Altersstarrsinn? Langstrumpf-Gene?

Es wird Zeit, eine Geschichte vom "Altern" zu erzählen. Denn die ersten meiner Bekannten unterhalten sich über den Rentenschock und die anderen können es kaum erwarten, einen zu bekommen. Vielleicht wird es aber auch eine Geschichte über eine Therapie? Weil ich so wütend wurde, als mir eine Ärztin sagte: "Ihr Schriftstellerinnen habt es gut, ihr habt eure eigene Therapie täglich zur Hand. Ihr müsst einfach nur alles aufschreiben!" Es könnte auch eine Story über Pippi-Langstrumpf-Frauen werden, die endlich erwachsen genug sind, sich keine Erwartungen und Schubladen von außen mehr aufstülpen zu lassen. Ich erzähle von einer Existenz(wieder/neu/um)gründung in einem Landstrich, in dem sich die Arbeitslosigkeit seit 2002 verdoppelt hat und das Prekariat wächst.
"Ein Atelier ist immer ein Schweinestall", sagt eine befreundete bildende Künstlerin. Es sind die unsichtbaren Verbindungen zwischen Farben, Formen und Ebenen, die miteinander kommunizieren. Ich muss nur aufmerksam genug zuhören, um zu wissen, welche Geschichten ich wie umsetzen kann.
Wer wie ich über 50 ist, kennt das: Das Leben haut einem öfter mal Brüche vor die Nase, wenn man es am wenigten erwartet. Dieses flutschige Karrieremachen, auf das einen in der Jugend Eltern und Gesellschaft trainieren wollten, funktioniert nur bei den wenigsten Menschen bis zur Rente und bei den heutigen globalen Verhältnissen schon gar nicht an allen Orten. Uns fehlt leider eine Kultur des Scheiterns, eine Akzeptanz der Verletzungen, die uns lehren könnte, wie man mit diesen Brüchen umgehen kann. Stattdessen schweigen wir und tun toll, weil wir im Tollhaus von Social Media nicht wie Versagerinnen dastehen wollen.

Zu stark zu sein ist nicht gesund

Ich bin fast mein Leben lang selbstständig, Künstlerin. Das bedeutet - neben der ständig unsicheren wirtschaftlichen Lage, dass ich theoretisch nicht arbeitslos werden kann. Mir fällt doch immer etwas ein, dachte ich. Ist das eine Buch geschrieben, fange ich mit dem nächsten an. Dass auf einmal nichts mehr gehen könnte, darauf war selbst ich nach zig Umformungen meiner Arbeit im Laufe des Lebens nicht vorbereitet. Es geschah schleichend, weil ich nicht auf mich Acht gab.

Vor etwa einem Jahr erlebte ich einen traumatischen Tag. Ich fuhr auf einer Landstraße und sah plötzlich, wie ein Radfahrer offenbar mit Absicht voll in einen mir entgegen kommenden LKW hineinfahren wollte. Was dann geschah, tat ich nicht bewusst - ich nahm einfach nur alles überklar und wie in Zeitlupe wahr und funktionierte. Ich stellte mein Auto hupend auf der Straße so quer, dass der Radfahrer abgedrängt wurde. Der LKW-Fahrer hatte nichts bemerkt, konnte uns im toten Winkel wohl nicht sehen und brauste weiter. Und ich hatte Glück, dass von beiden Seiten keiner kam. Selbst immer noch unter Schock (das wusste ich erst viel später), aber perfekt funktionierend, kümmerte ich mich um die Rettung des völlig verwirrten Radfahrers und wurde dann auch zur Hauptzeugin für eine Zwangseinweisung. Akute Psychose - ich hatte einen Selbstmord verhindert.

Krimiautoren lieben solche Szenen vor allem im Fernsehen. Tough retten die Kommissare jemanden, der von einem Haus springen will, und gehen anschließend Würstchen essen. Geigengefiedel, alles ist wieder gut. Auch ich hatte an dem Abend Heißhunger und war tough, viel zu lange tough. Ich kann heute jene Straße wieder fahren, ohne dass ich Kilometer vorher Atemübungen machen muss, weil ich Radfahrer auf die Straße stürzen sehe. Nur das Herz klopft noch ein wenig zu schnell. Die Polizisten damals waren nett und der Notarzt noch netter: Er mahnte mich, viel darüber zu reden. Aber solche Stories kann man zweimal erzählen, dreimal, dann nervt man. Oder bekommt gesagt, man solle es doch einfach mal machen wie die Fernsehkommissare: Würstel essen gehen.

