Fungimania: Plastikersatz der Zukunft?

Als ich Ende letzten Jahres die Idee hatte, Schmuck im Atelier Tetebrec zu fertigen, ahnte ich nicht, welch wundersame neue Welten ich entdecken würde. Denn mein Programm, nicht nur möglichst ökologisch zu wirtschaften, sondern auch Upcycling mit "Müll" auszuprobieren, verlangte neue Techniken, intensive Materialrecherche und vor allem Kenntnisse der Materialeigenschaften. Es ist faszinierend genug, sich mit alten und neuen Papieren aus Büchern oder Zeitschriften zu beschäftigen. Man kann daraus Produkte herstellen, die hart und unverwüstlich wie Holz wirken oder weich und schmiegsam scheinen wie Plastik. Meine Fantasie wurde angeregt, ich suchte nach immer mehr Ideen für selbstgemachte Perlen. Bis ich eines Tages im Wald vor einem Baumstamm voller herrlicher Pilze stand: farbige Preziosen!

Hosentaschen reichen mir schon lange nicht mehr, wenn ich im Wald bin, Jackentaschen müssen auch herhalten. Dann wird die Pracht erst einmal getrocknet. Ich sammle übrigens nur sehr häufig vorkommende Arten, nur von Totholz und immer in kleinen Mengen, so dass sich der Pilz weiter ausbreiten kann.
Die schönsten dieser flachen Schichtpilze nennt man klangreich Schmetterlingstrameten, im Englischen bezeichnen sie die farbliche Ähnlichkeit mit Truthahnschwänzen: Turkey Tails. Sie zeigen je nach Untergrund alle Braun- und Ockertöne bis ins Grau und Blau; sind sie von Algen besiedelt, kommt ein samtenes Grün hinzu. In der Esoterik-Gesundheitsszene werden sie als angeblich krebshemmendes Superfood propagiert, aber das ist wissenschaftlich gesehen Humbug. Die Experimente, auf die man sich bezieht, wurden mit zwei isolierten Stoffen als Medikament gemacht, nicht mit dem Pilz. Zu dessen Verzehr möchte ich nicht raten, denn Pilze enthalten auch in Zukunft noch hohe Dosen an Radioaktivität, sammeln Schwermetalle aus dem Untergrund und Trameten dürften obendrein zwischen den Zähnen quietschen wie geschmacklose Schuhsohlen. Das teure Geld bei einschlägigen Firmen sind sie außerdem nicht wert - es ist einer der häufigsten Holzpilze überhaupt.

Ich wollte sie ja auch nicht essen, sondern zu Schmuck verarbeiten! Wer je Pilze getrocknet hat, weiß, wie lange das dauert, ihnen wirklich alle Feuchtigkeit zu entziehen. Und dann ist das Ding schlicht zerbrechlich! Also nahm ich Biologienachhilfe und beschäftigte mich damit, woraus ein Pilz entsteht, wie er Holz zersetzt und umwandelt und worauf er reagieren könnte. Ich habe ein Verfahren entwickelt, dass die Pilze hart wie Holz macht - nur viel leichter. Sie werden außerdem gegen Feuchtigkeit versiegelt - sonst würden sie sich wieder vollsaugen. Und können dann gesägt, geschliffen oder gebohrt werden. (Mein Schmuck ist auch nicht essbar, man muss das heutzutage echt dazusagen).

Eine Scheibe aus einem Baumpilz bekommt ein Mycel aus Papierspitze verpasst und Sporen aus Kupferglitter - nichts ist inspirierender als die Natur! Kette mit zwei Papierperlen, Glas und Knochenperlen.
So kam es, dass ich "pilzverrückt" wurde. Ich folge bei Instagram Mykologen und ihren faszinierenden Makroaufnahmen aus der Welt der Pilze und schaue mir Videos an. Wenn ich schon am heimischen Ateliertisch Pilze, die einmal Holz aufgelöst haben, dazu bringen kann, wie Holz zu werden - was müsste dann noch alles möglich sein?

In Holland arbeitet man genau mit diesen Eigenschaften. Das Video ist absolut faszinierend - und ich gäbe etwas darum, könnte ich meine Experimentierküche zu solch einem Labor "upcyceln": Da lassen Pilze Möbel wachsen, deren Form man zuvor aus Holzabfall ausgedruckt hat. Verpackungsmaterial aus Pilzmycel entsteht - und vielleicht wird eines Tages unser Plastik dadurch ersetzt. Fast berauschend finde ich die heutige Zusammenarbeit von Berufszweigen, die man noch vor Jahren nie zusammen gedacht hätte: Designer und Wissenschaftler, Künstler, Verpackungstechniker und Laboranten arbeiten hier Hand in Hand. 3-D-Drucker werden unser Leben vollkommen revolutionieren. Dass man mit ihnen auch aus Müll Neues drucken kann, lässt für die Zukunft hoffen!




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