- und Bärwurz, Pastinake und wilder Möhre. Es gibt eine gelblich-rote und eine feuerrote Art. Klar, dass ich irgendwann eine aus Papier nachformen möchte!

Streifenwanzen bei der Paarung

Aber all das war nur genussvolle Ablenkung vom Löwenzahn. Ich zeichnete Blätter in den Umrissen in Originalgröße nach und fand gleich heraus, warum manche künstlichen Blumen so künstlich wirken: In der Natur ist nichts exakt symmetrisch, es wirkt nur so. Löwenzahnblätter haben selten völlig gleiche Seiten. Ich beschaute mir einzelne Blütenblätter (Zungenblüten), die in drei Wellen enden. Studierte die Hüllblätter des Körbchens. Und das alles nur, weil ich meinen Papierschmetterlingen etwas Nahrung geben wollte. Papierlöwenzahn.

Die ersten Prototypen von Löwenzahn aus Buchpapier sind entstanden. Mit den Blättern bin ich schon zufrieden, bei den Blüten stimmt die Wicklung der gelben Blütenblätter noch nicht ganz.

Ich habe Hochachtung vor Papierfloristinnen, die täuschend echte Pflanzen aus Krepppapier und anderen Papieren formen. Es ist reichlich vertrackt, von einer Naturblume zu einer vereinfachten 3-D-Idee im Kopf zu kommen und diese umzusetzen in zweidimensionale Schnittmuster. Noch bin ich nicht ganz zufrieden beim Prototyp, weil die Papierstreifen zueinander nicht richtig in der Breite stimmten. Aber der Fehler ist erkannt - und die Papierpflanzen wachsen aus alten Buchseiten. "Lemprières Wörterbuch" als Taschenbuch muss daran glauben, das Papier ist nicht zu dick und doch recht fest. So zahnt der Löwenzahn Buchstaben ...

Papierlöwenzahn möchte ich zusammen mit Papierschmetterlingen erstmals auf dem Markt des Maison Rurale am 15. August präsentieren.
Im Atelier Tetebrec gibt es vor allem Schmuck als Paper Art, aber ein Projekt zu Käfern und Artensterben wächst langfristig nebenher - und ganz neu sind Insektenkästen mit Fantasieschmetterlingen und Papierpflanzen.

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