So ähnlich habe ich das gemacht, weil ich die starke Frau sein wollte. Und dann bin ich über mich selbst fürchterlich erschrocken, weil plötzlich nichts mehr ging. Beruf schon gar nicht. Ich klappte letztes Jahr Monate später einfach zusammen. Finanziell: Schwärze. Für solche Fälle ist das Künstlerdasein nicht geschaffen. Heute weiß ich: Es ist gesünder, ein Drama zu machen. Frühzeitig zu heulen, zu wüten, die Sau rauszulassen. Starke Frauen fallen nämlich später um und dafür richtig. Das war die Zeit, als mir meine Ärztin empfahl, einfach ein Buch drüber zu schreiben, dann würde sich das alles auflösen. Wie wenig Ärzte vom Schriftstellern verstehen! Stabil muss man dazu sein, um die Abgründe auszuhalten, in die man dabei blickt. Selbsttherapie ist so ziemlich das Schlimmste, was man Lesern antun kann. Nein. Selbst mein Krimi wurde mir schal. Ich konnte meine Ermittlerin nicht mehr lustig herumwitzeln lassen und bekam das Kotzen, weil sich auch mein Kommissar auf einen Schock hin erst mal ein Leberwurstbrot gönnte. War ich schon so hohl geworden wie die fünfte Wiederholung eines Tatorts?

Mir passierte zum Glück etwas Heilsames: Ich wurde so richtig übel wütend. Über diese wohlfeile Verschreibung. Und aufs Bücherschreiben, wo Leichen herumliegen, als wäre das Unterhaltung. Ich wurde wütend auf mich selbst, weil ich wie so viele viel zu lange versucht hatte, "ordentlich" zu funktionieren. Und auf das, was mich gar nicht mehr funktionieren ließ: dieses nicht greifbare Etwas. Aus dieser Wut heraus kam ich auf die verrückte Idee, dass ich dringend eine extreme Verlangsamung brauchte, unendlich viel seelische und körperliche Erholung und etwas, das auch mein Denken zur Ruhe brachte. Meditation schien mir zu langweilig und ich erinnerte mich an ein altes Hobby: Schmuck basteln. Die ersten Perlen zu bestellen, fühlte sich schön an, wie Weihnachten. Und dann versumpfte ich auf der Suche nach einer Anleitung bei youtube und lernte, wie man aus Papier Perlen herstellen kann. Zuerst wollte ich das nur aus Spaß für mich tun - es gab mir Energie. Entspannte mich. Faszinierte mich.

Ich lachte über die Schreibtherapie und sagte zu einer Freundin: "Ich zerrupfe jetzt Bücher. Das befreit. Und dann drehe ich Perlen, wie sie in den Kliniken Körbe flechten. Wäre doch gelacht, wenn das keine Therapie ist gegen den Schock!" Die Krankenkasse sollte mir ewig dankbar sein, denn es funktionierte. Ich drehte mich selbst sehr langsam und mit vielen Rückschlägen wieder auf die Beine.

Sein Ding machen - ohne Wenn und Aber

Und dann passierte etwas Komisches. Ich hatte beim Papierdrehen ein Gefühl wiederentdeckt, dass mir beim Bücherschreiben durch die Verhältnisse des Marktes immer wieder zu entgleiten drohte: Ich brachte da etwas ins Leben, das aus meinen innersten Inspirationsquellen sprudelte, ohne Wenn und Aber. Es gab keine Abgründe darin, nur Schönheit, die reine Bereicherung des Lebens. Das war ganz ich - schon als Kind habe ich Schmuck gebastelt, nach dem Studium einen Kurs bei einer Goldschmiedin gemacht und für mich selbst Ketten entworfen. Ich trachtete nach nichts, weder nach Erfolg noch Geld noch Erfüllung irgendwelcher Erwartungen. Mir waren endlich Zielgruppen schnurzpiepegal - genauso wie das müde Lächeln mancher Freunde, die glaubten, das sei ein vorübergehender "Ersatztrip", weil ich mit 40 nicht in Töpfer- und Selbsterkenntniskurse gegangen war wie sie. Ich war glücklich. Abends ging ich ins Bett im Bewusstsein, wunderschöne Farben mit erstaunlichen Formen und Materialien kombiniert zu haben. Morgens wachte ich inspiriert auf.

In einer Angeberbiografie könnte ich schreiben: Ich bin schon als Sechsjährige mit meinem Schmuck angeeckt. Meine Mutter war entsetzt, dass ich nicht brav Topfuntersetzer nach Vorlagen fädelte, sondern lange Hippieketten in "Beatlesfarben". Fortan versuchten meine Eltern alles, damit aus mir etwas "Ordentliches" werden würde.
Die Geschäftsidee hatte ich, wie viele KünstlerInnen, die so etwas nie zugeben würden, auf dem Klo. Dort hängt eine selbstgebastelte Installation aus alten Fimobuchstabenperlen, elektrischen Widerständen und Drahtgewusel, die ich in den 1980ern "Kommunikation. Atelier Tetebrec" genannt hatte. Was, wenn ich aus dem Witz von einst ein echtes Atelier machen würde? Während ich sehr alte kaputte und sehr schlechte neue Bücher in Streifen schnitt und zu holzharten Perlen aushärten ließ, muss ich sogar diabolisch gegrinst haben. Was, wenn ich mich rächen würde an diesem überschwemmten, nur noch nach dem schnellsten Profit gierenden Buchmarkt und all denjenigen, die für Bücher nicht einmal mehr den Preis eines Kaffees bezahlen wollen? Durch Selbstentzug?! Durch Publikationsverweigerung?! Würde ich durch das Zerstören von Büchern überleben können - ich, die Büchermacherin mit Leidenschaft?

In dem Moment war ich wieder die alte, auch wenn's noch langsam ging. Ich hatte absolut nichts mehr zu verlieren. Warum also nicht etwas Verrücktes leben, gegen alle etablierten Scheinregeln verstoßen und aus dem angeblichen Gegenteil von Vernunft eine Existenz aufbauen? Kann man vor allem mit Null Kapital etwas gründen? Das zuständige Amt hat meinen in zehn Minuten hingekritzelten Businessplan anstandslos akzeptiert, bis Jahresende darf ich mit einer klitzekleinen Hilfe lustig herumgründen. Ob sie das deshalb gemacht haben, weil es in der Region sowieso keine Jobs gibt oder ob sie die Idee überzeugt hat, weiß ich nicht. Tatsache ist, dass ich aus meiner Lebenserfahrung gelernt habe: Man muss einfach machen und anfangen. Nicht bis zur Perfektion herumschnitzen und wertvolle Zeit verlieren, denn es sind die Fehler, die einen lehren. Die kann ich bekanntlich nicht machen, wenn ich nichts tue. Es ist das Scheitern, das mich verändert, aus dem ich lerne, stärker werde in einer gesunden Art und das mir meinen Weg zeigt. Das muss mir Mut geben, den ersten Schritt ins Ungewisse zu wagen und dabei die Entwicklungen mit Spannung und Faszination zu beobachten, statt mit Angst vor möglichem Versagen.

Die Erfahrung lässt einen solche Pläne natürlich schneller zu Papier bringen. Aber noch etwas habe ich gelernt, was ich als junge Frau nicht hatte: Einzelkämpferinnen verbrauchen viel zu viel Energien, sind viel zu oft allein mit ihren Sorgen, die man nur mit Gleichgesinnten, selten oder nicht oft genug mit der Familie oder mit Freunden besprechen kann. Einzelkämpferinnen brauchen oft für einfache Schritte zu lang, weil sie ständig das Rad neu erfinden müssen. Als Schriftstellerin weiß ich, wovon ich rede.

Also habe ich mir Begleitung gesucht. Mit einer befreundeten bildenden Künstlerin bilde ich ein Tandem. Wir sind ausreichend verschieden, um uns nicht als Konkurrentinnen zu sehen. Wir achten und wertschätzen uns - oberste Bedingung. Wir haben zwei völlig unterschiedliche Metiers gelernt, mögen die Arbeit der jeweils anderen sehr und haben doch ausreichend Berührungspunkte bei den Produkten. Wir beide sind außerdem genervt vom überhandnehmenden Narzissmus und Egoismus und glauben, es ist Zeit für einen gesellschaftlichen Umbruch. So wurden wir zur Solidargemeinschaft ohne Form (formal gäbe es Kooperativen u.ä.). Zuerst einmal unterstützen wir uns in Gesprächen und inspirieren uns gegenseitig. Dann tauschen wir: Jede von uns kann etwas anderes gut. So lerne ich demnächst bei meiner Freundin, wie man eine bestimmte Maschine bedient und damit Rohlinge sägt. Ich richte ihr dafür einen Onlineshop ein. Sie kann meine französischen Texte korrigieren - ich ihre deutschen. Und so fort. Bei dieser Art von Gründung spart man viel Geld, das man anfangs nicht hat und profitiert gegenseitig von Erfahrung und Wissen der jeweils anderen. Deshalb muss man das Tandem natürlich entsprechend passend suchen.

Wer schon immer mal wissen wollte, wofür diese künstlich aufgeschwemmten Premiumtaschenbücher gut sind: Man kann daraus so richtig fette Wummen drehen. Muss dann allerdings mit der Maschine schleifen.

Fortbildung ist in jedem Alter ein Muss

Nebenher musste ich mich natürlich auf den Hosenboden setzen. Youtube war der meistgenutzte Kanal in den letzten Monaten. Ich ließ mir von Amerikanerinnen zeigen, wie man das ultimative Papiermaché mixt, sah Inderinnen beim Papierwickeln zu und Engländerinnen beim Entfremden von lustigen Baumarktteilchen, belegte "Meisterkurse" an russischen Akademien und lernte Erstaunliches über Recycling und Upcycling von einer global quicklebendigen Szene. Erst wenn das Handwerk sitzt, wird aus Ideen Materie. Ich las unzählige Seiten über die Biochemie zwischen Pilzen und Holz, beschäftigte mich mit Buchpapieren und deren Beschichtungen. Heute kann ich sagen, dass sich die älteren Papiere von Heyne ideal für alles Feine eignen, während btb einen Rohstoff für Solitärperlen liefert, den man allerdings mit der Maschine schleifen muss. Und ich habe nach etwa dreimonatigen Experimenten endlich die einzig wahren Chemikalien vom Leim bis zum Lack gefunden, die es in keinem normalen Laden gibt. Auch hier profitiere ich natürlich von der bildenen Künstlerin, die genau weiß, wie was reagiert.

Was Menschen beim Gründen immer wieder unterschätzen: Aufwand und Zeit. Das geht mir in meinem Alter leider nicht anders. Eine gute Planung ist alles, aber sie muss flexibel mit Problemen umgehen können. Bei mir heißt die große Bremse AGB, weil ich auf einer deutschen Plattform nach französischen Gesetzen mindestens zweisprachig korrekt sein muss und es mir als Einfraufirma nicht leisten kann, homespun-Fehler zu machen. Fachanwälte für so etwas sind richtig saftig teuer. Weil ich ja zuerst einmal Geld für mein eigenes Überleben verdienen muss, dauert es eben einfach etwas länger. Das muss man sich zugestehen und darf sich nicht irre machen lassen von Ungeduldigen, die es gewohnt sind, dass alles am besten gestern passiert. Sich diesem Druck zu beugen, hat schon viele KleinstunternehmerInnen zermürbt! Aber ich habe ein Ziel: Mein Dawanda-Shop wächst, die AGB sehr mühselig auch. Heute entstanden die ersten Produktfotos und am Montag wiege ich meine Prototypen auf der Post aus für das Logistiktrara. Im Juni noch will ich das erste Stück verkaufen können! Noch so ein Lernstoff: Logistik. Produktbeschreibungen. Produktfotografie. Je kleiner die Firma, desto wolliger die eierlegende Milchsau!

Notenpapier, Hämatit und böhmische Glaskunst. Damit lässt sich sogar Grammatik singen. (Atelier Tetebrec)

Besserwisser, Neider, Motivatoren

Neben Durchhaltevermögen und viel Geduld mit sich selbst sollte man nicht den seelischen Beistand eines Tandems unterschätzen! Zum Glück weiß man vor dem Gründen nicht, was alles auf einen zukommen wird. Das Schlimmste sind für mich die gönnerhaften Belächler, die Neider und heutzutage auch schon mal die Erbosten. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht. Auch das habe ich in meiner Lebenszeit gelernt: Die Amerikaner gehen locker und motivierend mit neuen Ideen um; eine Kultur, die Europa nicht hat. Deutschland schon gar nicht: Da sucht man schon fast als Hochleistungssport das Haar in der Suppe und zerredet gern Ideen, bevor sie sich genügend herauskristallisiert haben, um nicht weich zu werden.

Gründen in unseren Breiten macht darum oft einsam, wenn man ausschließlich den alten, herkömmlichen Kreisen verhaftet bleibt und sich nicht aktiv und gezielt mit den Menschen umgibt, die ähnlich "spinnert" sind oder gleichgesinnt. Frauen tappen besonders schnell in diese Falle, weil sie ihrer Familie gefallen wollen oder schon als Mädchen darauf gedrillt wurden, ja nie anzuecken. Das haben wir Frauen mit 50+ unserer eigenen Jugendzeit oft voraus: Wir bewundern nicht mehr Pippi Langstrumpf als unerreichbares Idol, wir sind Pippi. Zurst einmal müssen wir uns selbst gefallen und dann machen wir uns die Welt ... das Leben ist kurz genug und so schnell kann alles zu Ende sein. Eine Gesellschaft, die Todesangst zum Jugend- und Perfektionskult stilisiert und Vergänglichkeit verdrängt, bringt sich um einen riesigen Spaß. Denn wer der eigenen Vergänglichkeit ins Auge blickt, kann auf so viele Überflüssigkeiten pfeifen, kann Ballast abwerfen.

Blütenfrische aus meiner Gartenkollektion (Atelier Tetebrec)
Auf meinem Weg zur "Schmuckmacherin" bin ich noch deutlicher als Künstlerin erkennbar als früher. Als Schriftstellerin konnte ich immerhin noch die Journalistin in mir betonen, auch wenn das inzwischen auf manchen Partys für Hass und Missgunst sorgt. Jetzt gehöre ich also endgültig und von weitem erkennbar zu der Kaste, vor der mich meine Eltern immer gewarnt haben. Kürzlich musste ich mir von Fans der dicken Marine anhören, das Künstlerpack, diese Sozialschmarotzer, gehörten in Arbeitslager, wenn sie dem Staat auf der Tasche lägen. Die würden dann schon lernen, wie es ist, einer ordentlichen Arbeit nachzugehen. Es ging um einen Schauspieler, der aufstocken muss und sich noch als Clown für Kindergeburtstage verdingt, um seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Kein Einzelfall, seit Kunst und Kultur kaputt gespart werden. Da war es wieder, dieses "ordentlich", bei dem mancher wieder - unselig nach 1945 - einen "Untermenschen" als Gegensatz mitdenkt. Diesem Gedankengut begegnet man leider in allen Gesellschaftsschichten und bei den unverdächtigsten Anlässen.

Außerdem gibt es wohlmeinende Freunde, die einen anlächeln und zu Hause wahrscheinlich den Kopf schütteln. "Willst du nicht doch lieber bei Aldi an der Kasse arbeiten?" - "Bewirb dich doch um einen Minijob, statt schon wieder zu gründen!" Alles schön, alles vernünftig. Dumm nur, dass es in erreichbarer Nähe keinen Minijob gibt und dass die Frau bei Aldi an der Kasse erstens viel besser rechnen und funktionieren kann als ich und zweitens abends keine Energie mehr zum Gründen hat. Als ob ich nicht selbst schon auf die Idee gekommen wäre! Spätestens wenn ich mein Alter sage, werde ich abgewimmelt. Weit und breit, das zeigen die Statistiken, sind Frauen ab 50 in der gesamten Region zu über 60% arbeitslos, Sozialhilfeempfängerinnen oder nicht gemeldet. "Du spinnst komplett!", sagen einem die Ehrlichen dann, wenn man selbst Arbeit schaffen will, wo keine ist. Nein. Ich würde spinnen, wenn ich mich von zig Absagen herunterziehen ließe, bis ich zusammenbreche.

Wenn Pilze lesen lernen (Atelier Tetebrec): Ich liebe Pilze, hier nachzulesen.
Es gibt auch die Stillverdrückten. Leute, die einen früher gefragt haben, was die Arbeit macht und wie die Protagonistin drauf sei oder wann das neue Sachbuch erscheine. Die Frage "Wie geht's dir?" sollte in solchen Fällen, um Peinlichkeiten zu vermeiden, nicht beantwortet werden. Ein Nicken und Brummen reicht. Sonst kommt gleich ein: "Also ich könnte das nicht!" oder "In deinem Alter!" Beides in vorwurfsvollem Ton. Nicht alle finden es witzig, jemanden vor sich zu haben, der sich den Teufel um Altersschubladen und Trends kümmert, sondern macht. Vielleicht würden diese Stillverdrückten ja auch gern und sind neidisch?

Eher lustig finde ich Mitmenschen, die sehr interessiert und mit sichtlich scharfem Blick auf die Schmuckstücke schauen und dann schnell diese Art Miene unterdrücken, die man bekommt, wenn eine Zitrone im Kühlschrank fault. Ich kann absolut fein damit leben, wenn jemand etwas nicht gefällt und der das ehrlich und neutral sagt. Aber dann kommt so ein: "Äh, also nein, du glaubst doch nicht etwa, dass es dafür ein Zielpublikum gibt!" (Hat mich dieses Buzzword nicht schon als Schriftstellerin genervt?) "Nun ja, das sieht ja ganz niedlich aus, aber welche Frau soll das tragen!" Was übersetzt heißt: "Du weißt doch, dass ich nur rote Kostüme von Champel trage, warum machst du nicht was wie Glucci, farblich passend und billiger?" Ich liebe diese Selbstumkreiser, die sich nicht vorstellen können, dass unsere Welt vielfältig, wild und bunt ist! Irgendwer wird schon da draußen sein, der nicht Billigimitate von Glucci sucht. Klar ist das die Aufgabe einer Unternehmerin, diese Leute zu finden und anzusprechen. Klar macht das mehr Arbeit als das Glucciplagiat, aber das ist dann auch unverwechselbar und einzigartig (bis einer mich imitiert).

Vogelkopfförmiger Pilz mit dreidimensionaler Bemalung, Papier, Knochen, Glaskunst aus Böhmen und Japan. (Atelier Tetebrec) Aus meiner "Schamanenkollektion". Zaubert mir beim Herstellen die dummen Sprüche von Spöttern und Neidern aus dem Kopf und tut womöglich auch beim Tragen gut.
Ich kann jeder Gründerin nur zurufen: Stampft sie in die Tonne, die Miesmacher und Runterzieher, die Besserwisser und Dauernörgler! Und falls ihr mit ihnen verheiratet, verwandt oder befreundet seid, gewöhnt euch einfach ein stilles, geheimnisvolles Lächeln an. Umgebt euch mit den anderen! Mit denen, die wirklich besseres Wissen haben und von denen ihr lernen könnt. Die euch motivieren und anfeuern. Die euch spontanes, ehrliches Feedback geben und konstruktiv Kritik üben können. Menschen, die selbst unternehmerisch und / oder künstlerisch denken und sich mit euch auf Augenhöhe austauschen können. Vor allem aber umgebt euch mit noch mehr unbequemen, unangepassten, unerhörten, schrägen, vielleicht zunächst verstörenden Ideen, damit ihr nicht im eigenen Saft ertrinkt. Denn Kreativität braucht Reibung, keine Algorithmen.

Die Menschen, die mich inspirieren, die mir Vorbilder sind oder mit einer Überraschung in mein Leben treten, sind kurioserweise zuerst Fremde. Viele Kontakte finden von Facebook oder diesem Blog ins echte Leben. Manchen begegne ich vielleicht nie - und doch haben sie mir in einem entscheidenden Moment den Rücken gestärkt, durch eine Spende (rechts im Menu) die nächsten Spezialfäden bezahlt oder mich mit ein paar netten Worten aus einer Erschöpfung geholt. Kunst ist schön, macht aber verdammt viel Arbeit. Da sind außerdem all die vom Internet Vertrauten und Wildfremden, die mir Ende vergangenen Jahres bei der Spendenaktion geholfen haben, die schlimmsten Rechnungen nach dem Computercrash zu zahlen, als ich nicht arbeiten konnte. Sie wissen es vielleicht nicht, aber das war auch die Anschubfinanzierung für mein Atelier, das ich sonst gar nicht so schnell hätte aufbauen können. Heute hatte ich einen anonymen Brief im Kasten mit einer CD von einer Band, die ich sehr gern höre und bei FB gepostet hatte - solche Menschen wiegen all die Miesmacher auf. Das wird meine Arbeitsmusik, weil sie mich befügelt.

Diese Menschen wissen womöglich gar nicht, was sie noch alles bewirken und wie sie die Welt verändern. Ihr Beispiel steckt an. Ich möchte das darum weitergeben an andere. Ich lerne, wie wichtig es ist, anderen Menschen Mut zu machen - und sei es nur mit einem kleinen Kompliment, wenn mich die Frau an der Kasse bei Aldi anlächelt. Es gärt in den Köpfen. Unser Tandem ist längst zum Mini-Think-Tank geworden, der nach Vernetzungen sucht. Wir interessieren uns für verantwortungsvolles und umweltbewusstes Wirtschaften jenseits von reinen Profitgiersystemen, für Vernetzungen und Solidarität. Für Arbeitsformen, die regional etwas verändern können und mehr Schönheit und Kunst in die hassgeifernde Welt bringen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte: Wie politisch Papierschmuck werden kann und was daraus noch so entstehen könnte. Jetzt erst mal Schritt für Schritt: Der Onlineladen ruft. Die handgefertigten Einzelstücke auf den Fotos sind dann selbstverständlich käuflich zu erwerben. Und wehe, ich erwische diejenigen als Kundinnen, die mir heute sagen, das sei ja alles ganz niedlich, aber einfach nicht Glucci ...

Spenden in die Kaffeekasse werden in mein Atelier reinvestiert: Perlen statt Kaffee:

Update:
Ein Jahr später, am 28.5.2017, habe ich zwei Shops:
Ach ja ... das Ding mit dem Tandem hat sich zerschlagen, bevor es überhaupt lief. Wie so oft im Leben war es nur einseitig von der Arbeit her. In der Hinsicht warte ich dann nicht mehr so lange wie in jungen Jahren: Entweder ziehen beide an einem Strang - oder man trennt sich.

Ich bin überwältigt vom Echo überall und sage Danke - auch den BlogspenderInnen, die den Paypal-Knopf als Dankeschön für meine Arbeit benutzt haben!

Kommentare:

  1. Weder Altersstarrsinn, noch Pippi-Langstrumpf... mich haben Sie eher an die Feuerzeichenfrau erinnert, als die sich vor vielen Jahren Julia Onken einst im gleichnamigen Buch beschrieb. Unser Handeln ist Abbild des Inneren - und es ist schön, zu lesen, wie daraus ein Schmuck wird...

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    1. Julia Onken sagt mir was - sie hat immer wieder vielen Frauen Mut gemacht. Wobei ich diesen Mut gern unabhängig von Alterstufen weitergeben möchte!

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  2. Liebe Petra!! Darf ich dich mal eben umarmen? Ja, ich bin eine der Unbekannten, hab dich im Netz irgendwo gefunden und wusste bei der ersten Zeile, die ich von dir las: Die Frau hat mir was zu sagen. Spürte auch den Umbruch, das leichte Durcheinander deiner Arbeit... Schriftstellerin? Schmuckmacherin? Papier und Handwerk, upcycling - huch, das sind ja alles auch meine Themen! Das über-50-Sein und noch mal neu beginnen wollen/müssen ebenfalls, der psychische Zusammenbruch, der dem so oft vorausgeht inklusive.
    Ich danke dir. Von ganzem Herzen. Für die Offenheit. Das Mutmachen. Und überhaupt.
    Maria

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    1. Ich danke dir für dieses herzliche Feedback, Maria!
      Dein Blog-Projekt "50+" war mir auch schon lange aufgefallen und ich mag es sehr, wenn ich auch selbst ungern altersbezogen blogge. Das jetzt ist womöglich das erste Mal.

      Einen psychischen Zusammenbruch würde ich das jetzt nicht nennen, was ich hatte, denn dann wäre ich schnurstracks in einer Klinik gesessen und hätte massive Hilfe gebraucht. Meine Ärztin hatte noch nicht mal eine richtige Diagnose, außer dass ich ein traumatisches Erlebnis verdrängt hatte. Das rächt sich halt - Leute nach einem Trauerfall oder Unfall kennen das manchmal auch. Wer sich nicht gleich pflegt, muss halt nachher doppelt ran ;-) Rettungskräfte kennen das auch: Die einen fallen sofort um, wenn sie nur Blut sehen, die anderen versorgen das abbe Bein perfekt und kippen um, wenn der Krankenwagen weg ist.

      Was das Durcheinander betrifft - ich denke, das ist allen Selbstständigen zu eigen, die einen Beruf mit nicht gerade horrenden Honoraren haben. Man braucht mehrere Standbeine. Vom Bücherschreiben können die wenigsten leben. Ich konnte es in einer Zeit saftiger Vorschüsse mal sehr gut, habe aber leider auch allzu oft erleben müssen, wie Verlage in Konkurs gingen oder verkauft wurden und ich um Geld und Rechte bangen musste. Da wird man erfinderisch. Ich bin übrigens auch noch Übersetzerin und mache zuweilen PR / Kommunikation.

      Es ist komisch. Ich betrachte das eigentlich nicht als außergewöhnlich oder anders. Alle KünstlerInnen, die ich kenne, leben so, müssen so überleben. Ich werde sicher auch wieder Bücher schreiben, wenn die Zeit reif dafür ist. Das ist alles eins, ein roter Faden läuft durch die Bereiche.

      Und ich freue mich natürlich sehr, wenn ich vor allem denen Mut machen kann, die in einer Umgebung gründen müssen, die es mit kreativem Chaos nicht so hat. Weil ich weiß, wie schwer das ist.
      Herzlichst, Petra

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  3. Einfach nur danke für diesen tollen mutmachenden Artikel.
    Liebe Grüße
    Rosemarie

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  4. Ein wunderbarer Artikel, Petra! Er zeigt mir, wie man in einer Welt wie dieser, unabhängig von Alter und sonstigen Umständen, hingehen und verborgene Kräfte in sich selber wecken kann.

    Herzlichst
    Christa

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    1. Ja, Christa,
      wobei das gar nicht so einfach ist, das Alte und Vertraute hinter sich zu lassen, weil das Neue und Unbekannte auch Angst machen kann. Manchmal geht so eine Veränderung ja auch recht radikal ab - Freundeskreise verändern sich völlig, man kippt aus Familien ... Dann ein Urvertrauen zu behalten und zu wissen, dass Veränderung Chance ist, das muss man sich schon erarbeiten.

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  5. Boah ey, wie gut das tut, Deine Geschichte mit jeder Faser Deines Daseins durchdacht zu lesen und mitzuempfinden. DANKE, liebe Petra!
    Du hilfst mir dabei, meine inneren Widerstände wider besseres Wissen besser zu durchleuchten :-)

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    1. Das tut auch mir gut, Evelyn. Ich wünsche interessante Erkenntnisse! Und immer geduldig mit sich selbst bleiben ;-)

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  6. Ich bin zwar erst Mitte 30, habe dafür aber auch schon sehr früh angefangen mit den unterschiedlichen Lebensdramen und behaupte daher, mental bei den Mittfünfzigern ganz gut aufgehoben zu sein. Der Artikel hier spricht mir derart laut aus der Seele, dass ich ihn jedem Kleingeist, jedem Zweifler in meiner Umgebung, jedem "such dir doch einen vernünftigen Job!"-Sager die Zeilen gerne um die Ohren prügeln möchte. Nach elf Jahren freiberuflichem Dasein sollte man annehmen, dass es irgendwann aufhört. Aber nein. Bloß die Vokabeln ändern sich hin und wieder. Oder die Menschen, die es einem sagen.

    Danke also für diesen Artikel! Er hat mich daran erinnert, dass ich meinen künstlerischen Weg nicht nur gehe um meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, sondern auch um meine geistige Gesundheit zu bewahren.

    Liebe Grüße
    Sam

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    1. Dabei machst du so fantastische Sachen, Sam!
      Bei deinen Scherenschnitten bleibt mir schier der Mund offen stehen, weil ich mit der Papierverarbeitung ermessen kann, wie viel Liebe, Arbeit und Geduld darin steckt.
      Es ist ja nicht schlimm, wenn man sich in Notzeiten mal einen "normalen" Nebenjob sucht - aber als Künstlerin hat frau auch eine Verantwortung gegenüber der eigenen Begabung. Diesen Weg zu gehen und nicht aus den Augen zu verlieren.
      Ich habe für mich festgestellt: Es gibt Menschen, die solche Welten verstehen und welche, die sie sich nicht einmal vorstellen können. Für meine Energie ist es wichtig, die beiden Gruppen einigermaßen im Gleichgewicht zu "dosieren".
      Liebe Grüße, Petra

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    2. Da hast du absolut recht! Und ich bin froh, dass ich immer mal wieder neue Kreativgeister finde, deren Denkweise und Erleben sich mit dem eigenen überschneidet.
      Vielen Dank auch für dein schönes Lob zu meinen Arbeiten. Da macht mein Künstlerherz gleich einen doppelten Sprung. :)

      Liebe Grüße
      Sam

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  7. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll - deswegen mach ich's ganz kurz: DANKE.

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    1. Ich weiß ja, dass du auch so eine bist. Und auch eine, die andere anstachelt. Fein.

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  8. Sehr schön zu lesen und was für eine fantasievolle Idee zur "Zweitverwertung" von Büchern! Ich wünsche dir auch weiterhin sprudelnde Ideen, viel Glück beim Start des neuen Shops und gute Verkäufe.

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    1. Danke sehr, Dagmar!
      Ich bin ganz glücklich, dass man auch aus richtig kaputten Büchern Feines herstellen kann!

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  9. Sehr schöner Text, gute Gedanken, danke! Es fällt mir immer noch schwer zu realisieren, dass Literatur heute nichts mehr wert ist, ein Buch billiger als eine Tasse Kaffee. Dass Bücher immer mehr nur noch Altpapier sind.

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    1. Merci, Schreibman!
      Was die "Geiz ist geil"-Mentalität betrifft, so herrscht die leider bei vielen Produkten und Dienstleistungen ... aber immer breitere Kreise erkennen auch, dass wir so unsere Welt in den Ruin treiben, und denken um.
      Was das Altpapier betrifft: Für die Schmuckstücke verwende ich wirklich kaputte Bücher, die andersweitig nicht mehr zu gebrauchen sind, also sozusagen echten Müll.

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